Foto: Daria Sannikova / Pexels

“Musikalben, die deinen Musikgeschmack beeinflussten” mit: Stefan Herwig (Dependent Records) – Teil 2

Auf diese Rezension musste AVALOST-Herausgeber Roman Jasiek zugegebenermaßen ganz schön lange warten. Versprochen war sie schon über ein Jahr, aber dann hat sich die Lizenzierung und vor allem die Übertragung der Metadaten des Haujobb-Backkataloges doch sehr lang hingezogen. Master mussten umtransferiert werden, originales Artwork musste neu eingescannt und hochskaliert werden, bis wir dann bei Dependent endlich letzte Woche das gute Dutzend Haujobb-Alben und -E.P.s bei unserem Digitalvertrieb anmelden konnten. Endlich konnte ich mein Versprechen Roman gegenüber einlösen, denn wenn jemand schon eine Rezension zu zwei Alben schriebt, die mehr als zwanzig Jahre auf dem Buckel haben, so sollte man sicherstellen, dass die Alben auf den verschiedenen Digitalplattformen auch zu kriegen sind. Das ist mittlerweile der Fall.

Und vom ganzen Backkatalog Haujobbs, der die Jahre 1994 bis 2015 umspannt, picke ich mir ausgerechnet Album 2 und 3 raus. Die Antwort ist einfach, weil es – zumindest für mich – die absolut bahnbrechendsten Alben der Band waren, die am meisten Staub aufgewirbelt haben, und weil das erneute Anhören der Alben für mich einer Zeitreise gleichkommt. Nicht nur sind „Freeze Frame Reality“ und „Solutions For A Small Planet“ die ersten Schritte in denen Haujobb lernten, sich von den Skinny Puppy– und Front Line Assembly-Einflüssen ihres starken Debüts „Homes & Gardens“ zu befreien. Es sind auch die ersten Schritte in einen eigenen Soundkosmos, der vielmehr mit den Wurzeln alternativer Elektronik zu tun hatte als man meint. Waren in den 80er Jahren noch fast alle Elektronikbands so eigenständig, dass man komplett eigene Stile aus ihnen ableiten konnte – Neon Judgement, Click Click, Fad Gadget, Portion Control – so setze sich in den 90ern ein Paradigmenwechsel durch.

Front 242, Nitzer Ebb, The Klinik und Skinny Puppy legten die vier Ecken eines Koordinatensystems fest, in dem sich danach fast alle Bands der düsteren Elektronikszene tummelten. Es war in den 90ern keine Schande mehr, nicht komplett eigenständig sein zu wollen, sondern in Mode zu sagen: „Ich will klingen wie eine Mischung aus Front Line Assembly und Skinny Puppy“. Was viele Bands dann auch taten. Es ging dadurch insbesondere in der Mitte der 90er Jahre ein gewaltiges Stück Eigenständigkeit verloren, es wurde überschrieben von einem EBM-Gedanken, bei dem Originalität ersetzt wurde durch Formeln und Standards. Das lag auch daran, dass sich die benutzten Instrumente und die Art Musik zu produzieren immer mehr vereinheitlichten. Aus analogen wurden digitale Synths, Midi machte Musikproduktion zunehmend einfacher und leistungsfähiger, der Sampler löste zunehmend den analogen Synth ab. Aus Drehreglern wurden Tasten, aus Tasten Computeroberflächen und Betriebssysteme. Das konnte auch an der Musik selbst nicht spurlos vorübergehen. Und auch wenn die Clubs damals noch proppevoll waren, so konnte man gegen Mitte der 90er auch Ermüdungserscheinungen in der Szene wahrnehmen. Eine ganze Szene trat auf der Stelle und wiederholte sich und schwamm für einige Jahre zu sehr im eigenen Saft.

Haujobb hatten mit dem ersten Album „Homes & Gardens“ ein paar eindrucksvolle Granaten auf die Clubumgebung abgeschossen, das Titelstück „Homes & Gardens“ selbst aber auch „Eye Over You“ oder „Yearning“ liefen und füllten zunehmend Tanzflächen .

Foto: Dependent Records

In dieses ansetzende Vakuum traten nun Haujobb mit ihrem zweiten Album ein und landeten mit „Freeze Frame Reality“ eine absolute Bombe. Denn das Album löste sich sowohl in Sachen Gesang als auch in Sachen Stimmung weitgehend vom Vancouverelektro Skinny Puppys und Front Line Assemblys ab, es emanzipierte sich von den Sounds und Strukturen der Vorbilder, öffnete sich und nahm gleichzeitig Einflüsse aus Acid, Jungle oder Big Beat an, ohne jedoch diese cineastische Tiefe und technische Qualität zu verlieren, die das Album durch seine Samples bekam. Haujobb waren von da an die Gesamtheit der Musik, die sie hörten. Es war ihnen egal, ob die nun aus der düsteren Elektronikszene oder von damals noch szenefremden Bands wie The Prodigy, Tricky oder LTJ Bukem stammten. Alles was damals in ihrer Welt cool war kam in ihren akustischen Reißwolf, wurde gesamplet, emuliert und weiterentwickelt zu etwas Neuem, Unbekanntem.

Und trotz seiner stilistischen Offenheit besitzt „Freeze Frame Reality“ eine eindringliche Düsternis und atmosphärische Dichte, wie sie nur selten auf einem Szenealbum kombiniert wurde. Eine Samplecollage wie „Trivial“ funktioniert auch heute noch als akustische Geisterbahn, die sich irgendwo aus der trostlosen „Blade Runner“- und „Alien“-Affäre speiste, sich aber gleichzeitig Zeit lässt für Atmosphäre und brillantes Movie-Sampling. Eine Disziplin, die heute in der EBM-Szene fast schon komplett in Vergessenheit zu geraten sein scheint. Hinter allem stand ein elegantes Konzept, wie man Sound, Atmosphäre und Innovation auf eine Weise verknüpfen konnte dass alles zur Geltung kam, ohne voneinander zu nehmen.

Freeze Frame Reality“ ist nicht fehlerlos, der Tanzflächenhit „World Window“ ist etwas zu dicht produziert und die billige Schrammelgitarre in „Cold Comfort“ zeigt, dass auch Haujobb noch danebenpacken konnten. Aber Nummern wie „Consciousness“, der geniale Opener „Solid State Logic“ das vertrackte „Nezzwerk“ und vor allem das spacige 12-Minuten Outro „Sensor“ ließen Intelligenz, Stilsicherheit und Eigenständigkeit in Massen durchscheinen. Kapiert hat das nicht jede:r, viele Leute waren mit dem Album überfordert. Und wer dem Album „Freeze Frame Reality“ nicht mindestens 5 Durchläufe gab, dem war es wohl zu unclubbig, zu experimentell.

Trotzdem hatte „Freeze Frame Reality“ mit dem Grundgedanken der alternativen Elektronik der 80er, in dem jede Band sich einen eigenen Soundkosmos erspielte, und sich von den Vorbildern konsequent absetzte, mehr gemeinsam und war somit ideell mehr in den 80ern verhaftet, aber mit einem Sounddesign das weit in die Zukunft wies. Es war der gelungene Versuch, sich von der eigenen Szene zu emanzipieren, ohne die eigenen Ideale zu verraten.

In den Expertenkreisen der Szene heimste „Freeze Frame Reality“ höchstes Lob ein, die Konzerte füllten sich, die Verkaufszahlen gingen nach oben. Schon früh kloppten sich amerikanische Labels um eine Sublizenz, die ersten Haujobb-Alben in Nordamerika und Kanada veröffentlichen zu dürfen – was damals noch eine Rarität und ein absoluter Qualitätsbeweis für eine kleine europäische Indieband war.

Foto: Dependent Records

Es ist kaum zu glauben, dass der Nachfolger „Solutions For A Small Planet“ nur eineinhalb Jahre später erschien, denn die Band hatte ihre Metamorphose nicht nur weitergetrieben, sie konnte das Level qualitativ sogar noch weiter steigern. Der aufkommende Hype um IDM (Intelligent Dance Music), vorangetrieben von Warp Acts wie Autechre und Aphex Twin, manifestierte sich musikalisch zunehmend. „Solutions For A Small Planet“ war minimaler, gleichzeitig melodiöser, strukturell noch experimenteller, löste sich fast vollständig von den EBM-Wurzeln der Band, und perfektionierte doch den gewählten Weg nach akustischer Emanzipation Haujobbs noch mehr. Auch veränderte es die Perspektive: War „Freeze Frame Reality“ ein Album, welches vom Boden aus in die Tiefe eines dunklen gesellschaftlichen Abgrunds blickte, so war „Solutions For A Small Planet“ wie ein Helikopterflug, in dem die Hörer:innen quasi aus der Vogelperspektive auf unseren Planeten und unsere Gesellschaft blickten. Der Titel „Solutions For A Small Planet“ war eigentlich ein Werbeslogan aus einer Werbekampagne der Computerfirma IBM, die damals erstmals servergestützte internationale Leistungen für Firmen anboten: die zweite Welle der Digitalisierung warf ihre Schatten voraus. Breitbandinternet war in Deutschland noch nicht mal verfügbar und trotzdem zeichneten Haujobb schon vor, wie Digitalisierung unsere Gesellschaft global erfassen würde. Dies waren Themen, die man eigentlich eher von Bands wie Kraftwerk oder Lassigue Bendthaus erwartet hätte, die aber von einem kleinen Projekt aus Bielefeld akustisch erschlossen wurden. Zwei kleine Jungs aus Bielefeld machten große Kunst.

Schon die ersten Sekunden des Openers „Clockwise“ sind ein soundtechnisches Großerlebnis. Inspiriert von Portishead beginnt das Album mit dem analogen Knacken und Rumpeln eines Plattenspielers, der sich nur nach wenigen Sekunden als Sample entpuppt, der wird tiefer gepitcht, moduliert, wir wechseln von der analogen auf die digitale Ebene. Dieses Wechselspiel zwischen analog und digital, zwischen Natur und Technik wiederholt sich mehrfach auf “Solutions For A Small Planet“.

Zwei große Unterschiede bestehen zum schon exzellenten Vorgänger: Die Rhythmussektion ist fast komplett IDM-fokussiert, Triphop, Jungle, Dance und Dubstep lassen grüßen, von den stampfenden Industrialrhythmen sind nur noch Fragmente über. Die Melodiebögen sind meistens sehr minimal, stellen den Kontrapunkt zu den komplexen Rhythmen dar. Es wird deutlich weniger gesampled als noch auf „Freeze Frame Reality“, was auch durch den Abschied vom dritten Haujobb-Mitglied, dem Samplingspezialist Björn Jünemann bewirkt wurde. Die drei trennten sich aufgrund persönlicher Differenzen voneinander. Den Verlust sollte man erst auf den späteren Alben wirklich spüren.

Aber trotz der Trennung atmet auch „Solutions“ noch das Gefühl cineastischer Tiefe, die Melodiearrangements sind minimal, aber gleichzeitig exzellent, wie das Piano in „Natures Interface“ beweist. Die Vocals sind minimal aber stimmungsvoll, nur mit leichten Effekten versehen, viele Tracks sind instrumental, aber trotzdem fühlt sich das Album bemerkenswert homogen an. Die Einflüsse aus EBM, IDM und Industrial sind hier vollständig im Gleichgewicht, die Botschaft des Albums, eine Verschmelzung dieser Stile vorzunehmen, nach dem es egal ist, aus welcher musikalischen Ecke nun die Strukturen von Rhythmus und Melodie stammen ist absolut gelungen und wird meisterhaft mit dem perfekten Artwork und den Inhaltlichen Themen verwoben.

Das Album war für Haujobbs Verhältnisse überraschend erfolgreich, und verkaufte in den USA und Europa ca. 15.000 Stück – für eine Independent-CD eine exzellente Zahl. Haujobbs „Solutions For A Small Planet“ ist in letzter Konsequenz ein wahrhaft futurisches Album, dem es auch nach 25 Jahren immer noch gelingt, modern und fordernd zu klingen. Eine Sternstunde elektronischer Musik.

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