Foto: Jonny Soares / Universal Music

Silly – Alles rot

Hätte man nach dem bedauerlichen und viel zu frühen Tod Tamara Danz’ 1996 laut darüber nachgedacht, ob es wohl noch einmal ein Silly-Album geben würde, man wäre vermutlich öffentlich der Blasphemie angeklagt worden. Seitdem sind allerdings etliche Jahre ins Land gezogen, welches nicht nur im Hinblick auf massentaugliche Populärmusik mit großen Schritten den Bach hinuntergeht. 2005 zogen Silly im Rahmen der “Silly & Gäste” Tour erstmals wieder durchs Land. Noch einmal 5 Jahre später ist es scheinbar wirklich an der Zeit für die Rückkehr einer der interessantesten deutschen Bands ever. Ob das aber ohne Tamara Danz funktionieren kann? Finden wir es heraus. Vorhang auf für “Alles rot”.

Die Bandhistorie von Silly soll hier nicht in allen Einzelheiten wiedergegeben werden, schließlich gibt es genug Quellen, um sich zum Thema Silly schlauzumachen. Ich möchte hier lieber ab dem Jahre 2005 ansetzen; dem Jahr, das im Prinzip die Stunde der Wiedergeburt Sillys war. Als nämlich die letzten verbliebenen Silly-Mitglieder mit ihren Gästen (u.a. Joachim Witt, die Schauspielerinnen Katy Karrenbauer und Anna Loos oder City-Frontmann Toni Krahl) das erste Mal seit gut 10 Jahren wieder auf die Bühne zurückkehrten, merkten sie, dass Silly noch immer funktionierte. Dass sie auch ohne Tamara noch zusammen musizieren konnten, nachdem sie sich in den Jahren vorher in alle Richtungen verstreut hatten. Und dass das Publikum, die Fans, sich damit arrangieren konnten. Dass das, was untrennbar schien – Silly und Tamara Danz – auch in neuer Zusammenstellung funktionierte und angenommen wurde.

Die Frage, die sich aber stellte, war: welche Sängerin würde in der Lage sein, Tamaras einzigartige, sehnsüchtige und zerrissen klingende Stimme zu ersetzen? Es war wohl nicht davon auszugehen, dass noch mal jemand wie jene legendäre Frontfrau vor das Mikrophon treten würde. Ausgerechnet eine Schauspielerin ist’s, welche die Nachfolge von Tamara Danz antritt: Anna Loos, Ehefrau von Jan-Josef Liefers und ansonsten vielbeschäftigte und gern gesehene Darstellerin im deutschen Fernsehen. “Tatort” sei hier als Beispiel genannt.

Foto: Jonny Soares / Universal Music

Die nächste Frage, die sich nun stellt: kann das funktionieren? Nach so vielen Jahren Pause, ohne Tamara Danz, ohne Herbert Junck? Mit einer Sängerin, die mit “Bataillon d’amour” quasi ihre Teenagerzeit verlebte? Ja, kann es. Denn die poetischen Texte stammen auf “Alles rot” wieder aus der Feder von Werner Karma, jenem Texter, der bis 1988 in der Silly-Familie verweilte und sie dann wegen persönlicher Differenzen verließ. Nun ist er wieder mit an Bord und verpackt Alltagsthemen in nachdenkliche, sehnsüchtige, manchmal melancholische Texte. Besonders bemerkenswert ist auf “Alles rot” der Brückenschlag zwischen Silly damals und heute: das ergreifende Stück “Sonnenblumen”, Tamara Danzgewidmet.

Natürlich klingt Anna Loos nicht wie Tamara Danz. Und wenn sie auch nicht über diese berümt-berüchtigte Zerrissenheit in ihrer Stimme verfügt, die Tamara zur Legende machte, so verfügt Frau Loos doch über genug Ausdruckskraft, um ihre Stimme ebenfalls unverwechselbar zu machen. Und den Sound Sillys künftig mitzuformen, in der Post-Tamara-Ära quasi. Apropos Sound: Natürlich klingen Silly produktionstechnischer gereifter als damals. Von einer Band, deren Mitglieder beispielsweise Alben von Joachim Witt produzieren, ist aber auch nichts anderes zu erwarten. Geblieben sind nach wie vor die tollen Melodien; das untrügliche Gespür dafür, unbestimmte Sehnsucht musikalisch zu verpacken und zum Hörer zu transportieren; Fernweh und Melancholie spürbar, hörbar zu machen.


Abgesehen davon, dass “Alles rot” weit gehaltvoller ist als so vieles, was im bereich deutschsprachiger Pop-Musik derzeit so auf den Markt geschmissen wird, meistern Silly die Bewährungsprobe mit Bravour. Natürlich ist Tamara Danz nicht zu ersetzen, aber das darf man auch nicht erwarten. Anna Loos verfügt ebenfalls über eine eindrucksvolle Stimme, die Texte sind noch immer ganz Marke Silly. Lediglich der Sound ist erwartungsgemäß auf aktuellen Stand gebracht worden. Und manchmal, wenn man sich von Silly in ihren Klangkosmos hat entführen lassen, dann ist es beinahe so als hörte man Tamara mitsingen… Großartiges Album, besser hätte man Silly nicht zurück ins Musikgeschäft bringen und, viel wichtiger, das Erbe Tamara Danz’ würdigen können!


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Erscheinungsdatum
19. März 2010
BAND/KÜNSTLER:IN
Silly
ALBUM
Alles rot
LABEL
Island Records (Universal Music)
Unsere Wertung
8.4
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Silly – Alles rot
FAZIT
Natürlich ist Tamara Danz nicht zu ersetzen, aber das darf man auch nicht erwarten. Anna Loos verfügt ebenfalls über eine eindrucksvolle Stimme, die Texte sind noch immer ganz Marke Silly. Lediglich der Sound ist erwartungsgemäß auf aktuellen Stand gebracht worden. Und manchmal, wenn man sich von Silly in ihren Klangkosmos hat entführen lassen, dann ist es beinahe so als hörte man Tamara mitsingen… Großartiges Album, besser hätte man Silly nicht zurück ins Musikgeschäft bringen und, viel wichtiger, das Erbe Tamara Danz’ würdigen können!
INHALT/KONZEPT
8
TEXTE
8.5
GESANG
8
PRODUKTION
9
UMFANG
8
GESAMTEINDRUCK
9
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Silly ohne Tamara, kann das funktionieren? Oh aber ja! "Alles rot" liefert den Beweis.
NEGATIV
8.4
PUNKTE

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