Foto: Elizaveta Porodina / Universal Music

Celeste – Not Your Muse

Manche hatten erfreulicherweise doch Glück im Jahr 2020 und die britisch-jamaikanische Sängerin Celeste gehört definitiv zu diesen Menschen. Während sie mir vor allem auffiel, weil sie bei meinem Standard-Morgenradiosender (ich brauche halt Nachrichten um halb 9!) hoch und runter gedudelt wurde, kann sie noch einiges anderes auf ihrer Checkliste abhaken: diverse Tracks für Werbekampagnen, einen Song im Disney-Film „Soul“ („It’s Alright“ mit Jon Baptiste), eine Gucci-Werbekampagne (als Model, ohne Musik), eine gefeierte Performance bei den Brit Awards und ihr erstes Album erscheint bei einem der größten Musikverlage weltweit. Die Dame ist also auf einem guten Weg und das ganz ohne die Chance, ihre Musik durch Konzerte präsentieren und promoten zu können. Das ist mir ja schon wieder alles zu viel. Ein Hype, der irgendwie nach Steigbügelhilfe klingt und umso überraschter war ich dann, dass “Not Your Muse“ ihr Debütalbum ist und es außer diesen vielen Einzelsongs noch gar kein großes Ganzes gab.  Weshalb ich mich nun vollkommen vorurteilsfrei mit dem Album befassen werde #isklar. 

Immer wieder hört und liest man Vergleiche von Celeste mit Amy Winehouse und Adele. Da ist was dran, ich finde es aber aus verschiedenen Gründen seltsam – warum mit den beiden vergleichen, wenn man doch ganz klar sagen kann, Celeste klingt wie Nina Simone? Oder gar Billy Holiday? Eine schwarze Sängerin hat vermutlich meist auch schwarze Vorbilder. Denn die von mir hoch verehrte Amy (und die nebenher tolerierte Adele) wurden ja auch deswegen so geschätzt, weil sie einen wunderbar schwarzen Sound verkörpert haben und die Wurzeln dafür finden sich ganz woanders, nämlich bei Nina Simone und Shirley Bassey. Das ist auch die Richtung aus der Celeste kommt und in die man sie einordnen möchte und das ist ein großes Kompliment, denn niemand ist wie Nina

Bei „Not Your Muse“ sticht sofort das tolle Artwork des Albums ins Auge. Sehr 60s, sehr 70s, hier zeigt sich schon deutlich wohin die Reise gehen soll, nämlich retro, retro, retro. Der erste Song „Ideal Woman“ schnurrt sich so rein in seiner Rauchigkeit. Inhaltlich kommt eine klare Ansage: Hier ist jemand, die weiß wer sie ist, was sie will und was sie nicht bereit ist zu geben oder sich zu verbiegen. Der zweite Titel „Strange“ ist sehr zart. Und sehr berührend und verletzlich. Einfach ein guter, traurig-schöner Song über Liebe, Trennung und Vergänglichkeit. Und danach wird es poppig!

Jetzt kommen wir mit „Tonight, Tonight“ zu den 60s /70s Popsongs, bei denen sich Celeste nicht nur optisch Inspiration geholt hat. Das anschließende „Stop This Flame“ ist der große, poppige Ohrwurm der Platte und auch einer der Titel, die ich schon hier und da aufgeschnappt hatte, bevor ich wusste, wer Celeste ist. Wieder ein Song übers Ver- und Entlieben und darüber wie Emotionen manchmal sich und das Umfeld mitreißen und überrollen. Es wirkt übrigens munter bei Nina SimonesSinnermann“ zusammengeklaut – oder es ist eine Reminiszenz, wenn man es wohlwollender betrachten möchte.

Der nächste Track „Tell Me Something I Don‘t Know“  ist eher so „Tell Me Something I Do Know“, hier ist alles so vage und metaphorisch, dass ich ehrlich gesagt nicht mehr mitkomme und keine Ahnung habe worum es eigentlich gerade geht.  

Viele Coming of Age-Songs präsentiert Celeste auf ihrem Debüt, die manchmal vom Inhalt her etwas unpersönlich ausgefallen sind. Ihre Stimme geht durch alle Popbereiche, ist aber immer sie selbst. Inhaltlich fehlt leider hier und da der Tiefgang. Da ist viel Liebe, viel Trennung, viel Selbstbehauptung und Unabhängigkeit – das übliche halt, wenn man Mitte 20 ist. Aber das ist hier nicht Indie Rock und es muss auch nicht immer alles im Leben super deep sein, dennoch: so ein bisschen mehr Tiefgang wäre schon okay. Manche sind auch sehr Klischee, wie zum Beispiel „A Kiss“, in dem sich Celeste darauf vorbereitet, später mal einen Bond-Song zu singen oder „A Little Love“, ein Weihnachtssong aus einer Werbekampagne für eine englische Supermarktkette, der exakt so klingt wie man es erwartet. Doch dann endet das Album mit „Some Good Byes Come With Hello‘s“ so wunderbar wie es begonnen hat: leise, persönlich und mit dieser tollen Stimme, die nicht immer eine große musikalische Begleitung braucht.


Also, trotz aller Abstriche, ist Celeste ist den Hype wert, denn das ist immer noch nur ein Debütalbum und man kann für die Zukunft noch viel erwarten. Die Musik ist wirklich berührend und holt selbst Hörer ab, die normalerweise nichts mit Soul oder Pop anfangen können. Celestes Stimme begeistert durch ihr Schwanken zwischen zarter Rauchigkeit und ordentlich Bums. Sie hat diese ungekünstelte Authentizität, die man im Mainstream Pop nur alle paar Jahre mal findet und die einen dann umso mehr umhaut. Und an der Stelle lohnt der Vergleich mit Amy Winehouse dann doch, da es seit ihrem Debütalbum keins mehr gegeben hat, was mich aus dem Soul-Pop Bereich so abgeholt hat. Manchmal ist das alles sehr arg retro, das muss man dann mögen, aber ich mag es. Good luck, Celeste. Hoffentlich schiffst du weiter so erfolgreich durch die Seltsamkeiten dieser Zeit. Und hoffentlich bleibst du so authentisch mit dieser wirklich außergewöhnlichen Stimme und driftest nicht wie Adele ins eher Belanglose ab. Im Gegensatz zu Amy Winehouse und Billy Holiday etwas länger am Leben bleiben ist aber auch total okay.


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Erscheinungsdatum
29. Januar 2021
BAND/KÜNSTLER:IN
Celeste
ALBUM
Not Your Muse
LABEL
Polydor (Universal Music)
Unsere Wertung
8.1
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Celeste – Not Your Muse
FAZIT
Also, trotz aller Abstriche, ist Celeste ist den Hype wert, denn das ist immer noch nur ein Debütalbum und man kann für die Zukunft noch viel erwarten. Die Musik ist wirklich berührend und holt selbst Hörer ab, die normalerweise nichts mit Soul oder Pop anfangen können. Celestes Stimme begeistert durch ihr Schwanken zwischen zarter Rauchigkeit und ordentlich Bums. Sie hat diese ungekünstelte Authentizität, die man im Mainstream Pop nur alle paar Jahre mal findet und die einen dann umso mehr umhaut. Und an der Stelle lohnt der Vergleich mit Amy Winehouse dann doch, da es seit ihrem Debütalbum keins mehr gegeben hat, was mich aus dem Soul-Pop Bereich so abgeholt hat.
INHALT/KONZEPT
7.5
TEXTE
7
GESANG
9
PRODUKTION
8.5
UMFANG
8
GESAMTEINDRUCK
8.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Tolle Stimme!
Wird dem Hype tatsächlich gerecht.
Lässt sich mehr mit Nina Simone und Shirley Bassey vergleichen als mit Adele und Amy Winehouse.
NEGATIV
Inhaltlich nicht sonderlich tiefgehend.
8.1
PUNKTE

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