Foto: Diogenes Verlag

Jason Starr – Top Job

“Bill Moss, ein arbeitslos gewordener Jungakademiker, boxt sich durch den Job-Dschungel von New York. Er bewirbt sich erfolglos bei allen möglichen Werbefirmen und verdient sein Geld als Telefonverkäufer in einer Firma, die ihre Teilzeitmitarbeiter brutal ausbeutet. Seine Freundin Julie sähe ihn gern auf einem lukrativerem Job, vor allem da sie heiraten und Kinder haben will. Eines Tages werden in Bills Firma zwanzig Prozent der Teilzeitkräfte fristlos entlassen. Als Bill ins Büro des Abteilungsleiters Ed gerufen wird, ist er sicher, dass auch er gleich auf der Strasse stehen wird, denn er hatte am Vortag einen saftigen Streit mit Ed. Ed, ein mieser Rassist, spricht von Bills Kumpel Greg nur als „Nigger“. Bill setzt gerade zu einer Verteidigung seines Freundes an, als ihm Ed jeglichen Wind aus den Segeln nimmt: Er bietet ihm eine gutbezahlte Vollzeitstelle im Management an … den lang ersehnten Top Job.”

Wow. Hört sich ja nicht sonderlich spannend an. Könnte man denken – und damit ziemlich falsch liegen! Denn tatsächlich ist Top Job eines der spannendsten Bücher, die mir bisher untergekommen sind. Auch wenn der Klappentext anderes vermuten lässt, hat es dieses Büchlein doch in sich. Das fängt schon auf den ersten drei Seiten an, als nämlich Bill Moss, Protagonist und Anti-Held, in der New Yorker U-Bahn mächtig eins auf den Deckel bekommt. Ohne dass er – oder gar der Leser zu diesem Zeitpunkt – etwas davon wüssten, werden durch diesen Vorfall eine Reihe von Ereignissen in Gang gesetzt, die Bill Moss erst einige Tiefschläge, dann einen kurzen Höhenflug und letztendlich den Absturz ins Bodenlose bescheren. Leute, die dieses Buch lesen, sollten das aufmerksam tun, denn (fast) alles, was Bill Moss sagt oder tut, findet an späteren Zeitpunkten nochmals Verwendung; meist als Problem für den Hauptdarsteller.

Dieser entwickelt sich übrigens im Verlauf der Geschichte von einem anfänglich sympathisch-bemitleidenswerten Loser zu einem karrieregeilen Monster, das dabei auch mal über Leichen geht – im wahrsten Sinne des Wortes! Und das ist der Punkt, an dem ich den warnenden Zeigefinger heben muss, denn die Leichen, oder vielmehr die Beseitigungen jener, sind in ihrer Darstellung durch den Autor recht grausam ausgefallen. Ich kann mir schon vorstellen, dass so manche Lesende das Buch angewidert fallen lassen, wenn es – storytechnisch – beispielsweise um die Beseitigung einer Prostituierten geht. Das Perfide an diesem Buch ist aber, dass man viele Momente des Handelns von Bill Moss bis zu einem gewissen Grad sogar nachvollziehen kann – nicht gutheißen, selbstverständlich! – nur nachvollziehen. Besonders wenn man selbst über einen längeren Zeitraum arbeitslos war und die Gängeleien vom Amt, die (Selbst-)Erniedrigung und den Druck auf das Selbstwertgefühl inmitten erfolgreicher Freunde erlebt hat. Extreme Situationen erfordern extreme Maßnahmen? In der kalten und unbarmherzigen Welt des Kapitalismus muss man selbst kalt und umbarmherzig werden, um irgendwie durchzukommen? Diesen Eindruck kann man bei der Lektüre dieses Buches jedenfalls schnell bekommen.

Unterm Strich: “Top Job” ist ein extrem spannender, sehr gut geschriebener Thriller und ein höchst gelungenes Debüt. Genauso heruntergekommen und abgefuckt wie die Stadt in der es spielt und wie der Anti-Held, der sich in ihr bewegt. Sehr empfehlenswert, vorausgesetzt, man stört sich nicht an heftigen Szenen. Ansonsten Mr. Starr – bitte gerne mehr davon!


Foto: Diogenes Verlag

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