Foto: Fredrik Etoall / Universal Music

Tove Lo – Queen Of The Clouds

So, da wären wir also alle wieder versammelt, um uns mit einer Newcomerin zu beschäftigen, die einen kometenhaften Aufstieg in der Musikwelt hinlegt und irgendwie, ganz plötzlich, einfach so da war. So fühlt es sich jedenfalls immer an, wenn der Industriegigant Universal einen Neuling mit der ihm zur Verfügung stehenden Marktmacht ins Bewusstsein der Konsumenten schiebt. Und so verhält es sich auch mit Tove Lo, deren Debütalbum „Queen Of The Clouds“ jetzt auch bei uns angekommen ist. In ihrem Heimatland Schweden ist es bereits seit September des letzten Jahres erhältlich. Hey, Schweden und Electropop, noch dazu vorgetragen von einer vermeintlichen Lichtgestalt – da kann man doch eigentlich nur einen Volltreffer erwarten, oder? Ja. Eigentlich. Aber meistens kommt es erstens anders als man zweitens denkt.

Ich bekomme immer ein bisschen Bauchschmerzen, wenn Pressetexte damit beginnen, die abgehandelten Künstler:innen mit beeindruckenden Zahlen über den grünen Klee zu loben. So hält man sich auch bei Tove Lo nicht zurück und erzählt etwas von mehr als 130 Millionen Streams bei Spotify bzw. eine Million Streams täglich, mehr als 1,8 Millionen verkaufter Singles, Platz 1 bei iTunes in den USA in der Kategorie ‚Alternative‘ (warum eigentlich?) bzw. Top 10 Platzierungen bei iTunes in 30 Ländern. Tolle Zahlen für die am 29. Oktober 1987 als Ebba Tove Elsa Nilsson geborene Schwedin, die erst seit 2012 im Musikzirkus mitmischt. Und seitdem die Aufmerksamkeit von Leuten wie Ellie Gouldingoder Lorde auf sich gezogen hat, sofern das irgendwie wichtig ist. Warum mir das alles Bauchschmerzen bereitet? Weil etwas, das derart viele Menschen begeistert, mich persönlich oft aus diesem oder jenem Grunde völlig kalt lässt. Und ich in dem Genre, indem sich die junge Dame bewegt, nicht mehr an Phänomene glaube, sondern eher an eine clever kalkulierte Zielgruppenbedienung. Aber wer weiß, vielleicht ist das bei Tove Lo ja anders und ich irre in meinen Vorurteilen.

Queen Of The Clouds“ ist in drei Akte eingeteilt: The Sex, The Love und The Pain. Das Grundkonzept lässt sich mit Feiern und Vögeln sowie der Katerbekämpfung des Trennungsschmerzes mit einer Kombination aus genannten Tätigkeiten ganz gut umschreiben. Da möchte ich doch glatt noch mal zur Zielgruppe der Bravo gehören, um mich davon begeistern zu lassen. Aber das nur nebenbei. Nachdem kurzen Gesäusel in „The Sex“ erschrecke ich kurz. Es fängt so vielversprechend an. An Filmmusik erinnerndes Getüdel, das schlagartig vorbei ist. Nanu? Ist das eine Rihanna-Scheibe, die sich versehentlich in meinen Player verirrt haben sollte? Ein kurzer Check zeigt: ok, ist doch Tove Lo. Aber klingt musikalisch wie so vieles, was heute im weiten Feld des R&B durch die Radios schwabbelt. Beim nachfolgenden „Like Em Young“ denke ich kurz, Robyn hätte das Ruder übernommen. Und so zieht sich das wie ein roter Faden durch das Album, das nach allen Regeln der Kunst auf Hochglanz getrimmt wurde. Musikalische Eigenständigkeit, irgendwas das Tove Los Debüt unverwechselbar macht? Nüscht. Fehlanzeige, die kompletten 17 Tracks hinweg. Auch stimmlich kann man Tove Lo irgendwo zwischen den genannten Künstlerinnen verorten. Wenn auch das dünne Stimmchen mit allerhand Effekten versehen wurde. Es stellt sich mir die Frage, ob das ein künstlerisches oder ein notwendiges Stilmittel war.

Foto: Fredrik Etoall / Universal Music

Universal Music verkündet auf der eigenen Facebook-Seite: Sie schreibt Songs über Trennungen, Drinks und Drogen, raue Nächte und das karge Erwachen am nächsten Tag und kreiert so eleganten, unverblümten von Herzen kommenden Elektropop gepaart mit lyrischer Ehrlichkeit und Rauheit. Es ist diese entwaffnende Mischung, die derart unter die Haut geht, dass man am liebsten aus vollem Hals mitheulen möchte.

Ja richtig. Heulen möchte ich auch. Wenn jemand singt Now if we’re talking body / You got a perfect one / So put it on me / Swear it won’t take you long / If you love me right / We fuck for life / On and on and on, so wie es Tove Lo in „Talking Body“ tut – ganz ehrlich, dann schüttelt es mich ob solcher lyrischen.. öh.. Ergüsse. Man kann sich die gewachsene Begeisterung im Schlüpper der Co-Autoren förmlich vorstellen. Dummerweise ist das aber kein Einzelfall. Das ganze Album glänzt mit solchen „ehrlichen und rauen“ Texten. Immerhin: Selbstreflexion kann sie schon. In „Moments“, dem einzigen Song der komplett aus der eigenen Feder stammt, singt sie: I, I’m not the prettiest you’ve ever seen / But I have my moments, I have my moments / Not the flawless one, I’ve never been / But I have my moments, I have my moments / I can get a little drunk, I get into all the don’ts / But on good days I am charming as fuck.

Super. Alles in allem ist Tove Lo trotz der vielen musikalischen Anleihen, die man sich auf diesem Album gestattet, keine Thronfolgerin für Robyn. Die Krone im Bereich Electro-Pop mit weiblichem Gesang gehört nach wie vor der anderen Stockholmerin. Dabei ist gar nicht alles schlecht an dieser Platte. Wenn Pop-Musik einzig dem Anspruch genügen soll, dass man dazu in der Disco die Hüften kreisen lassen kann, dann hätte “Queen Of The Clouds” dies erfüllt. Und hey – die Pause zwischen den Tracks, die kurze Stille, die ist fantastisch!


Ich weiß gar nicht, was mich an dieser Scheibe mehr nervt. Ist es dieser beliebige, austauschbare Hochglanzpopsound, den man in diesen Tagen überall hört? Die musikalische Wilderei in einem Gebiet, das von Robyn sehr viel besser bedient wird? Dieses nichtssagende Stimmchen? Sofern man bei der massiven Bearbeitung selbiger überhaupt von einer Stimme reden kann? Oder der gescheiterte Versuch, Tove Los Vorstellung von Sex, Drugs & Rock’n’Roll eine inhaltliche Tiefe anzudichten, die einfach nicht da ist? Tove Lo wird mit diesem Album den erfolgreichen Weg weitergehen, den sie eingeschlagen hat. Davon können wir wohl gesichert ausgehen. Und wie so oft bei Pop-Püppchen, die ins Rampenlicht geschoben werden frage ich mich: warum eigentlich? Ist der Mainstream-Konsument wirklich mit so wenig abzuspeisen, wie hier geboten wird? Reicht das schon aus, um von Universal zum „spannendsten neuen Popstar auf diesem Planeten“ geadelt zu werden? Oh weh. Wenn wir wirklich nichts spannenderes auf diesem Planeten haben, dann wandere ich aus. Der Mond soll zu dieser Jahreszeit ja sehr schön sein. Diese „Queen Of The Clouds“ hier ist jedenfalls für mich ein bisschen so etwas wie ein vorzeitig verabreichter Schoko-Osterhase: von außen ganz süß aber innen hohl und leer.


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Erscheinungsdatum
24. September 2014
BAND/KÜNSTLER:IN
Tove Lo
ALBUM
Queen Of The Clouds
LABEL
Universal Music
Unsere Wertung
4.9
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Tove Lo – Queen Of The Clouds
FAZIT
Und wie so oft bei Pop-Püppchen, die ins Rampenlicht geschoben werden frage ich mich: warum eigentlich? Ist der Mainstream-Konsument wirklich mit so wenig abzuspeisen, wie hier geboten wird? Reicht das schon aus, um von Universal zum „spannendsten neuen Popstar auf diesem Planeten“ geadelt zu werden? Oh weh. Wenn wir wirklich nichts spannenderes auf diesem Planeten haben, dann wandere ich aus. Der Mond soll zu dieser Jahreszeit ja sehr schön sein. Diese „Queen Of The Clouds“ hier ist jedenfalls für mich ein bisschen so etwas wie ein vorzeitig verabreichter Schoko-Osterhase: von außen ganz süß aber innen hohl und leer.
INHALT/KONZEPT
4.5
TEXTE
3
GESANG
5
PRODUKTION
7
UMFANG
7
GESAMTEINDRUCK
3
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Auch dieses Album ist irgendwann vorbei.
NEGATIV
Inhaltlich schwache, überkandidelte Pop-Produktion ohne Anspruch.
Wirkt insgesamt wie ein trauriger Versuch der praktischen Umsetzung von "sex sells".
4.9
PUNKTE

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