Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Faderhead – Atoms & Emptiness

„Es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck!“, das Sprichwort kennt jeder von euch, doch ihr fragt euch, was das mit Faderheads neuem Studio-Album „Atoms & Emptiness“ zu tun hat? Nun, es war im Spätsommer 2009 und meine Hamburger Freunde schwärmten mir vom Video-Dreh mit Faderhead vor. Ich müsste es mir unbedingt anschauen, weil sie darin für einen kurzen Moment zu sehen seien. Ich habe es mir angesehen – und seitdem einen Bogen um Musik aus der Feder von Sami Mark Yahya gemacht. Bis ich Ende Oktober 2013 „Every Day Is One Day Less“ vom Faderhead-Album „FH4“ im offiziellen Amphi Festival 2014 Trailer von Johannes Kothe gehört habe. Die Textzeile „every day is one day less for us“ ging mir sofort sehr nah, ohne zu ahnen, dass sie den darauf folgenden vier Wochen in meinem Privatleben vorgreifen sollte. Ohh, der Faderhead macht also auch ernste Sachen? Mein Interesse war geweckt und ich begann zu recherchieren, was ich seit 2009 alles verpasst hatte. Umso mehr freue ich mich heute, euch einen kleinen Einblick in das neue Album „Atoms & Emptiness“ zu verschaffen.

Laut Pressetext zum Album hatte Faderhead in 2013 vermutlich ein ebenso bescheidenes Jahr wie ich. Es soll ein betont düsteres und melancholisches Werk sein, welches da in 11 Monaten heranreifte, doch hat es das Zeug, auch mein Soundtrack of my life zu werden? Mit einer gesunden Portion aus EBM, Industrial, Elektro und Synthpop könnte das schon gelingen. Dafür darf „Atoms & Emptiness“ auch gern etwas ernster sein, denn so habe ich ja schließlich Faderhead auch für mich wiederentdeckt.

Mit „Stand Up“ als Eröffnungshymne beamt sich Faderhead mal eben auf die Tanzfläche jedes Clubs. Kein Wunder, dass dazu auch Video und Single-Auskopplung folgen. Hammer Bassline gepaart mit dem markant, aggressiven Gesang von Sami prägen den Song. Wer sich morgens von Musik wecken lässt, steht vermutlich gleich senkrecht, wenn sie oder er am Abend vorher vergisst, die Lautstärke runter zu drehen. Live auf der aktuellen Tournee performt, geht es hier sicher im gesamten Publikum ziemlich ab (den Beweis lieferte bereits das E-Tropolis in Oberhausen).

Every Hour Kills“ ist nicht nur eine Textzeile des zuvor gehörten „Stand Up“, sondern auch der nächste Titel, bei dem Freunde der Musik aus dem Hause Daniel Myer auf ihre Kosten kommen werden. Der gemeinschaftlich produzierte Song beginnt doch zunächst sehr verhalten, beinahe melancholisch und steigert sich dann stetig. Trotz nacheinander einsetzender Instrumente steht Faderheads Stimme plötzlich über allem und verwandelt den Track in eine melodischen Future-Pop-Song. Für mich ein Song, der beim Inlinern definitiv auf den iPod gehört – langsam warm laufen und dann immer schneller, bis zum Endspurt. „…and we dream ourselfs away“. Lasst euch ruhig beim Mitsingen ertappen. Der Song ist wie guter Wein und wird bei jedem Mal hören interessanter.

Eine kleine Abrechnung mit falschen Freunden „shame friends“ besingt Sami in „Champagne & Real Pain“. Schöne Bridge und schöne Strophe, doch anfangs konnte ich mit dem rap-ähnlichen Gesang nicht wirklich was anfangen. Wie schon bei „Every Hour Kills“ entdeckt man allerdings auch hier bei jedem mal hören, dass der Song viel mehr erzählt, als einem beim ersten Mal aufgefallen wäre.

Ausgerechnet der Titelsong des Albums „Atoms & Emptiness“ ist eine Electro-Ballade. Nun, das verdanken wir wohl Faderheads Turbulenzen im Privatleben, die ihn letzten Endes kreativ beflügelten und dem Album die melancholische Grundstimmung verpassten. Mir gefällt das verzerrte Harpsichord als Ersatz für eine E-Gitarre hier super. Ist ja auch keine Rock-Ballade. „Is this is how the world is? Will we just be strangers again?“ Für mich ein Indiz, dass es um „Verlassenwerden“ oder Trennung geht. Was bleibt ist die Leere. Der Song ist eine wunderbare Komposition. Ich fühle förmlich den Schmerz und die Einsamkeit.
Gerade noch zu Tode betrübt, wird es Zeit mit „When the freaks come out“ die Lebensgeister wieder zu wecken. Ein Clubtrack, den man sofort als „echten Faderhead Song“ identifizieren wird. Ohne viele Umschweife kommt er auf den Punkt: Hintern hoch und auf die Tanzfläche! Das ist der Tanzbefehl. Harter Elektrobeat, verzerrter Gesang und Modulationseffekt, also alles was einen Faderhead-Tanzkracher ausmacht.

Someone Else’s Dream“ ordnet sich wieder ganz dem melancholischen Grundthema unter. Ein Future-Pop-Song, der mit dem Text-Sample „I’ll always be happy in the place where I’m not“ beginnt. Doch werden wir den Track sicher auf den Tanzflächen der Clubs hören, hat er doch auch alles an Board, was wir an Faderhead-Songs mögen. Samis markante Stimme, mal leicht nasal, elektronisches Schlagzeug, Oktavbassline und Sythie-Flächensounds entführen auf die Wiese, auf der das Gras grüner ist. Ja, irgendjemand lebt einfach immer den Traum eines anderen, doch Faderhead kennt den Weg.

Mit „I Forget“ (my pain)“ schafft es Faderhead wieder in meine Songs-beim-Inlinern-Playliste. Im Marsch-Takt geht der Song es etwas ruhiger an, ohne langweilig zu werden. Ein besonderes Augenmerk sollte der Hörer auf den Text legen, der eine Situation beschreibt, die sicher einigen bekannt vorkommen dürfte.

Verlassen wir die eisige Kälte von „I Forget“ und tanzen uns in Trance. Der Clubtrack „You Can’t Resist“ hebt die Stimmung schließlich auf den Höhepunkt des Albums. Vom harten Beat durch den Song getrieben, haben die Sounds irgendwie etwas hypnotisches. Komplettiert wird das ganze von Faderheads gesanglichem Aufzählungsstil. Der Song passt ins Gesamtkunstwerk „Atoms & Emptiness“, hat jedoch im Gegensatz zu „Stand Up“ eher etwas Andächtiges, was vermutlich an der harmonischen Bridge im zweiten Drittel des Songs liegt.

Through This Pain (You Heal)“ greift die noch vorhandene Trance auf und transportiert sie in eine Art EBM-Ballade. Anfänglich noch trotzig, vorwurfsvolle Textzeilen, die sich zum melodiösen Refrain steigern und dann im resignierenden „…I can’t keep you entertained…“ auflösen.

Ganz großes Kino verspricht „Anti-Paradise“, besingt Faderhead doch offensichtlich Themen, die in zwischenmenschlichen Beziehungen oft erst nach der Trennung auf den Tisch kommen. Warum also das Ganze nicht in einen Elektro-Blues verpacken und ein riesiges Klangkonstrukt erschaffen, wie es sonst nur der „Architect“ Daniel Myervermag. Schöner Track und eine gelungene Einleitung für die Electro-Ballade und damit den letzten Titel des Albums: „My Heart Is Safe“. Keine Piano-Ballade im klassischen Sinn. Hey hömma, das ist Faderhead und nicht der Graf. Und doch spielt das Piano die erste Geige, bis der Gesang einsetzt. Nach dem emotionalen Chaos steht das Finden der inneren Ruhe im Fokus. Mühsam kämpft sich ein Synthesizer-Sound in vereinzelten Fetzen durch Strophe und Chorus, bis er dann in der Bridge die erste Stimme übernehmen darf. Stellt euch jetzt noch ein paar Cellos anstelle des Synthie-Bass vor und die Nummer findet ihren Platz beim nächsten Goth meets Klassik. Eine gefühlvolle Ballade und doch für Faderhead keinesfalls ein Stilbruch. Bravo.


Dass Faderhead mehr kann, als nur reißerische Club-Tracks, habe ich zu meinem persönlichen Bedauern erst mit „FH4“ realisiert. Um es kurz zu machen, das Album „Atoms & Emptiness“ ist der Hammer. Auf den 11 Tracks vollzieht Faderhead einen Seelenstrip und besingt sämtliche Trauerphasen, von Verleugnung, emotionalem Chaos über das Suchen und Finden, hin zur Neuorientierung. Ich gehe sogar soweit und nenne „Atoms & Emptiness“ ein Konzeptalbum, dass man in einer ruhigen Stunde komplett über Kopfhörer in einem Sessel genießen kann. Oder aber, man geht einfach nur zu den Dance-Tracks im Club ab. Alle Songs sind liebevoll und sehr präzise auf Lyrics und Botschaft arrangiert. Faderhead schafft mit „Atoms & Emptiness“ ein monumentales Gefühlsgebilde, dass dem Hörer mehr als nur Gänsehaut beschert und findet die Worte, die nicht treffender hätten sein können. Wow, danke Sami, ich hoffe wir hören bald wieder von einander.


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Erscheinungsdatum
24. Januar 2014
BAND/KÜNSTLER:IN
Faderhead
ALBUM
Atoms & Emptiness
LABEL
Not A Robot Records
Unsere Wertung
8.6
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Faderhead – Atoms & Emptiness
FAZIT
Dass Faderhead mehr kann, als nur reißerische Club-Tracks, habe ich zu meinem persönlichen Bedauern erst mit „FH4“ realisiert. Um es kurz zu machen, das Album „Atoms & Emptiness“ ist der Hammer. Auf den 11 Tracks vollzieht Faderhead einen Seelenstrip und besingt sämtliche Trauerphasen, von Verleugnung, emotionalem Chaos über das Suchen und Finden, hin zur Neuorientierung. Ich gehe sogar soweit und nenne „Atoms & Emptiness“ ein Konzeptalbum, dass man in einer ruhigen Stunde komplett über Kopfhörer in einem Sessel genießen kann. Oder aber, man geht einfach nur zu den Dance-Tracks im Club ab. Alle Songs sind liebevoll und sehr präzise auf Lyrics und Botschaft arrangiert. Faderhead schafft mit „Atoms & Emptiness“ ein monumentales Gefühlsgebilde, dass dem Hörer mehr als nur Gänsehaut beschert und findet die Worte, die nicht treffender hätten sein können.
INHALT/KONZEPT
8
TEXTE
8.5
GESANG
8
PRODUKTION
9
UMFANG
8.5
GESAMTEINDRUCK
9.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Wer noch einen Beweis braucht, dass Faderhead so viel mehr kann als Club-Kracher zu schreiben - hier ist er.
Düstere Songs, düstere Stimmung - und doch viel Gefühl in jedem einzelnen Ton.
NEGATIV
8.6
PUNKTE

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