Foto: Michael Kanzler / AVALOST

Klangstabil – Shadowboy

Durch unseren lauten, bunten und reizüberfluteten Alltag können sich die meisten von uns nur deshalb so gut bewegen, weil unser Hirn derart justiert ist, Reize und Sinneseindrücke zu filtern und unterschiedlich zu priorisieren. Latscht doch mal zur besten Sendezeit über eine von Menschenmengen bevölkerte Straße. Die Gegend rund um den Bahnhof Zoo in Berlin beispielsweise. Ihr werdet feststellen, dass das zwar nervend sein kann, aber bei all dem Trubel so vieles von Eurem Hirn ausgeblendet wird, damit Ihr Euch sicher durch die Gegend bewegen könnt. Idealerweise ohne dabei Verstand zu verlieren. Was aber, wenn diese Filtermechanismus nicht so richtig funktioniert? Wenn Reize und Eindrücke sehr viel stärker als beim Durchschnitt auf jemanden einprasseln? Dann wird es möglicherweise echt unangenehm. Was dieses noch wenig erforschte Phänomen der Hypersensibilität mit dem neuen Klangstabil-Album „Shadowboy“ zu tun hat? Einiges.

Hierbei haben wir es mit nicht weniger als einem multimedialen Gesamtkunstwerk zu tun, dessen Wurzeln zurückreichen bis ins Jahr 2009. Kurz nach der Fertigstellung des sensationellen letzten Albums „Math & Emotion“ stellte Boris May eine Veränderung an sich fest. Eine unerklärliche Angst vor seiner Heimatstadt Reutlingen überkam ihn, die ihn alsbald daran hinderte, Straßen zu überqueren und sich Menschenmassen zu nähern. Wie sich herausstellte, reagiert er überempfindlich auf Gerüche und Geräusche. Frieden und Entspannung fand er nur an Plätzen ohne Menschen. Im Wald quasi. Sinnierend über die Stadt als Käfig und den Wald als Rückzugsort war recht schnell die Geschichte rund um den Shadowboy gebohren. Und wir hätten an dieser Stelle den Kreis zur Hypersensibilität geschlossen.

Beim Shadowboy handelt es sich um einen Jungen, der über Jahre im Wald lebt, fernab der Stadt oder sonstigem menschlichen Kontakt. Jedenfalls so lange, bis eine Gruppe Kinder aus der benachbarten Stadt diesen Shadowboy findet, langsam den Kontakt und später eine Vertrauensbasis aufbauend. Während der Shadowboy wieder sprechen lernt, lernen die Stadtkinder von ihm alles über das Leben in den Wäldern. Sie erkennen, dass sie sich gegenseitig brauchen und dass das Geheimnis über den einsamen Jungen in den Wäldern gewahrt werden muss. Er gehört einfach dorthin. So viel zur Geschichte des Buches, das dem limitierten (und längst ausverkauften) Boxset dieses Albums beiliegt und von Christian von Aster verfasst wurde. Eigentlich als Geschichte für 9- bis 12-jährige Leser gedacht, lässt sich das Buch auch von Erwachsenen lesen. Als eine Art Gleichnis über Leben und Tod, dem Erwachsenwerden, Freiheit und dem wahren Wert der Freundschaft. Vor allem aber lässt sich das Buch als andere Seite dieses erstaunlichen Projektes betrachten. Während von Asters Geschichte, die auf dem Entwurf von Boris May basiert, die Handlung von außen betrachtet, ist das Album Klangstabils eher die Reise in die Gedanken- und Gefühlswelt dieses Shadowboys. Und so wie auf hypersensible Personen oft eine Vielzahl Reize hereinbrechen, so präsentieren Klangstabil dementsprechend ein extrem vielschichtiges Album, dessen Halbwertszeit enorm hoch ist. Viel zu viel gibt es hier zu hören, zu erleben, zu interpretieren und zu genießen. Mehr als sich in Worte verpacken lässt.

Allein das Eröffnungsstück „Shadowboy – The Awakening“ lässt Hörende erfürchtig staunen. Und das nicht nur der interessanten Entstehungsgeschichte des zugehörigen Videos wegen: gedreht wurde der Clip nämlich bereits 2010 während des Maschinenfestes. 200 Leute wurden gefilmt, um der Suche danach, wer oder was ein Shadowboy ist, ein Gesicht zu finden. Darunter auch Boris Mays heutige Frau. Die Besucher des Maschinenfestes, die für das Video gefilmt wurden, hatten zu dem Zeitpunkt jedoch noch keine Ahnung, um was es dabei eigentlich gehen sollte. Veröffentlicht wurde das Video erstmals im Rahmen des Planet Myer Days 2011, zusammen mit einem ersten Konzept, wohin die Reise des Shadowboys musikalisch gehen sollte. Und wenn man von Klangstabil eines erwarten darf, dann das: ausgefeilte Elektro-Frickelei, die stets neue Reize für die Düsterszene liefert. So ist dann auch der Titelsong ein Meisterstück mit ungewöhnlichen und mächtigen, schwer schnaufenden Beats geworden, dem großflächige Synthieteppiche und spacige Melodiefragmente unterliegen. Dazu der gewohnte Sprachsingsang Boris Mays. Wer mit dem kalten, maschinell wirkenden Sound Klangstabils vertraut ist, wird sich hier ganz schnell heimisch fühlen.

Doch damit nicht genug: „Pay With Friendship“ überrascht mit Rhythmen und Beats, die man viel eher im Hip-Hop-Bereich verorten würde. Das schindet mächtig Eindruck! Dazu gesellen sich vertraute Klavierspielereien. Spätestens mit diesem Song ist man wieder gänzlich drin im Klangkosmos von Klangstabil. Es folgt das italienische „Cinecittà“, das in Zusammenarbeit mit Sensory Gate entstand. Es fühlt sich an wie eine Fortsetzung von „Perdere per vincere“ und hätte auch hervorragend beim letzten Album „Math & Emotion“ stattfinden können. Ich entrichte an dieser Stelle einen Gruß an Max und Andrea von Sensory Gate. Dank Eurer Mithilfe ist dies ein weiterer Klangstabil-Klassiker geworden.

1 Of 100“ überrollt Hörende einmal mehr mit satten Hip-Hop-Sounds, die wie nahendes Gewitter aus den Boxen tönen. Die verspielten, hintergründigen Sounds dürften wohl wenigstens zu Teilen Klangtüftler Daniel Myer zu verdanken sein, der bei diesem Song seine Finger mit im Spiel hatte. Erfreulicherweise ohne Dubstep-Momente. „Schattentanz“, mitproduziert von Ben Lukas Boysen (Hecq), ist nach „You May Start“, „Math & Emotion (The Square Root Of One)“ und „Twisted Words“ das nächste ganz große Ding aus dem Hause Klangstabil! Ein bisschen trancig in der Ausgestaltung, wird es im Verlaufe der mehr als sieben Minuten aufgrund der kirchlich anmutenden Choreffekte sehr Gänsehaut bescherend. Eine unglaubliche Nummer und defintiv einer der berauschendsten Elektro-Songs dieses Jahres! Damit hat das Album seinen Höhepunkt erreicht. Es folgt „Arbeitstitel“ – konsequenterweise dieses Mal mit Rap im klassischen Sinne versehen. Nach der häufigen Verwendung entsprechender Beats irgendwie nur folgerichtig. Zwar ist die Kombination elektronischer Düstermucke und Rap nicht ganz neu, homogener bekam man das allerdings bisher nicht zu hören. „The Bottom Of Your List“ ist so etwas wie die zarte Ballade dieses Albums, angereichert mit vielen, vielen Samples und Soundspielereien, die diesen Song vor allem über Kopfhörer zu einem Erlebnis machen. Unter diesen Voraussetzungen bekommt man einen guten Eindruck davon, wie das Leben für Hypersensible sein muss. Mit dem achten Song dieses Albums, „End Of Us“, wird leider auch das Ende dieses viel zu kurzen Albums eingeläutet. Einmal mehr unter der Mithilfe von Daniel Myer entstanden, endet „Shadowboy“ so, wie es nach den vorhergehenden Songs eigentlich auch nur enden konnte: sensationell!

Ein Merkmal von Hypersensibilät ist das intensive Erleben von Kunst und Musik. „Shadowboy“ als Gesamtkunstwerk (Buch, Album, Video) schreit gerade zu danach, dem Klang, den Worten und den Bildern mit aller Hingabe und Aufmerksamkeit zu folgen, sie zu genießen, die Reize ungefiltert auf uns einprasseln zu lassen. Mit anderen Worten: uns für die Dauer dieses Albums auch hypersensibel werden zu lassen, damit wir nicht auch nur eine einzige Nuance verpassen. Mehr Hingabe und Aufmerksamkeit, die in die Entstehung eines Albumgs geflossen sind, werden wir eine ganze Weile nicht mehr zu hören bekommen, schätze ich. Ein Meisterwerk für Musikliebhaber.


Im Bereich der düsterelektronischen Klangkunst ist „Shadowboy“ das Album geworden, auf das ich das ganze Jahr über gewartet habe! Eine interessante Entstehungsgeschichte, gepaart mit einem fetzigen Konzept, einer umfassenden Ausarbeitung und dazu ganz viele innovative Sounds und Impulse! Während andere große und gestandene Bands sich darauf ausruhen, mit bewährten Mittelchen auf der Stelle zu treten, gehen Klangstabil mit „Shadowboy“ einen, vielleicht sogar zwei bis sieben Schritte weiter. Sicherlich lässt sich noch immer der gewohnte Sound heraushören, der erfrischende Input der anderen beteiligten Musiker sorgt dennoch dafür, dass Klangstabil mit „Shadowboy“ neu definiert wurde. Im Pressetext heißt es, dass Klangstabil nach wie vor eine musikalische Antwort auf die Frage zu geben versuchen, was denn wohl als nächstes käme. Ich weiß es auch nicht, aber wir können wohl davon ausgehen, dass Maurizio Blanco und Boris May auch dann wieder ganz vorne mit dabei sein werden. Über den Shadowboy sagen Klangstabil, dass er zu einem Freund geworden sei. Es ist nicht schwer zu verstehen, warum.


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Erscheinungsdatum
30. Oktober 2013
BAND/KÜNSTLER:IN
Klangstabil
ALBUM
Shadowboy
LABEL
Ant-Zen
Unsere Wertung
8.5
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Klangstabil – Shadowboy
FAZIT
Im Bereich der düsterelektronischen Klangkunst ist „Shadowboy“ das Album geworden, auf das ich das ganze Jahr über gewartet habe! Eine interessante Entstehungsgeschichte, gepaart mit einem fetzigen Konzept, einer umfassenden Ausarbeitung und dazu ganz viele innovative Sounds und Impulse! Während andere große und gestandene Bands sich darauf ausruhen, mit bewährten Mittelchen auf der Stelle zu treten, gehen Klangstabil mit „Shadowboy“ einen, vielleicht sogar zwei bis sieben Schritte weiter. Sicherlich lässt sich noch immer der gewohnte Sound heraushören, der erfrischende Input der anderen beteiligten Musiker sorgt dennoch dafür, dass Klangstabil mit „Shadowboy“ neu definiert wurde.
INHALT/KONZEPT
9
TEXTE
8.5
GESANG
6.5
PRODUKTION
9
UMFANG
8
GESAMTEINDRUCK
10
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Cooles Konzept, coole Texte,coole Sounds - cooles Album!
Beeindruckende Weiterentwicklung in Sachen Klangstabil.
NEGATIV
8.5
PUNKTE

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