Editors – In Dream

Schon seit zehn Jahren gehören die Editors zu den festen Instanzen des Indie-Rocks. 2005 mit ihrem Debüt „Bullets“, spätestens aber 2007 durch „An End Has A Start“, etablierten sich die Briten Rund um Stimmtalent Tom Smith an alternativen Radiostationen und in Indie-Playlists. Doch nicht nur die unverkennbare Stimme des Frontsängers, sondern der authentische Klang ihrer Songs, die Dringlichkeit und Tiefe ihrer Sounds haben für den ein oder anderen Hit gesorgt, der einem jeden Liebhaber das Herz aufgehen lässt. Nach zwei Jahren im stillen Kämmerlein präsentieren sie am 2. Oktober 2015 ihr neues Album „In Dream“, welches bei mir von Haus aus auf große Erwartungen geschürt hat. Nach einer Phase des intensiven Hörens muss ich gestehen, dass ich nach Konsum der zehn Songs ein wenig betroffen bin.

Für Fans der Band war der Weg zum neuen Album ein Fest. Auch die Editors haben den Eintritt ins Social-Media-Zeitalter geschafft und sich dessen in besonderem Maße bedient. So hat die Band sich vor einem Jahr in Schottland verbarrikadiert, allerdings durch diverse soziale Netzwerke einen Blick in den Aufnahmeprozess erlaubt. Bilder, Videos, Infos erreichten hungrige Bandanhänger und Interessierte so nahezu in Echtzeit und regten den Appetit zum großen Release des „E3“ an. Ganz besonders raffiniert war die Veröffentlichung der ersten Single, „No Harm“, welche als Hidden Track auf einem Sampler des Labels Play It Again Sam erschien und die Band den Hinweis gab, dass der erste Bissen nun irgendwo da draußen sei. Anschließend wurden zusätzlich 300 Kopien des Songs „Marching Orders“ über Oxfam verkauft, ganz im Sinne der Charity natürlich und so. So schön, so gut… aber wie klingt es denn nun?

No Harm“ leitet das Album atypisch mit absoluter Ruhe ein. Umarmend, aber auch ein bisschen düster, wirkt der Song, der durch Smiths Art zu singen ein bisschen an Jüngeres von A-ha erinnert. Singt er während der Stophe in altbekanntem Samt, verlässt er sich während des Chorus auf seine Kopfstimme. Auffällig schon hier ist das Fehlen der Gitarre… aber vielleicht bin es auch nur ich, die Editors unweigerlich mit dominanter Gitarre verbindet.

Was ruhig beginnt, geht ruhig zu Ende und macht Platz für den zweiten Song, „Ocean of Night“. In diesem Song gesellt sich Rachel Goswell von der Band Slowdive zu Tom Smith und leiht, wenn auch nur in ganz kleinem Stil, ihre Stimme einem Song, der von Minute zu Minute Energie aufbaut, wo zunächst keine zu sein schien. An dieser Stelle, bedingt durch einen Gebrauch von Hall und Synthkraft, der an die White Lies erinnert, zeichnet sich allerspätestens die Richtung ab in die das ganze Album verläuft. Von offizieller Seite her heißt es, dass dieses Album „[…] künstlerische Interpretationen auch außerhalb des Bandgefüges erlaubt“ – und das merkt man.
Forgiveness“ offenbart den Post-Punk- und New-Wave-Einschlag der Band wie kein Song zuvor. Hier arbeitet man mit interessantem Beat und wird inhaltlich politisch. „The flag in your hand don’t make you American“, is’ klar, ne? Klanglich definitiv einer der besseren Songs auf diesem Album, auch wenn er Fragen zum allgemeinen Thema des Albums aufgibt.

Salvation“ ist ein mächtiges, tragendes Stück, das durch seinen Kontrastreichtum besticht. Streicher, Piano, das Leiden der Menschen in der Nacht, die Erlösung – definitiv Stoff einer Hymne zur Selbstverwirklichung. Das soll gar nicht so abwertend gemeint sein, wie es vielleicht klingt, denn dafür ist der Song einfach viel zu gut. Er weicht ab von dem was man sonst von den Editors erwarten würde, obwohl ein gewisser Pathos ja schon immer in ihren Texten steckte. Dennoch ist „Salvation“ durch das astreine Handwerk der Band authentisch und kein jämmerlicher Versuch sich in die moderne Leidkultur einzugliedern.

Ja, Editors machen seit Neustem auch Discosongs im Stil alter Tage – „Life is a Fear“ ist der Beweis. Synth-Beat, Kopfstimme, alles für einen erfolgreichen 80s Hit aus der Sicht einer Mittzwanzigerin, ist dabei. Allerdings gibt es da einen, der für mich noch weiter oben steht auf der Diskokugel-Skala. Einen Moment noch. „The Law“ ist mir gerade im Weg, da ich doch auf Diskoflitter hinauswollte. Diesen Song kann man eigentlich auch einfach überspringen, denn er steuert nicht wirklich viel zum Album bei. Mit diesem Song haben die Editors einen zwar sehr schönen Kissenbezug aus braunen Lederflicken genäht, allerdings kein Kissen eingesetzt, weshalb er… nun… platt ist. Nett. Aber platt. Zwischen „Life is a Fear“ und dem nun folgenden Song, geht das Stück leider ziemlich unter.

Von diesem Song möchte ich, dass es bitte ein Duett mit Tom Smith und Jimmy Somerville gibt. „Our Love“ heißt der Song, der es mit theatralischem Synth-Einsatz leider völlig übertrieben hat – ja, das ist möglich – allerdings einen ziemlich mitreißenden Verse liefert. Die Bridge, wo es ganz flehentlich heißt „Don’t stop believing“, könnte dabei direkt aus der Werkstatt Dieter Bohlens kommen. Ungelogen. Super platt, tausendmal gehört, am Rand die obligatorische Akustikgitarre à la ja-wir-spielen-manchmal-auch-echte-Instrumente-ganz-kurz. Der Song fängt extrem vielversprechend an, catchy tune and all that jazz, um dann nach allen Regeln der Kunst – pardon – abzukacken. Darf man das schreiben? Wir sind ja im Internet, da darf man das bestimmt.
All the kings“ ist wieder so ein Song, den ich mir hervorragend auf der 80s Revival Party vorstellen könnte. Textlich wird ungefähr der Plot des Videos zu Annie Lennox’ „Walking on Broken Glass“ abgehandelt, der herrschaftliche Klang des Songs und vor allem Smiths Gesang passen perfekt ins Bild. Diesmal gibt es auch keinen vermeintlichen Überraschungsauftritt von Gast-Produzent Bohlen.
At All Cost“ ist ein sehr melancholischer Song, gefühlvoll vorgetragen und sehr minimalistisch gehalten in seiner Ausführung.

Gemeinsam mit „Marching Orders“ bildet er den Abschluss des Albums. Dieses erfolgt durch ein sich langsam, aber stetig aufbauendes Finale. Ein wahres Klangfeuerwerk entfaltet sich während der sieben Minuten, die es braucht, bis das Kapitel „In Dream“ geschlossen wird und die Hörer:innen zurücklässt mit einer ganzen Reihe an Eindrücken und Gefühlen zu diesem Stück Musik.


Wer wie ich die Editors kennen und lieben gelernt hat durch Songs wie „An End Has A Start“ oder „Munich“, der wird verstehen, weshalb ich oben noch schrieb, dass ich nach Hören des neuen Albums ein wenig betroffen war. Beim ersten Durchhören nämlich war ich geradezu empört darüber, dass dieses Album nur sehr wenig mit dem zutun hatte, was ich mir vorgestellt habe. Weniger Gitarre, mehr Elektro. Weniger treiben, mehr tragen. Aber ich ahnte schon, dass dieses Album eines ist, was man mehr als einmal hören muss, um es zu verstehen. So ganz verstanden habe ich es noch immer nicht, was ohnehin schwer ist, da es durch die verschiedenen Spielarten der Songs nicht ganz rund ist. Dennoch kann ich sagen, dass ich mittlerweile eher betroffen bin von meiner eigenen Engstirnigkeit, die mir zunächst versagt hat dieses Album gut zu finden. Nun kann ich definitiv einen Daumen nach oben geben, wenn auch nicht ganz vorbehaltlos.


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Erscheinungsdatum
2. Oktober 2015
BAND/KÜNSTLER:IN
Editors
ALBUM
In Dream
LABEL
PIAS
Unsere Wertung
7.9
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Editors – In Dream
FAZIT
Wer wie ich die Editors kennen und lieben gelernt hat durch Songs wie „An End Has A Start“ oder „Munich“, der wird verstehen, weshalb ich oben noch schrieb, dass ich nach Hören des neuen Albums ein wenig betroffen war. Beim ersten Durchhören nämlich war ich geradezu empört darüber, dass dieses Album nur sehr wenig mit dem zutun hatte, was ich mir vorgestellt habe. Weniger Gitarre, mehr Elektro. Weniger treiben, mehr tragen. Aber ich ahnte schon, dass dieses Album eines ist, was man mehr als einmal hören muss, um es zu verstehen.
INHALT/KONZEPT
7
TEXTE
7.5
GESANG
8.5
PRODUKTION
8.5
UMFANG
8
GESAMTEINDRUCK
8
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Es ist schon gut, aber...
NEGATIV
... wer mit den früheren Alben der Editors schwer in Liebe gefallen ist, wird hier vielleicht eine längere Eingewöhnungsphase haben
7.9
PUNKTE

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