Foto: Rob Baker Ashton / PIAS

Smith & Burrows – Only Smith & Burrows Is Good Enough

Die Protagonisten, um die es mir nachfolgend geht, sind in der Musikwelt weithin bekannt und bräuchten eigentlich keine weitere Vorstellung. Der eine, Tom Smith, ist Sänger und Frontmann der Editors. Den anderen, Andy Burrows, kennt man von We Are Scientist oder Razorlight. Beide haben sich als Smith & Burrows zusammengetan, um jenseits ihrer gewohnten Projekte ihrer Vorliebe für ganz große und großartigte Pop-Songs zu frönen. Das haben sie vor mehr als zehn Jahren schon einmal getan. Das Ergebnis nannte sich “Funny Looking Angels” und zählt auch heute noch als Indie-Weihnachtsklassiker. Jetzt, 2021, wollen es Smith & Burrows noch einmal wissen. Und eines darf durchaus wörtlich genommen werden, wenn man sich für großspurigen Pop begeistert: “Only Smith & Burrows Is Good Enough”.

Wollte man die Zeit mal zurückspulen um die Wurzeln dieser Zusammenarbeit ausgraben, könnte man sich an diese einigermaßen offizielle Biografie halten, die in etwa folgendes erzählen würde:

Der Sänger einer europäischen Synthie-Gitarren-Band trifft auf den Schlagzeuger einer amerikanischen Rockband. Die beiden verbindet ein gemeinsames musikalisches Interesse (“Wir sind Kinder des Britpop. Die Explosion der Gitarrenbands in den Neunzigern ist der Grund dafür, dass wir tun, was wir tun”) aber auch unterschiedliche Einflüsse (“Siebziger und Elton John” auf der einen Seite, “REM, Achtziger, ein bisschen dunkler” auf der anderen). Sie nehmen zu Hause “nur zum Spaß” eine Coverversion von Blacks unsterblicher Ballade “Wonderful Life” aus dem Jahr 1987 auf und merken dann, dass “da was dran ist”. Man nimmt weitere Cover und vier Eigenkompositionen auf, stellt fest, dass die Ergebnisse angenehm “winterlich” sind und veröffentlicht sie als das Album “Funny Looking Angels”, das etwas Seltenes und schwer erfassbares ist: eine saisonale LP, die das wiederholte Hören belohnt. Kritiker, Fans und Konzertbesucher sind sich einig und merken auch, dass “da was dran ist”.

Und dann war es fast ein Jahrzehnt lang still um das Duo. Das Leben, die Kinder, andere Projekte nahmen überhand. Tja schade, Smith und Burrows: es war gut, solange es dauerte.

Aber ernsthaft, Freunde – wir säßen heute nicht hier und würden uns über Smith & Burrows unterhalten, wenn die Herren nach und in all der Zeit nicht doch einen Weg gefunden hätten, sich wieder musikalisch zusammenzutun. “Wir haben immer gedacht, dass wir ein weiteres Album machen würden“, erklärt Andy Burrows, ehemaliger Schlagzeuger von Razorlight. “Wir wussten immer, dass wir einen zweiten Teil von Smith & Burrows machen würden, weil wir wussten, dass wir etwas Großartiges zusammen machen können“, ergänzt Tom Smith, Frontmann der Editors. Es ging nur darum, die Zeit dafür zu finden – und innerhalb von zehn Jahren, hey, da findet man die Zeit, wenn man will. Smith & Burrows wollten. Werfen wir mal einen Blick auf ein paar der ohnehin an Highlights nicht armen Platte.

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Buccaneer Rum Jum” erinnert in seiner Melodieführung neben all dem Hawaii-Hula-Hoop-Getüdel manchmal schon ziemlich an die Titelmelodie des “Fall GuyColt Seavers. Das fröhlich schwingende “Spaghetti” mit dem harmlosen Titel kommt hingegen mit ziemlich zynischen Text um die Ecke:

I won’t let the good times roll
Another empty grin
Another empty soul

Gonna mess you up
Just like spaghetti
Gonna fill my cup
Up to the limit
Gonna suck you down
Just like spaghetti
Can you see my crown
Well don’t you forget it
I’ve been working you out
Well I’ll take the minutes
I’ve been turning this town
Upside down for years
For years

heißt es dort und wer mag, findet vielleicht Anspielungen auf politische Figuren jenseits des großen Teiches (oder zumindest auf der anderen Seite der Nordsee), von denen manche/r sicher sehr froh wäre, wenn sie zusammen mit ihren Gefolgsleuten im Lokus der Geschichte hinuntergespült werden würden. Auch das vermeintlich balladeske “Parliament Hill” hat so einen Unterton, der sich nicht weghören lässt – auch wenn die Hookline “Put a little heart in the somehow” unfassbar eingängig ist, die Akustikgitarre die Gehörgänge mit Samt auslegt und das Ooohooohoooh deutlich macht, dass diese Nummer ansonsten eigentlich auf großen Bühnen vorgetragen werden möchte. Unzählige mitsingende Kehlen und geschwenkte Feuerzeuge (oder heute: leuchtende Handydisplays bzw. Taschenlampen-Apps) inklusive. Diese Hommage an London, der Stadt die beide Protagonisten inzwischen verlassen haben, ist eines der schönsten Lieder, die wir in diesem Jahr gehört haben werden, führwahr. Gefolgt von einem weiteren ebensolchen: “Bottle Tops“. Ja leck mich doch fett! Mieser Ohrwurm, der, einmal im Gehör, gekommen ist um zu bleiben. Und dann hauen Smith & Burrows Textzeilen raus wie diese hier:

We don’t get all broken hearted
Take my life and just restart it
Week in warm weather dissolves this
Cloud surrounding me
Whatever

die dazu führen, dass man ihnen umgehend einen Songschreiber-Orden aus Notenpapier an die Brust heften möchte. Zusammen mit dem ziemlich exaltierten Gesang und dem kuriosen Sound, der gleichzeitig irgendwie minimalistisch und doch calypso-mäßig Urlaubsflair versprühend ist, entsteht eine bittersüße Nummer, die uns instant in jene Zeit zurückversetzt, als es noch diese harmlosen Urlaubsflirts gab, die gleichzeitig alles und nichts versprachen. Oder wenigstens in die Zeit, als es noch Urlaube gab. Der/die süße Kellner:in, die Dir jeden Abend während Deines Aufenthalts den Cocktail überreichte, stets mit einem Augenzwinkern und dem zauberhaftesten Lächeln der Welt – ist dieser Mensch einer Lichtgestalt gleich nicht ausschließlich nur für Dich erschienen? Dass es der Job dieser Person war, Gästen der Urlaubsanlage oder des Kreuzfahrtschiffes oder was auch immer, mittels solcher Flirterei eine schöne Zeit zu bescheren, das hast Du damals nicht gesehen. Mach Dir nichts draus, habe ich auch nicht. But just for a moment maybe / I’d be your one and only / I’d die a happy man, singen Smith & Burrows. Und ich seufze. Ich erinnere mich gerade daran, dass mir der Pressetext hinsichtlich dieses Albums irgendwas von großen Pop-Hymnen und handgemachten Arrangements erzählte. Ja, das hier ist groß. Ganz groß.

Und dann ist da ja auch noch “Too Late” mit seiner äußerst hektischen Gitarre – eine astreine Rocknummer, auf die U2, Muse und selbst die Editors (ja!) neidisch sein dürften. Sie hatten das vielleicht nicht im Sinn, aber in einem Jahr, in dem wir wohl keinen Stadionrock live erleben werden, definieren Smith & Burrows den Maßstab für eben diesen neu. Poah! “Es ist ein Ende-der-Welt-Liebeslied, bei dem wir zusammen sitzen und zusehen, wie alles auseinander fällt“, sagt Smith über diesen Song, der von ihm stammt. “Und Andy kam mit dem großen, schmetternden Refrain.” Dies nur als kleiner Exkurs. Wie gesagt, an Highlights und Abwechslung mangelt es diesem Album nicht. Tatsächlich wäre mehr Vielfalt auch nur schwer vorstellbar gewesen.

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Aufgenommen hat das Duo das neue Album zusammen mit Jacquire King (Tom Waits, Kings Of Leon, Norah Jones) in Nashville. Es heißt, sie verbrachten sechs sommerliche Wochen in der Hitze von Tennessee. Sie nahmen auf, arrangierten, harmonisierten, hingen ab und marinierten sich dabei selbst in Vintage-Whisky und Vintage-Gitarren. Das Leben ist manchmal wirklich hart, sag ich Euch. Smith und Burrows loben ihren Produzenten übrigens sehr dafür, dass er die Lead-, Background- und Harmoniestimmen mit intuitiver Sicherheit verteilt habe. Burrows sagt: “Keiner von uns beiden legte besonderen Wert darauf, wer von uns was singt. Es ging immer darum, was das Beste für den Song ist. Und Jacquire hat das verstanden – aber er hat auch die Idee vorangetrieben, dass die Songs gesanglich von Smith und Burrows stammen. Es ist also eine wirklich schöne gleichmäßige Stimmverteilung.” Man kann die Arbeit ihres Produzenten an dieser Stelle tatsächlich nicht hoch genug anrechnen. Beide Musiker ergänzen sich hervorragend, keiner von beiden steht über dem anderen. Smith UND Burrows, mit einem fetten, kursiven und dopppelt unterstrichenem und.

Es ist die idyllischste musikalische Flucht, die ich mir je hätte erträumen können“, resümiert Andy Burrows. “In einer anderen Welt könnten Smith and Burrows tatsächlich eine Vollzeit-Band sein. Aber uns beiden gefällt es sehr gut, dass es nicht so ist.
Egal, wie sehr wir beide mit anderen Dingen beschäftigt waren, ich hätte nie gedacht, dass dieses zweite Album nicht zustande kommen würde“, erklärt Tom Smith erneut. “Ich glaube nicht, dass wir es aufhalten konnten, dass es passiert. Es hat seine eigene Kraft, nämlich die Kraft unseres gemeinsamen Schreibens und unserer Stimmen. Obwohl es eine Weile gedauert hat.
Aber das Tolle an dieser Lücke ist, dass dies immer ein cooler Ort sein wird, an den wir gehen können“, ergänzt Burrows, “irgendwo, wo wir von unseren anderen musikalischen Projekten wegkommen und musikalisch und textlich und kreativ völlig offen sein können. Und in acht bis zehn Jahren machen wir vielleicht ein weiteres!” Was sehr zu begrüßen wäre, gerne auch früher.


Ich mache an dieser Stelle keinen Hehl daraus: ich feiere dieses zweite Album von Smith & Burros sehr hart! Tatsächlich gefällt es mir extrem gut, was die beiden Herren losgelöst von ihrem gewohnten Umfeld auf die Beine gestellt haben. Und vielleicht bin ich momentan angesichts des Zustands der Welt auch einfach sehr empfänglich für Musik, die mich für eine Weile eben diese Welt vergesen lässt. Das kann ich weder ausschließen noch leugnen. Wenn aber die Erwartungshaltung an ein Album die ist, dass man für die Spieldauer von etwa 40 Minuten ganz hervorragend unterhalten wird, jede Menge handwerklich außerordentlich gelungener und abwechslungsreicher Songs geboten bekommt, die ein breites Spektrum an Emotionen abdecken und sich inhaltlich nicht für einiges an Hintersinn zu schade sind – ja, dann macht man mit diesem zweiten Album von Smith & Burrows nichts falsch. Und ansonsten eigentlich auch nicht. Denn: Only Smith & Burrows Is Good Enough.


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Erscheinungsdatum
19. Februar 2021
BAND/KÜNSTLER:IN
Smith & Burrows
ALBUM
Only Smith & Burrows Is Good Enough
Label
PIAS
Unsere Wertung
9
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Smith & Burrows – Only Smith & Burrows Is Good Enough
FAZIT
Tatsächlich gefällt es mir extrem gut, was die beiden Herren losgelöst von ihrem gewohnten Umfeld auf die Beine gestellt haben. Und vielleicht bin ich momentan angesichts des Zustands der Welt auch einfach sehr empfänglich für Musik, die mich für eine Weile eben diese Welt vergesen lässt. Das kann ich weder ausschließen noch leugnen. Wenn aber die Erwartungshaltung an ein Album die ist, dass man für die Spieldauer von etwa 40 Minuten ganz hervorragend unterhalten wird, jede Menge handwerklich außerordentlich gelungener und abwechslungsreicher Songs geboten bekommt, die ein breites Spektrum an Emotionen abdecken und sich inhaltlich nicht für einiges an Hintersinn zu schade sind - ja, dann macht man mit diesem zweiten Album von Smith & Burrows nichts falsch.
INHALT/KONZEPT
9
TEXTE
9
GESANG
9.5
PRODUKTION
9
UMFANG
8.5
GESAMTEINDRUCK
9
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Tom Smith und Andy Burrows harmonieren musikalisch und stimmlich ganz hervorragend!
Kein Füllmaterial, dafür durch die Bank weg außerordentlich hochwertige Pop-Hymnen, komprimiert auf 10 Songs.
"Parliament Hill" und "Bottle Tops" sind zwei der schönsten Songs, die wir in diesem Jahr hören werden.
Gelungene Ausbruch aus dem Klangkorsett, in dem die beiden Protagonisten sonst stecken.
NEGATIV
(Möglicherweise dauert es wieder zehn Jahre, bis ein Nachfolger erscheint.)
9
PUNKTE
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TEXTE
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