Foto: Mike Garson's A Bowie Celebration

Mike Garson’s A Bowie Celebration: Just For One Day – eine Art Konzertbericht

Während wir uns immer noch mit der COVID-19-Pandemie herumschlagen (und eine neue, scheinbar noch ansteckendere Mutation davon die Runde macht), die Kulturbranche immer noch ziemlich brach am Boden liegt aufgrund des Lockdowns und dessen Begleiterscheinungen, während wir anstatt David Bowies 74. Geburtstag zu feiern stattdessen den inzwischen fünften Todestag betrauern müssen – in all dem gibt es dennoch Dinge, die positiv und erfreulich sind. Der Name Bowie ist nicht zufällig gefallen; Bowies Geburtstag und Todestag fielen beide auf das vergangene Wochenende und im Zuge dessen wurden für Fans allerhand spannende Dinge auf die Beine gestellt. So wurde unter anderem sein Musical “Lazarus” in der 2016er Aufführung des Londoner King’s Cross Theatres gestreamt, zwei bisher unveröffentlichte Singles wurden veröffentlicht – und Mike Garson, ehemaliges Mitglied u.a. der letzten Live-Band des Pop-Großmeisters, stellte im Rahmen seiner “A Bowie Celebration“-Konzertreihe ein möglicherweise wirklich einmaliges Livestream-Konzerterlebnis auf die Beine. Unter dem Motto “A Bowie Celebration: Just For One Day” versammelte der Pianist Garson ein hochkarätiges Ensemble aus Weltstars und ehemaligen Bandmitgliedern und Weggefährten, um dem Mann, der vom Himmel fiel, einen höchst würdigen Tribut zu zollen. Wir haben uns dieses Spektakel angesehen.

Duran Duran / Foto: Mike Garson’s A Bowie Celebration

Ursprünglich war geplant, das Konzert an Bowies Geburtstag, also am 8. Januar 2021, um 18 Uhr pazifischer Zeitzone stattfinden zu lassen. Was in unserer Zeitzone der 9. Januar um 3 Uhr morgens gewesen wäre. Ab diesem Moment sollte die Veranstaltung für 24 Stunden verfügbar sein. Kurz vor knapp wurde das Konzert aber um einen ganzen Tag verschoben, sodass das Konzert in unserer Zeitzone vom 10. Januar 3 Uhr morgens bis 11. Januar gleiche Uhrzeit verfügbar war. Hintergründe für die Verschiebung war die COVID-19-Situation, die in Los Angeles, von wo aus das Konzert in den Äther gesendet wurde, ganz besonders dramatisch ist. Nachdem wir das dreistündige Konzert nun also einen Tag später gesehen hatten keimte in uns die Vermutung, dass diese Aktion eine ziemlich aufwendige Geschichte gewesen sein muss, gerade auch hinsichtlich Planung und logistischer Durchführung – ganz besonders in diesen schweren und unsicheren Zeiten!

Mike Garson, Initiator (und auch Moderator in Personalunion) hatte jedenfalls nicht zu viel versprochen als er im Vorfeld ankündigte, dass die Beteiligten hier etwas ganz besonderes auf die Beine gestellt hätten und nicht nur eine weitere Zoom-Show. Fairerweise muss man sagen, dass auch andere Teilnehmer der Veranstaltungsbranche in den vergangenen Monaten ziemlich kreativ geworden sind darin, ihre Kunst an die Frau und an den Mann zu bringen. Angefangen bei Konzerten in Autokinos (wie VNV Nation beispielsweise), buchbare private Wohnzimmerkonzerte via Zoom (wie sie beispielsweise Enno Bunger anbietet) oder richtige Konzerte, professionell durchgeführt und gefilmt wie etwa die CUBEsessions (mit Adam is a Girl und diversen anderen Künstler:innen). Mike GarsonsA Bowie Celebration: Just For One Day” entpuppte sich als gelungener Hybrid aus vorab aufgezeichneten Beiträgen zahlreicher Gäste sowie vor Ort in den Rolling Live Studios aufspielenden ehemaligen Bandmitgliedern von Bowies Live-Band.

Billy Corgan / Foto: Mike Garson’s A Bowie Celebration

Und die Liste der beteiligten Künstler:innen ist wirklich beeindruckend gewesen: Billy Corgan (von den Smashing Pumpkins, Trent Reznor (von den Nine Inch Nails) nebst Ehefrau Mariqueen und Kollegenkumpel Atticus Ross, Boy George, Duran Duran, Anna Calvi, Macy Gray, Taylor Momsen (von The Pretty Reckless), Gary Barlow – ja selbst Schauspiellegende Gary Oldman und das trommelnde Wunderkind Nandi Bushell so wie viele, viele andere hatten sich “eingefunden”, um Songs von David Bowie, welche die komplette Karriere umfassten, auf ihre Weise zu interpretieren.

Das könnt Ihr Euch wie folgt vorstellen: Auf der Bühne der Rolling Live Studios waren vor allem Mike Garson nebst Flügel sowie weitere Ehemalige wie beispielsweise Charlie Sexton, der nicht nur bei einem David Bowie-Lookalike-Contest mitmachen könnte, sondern bei seiner Interpretation von “Let’s Dance” auch stimmlich und hinsichtlich Mimik und Gestik eine gute Figur machte. Auf der abgedunkelten Bühne waren ansonsten Monitore so geschickt platziert, dass andere Gastsänger:innen quasi in Lebensgröße neben den tatsächlich vor Ort anwesenden Musiker:innen performen konnten. So entstand, zusammen mit schicken Lichteffekten, ein bisschen der Eindruck eines “richtigen” Konzerts – jedenfalls so gut es eben ging. Einige wenige Gäste sangen neben der Band auch live im Studio. Hätten wir diese dämliche Pandemie gerade nicht, es wären wohl deutlich mehr gewesen.

Gary Barlow / Foto: Mike Garson’s A Bowie Celebration

Es ist zu vermuten, dass die Beiträge der zugeschalteten Gäste vorab aufgezeichnet wurden – an einem ziemlich coolen, vor allem auch ziemlich aufwendig und mit viel Hingabe und Leidenschaft auf die Beine gestellten Konzerterlebnis änderte das aber nichts. Ein bisschen fühlten wir uns an die “Virtual Band” an Bord der Kreuzfahrtschiffe von TUI Cruises erinnert. Dort sind es vier oder fünf Hochkantmonitore in Überlebensgröße, auf denen einzeln gefilmte Musiker:innen Songs spielen – geschickt zusammengeschnitten, sodass wenigstens bei flüchtiger Betrachtung der Eindruck von Live-Musik entstehen kann.

Sämtliche Gäste schienen auch wirklich sehr bemüht gewesen zu sein, dem großen Paar Schuhe, dass sie sich bei der Interpretation von Bowies Klassikern angezogen hatten, gerecht zu werden. Ein paar Highlights sollen nachfolgend erwähnt werden.

Bernard Fowler / Foto: Mike Garson’s A Bowie Celebration

Das erste war schon direkt der dritte Song, “Space Oddity“, hier dargeboten von Billy Corgan, der nur auf einem kleinen Röhrenfernseher zu sehen war, während sich die Bühne dank der Lichtshow in eine Art Sternenkarte verwandelte. Das war ziemlich cool anzusehen und hätte mit einer 3D-Brille vermutlich so richtig reingehauen. Anna Calvis Interpretation von “Disco King” war einigermaßen psychedelisch und erinnerte uns an ihre Version von “Blackstar“, die sie dereinst mit Amanda Palmer eingesungen hatte.

Gary Barlow von Take That kam mit einer ziemlich mitreissenden Performance von “Fame” um die Ecke – seine Vergangenheit als Boyband-Mitglied war sicherlich hilfreich, Bowies Bewegungen bei dieser Darbietung zu imitieren. Gail Ann Dorsey beeindruckte mit einer ergreifenden Version von “Can You Hear Me” und Michael C. Hall lieferte mit “Where Are We Now” eine hochwertige Darbietung ab, wie man sie eben auch schon in seiner Darbietung in der Hauptrolle des Musicals “Lazarus” erleben konnte. Leider war er aber ein bisschen schlecht zu erkennen.

Gary Oldman / Foto: Mike Garson’s A Bowie Celebration

Den meisten Eindruck jedoch hinterließen die folgenden Performances: “I Can’t Read” beispielsweise, vorgetragen von Gary Oldman. Bis zu diesem Tage hatten wir ehrlich gesagt nicht auf dem Schirm, dass Gesang eine große Leidenschaft des Mimen ist – und er darüber hinaus auch über das entsprechende Talent verfügt. Das wirklich ganz großes Kino, buchstäblich! Trent und Mariqueen Reznor sowie Atticus Ross machten aus “Fashion” eine astreine Nine Inch Nails-/How To Destroy Angels-Nummer und im Zusammenspiel mit dem stylischen Video würde es uns wirklich nicht überraschen, wenn ihre Interpretation des Songs nebst Video separat auf den üblichen Kanälen verfügbar gemacht werden würde.

Adam Lamberts Flirterei mit der Kamera war witzig anzusehen, zudem war sein Gesangsbeitrag auch einer der hochwertigsten. Man versteht leicht, warum der Mann mit Queen unterwegs ist. Andra Days und Judith Hills außerordentlich stimmgewaltige Version von “Under Pressure” entpuppte sich nicht nur als Gänsehautgarant, sondern tönte auch so ganz anders als gewohnt und vermutet aus den Boxen. Und last but not least Bernard FowlersHeroes“-Interpretation, unter anderem mit besagter Nandi Bushell am Schlagzeug. Das Mädchen ist gerade mal zehn Jahre alt, spielt aber schon gestandene Rockstars wie Foo Fighters-Frontmann Dave Grohl an die Wand!

Mike Garson / Foto: Mike Garson’s A Bowie Celebration

Hinsichtlich der Darbietungen hatte diese Show also wirklich wahnsinnig viel zu bieten – viel zu viel, um auf alles im Detail einzugehen. Allerdings war auch hier nicht alles Gold, was glänzte. So mag Mike Garson zwar ein begnadeter Pianist sein und ein herausragender Organisator – schließlich hat er diese eindrucksvolle Show auf die Beine gestellt und das auch nicht zum ersten Mal – gleichwohl ist er kein geborener Moderator. Wenn man schon Leute wie Schauspieler und Moderator Ricky Gervais mit in den Cast nimmt – warum lässt man ihn dann nicht auch die Moderation machen? Dessen allenfalls 30-sekündige Facetime-Wortmeldung hat uns einigermaßen ratlos zurückgelassen. Es entstand ein bisschen der Eindruck, dass Gervais die ohnehin prall gefüllte Liste prominenter Gäste zusätzlich aufbohren sollte.

Genauso wäre es schön gewesen, wenn die jeweiligen Interpret:innen und Songtitel eingeblendet worden wären. Wir haben das Konzert über Apple TV mittels der Hyfi-App geschaut, konnten uns somit also über einen Browser am Laptop zusätzlich einloggen und die Setlist nachlesen – komfortabel wäre aber anders gewesen. Es ist zu hoffen, dass diese Show eine weitere Verwertung als Download, DVD oder ähnliches erfährt und diese Informationen dann entsprechend als optionale Einblendung verfügbar gemacht werden.

Trent Reznor / Foto: Mike Garson’s A Bowie Celebration

Und der Beitrag von Duran Duran hat uns auch irgendwie eher befremdet. Weniger wegen der musikalischen Darbietung, das ist sicher Geschmackssache, als wegen deren Showeinlage als solches. Die meisten Bandmitglieder wirkten so, als fänden sie ihr Tun gerade hochgradig albern, zudem wirkte auch die ganze optische Präsentation so, als sei das in letzter Minute entstanden. Kurzum: Duran Durans Version von “Five Years” passte nach unserem Empfinden nicht zum Rest, von daher war es schon ganz gut, dies direkt an den Anfang der Show zu platzieren. Weiterhin: Der Schnitt war manchmal ein bisschen holprig, die Kameraführung manchmal ein bisschen unglücklich und der Gesang der Studiogäste gelegentlich zu leise.

Nandi Bushell / Foto: Mike Garson’s A Bowie Celebration

Das sind aber unterm Strich alles nur Kleinigkeiten. Dem gegenüber stehen, neben den Darbietungen, eine sehr gute Bild- und Tonqualität. Über die meiste Zeit, von den besagten Mikrofonproblemen abgesehen, war das ein ziemlich klarer und druckvoller Sound, der da aus den Boxen bummerte.

Zu den Dingen, die ich sehr bedauere, gehört es, niemals einem Konzert von David Bowie gegangen zu sein. Möglicherweise habe ich einem Konzert des Meisters niemals näher kommen können als am vergangenen Wochenende im Rahmen dieser Tribut-Show. Wie David Bowie selbst dieses Konzert gefallen hätte, vermag ich nicht zu sagen. Es fällt allerdings nicht schwer sich vorzustellen, dass die Hingabe und das investierte Herzblut ihm gefallen hätten. Es war visuell, musikalisch und hinsichtlich der Performances ein wirklich tolles Erlebnis – und sollte es wirklich eine einmalige Sache gewesen sein, so war es schön, das erlebt zu haben. In meinem Artikel über das Streaming-Konzert von Adam is a Girl hatte ich schon einmal darüber sinniert, ob wir hier dank der Pandemie nicht gerade Zeuge davon werden, wie etwas Neues entsteht. Mike Garsons Bowie-Konzert war definitiv eine weitere Stufe in der Evolution von Live-Konzerten und man darf sehr gespannt sein, wie die Reise weitergeht. Wie weiter oben schon mal eingestreut: Die “A Bowie Celebration” fand in diesem Jahr nicht zum ersten Mal statt, gleichwohl aber erstmals in dieser Form. Wenn 2022 Bowies 75. Geburtstag ansteht bin ich guter Dinge, dass Leute wie Mike Garson noch eine Schippe drauflegen, um eine noch beeindruckendere Show zu präsentieren. Für uns Fans wäre dies ein Glücksfall.


Mike Garson’s A Bowie Experience: Just For One Day Setlist

  1. Five Years – Duran Duran – 3:33
  2. Moonage – Daydream Lena Hall & Lzzy Hale – 8:56
  3. Space Oddity – Billy Corgan – 13:24
  4. The Man Who Sold the World – Perry Farrell & Etty Lau Farrell – 18:45
  5. Disco King – Anna Calvi – 22:50
  6. Fame – Gary Barlow – 0:30:25
  7. Young Americans – Corey Glover – 0:34:46
  8. Can You Hear Me – Gail Ann Dorsey – 0:41:52
  9. Sweet Thing / Candidate – Bernard Fowler – 0:47:02
  10. Let’s Dance – Charlie Sexton – 0:55:56
  11. Lady Stardust – Judith Hill 1:02:51
  12. Changes – Macy Gray – 1:07:18
  13. Slaughter on 10th Avenue – INSTRUMENTAL – 1:11:38
  14. Conversation Piece – Catherine Russell – 1:16:21
  15. Rebel Rebel – Charlie Sexton – 1:20:14
  16. Win – Joe Elliott – 1:24:34
  17. Ziggy Stardust – Joe Elliott – 1:28:49
  18. Quicksand – Taylor Momsen – 1:32:41
  19. DJ / Blue Jean – Charlie Sexton – 1:37:28
  20. Where Are We Now – Michael C. Hall – 1:43:47
  21. Rock’n’Roll Suicide – Taylor Hawkins – 1:47:33
  22. Hang On To Yourself – Corey Taylor w/ Navarro, Chaney and Hawkins – 1:48:33
  23. I Can’t Read – Gary Oldman – 1:55:41
  24. Jean Genie – Jesse Malin – 2:01:06
  25. Strangers When We Meet – Gail Ann Dorsey – 2:05:14
  26. Suffragette City – Peter Frampton – 2:10:14
  27. Fantastic Voyage – Trent Reznor w/ Atticus Ross – 2:14:23
  28. Fashion – Trent Reznor & Mariqueen w/ Atticus Ross – 2:19:00
  29. Lazarus – Ian Astbury – 2:23:16
  30. Life on Mars – Yungblud – 2:28:24
  31. Aladdin Sane (medley) – Boy George – 2:33:17
  32. Dandy – Ian Hunter – 2:41:41
  33. All the Young Dudes – Ian Hunter – 2:47:10
  34. Starman – Adam Lambert – 2:50:36
  35. Under Pressure – Andra Day & Judith Hill – 2:56:19
  36. Heroes – Bernard Fowler – 3:01:53

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