Foto: CD Projekt RED

Cyberpunk 2077

Gerade lief der Abspann eines der am meisten erwarteten und spätestens nach Veröffentlichung auch am meisten diskutierten Spiele des Jahres – und ließ mich einigermaßen sprachlos zurück. Die Rede ist natürlich von Cyberpunk 2077 und von dem Ei, das sich das Entwicklerstudio CD Projekt RED quasi selbst ins Nest gelegt hat, wird wohl jede:r Interessierte hinlänglich Wind bekommen haben. Kurze Auffrischung: Im Umfeld der Veröffentlichung des Spiels am 10. Dezember 2020 wurde das Spiel förmlich mit Reviews überschüttet, die voll des Lobes waren für das, was die polnische Spieleschmiede hier geschaffen hatte. Haken an der Sache: Zur Verfügung standen den ganzen Magazinen lediglich die PC-Fassung, die auf potenten Systemen auch eine gute Figur machte. Die erst zur Veröffentlichung nachgereichte Konsolenfassung hingegen… nun, die hätte noch abermalige Verschiebungen vertragen können. Von zahlreichen Bugs war die Rede, von einer Performance (Framerate-Einbrüche, häufige Abstürze, … ) jenseits von gut und böse und auch optisch soll der Titel weit hinter dem gelegen haben, was dem Hype verfallene Spieler:innen erwartet und erhofft haben. Einige Magazine sprachen sogar eine Kaufwarnung für Besitzer von Playstation 4 bzw. Xbox One aus. Aber wie man es macht, man macht es verkehrt: Einerseits wurde Cyberpunk 2077 bereits oft genug verschoben, andererseits sahen sich die Entwickler deshalb inzwischen sogar schon mit Morddrohungen konfrontiert! Inzwischen wurden einige Patches bzw. Hotfixes nachgereicht, der Titel dürfte auch auf den alten Konsolensystemen (PS4 bzw. Xbox One X) eine passable Performance bieten, sodass sich CD Projekt RED jetzt quasi “nur noch” mit der Sammelklage, eingereicht von einigen Investoren die sich betrogen und getäuscht fühlen, sowie dem Beheben der restlichen Bugs uuund im besten Fall dem Nachreichen weiteren Contents auseinandersetzen müssen. Ich will auf diesen Dingen gar nicht weiter herumreiten – in einschlägigen Fachmagazinen und Blogs war und ist das ganze Drama rund um den missglückten Start des Spiels in allen Einzelheiten nachzulesen.

Vielmehr möchte ich meine Erfahrungen und Eindrücke mit dem Spiel schildern und warum ich es für eines der besten Videospielerfahrungen jemals halte. Gezockt habe ich übrigens auf einer PS4 Pro und bin daher von größeren Problemen verschont geblieben. Spoilerwarnung: Wer das Spiel noch vor sich hat, sollte an dieser Stelle vermutlich aufhören zu lesen, denn es werden sich gewiss Spoiler in den Artikel verirren.

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Es ist Nacht in Night City, ich sitze auf einem klapprigen Stuhl auf dem Dach von Mistys Wohnhaus und blicke auf die Stadt, die buchstäblich niemals schläft. Leichter Regen fällt und vereint sich mit den unzähligen Neon-Leuchtreklamen, den Werbetafeln, den Lichtern der Autos und Laternen weit unter mir sowie den Positionslichtern vorbeifliegender AVs zu einer glitzernden und funkelnden Melange, die sicher schön anzuschauen wäre, wenn man gerade den Nerv dafür hätte. Wenn man nicht unmittelbar im Begriff wäre, eine folgenschwere Entscheidung zu treffen. Die Gedanken in meinem Kopf, die in diesem Moment wirklich nur mal mir gehören, drehen sich im Kreis. Den Lärm der Straßen weit unter mir – normalerweise allgegenwärtiger Dauerkrach – nehme ich auch kaum wahr. Neben mir steht ein nicht weniger klappriger Camping-Tisch. Darauf: eine schussbereite Pistole und zwei Tabletten. Jedes dieser drei Elemente steht für die drei Optionen, die mir ab jetzt noch bleiben. Ein starker Hustenanfall überkommt mich und wieder einmal hat das Optikimplantat Probleme damit, sich neu zu justieren. Die Sicht verschwimmt mir und es hat nichts damit zu tun, dass aus dem leichten Nieselregen das geworden ist, was man früher ergiebigen Landregen nannte. Ich stürze den letzten Schluck Tequila herunter, ehe sich die Plörre mit dem Regen vermischt und noch ungenießbarer wird. Der Alkohol brennt in meiner Kehle, lenkt mich aber direkt von dem neuerlichen Anfall ab. Zurück zur Entscheidungsfindung. Misty war eben noch hier, hat mit mir gesprochen. Mir gut zugeredet und mir erklärt, ich würde schon die richtige Entscheidung treffen. Dann ist sie gegangen. Vorher hatte sie mir noch die Karten gelegt. Armes, naives Tarotmädchen. Wenn die Welt doch so einfach wäre! Nun sitze ich hier, löse meinen Blick von der Stadt vor mir und betrachte meine drei Optionen: Die Waffe. Die beiden Tabletten. Die Pistole sowie wenigstens eine der beiden Pillen dürften ziemlich schnell einen ziemlich endgültigen Schlussstrich unter den Schlamassel ziehen, in dem ich mich befinde. Und bei der anderen Tablette bin ich mir zumindest nicht sicher, ob sie am Ende nicht auch meinen Untergang bedeutet. Drei Optionen, eine beschissener als die andere. Dann greife ich kurzentschlossen zu einer der Tabletten, schlucke sie und verschwinde ohne der Stadt noch einmal einen Blick zu schenken vom Dach. Die Zeit wird knapp, aber noch gilt es, Dinge zu erledigen – und vorher ein paar Telefonate zu führen. Also wähle ich ihre Nummer und verschwinde wieder in der Nacht.

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Diesen hier umschriebenen Punkt werden alle Spielenden von Cyberpunk 2077 irgendwann erreichen. Je nach Spielweise werdet Ihr aber bis dahin schon etliche Stunden in dieser ganz wunderbaren Spielwelt verbracht haben. Viele, viele interessante Charaktere getroffen und spannende weil unfassbar gut geschriebene Geschichten erlebt haben. Als mein V. diesen Punkt erreichte, hatten wir schon gut und gerne 40 Stunden auf den Straßen Night Citys zusammen verbracht. Und zu dem Zeitpunkt war die Liste zu erledigender Nebenaufgaben, die manchmal durchaus mit der Haupthandlung verwoben sind, noch nicht einmal zur Hälfte abgearbeitet. Hinsichtlich des Umfangs kann man Cyperpunk 2077 also keinen Vorwurf machen. Was den Inhalt anbelangt auch nicht. Ehrlich gesagt hatte ich das von CD Projekt RED aber auch nicht anders erwartet. Spätestens mit dem famosen Witcher 3 damals haben sie bewiesen dass sie das Zeug dazu haben Geschichten zu erzählen, an die man sich lange erinnert. Über deren Verlauf man sich gerne und eifrig mit anderen Spieler:innen austauscht. Paradebeispiel ist ganz klar “Der blutige Baron“, eine Questreihe in besagtem Hexerepos, das nicht nur mich wirklich nachhaltig beeindruckt hat.

Foto: CD Projekt RED

Die Geschichte, die CD Projekt RED hier entwirft, basiert auf dem Pen&Paper-Rollenspiel Cyberpunk 2020 (bzw. dessen Vorgänger Cyberpunk 2013) – und die wiederum hatten den Roman Neuromancer von William Gibson als Vorlage. Neuromancer erschien 1984; denkbar dass dieses Buch wiederum den Film Blade Runner sowie die literarische Vorlage(n) von Philip K. Dick als Inspirationsquellen hatte. Ist unterm Strich aber auch egal. Cyberpunk 2077 erzählt eine ganz eigene Geschichte, die in dieser dystopischen Zukunft angesiedelt ist und in der mächtige Mega-Städte (vergleichbar etwa mit den Mega Cities aus Judge Dredd), die von Konzernen und nicht mehr Regierungen beherrscht werden, der Menschheit nach einem ziemlich vernichtenden Krieg als Zuhause dienen. Die Menschen des Jahres 2077 lassen sich grob in drei Kategorien einteilen (Nomaden, Street Kids und Konzerner – quasi die drei wählbaren biografischen Hintergründe beim Start eines neuen Spiels) und sind allermeist verchipt und verchromt. Will sagen: mit Implantaten aufgemotzt. Bei der in vielerlei Hinsicht als Vergleich dienenden Spielereihe Deus Ex hätte man hier von Augmentierungen gesprochen.

Diese Implantate verschaffen den Einwohnern von Night City, Schauplatz des Spiels und eine dieser Mega-Städte irgendwo in Kalifornien angesiedelt, sowie den Spielenden diverse Vorteile. Es können dies die Fähigkeit zu schnellerem Hacking sein, höhere Widerstandskraft gegen Schäden oder die Möglichkeit Sonderfunktionen von Tech-Waffen zu nutzen. Dazu später mehr.

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Im Gegensatz zu Witcher 3 ist die Handlung, die CD Projekt RED hier entwirft, aber nicht von so globaler Bedeutung für die Spielwelt. Will sagen: Wenn V. die Lichter ausgeknipst werden, geht nicht gleich die Welt unter. Da ist also keine Wilde Jagd oder dergleichen, die den Weltuntergang beschwören will. Und doch werden hier ganz große, philosophische Bögen gespannt: Wie ist das so, wenn zwei Seelen in einer Brust wohnen? Also buchstäblich? Und wenn es die Menschheit schon geschafft hat, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen – was macht man dann mit der Seele? Dürfte man Elemente aus diesem “Backup” eigentlich einfach so entfernen? Damit beim Wiedereinspielen der Sicherung vielleicht unliebsame Eigenschaften verschwunden sind? Und überhaupt: Wenn die in so mancherlei Hinsicht ähnlich gelagerte Matrix-Trilogie der Wachowski-Schwestern eine Transgender-Allegorie ist, wie Co-Regisseurin Lilly Wachowski kürzlich bestätigte – ist dann Cyberpunk 2077 nicht auch als Gleichnis auf eine bösartige Krankheit im Kopf zu deuten, die langsam aber sicher die Oberhand gewinnt? Sei dies nun ein Tumor, ein Aneurysma oder was auch immer sich so im Oberstübchen einnisten kann, und der Kampf dagegen immer ein Wettlauf mit der Zeit ist, der oft genug nicht gewonnen werden kann? Fragen über Fragen. Manche wird Euch das Spiel beantworten, manche nicht. Wenn aber der Abspann über den Bildschirm läuft, dann werdet Ihr bis zu diesem Zeitpunkt eines der Spiele erlebt haben, die hinsichtlich ihrer Erzählung eines der großartigsten und mitunter intensivsten Erlebnisse jemals bietet.

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Kommen wir zum Spiel selbst. Aus irgendeinem Grunde wird und wurde hinsichtlich der offenen Welt von Cyberpunk 2077 immer wieder der Vergleich zu GTA gezogen. Ich frage: warum? Nur weil ich mich auf einer wirklich großen Karte austoben kann, wo es jede Menge zu tun gibt? Also nicht Ubisoft-mäßig viel, aber doch genug um bei Laune zu halten und doch nicht so viel, als dass es ein reines Abklappern von Kartenmarkierungen verkommt. Oder weil es hier Autos gibt, mit denen ich über Karte brettern kann und die ich, wenn mir der Sinn danach steht, auch ungefragt stiebitzen kann? Der Vergleich zu GTA ist meines Erachtens falsch und unnötig. Cyberpunk 2077 ist wohl vor allem deshalb eine offene Welt geworden, weil sich die Dimensionen von Night City, das sich weniger in Länge und Breite erstreckt als vor allem auch in die Höhe – überlappender, begehbarer Ebenen sei dank – so viel besser erfassen lassen. Und weil es zu einem (Action-)Rollenspiel auch viel besser passt, da es das Gefühl von Freiheit gut unterstützt. Ich nehme das spielerisch durchaus ähnliche Deus Ex (Mankind Divided oder Human Revolution, das spielt keine Rolle) als Vergleich: Hier hatte ich hinsichtlich der Lösung einer bestimmten Situation zwar mehr Möglichkeiten, dafür waren die Schlauchlevel aber eben doch sehr begrenzt und manches Mal ein Malus auf die Immersion. In Night City kann ich nicht nur weitgehend sein, wer und wie ich will, sondern die Dinge auch in meinem Tempo angehen. Die meiste Zeit habe ich auch hier auf die Möglichkeit der Schnellreise verzichtet, sondern bin entweder durch die verdreckten Straßen der Super-Metropole gelaufen, oder mit dem Motorrad in Richtung der Badlands (quasi dem umgebenden, wüstenartigen Ödland) geknattert. In beiden Fällen habe ich mich an der hübsch und vor allem glaubhaft gestalteten Welt erfreut.

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Abgesehen davon war mir die Steuerung der Autos, die sich zwar dem Aussehen entsprechend wuchtig angefühlt haben, meist auch zu hakelig. Wer diesen Punkt an Cyberpunkt 2077 kritisieren wollte sowie das Verhalten der KI-Verkehrsteilnehmer: stimmt. Das ist im derzeitigen Zustand nicht gerade Weltklasse, stört mich persönlich aber genau null. Die Stärken des Spiels sehe ich woanders und persönlich habe ich auch keinen weiteren Open World-Titel erwartet, der seinen Schwerpunkt auf ausgefeilte Fahrmechanik legt. Das kann GTA definitiv besser, keine Frage. In meinen Augen ist das aber auch hier wieder nur ein Mittel zum Zweck, mich als Spieler tiefer in die Welt hineinzuziehen. Ich könnte mit einem Auto fahren, wenn ich wollte. Bei Deus Ex standen die Karren nur dekorativ in den hübschen Levels herum, sie zu bewegen war aber unmöglich. Hier geht es.

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Überhaupt bemüht sich das Spiel sehr darum, Spieler:innen in die Welt hineinzuziehen. Das fängt bereits bei der Charakererstellung an, wo sich nicht nur die üblichen Dinge wie Geschlecht, Haarfarbe oder Tattoos festlegen lassen, sondern auch die Größe der Genitalien sowie Umfang, Farbe und Form der Schambehaarung. Auch nicht binäre Persönlichkeiten lassen sich erstellen. Was den Umfang der Charaktererstellung angeht, macht dem Spiel wohl so schnell kein anderer Titel was vor. Dass ich das Abenteuer fortan aber weitgehend aus der Ego-Perspektive erlebe (von gelegentlichen Blicken in den Spiegel oder dem Steuern der Fahrzeuge abgesehen), macht nichts. Die Figur, die ich am Anfang erschaffen habe, ist eben mein V., wie ich ihn in der Welt von Cyberpunk 2077 losschicken möchte, um der beste Söldner der Stadt zu werden. Dass man hinterher am Erscheinungsbild nichts ändern kann, ist schade. Also von unzähligen sammelbaren Klamotten, die sich in Kategorien wie Kopfbedeckung, Jacken, Hemden, Hosen und Schuhe einteilen lassen, abgesehen. Denkbar ist aber dennoch, dass diese Funktion mit einem späteren Update noch nachgereicht wird. Auch Witcher 3 hatte anfangs sehr mit Bugs zu kämpfen und wurde mit zwei sensationellen DLC-Erweiterungen mächtig aufgebohrt. Ebenfalls nur ein Detail, hinsichtlich aller anderen Details aber nicht ganz nachvollziehbar: warum kann ich an den zahlreichen Fressbuden, die sich über die Stadt verteilen, nichts zu essen kaufen? Das wäre doch die leichteste Übung gewesen, eine kleine, entsprechende Funktion einzubauen um denen, die so richtig in Night City eintauchen wollen, die Immersion zu erhöhen? Auch hier hoffe ich auf einen entsprechenden Patch.

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Spielerisch wird und wurde oft der Vergleich zu Deus Ex gezogen und tatsächlich: wer sich mit der Reihe anfreunden konnte, wird gewiss auch an Cyperpunk 2077 seine Freude haben. Allerdings war Deus Ex konsequenter, was die spielerische Freiheit anbelangt. Cyberpunk 2077 lebt von den starken Dialogen und den zu treffenden Entscheidungen, die durchaus Auswirkungen haben. Ein Beispiel: es gab eine Nebenmission, die ich erst absolviert habe, nachdem ich in der Hauptstory schon weiter vorangeschritten war. Ein Protagonist war zu dem Zeitpunkt allerdings schon nicht mehr am Leben – entsprechend wurden auch Texte und Dialoge der Nebenmissionen entsprechend auf diese Ereignisse angepasst und das Ableben des Questgebers berücksichtigt. Keine Selbstverständlichkeit, dass sich CD Projekt RED hier diese Mühe gemacht hat! In vielen anderen Spielen wird eine Mission, noch dazu eine nebensächliche, nicht so sehr auf die Entscheidungsmöglichkeiten der Spielenden hin angepasst. Schade, dass dies nicht auch der Fall ist, wenn der Abspann gelaufen ist und man sich wieder in die Welt zurückbegibt. Hier wird man schlicht und ergreifend an einen Punkt vor bestimmten Entscheidungen zurückgebracht. Mit einem nervenden Johnny Silverhand (aka Keanu Reeves) weiterhin im eigenen Kopf. Damit kann man dann zwar noch erledigen, was an Aufgaben vielleicht noch offen ist, der große Reiz ist dann allerdings verflogen. Hier hoffe ich auf ein New Game+, wobei ich zwar auch wieder von vorne anfinge, aber wenigstens gesammelte Implantate, Ausrüstungsgegenstände und dergleichen behalten würde.

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Hinsichtlich der Spielmechanik habe ich aber nicht das Gefühl gehabt, wirklich die Wahl der Herangehensweise gehabt zu haben. Ja, ich hätte hier und da schleichen können. Ja, ich hätte meine Hacking-Skills mehr entwickeln können. Dennoch hatte ich nie das Gefühl, dass Cyperpunk 2077 mich irgendwie dazu motiviert, mich anders durch die Missionen zu bewegen als mittels Ballerei. Zumal es durchaus Nebenmissionen gab, in denen gar keine andere Möglichkeit bestand als alle Gegner zu eliminieren. Hier hatte Deus Ex deutlich mehr zu bieten; ich erinnere mich an Spieldurchgänge die ich seinerzeit absolvierte, ohne auch nur einen einzigen Gegner ausgeschaltet zu haben. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass dem Schleichen und Hacken erst mehr Priorität eingeräumt wurde und das diverse Dinge dann des nahenden Veröffentlichungstermins wegen dem Rotstrich zum Opfer gefallen sind.

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Man spielt Cyberpunk 2077 also nicht der ausgefeilten Spielmechanik wegen sondern viel mehr wegen des Umstands, zwischen den Missionen und vor allem in den Dialogen spielerische Entscheidungsfreiheit zu genießen. Und wegen einer tiefgehenden, erwachsene Geschichte mit vielen ziemlich eindrucksvollen Momenten, angesiedelt in einer dystopischen, überzeugenden Spielwelt. Die Altersfreigabe ab 18 passt schon ganz gut, nicht nur der nicht gerade zimperlichen Gewaltdarstellung wegen.

Ich für meinen Teil habe bereits den nächsten Durchgang gestartet. Für den ersten Durchlauf habe ich den Nomaden-Hintergrund genommen und so gespielt und entschieden, wie es meiner wahren Persönlichkeit am nächsten kommt. Runde zwei wird als Konzerner sein und deutlich mehr auf Arschloch gebürstet. Übrigens: Die drei verschiedenen Ausgangssituationen unterscheiden sich vor allem in der ersten halben Stunde, danach geht das Spiel an vielen Punkten einen ähnlichen, wenn nicht gleichen Weg. Das CD Projekt RED drei verschiedene Stories innerhalb nur eines Spiels vereint, war aber auch nicht ernsthaft zu erwarten. Dass Cyperpunk 2077 in Sachen Gameplay den Schwerpunkt in Richtung Shooter setzt, geht für mich in Ordnung. Ich hatte im Vorfeld keine Trailer angeschaut und auch keine Vorschauberichte oder ähnliches gelesen und daher ohnehin keinerlei spezielle Erwartungen diesbezüglich. Bonus für diejenigen unter Euch, die darauf Wert legen: die unterschiedlichen Waffen fühlen sich auch alle unterschiedlich an – ein großkalibriges Scharfschützengewehr kommt mit einem ganz anderen Bumms um die Ecke als die kleine Knalle für die Handtasche.

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Auch optisch geht das Spiel völlig in Ordnung für mich. Mag sein, dass es auf dem PC wegen diverser Effekte noch einen Zacken besser aussieht. Das Charakterdesign bzw. das generelle Art-Design ist aber überall dasselbe – und das überzeugt mich sehr. Dass die hervorragende deutsche Synchronisation dank des Einsatzes von KI lippensynchron ist zu den sehr sehenswerten Charaktermodellen, ist ein Bonus.

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Ansonsten hat mir die Gestaltung der Spielwelt wirklich gut gefallen. Night City erinnert mich an eine Mischung aus Blade Runner und Judge Dredd, die umgebenden Badlands hingegen machen den Eindruck, sehr von den Mad Max-Filmen inspiriert worden zu sein. Es gibt beim Spaziergang durch Night City viele Details zu entdecken. Nur das virtuelle London in Watch Dogs: Legion fand ich optisch noch ansprechender – allerdings auch lebloser. Zwar ist auch Night City auf der PS4 Pro nicht gerade überrannt von NPCs, aber in einer dystopischen Zukunft nach einem Krieg (und einer tödlichen Pandemie in der echten Welt) will ich da mal nicht so kleinlich sein. Dass die Animationen der Figuren, wenn sie vor mir herlaufen, eher hölzern wirken – geschenkt. Das reißt mich nicht aus dem Gefühl heraus, gerade in einer riesigen, dreckigen, vermutlich auch ziemlich stinkenden Kloake von einer Großstadt unterwegs zu sein. Dafür ist das generelle Artwork einfach zu gelungen.

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Kurz gesagt: Die hauseigene RED Engine zaubert stimmungsvolle Bilder auf den Schirm, gerade auch hinsichtlich des Tag- und Nachtwechsels sowie unterschiedlicher Wetterverhältnisse. Und dass sich Night City mehr nach oben als in die Fläche erstreckt, ist für mich ein reizvoller Bonus. Immer mehr in die Breite gehende Spielwelten gab es zuletzt ja genug. Spitzenreiter ist für mich Assassin’s Creed: Odyssey, wo ich irgendwann gar keinen Bock mehr hatte, die zwar hübsche, aber immer gleiche Mittelmeerwelt zu erkunden. Da ist mir ein kompaktes, aber immer noch enorm großes Night City deutlich lieber!

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Die Synchronisation bzw. generell die Lokalisierung ins Deutsche sind hervorragend gelungen. Dass die männliche Version von V. ein bisschen so klingt wie Adam Jenssen aus Deus Ex ist sicher kein Zufall. Auch die musikalische Untermalung weiß zu gefallen.

Cyberpunk 2077 macht hinsichtlich der Welt, die hier erschaffen wurde und der Charaktere, die sie bevölkern, so unfassbar vieles richtig. Dennoch ist es weit entfernt davon, ein perfektes Spiel zu sein. Wollte man sich daran hochziehen, dann könnte man unter anderem folgende Dinge zusätzlich zu den bereits genannten ankreiden: Die KI der Gegner ist nicht eben die hellste. Mir kommt der Begriff Kanonenfutter in den Sinn. Oder auch die Polizei, die Spielenden wegen jeder Kleinigkeit am Hintern hängt, sich aber so leicht abhängen lässt dass es beinahe schon ärgerlich ist. Warum ist der Fähigkeitenbaum zwar ziemlich umfangreich, teilweise aber auch ziemlich sinnlos? Sprich: Warum kann ich einen Perk abgreifen der es mir ermöglicht, unter Wasser möglichst unauffällig zu sein, wenn ich im gesamten Spiel keinen Grund habe, ins Wasser zu gehen? Warum hat V. zwar eine eigene Bude, aber keinen wirklichen Grund, dorthin zu gehen? Warum gibt es nicht die Möglichkeit, diese zu wechseln? Warum beschränkt sich das Hacken auf ein selten dämliches Minispiel das sich im Wesentlichen darauf beschränkt, im richtigen Moment die eingeblendete Zahlen-/Buchstabenkombination anzuklicken? Weshalb kann ich quasi jeden Teil meines virtuellen Körpers chippen, muss davon aber im Spieldurchlauf nicht mehr Gebrauch machen? Mein V. hatte den ersten Durchgang über stets nur die Implantate, die er von vornherein hatte. Warum ist der Mauszeiger – die ursprüngliche Entwicklung für den PC ist an allen Enden sehr offensichtlich – so ein fürchterlich hässliches Quadrat? Und warum gibt es – neben den hinlänglich bekannten Problemen – immer noch so viele Bugs, die zwar nicht stören (so wie im Raum herumschwebende Gegenstände usw.), aber eben doch vorhanden sind? Und warum wirken viele Sachen manchmal so, als seien sie entweder mit der heißen Nadel gestrickt oder kurz vor knapp den Rotstift zum Opfer gefallen? Nein, Cyberpunk 2077 ist noch meilenweit von einem perfekten Spiel entfernt.

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Aber wenn man das erste Mal das Afterlife, einen zwielichtigen Nachtclub, betritt und sich diese unwirkliche, neongrüne, cyberpunkige Version von Edward Hoppers Gemälde “Nighthawks” vor einem ausbreitet, wenn man die Geschichte rund um Evelyn Parker bis zu ihrem dramatischen Höhepunkt verfolgt, wenn sich das erste Mal Johnny Silverhand in der eigenen Birne meldet, man einen Blick auf Night City aus einiger Entfernung wirft – in all diesen Momenten (und noch unzähligen weiteren!) entfaltet Cyberpunk 2077 seinen großen Reiz. Wenn man die vielen Textdokumente liest, den zahlreichen Gesprächen irgendwelcher Passanten lauscht (aus denen sich manchmal Quests ergeben), man der Story folgt, dann passiert es ganz leicht, dass man so sehr in diese mit viel Liebe zum Detail geschaffene Welt abtaucht und so schnell nicht mehr daraus verschwinden möchte. Es ist sogar sehr leicht derart tief darin zu versinken, dass sich Geschichten wie die eingangs geschilderte rund um jede Szene, jede noch so willkürliche Begegnung, jeden noch so vermeintlich belanglosen Spaziergang durch Night City spinnen lassen.

Cyberpunk 2077 hätte zweifellos noch viel mehr Zeit gebraucht um zu dem werden, was sich die Entwickler gewiss auf die extrem ambitionierte To-Do-Liste geschrieben haben. Es bleibt zu hoffen, dass CD Projekt RED die Mankos im Laufe der Zeit noch beheben werden. Cyberpunk 2077 hat das Potenzial dazu ein Spiel zu sein, das gekommen ist um zu bleiben. Einem ganzen Genre seinen Stempel aufzudrücken. Bis dahin ist es aber schon jetzt ein Spiel mit einer wahnsinnig gut geschriebenen Geschichte. Ein Erlebnis, das in der Videospielgeschichte definitiv seinesgleichen sucht. Und wer sich auch nur ansatzweise für die Thematik bzw. das Setting interessiert oder weiß, dass CD Projekt RED gute Geschichtenerzähler sind, sollte sich Cyberpunk 2077 nicht entgehen lassen. Das Jahr 2020 hatte wahrlich nicht viele Highlights, Cyberpunk 2077 ist jedoch eines davon. Aller Mängel und gemachter Fehler zum Trotz.

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