Foto: Arne Grugel

Niconé – Slowen

Einen großen Teil des bewusst gelebten Tages verbringen viele von uns auf der Arbeit. In dem bisschen Zeit, die dann noch übrig bleibt, muss alles andere geregelt werden. Haushalt, Zwischenmenschliches, irgendwelche Amts- und Behördengänge etc. pp. – Ihr kennt das. Eine Spirale, die sich scheinbar immer schneller dreht und dafür sorgt, dass sich Zeitspannen oftmals nur nach wenig mehr als nur einem Fingerschnippen anfühlen. Wie will man in so einer Zeit die Ruhe und die Muße finden, einen Gang zurückzuschalten und sich mal nicht von der Hektik des Alltags treiben lassen? Man muss es bewusst tun. Hinsetzen, Füße hochlegen, nichts tun außer den ungeordneten Gedanken im Kopf folgen, wohin auch immer sie führen mögen. Das neue Niconé-Album „Slowen“ kann Euch dabei unterstützen.

Niconé ist ein Musikprojekt, das 2007 von Alexander Gerlach in Zusammenarbeit mit Helena Kapidzic als ein Mode-trifft-Musik-Projekt ins Leben gerufen wurde. Ob nun im Berliner Club Watergate, im Social Club in Paris oder auf dem Fusion Festival – überall dort, wo Minimal, House, Deep-House & Co. die als bevorzugte Stilrichtung elektronischer Musik gern gehört sind, ist auch Niconé ein gern gehörter Gast. Das Credo seines Tuns: Take it easy. So überrascht es auch nicht, dass Gerlach sich für das neue Album des eigens geschaffenen Konzepts der „Slowtronic“ bedient. Einen Gang zurückschalten. Ruhig angehen lassen. Es leicht nehmen. Allenfalls über 111bpm verfügen die 10 Songs des Albums „Slowen“, die mit großer Handfertigkeit arrangiert und produziert worden sind.

Es ist schwierig, einen oder mehrere bestimmte Songs herauszupicken um diese gesondert ins Rampenlicht zu schieben. Die Tracks auf „Slowen“ sind nur in der gebotenen Reihenfolge und am Stück genossen wirklich effektiv. Wer sich dem Album von Anfang bis Ende hingibt, kann von den minimalistisch gehaltenen Downtempo-Nummern wahrlich in einen Fluss gerissen werden. Einer von der Sorte, wo man erst mitbekommt, dass das Album bereits zum dritten Mal dudelt, wenn andere, äußere Faktoren das Hörvergnügen unterbrechen. Dann wieder “reinzukommen” ist gar nicht so einfach, sag ich Euch. Im Zweifelsfall alles zurück auf Anfang und noch mal von vorne. Vorher aber Handy aus und die Türklingel abziehen.

Des Weiteren folgen die Songs auf „Slowen“ auch nicht klassischen Songstrukturen. Vor allem rhythmisch sind sie, die Songs, bieten ansonsten in punkto Melodie aber nur Fragmente. Gesungene Texte, Vocals bzw. Gesang in althergebrachter Weise sucht man hier auch weitgehend vergebens. Einzig in Form von Samples oder dolle verfremdet sind Stimmen zu hören, manchmal ohne, dass sie einen verständlichen Sinn ergeben würden. Aufgrund ihrer maximal reduzierten Natur der gebotenen Mucke wird sie sicher klugscheißende Hörer auf den Plan rufen die sie hören und bekunden: na das könnt ich auch noch! Nee. Kannste nicht. Sich auf wesentliches zu konzentrieren, mit so wenig Mitteln wie möglich eine maximale Wirkung zu erzielen wird wohl eine größere Kunst darstellen, als einen Song mit immer neuen Spielerein zu überfrachten.

Manchmal passiert es, dass Niconé an andere Titel oder Künstler:innen erinnert – wenn auch abermals nur in Spurenelementen. Nehmen wir „Knowen“ als Beispiel. Es startet mit einfachen Gitarrenakkorden, die dafür sorgt dass ich mir denke: Hallo Dunkelheit mein alter Freund… Nur dass der Simon & Garfunkel-Klassiker nicht fortgeführt oder gecovert oder sonstewas wird, sondern die gleichen Akkorde in veränderter Tonlage wiederholt werden. Und dann wieder mit der ursprünglichen Tonlage. Und immer so weiter. Stets im Wechsel. Bis die fließenden Beats einsetzen und ein bisschen Stimme (hier von Limon) zu vernehmen ist, die aus einer anderen Dimension das Ohr des Hörers zu erreichen scheint. „Visionen“ erinnert zunächst an eine minimalelektronische Zugfahrt durch die Nacht, unter anderen Umständen vielleicht orchestriert von Jean Michelle Jarre. Und wenn in „Seven“ die fetten, warmen Analog-Synthies losdonnern – damm damm – dann lacht irgendwie mein elektronisches Herz.

Wer in der Szene zuhause ist, die Niconé bedient, wird sicherlich hier den ein oder anderen Track finden, der zu völlig losgelöstem Tanz einlädt. Aber wie es in der Pressemitteilung zum Album schon so treffend heißt: […] so besteht keine Aufforderung zum Tanzen. Kein Drang zur Bewegung. Nur eine bewegende Entspannung. Sollte es also so etwas geben wie einen Traumfänger in Form elektronischer Musik – Niconés „Slowen“ wäre wohl ein leuchtendes Beispiel dafür. Betrachtet es als Einladung und Möglichkeit, das Leben wirklich mal für eine kurze Weile zu entschleunigen und vielleicht das Gedankenwirrwarr zu sichten, zu ordnen und neue Kraft zu tanken. Das Medikament „Slowen“ von Herrn Gerlach ist überall rezeptfrei dort erhältlich, wo es (digitale) Musik gibt.


Viel minimalistischer kann ein Album kaum noch ausfallen, ohne dass es anschließend eine unhörbare Ansammlung von Tönen wäre. Niconés „Slowen“ ist aber hörbar. Sehr gut sogar. Seinen Ansatz der Entschleunigung, den Versuch der elektronisch orientierten Musikwelt „Slowtronic“ als neue Spielart beizufügen finde ich sehr begrüßenswert. „Slowen“ ist mit Sicherheit nicht jedermanns Sache. Wer sich aber bewusst darauf einlässt – und das muss man, „nur so nebenbei“ funktioniert hier nicht – bekommt inspirierende, neue Kraft schöpfende, musikalische Tiefenentspannung der Sonderklasse. Wenn ich das nächste Mal in einer Balkonkabine eines Kreuzfahrtschiffes übers Meer schippere, werde ich mir das Album noch einmal geben. Über Kopfhörer. Sollte dann eine freak wave den Kahn in die Tiefe reißen, habe ich vermutlich aufgrund dieser Kombination vorher meinen Frieden mit der Welt gemacht und jeden Gedanken zu Ende gedacht. Dolles Ding, dieses „Slowen“.


Erscheinungsdatum
23. Januar 2015
BAND/KÜNSTLER:IN
Niconé
LABEL
Slowen
Unsere Wertung
7.5
Niconé – Slowen
FAZIT
Wer sich aber bewusst darauf einlässt - und das muss man, „nur so nebenbei“ funktioniert hier nicht - bekommt inspirierende, neue Kraft schöpfende, musikalische Tiefenentspannung der Sonderklasse. Wenn ich das nächste Mal in einer Balkonkabine eines Kreuzfahrtschiffes übers Meer schippere, werde ich mir das Album noch einmal geben. Über Kopfhörer. Sollte dann eine freak wave den Kahn in die Tiefe reißen, habe ich vermutlich aufgrund dieser Kombination vorher meinen Frieden mit der Welt gemacht und jeden Gedanken zu Ende gedacht. Dolles Ding, dieses „Slowen“.
INHALT/KONZEPT
7
PRODUKTION
7.5
UMFANG
7
GESAMTEINDRUCK
8.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Extrem tiefenentspannte elektronische Musik der Extraklasse.
NEGATIV
7.5
PUNKTE

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