Foto: Daria Sannikova / Pexels

“Musikalben, die deinen Musikgeschmack beeinflussten” mit: Elmar Herrmann (Amphi Festival, Rittis Welt)

Anlässlich der Facebook-Challenge, die vor ein paar Monaten die Runde machte und in der es darum ging, die Cover von 10 Alben zu posten, die großen Einfluss auf den persönlichen Musikgeschmack hatten, entwickelte ich diese Artikelreihe als eine Art Langzeitprojekt. Es ging und geht darum, Musiker:innen, Künstler:innen und/oder generell Menschen, mit denen AVALOST auf die ein oder andere Weise verbunden ist zu befragen, welche 10 Alben denn ihren persönlichen Geschmack beeinflusst hätten und warum. Und dabei mehr zu liefern, als nur die bunten Coverabbildungen. Erinnerungen, Anekdoten, persönliche Geschichten, … – solche Dinge eben, die Euch im besten Fall dazu animieren, selbst auf eine musikalische Reise zu gehen und vielleicht das ein oder andere Album für Euch zu entdecken, das Ihr noch nicht kanntet.

Im nachfolgenden Beitrag erzählt Euch Elmar Herrmann, Konzertfotograf, Betreiber von Rittis Welt und Mitarbeiter u.a. des Amphi Festivals von seiner Top 10 – und den damit verbundenen Erinnerungen. Die regelmäßigen Ankündigungen besagtes Festival im Kölner Tanzbrunnen betreffend sind genauso Bestandteil seines Tuns und damit der Düsterszene wie seine zahlreichen, fotografisch sensationell für die Ewigkeit festgehaltenen Konzertmomente. Jede Wette, dass Ihr schon mal das ein oder andere Foto von Elmar in einem Szene-Magazin bestaunt habt. Und da Ritti mit Worten genauso gut umgehen kann wie mit der Kamera: Bühne frei für Elmar Herrmann!

  • Roman Jasiek

10 Alben, die meinen Musikgeschmack geprägt haben…? Wow, das wird knapp und ich befürchte jetzt schon in die Overtime zu rauschen. Es macht ja auch einfach zu viel Spaß, in Erinnerungen zu schwelgen und dabei tolle Platten zu highlighten, die teilweise meine eigene, oftmals aber auch direkt Musikgeschichte schrieben. Danke für diese Gelegenheit! Ich liebe solche Bestandsaufnahmen. Deshalb lasst uns direkt eintauchen, denn…“wir haben doch keine Zeit“! 😉

Jean-Michel Jarre – Rendez-Vous

Während die Cool-Kids womöglich schon Depeche Mode, Die Ärzte und Billy Idol hörten, war ich mir noch nicht so ganz klar, was ich mal musikalisch werden wollte. Papas üppige Plattensammlung war natürlich ein magnetischer Anzugspunkt. Discomucke, „Born to be Alive“, das Superman-Lied von der 1979er Arcade „Disco Laser“, Abba, Insterburg und Co. und dann tauchte in meiner Welt plötzlich dieser coole Dude mit seiner Laserharfe und der Keytar auf. Jean-Michel Jarre. Das war für Kinderaugen und Ohren schon anständig Science Fiction und nochmal eine Spur anders als „Autobahn“, „Blue Monday“ oder „Video Killed The Radio Star“! Und da „Equinoxe“ auf den alten Compilation-LPs (ich glaube von Polydor) zum Highlight avancierte hatte ich eine Mission, zumal mir die Deep Purple– und Santana-Platten aus Vaddis Sammlung damals immer unheimlich waren…

Der Erinnerung nach muss es schließlich „Rendez-Vous“ von 1986 gewesen sein, dass ich schließlich aus dem Freundeskreis „überspielt“ bekam, bzw. mir ausleihen durfte – für einen Vorteeanger in den 80ern schon was Besonderes und auch allgemein besaß eine Langspielplatte damals noch einen viel viel höheren, sehr ideellen Wert. Manche Sachen avancierten ja zu regelrechten Schätzen. Jarre mag aus musikalischer Sicht in seiner Karriere durchaus noch heißere Platten unter den Pfannen haben, wenn ich es aber mal herunterbreche bleibt „Rendez-Vous“ schon DER Trigger, der meine Liebe zu (instrumentalen) Synthesizerklängen zu einer Zeit gebündelt auf den Punkt brachte, als Raumfahrtstart noch eine TV-relevante Faszination ausübte, wenn auch im Zusammenhang mit „Rendez-Vous“ auf sehr tragische Weise. Das abschließende Stück „Last Rendez-Vous“ sollte ursprünglich von dem Challenger-Astronauten Ron McNair im All auf dem Saxophon gespielt werden.

Die Musik von Jean-Michel Jarre wurde eine ganze Weile zum konstanten Klangkosmos im Herrmannschen Kinderzimmer und legte bei mir den Grundstein für spätere Affinitäten zu Dance/Techno und natürlich den ersteren Klängen der Synth-Pop und Darkwave-Szene. Jarre besaß damals eine besondere Genialität aus kompositorischem Tiefgang, fast schon expressionistischer Bildhaftigkeit und schmissigen Disco-Rhythmen. Das war toll, unheimlich prägend und aus heutiger Sicht noch erstaunlich zeitlos. Kann man immer noch hören!

2 Unlimited – No Limits

Die frühen 90er und ihre Dance-Music. Man könnte Bücher darüber füllen und jeder, der irgendwas  mit Tanzmusik anfangen konnte, hatte mindestens einen Favoriten bei der schier endlosen Flut aus Four-To-The-Floor-Rapper-vs.- Singdrossel-Pop-Duos, Solokünstlern, Techno-, Rave, und Houseprojekten oder einfach nur DJs, die einen Sampler bedienen konnten. Culture Beat, Masterboy, McSar, Captain Hollywood, U96, Haddaway, Blümchen, DJ Bobo, Maxx, Marusha, Mark Oh…da ging halt einfach die Post ab! Lange bevor Dune mit der bezaubernden Verena und Scooter mit ihrer unnachgiebigen „Scheißegal-solange-es-Spaß -macht“-Haltung den Staffelstab in meiner musikalischen Welt weitertrugen oder Charly Lownoise & Mental Theo den Gabber salonfähig machten, hielten 2 Unlimited bei mir den Ausnahmestatus inne.

Anita und Ray verfügten über die Ausstrahlung und Präsenz, von der die meisten Genrevertreter bestenfalls die Rücklichter zu sehen bekamen. Bis heute halte ich Anita noch für eine der wenigen Frontfrauen der damaligen Zeit, die wirklich Power in der Stimme hatten und Ray lieferte den entsprechenden Swag. 2 Unlimited hatten die „Faces“, hatten die Ti…ähhh Hits und manchmal sogar mehr zu sagen als „Hey, Ho“ oder Tanz mal ab!“. Das Wichtigste aber die Mucke hatte Druck und stach aus der Masse angenehm heraus. „No Limit“, „Faces“, „Tribal Dance“, „Let The Beat Control Your Body“…scheiße ja, da flirrt immernoch die Luft! Ich weiß noch wie ich damals das Video zu „Tribal Dance“ das erste Mal sah. Wenn ich mich recht erinnere war das auf MTV (noch nicht Viva aber nagelt mich nicht drauf fest). Ich hab den Song gefühlte 50 Mal angehört. Hat mich total weggeblasen!

Auf „No Limits“ folgte „Real Things“, auch ein wirklich tolles Album, das den Test of Time mühelos besteht. „No Limits“ aber bleibt natürlich das wohl spektakulärste Dance-Album der 90er, weil es neben massenhaft Hits kaum Ausfälle zu verzeichnen hat. Ein rundum gelungenes Meisterwerk, dass ich erst vor kurzem digital nachgekauft habe, da die Kassette irgendwo verbuddelt ist und ich sie wahrscheinlich ohne Weiteres auch nicht mehr so einfach abspielen könnte. „No Limits“, das war schon ein richtiges Brett!

Rammstein – Sehnsucht

1997, die Alternative-Welle rollte! Grunge hatte erfolglos versucht Metal den Gar auszumachen, Techno und House hatten gerade ihre beste Zeit hinter sich, Eurodance wurde nur noch müde belächelt und außer Scooter, die trotzig (aber weiterhin sehr erfolgreich) ihr Ding durchzogen, barg der auffrischende Wind den Geschmack von brennendem Benzin und korrodiertem Eisen. Schwer und düster rollte sie das „R“ und vor allem heran wie ein führerloser Güterzug, dem man die Bremssysteme gekappt hatte – die Neue Deutsche Härte.

Rammstein droschen mit „Sehnsucht“ für die damalige Zeit ein richtig heißes Eisen auf den Abspielteller. Kontrovers, provokativ, brachial und eine Kumulation dessen, was Oomph!, Die Krupps, KMFDM, Ministry und natürlich Rammstein selbst zuvor bereits angedeutet oder teilweise sogar schon erfolgreich etabliert hatten – ein perfekter Sturm, der alle mitriss, die nicht rechtzeitig kommen sahen. Mich hat es auch richtig umgehauen und eine ganz neue musikalische Orientierung verpasst. Inmitten des Alternative- & Crossover-Gewusels (die Guano Apes und Garbage waren damals auch schon ganz nett) wusste ich auf einmal ganz genau was ich wollte: RAMMSTEIN und alles was irgendwie annähernd danach klingt. Industrial-Rock, dann Gothic und Darkwave – schwere, harte, düstere Klänge – immer her damit! Die elektronischen Verflechtungen gaben mir endlich den passenden Aufhänger, mich mit dem Klang von derben Stromgitarren anzufreunden. Der schneidige Marschrhythmus und das Gefühl Musik zu hören, die sich im Vergleich zur StiNoPop-Welt anders und vor allem richtig krass anfühlt, übten eine geradezu rattenfängerische Wirkung aus.

Joachim Witt – Bayreuth 1

Es muss irgendwo im zarten Alter von 6-8 gewesen sein, als ich den „Goldenen Reiter“ zum ersten mal bewusst hörte. Der Titel und der Name Joachim Witt brannten sich mir ein. Verflixt, der „Goldene Reiter“ ist womöglich einer der, wenn nicht gar DER EINE Song, der mich am konstantesten durch mein Leben begleitet und nie an Faszination verloren hat – ein Evergreen wie er im Buche steht. Umso überraschter war ich, als sich Ende der 90er „Die Flut“ Bahn brach. Langsam aber stetig überschwemmte sie die Charts. Aber was war mit dem drolligen Kopftänzer, dem NDW-Witt geworden? Grimmige vom Regen gepeitschte Minen, ein schwerer schleppender Rhythmus, der beinahe um Erlösung flehende Gesang Heppners. Hui, was für eine Gangart!

Bayreuth 1“ polterte daraufhin durch das nach Rammstein sperrangelweite Scheunentor, verlieh dem gängigen NDH-Sound aber nochmal einen völlig anderen Twist, der direkte Vergleich beinahe ad absurdum führte. Joachim Witt machte nicht den German Terminator sondern setzte auf ein sehr sehr viel intellektuelleres Pferd – Wagnerwucht und Theatralik trafen bisweilen auf abgründige Poesie. Hört euch mal das karge „Wintermärz“ an – atmosphärisch immer noch ganz groß! Ein bisschen Goethes Faust mag auch hier und dort Pate gestanden haben. Das Fluidum von „Bayreuth I“ ergänzte sich somit hervorragend mit dem, was da aus Berlin so wuchtig aufgetischt wurde. Ich habe dieses Album rauf und runter gehört und finde, dass es auch für 2020er Ohren noch ziemlich eigenständig klingt. RammsteinsSehnsucht“ mag meinen Musikgeschmack umgekrempelt haben, den größten Anteil daran, dass ich über 20 Jahre später noch immer Spaß an der Musik habe, leisteten jedoch Joachim Witt sowie seine kongenialen Produzenten Jürgen Jansen und der jüngst verstorbene José Alvarez-Brill mit „Bayreuth 1“. Dieses Album steht exemplarisch für mich, wie man mit verwandten Mitteln doch eine ganz andere Stimmung erzeugen kann. „Bayreuth 1“ hat damals meine Neugierde extrem belohnt und mich erst recht angespornt zu entdecken, was es da noch so alles gibt.

Wolfsheim – Spectators

Zugegeben, an dieser Stelle könnten genauso gut „Eon:Eon“ und „Daimonion“ von Project Pitchfork oder „Kasmodiah“ von Deine Lakaien stehen. Umwerfende Alben allesamt! WolfsheimsSpectators“ trat jedoch aus dem direkten Windschatten von WittsDie Flut / Bayreuth 1“ in meine kleine „künstliche“ Welt. Extrem kompakt, extrem zugänglich, extrem durchhörbar, immer und immer wieder. Die Stimme von Peter Heppner tönte dazu charakterlich in einer eigenen Liga. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen wie oft dieses Album bei mir lief. Ich erinnere mich aber noch gut, dass ich es fast immer am Stück hörte. Synthpop mit Pepp und Heppner – also quasi ein echter „Peppner“. Der Puzzlestein zum Gruftiesein, der mir noch fehlte um richtig durchzustarten in das kunterschwarze Treiben.

Anekdote: so häufig „Spectators“ lief, ergab es sich eines schönen Tages, dass ich zu einem Ersttermin meiner Berufsausbildung geladen war. Eine Art Gruppenbesprechung bevor es richtig losgehen sollte. Von erwartungsschwangerer Nervosität getrieben, traf ich sehr zeitig vor Ort ein und verbrachte, im Auto sitzend, noch eine Weile auf dem Parkplatz. Mit dabei: „Spectators“ von Wolfsheim – vertraute Klänge, gute Vibes, die mir die Zeit vertrieben. Der Termin verlief überraschend optimistisch und ebnete mir den Weg in eine erfolgreiche Berufsausbildung. Was heute bleibt ist die Erinnerung an einen sehr wichtigen Tag in meinem Leben, dessen perfekter Soundtrack diese Momente bis heute lebendig hält!

Subway to Sally – Hochzeit

Subway to SallysHochzeit“ reiht sich in diese Riege sprichwörtlich als das richtige Album zur richtigen Zeit ein. Über einen Samplerbeitrag auf der „Crossing All Over vol. 9“ war mir zuvor die „Henkersbraut“ aufgefallen. Ich erinnere mich noch, wie ich während der Ausbildung in einer Mittagspause zum nahe gelegenen Real-Kauf düste und mir aus dem dortigen Tonträgerarsenal dieses Album zulegte. Sagen wir es mal so: als ich gespannt wie ein Flitzebogen mit der Scheibe zu Hause eintraf, hörten unsere Nachbarn zum ersten Mal Subway to Sally. Das Archaische mit dem die Potsdamer damals auftrumpften ergänzte sich hervorragend mit meiner zu diesem Zeitpunkt noch glühenden Leidenschaft für Rammstein. Die Power dieser Scheibe hat mich damals echt umgehauen. Um ein paar Ecken herum brachte mir dieses musikalische Upgrade später sogar Spitznamen „RITTI“ ein (die genaue Herleitung ist aber etwas umfangreicher und soll ein ander Mal erzählt werden).

Zudem sorgte diese Initialzündung auch noch dafür, dass ich schließlich mit Martina und Holger in Kontakt kam mit denen ich jahrelang als Teil von Fanway to Sally sehr intensiv Fanclubtreffen für Subway to Sally mitgestaltet habe. Eine tolle, sehr kreative Zeit, die leider enden musste, an die ich aber gerne zurückdenke. Insofern ist „Hochzeit“ definitiv ein Album, das mich über die Musik hinaus sehr beeinflusst und auf einen Weg gebracht hat, mit dem viele coole Erinnerungen verbunden sind.

Daddy Long Legs – 2nd Birth

Daddy was?! Ja genau…Gevatter Langbein…Daddy Long Legs!
Den meisten von euch wird diese Band kein Begriff sein und selbst in ihrer damaligen Heimat Celle könnte der ein oder andere 20 Jahre später bei dem Namen möglicherweise mit den Achseln zucken. Dabei war die Folkrockband im niedersächsischen Raum wirklich eine Nummer und ihr zweites Album „2nd Birth“ ein Juwel voller Pop, Rock und Grüne-Insel-Vibes, irgendwo im Dreieck von The Corrs, Fiddlers Green und Subway to Sally.

Über meinen Sandkastenkumpel und eine damalige Bekannte stieß ich natürlich irgendwann auch darauf. Mal davon abgesehen, dass das Album ganz famos gealtert ist, sind mir besonders die Konzerte der Band, auf denen ich mir einige meiner ersten Sporen als Konzertfotograf verdiente, noch gut im Gedächtnis – weil sie (wie heute z. B. Project Pitchfork) häufig mit zwei Schlagzeugern auftraten. Es war zudem so ziemlich das erste Mal, dass ich mit einer Band persönlich in Kontakt kam. Alles sehr aufregend! Ich bin der Truppe sehr dankbar, dass sie mich damals so bereitwillig haben machen lassen! Daddy Long Legs haben mir jedenfalls gehörigen Rückenwind verliehen. Ohne „2nd Birth“ wäre dies vermutlich nicht geschehen.

Schade dass Daddy Long Legs trotz ihrer Bemühungen überregional nicht die Anerkennung zuteil geworden ist, die sie verdient gehabt hätten. „2nd Birth“ ist ein tolles Stück Musik! Funfacts am Rande: Schlagzeuger Matthias Liebetruth saß parallel bei der Metal-Legende Running Wild auf dem Bock und Serge, damals Manager und Tontechniker der Band, sieht man gerne mal bei Konzerten einer gewissen Düsseldorfer Kling Klang Band hinter einem Mischpult. Klein ist die Welt! Falls ihr das hier lest: danke und liebe Grüße an euch!

Nightwish – Wishmaster

Jawoll, auch der finnische Fischmeister darf in dieser Riege natürlich nicht fehlen. Es gibt zwar nicht wirklich eine Anekdote dazu zu erzählen aber hey…es sind Nightwish und der effing „Wishmaster“. Während sich The Gathering und Theatre of Tragedy damals so ein bisschen um Female Fronted Krone balgten und Within Temptation noch kaum jemand kannte, sorgte spätestens der dritte Streich aus dem Hause Holopainen für einen Urknall. Tarja, als entfesselte Soprandiva, war auf einmal eine neue Macht im Metal-Universum, die Mixtur aus schierer Power, Symphonic-Bombast und märchenhafter Eingängigkeit übertrat Genregrenzen und sorgte für einen regelrechte Lawine. Ganze Heerscharen von Epigonen versuchen noch heute die Quintessenz dieser Platte einzufangen. Gelungen ist es bis heute, auch durch den verlorengegangenen Zeitgeist, niemandem zur Gänze. Ich freue mich die Zeit miterlebt zu haben, als Nightwish durch die Decke gingen. Das war bahnbrechend. Schade dass diese perfekte Symbiose nur wenige Jahre später ein jähes Ende fand. „Wishmaster“ als Nightwishs Dritte war im ewigen Karussell des „make it or break it“ ein Meilenstein, der auch in mir die Freude an Female-Fronted Metal freigelegt und in Form geschliffen hat, auch wenn selbige im Laufe der Zeit durch das schiere Überangebot ein wenig abgestumpft sein mag.

L’Âme Immortelle – Gezeiten

September 2004. Ich sitze vor einem Monitor, packe aus und lege ein. Als der letzte Ton des soeben gehörten LAI-Albums verklingt, klappt mir konsterniert die Kinnlade südwärts, über dem Kopf ein imaginäres Fragezeichen aus Rauchwölkchen – die Rübe qualmte, der Kompass suchte verzweifelt Norden. L’Âme Immortelle hatten gerade mit „Gezeiten“ ihr bis dahin musikalisch vielschichtigstes Album hingelegt. Die ständig wechselnden Stimmungsbilder, die unterkühlt unheilvolle Atmosphäre des Titelstücks, die Öffnung hin zu rockigen Arrangements, all das hat mich an dem Abend dermaßen ÖBB-mäßig überrollt, dass ich regelrecht sprachlos war und direkt nochmal von vorne Anfing, um mir irgendwie einen Reim darauf zu machen. „Gezeiten“ ist für mich zu einer Versinnbildlichung geworden, wie kraftvoll, überraschend und vor allem schön der Moment sein kann, eine neue Platte zum ersten Mal aufzulegen, sie zu hören, zu entdecken und dabei zu erleben, wie die aus gewohnten Konventionen abgeleitete eigene Erwartung konsequent untergraben wird. Der Ideenreichtum von „Gezeiten“ gibt ein perfektes Beispiel dafür ab, wie man sich als Band auch mit Album Nummer 6 noch erfolgreich neu erfinden und damit seine Fans überraschen kann. Ein vertontes Plädoyer dafür, dass es sich stets lohnt nicht nur zu lauschen sondern zuzuhören und immer neugierig zu bleiben!

Dream Theater – Systematic Chaos

Kennt ihr das auch? Manchmal muss man einen Bandnamen nur häufig genug hören, bis man sich dazu breitschlagen lässt mal in deren Musik reinzuhören. Systematic Chaos habe ich damals eher aus Neugierde bestellt. Musikalische Aufklärung in eigener Sache sozusagen – Horchposten Herrmann! Aber Anfangs mochte es zwischen uns beiden nicht so recht funken. Auf das nur selten gradlinige, oft entfesselt schwurbelnde Prog-Metal-Gewitter (dass im Vergleich zu manch anderen Alben der Band sogar noch relativ harmlos ist) kam ich erstmal gar nicht klar – Input overflow!

Es könnte sich mühelos um ein Jahr gehandelt haben, bis sich unsere Wege erneut kreuzten. Ich befand mich auf dem Weg nach Hamburg für einen Termin nachdem zuvor mein Suchfinger magisch an Systematic Chaos hängengeblieben war. Ob der begrenzten Fluchtmöglichkeiten in einem fahrenden Zug, womöglich keine üble Gelegenheit nochmal in die Platte einzusteigen. Die Hinfahrt blieb dennoch klanglos zugunsten von Unterlagen. Wenn man schon durch die Gegend reist, will man ja schließlich auch vorbereitet sein. Allerdings hielt das jenen besagten Termin nicht davon ab im Hohen Norden einen streng südlichen Verlauf anzunehmen. Kurzum: ein richtiger Alptraum. Als ich dann so neben mir im Hamburger Hauptbahnhof stand, starrte ich das Dach an, lief wie Falschgeld umher und schleppte mich letztlich zum Metronom Richtung Heimat, der bis zu seiner Abfahrt aber noch eine ganze Zeit am Bahnsteig verweilen sollte. Innerlich am Boden, suchte mir einen Platz und sackte endgültig in mich zusammen.

Irgendwann griff ich dann zum Discman und wagte das Album zu hören. Es wirkte wie eine tröstende Umarmung, ein Umhang aus Geborgenheit- Es fing mich auf…passte einfach…machte „klick“! An einem absoluten Tiefpunkt in meinem Leben war auf einmal diese Platte da. Ein wirklich emotionaler Augenblick, der auch die ein oder andere Schleuse öffnete…das hat mir wieder Kraft gegeben. Dafür bin ich dem Album bzw. der Band sehr dankbar. Und da die Rückfahrt noch bevorstand gab es reichlich Zeit in das Dream Theater-Universum einzutauchen, in dem sich krumme Rhythmen, wirbelnde Skalen-Sweeps, packende Riffs und ausschweifende Melodiebögen zu einem komplexen Mahlstrom aus technisch hochmusikalischem Dauerbeschuss vereinen.

Im Vergleich zu dem was ich bis dahin gewohnt war, wirkten Dream Theater wie eine Band von Außerirdischen, die zufällig auf dem blauen Planeten gestrandet waren. An jenem Tag in Hamburg brach sich meine Liebe zum Progressive Metal bzw. Rock im wahrsten Sinne des Wortes „Bahn“, die mich dann über den Song „Tom Sawyer“ (den ich zum ersten Mal im Musikspiel Rock Band hörte) auch zu Rush führte. Eine Band, die eigentlich auch in diese Liste gehören sollte aber derart viele großartige Scheiben veröffentlicht hat, dass ich mich beim besten Willen auf keine bestimmte festlegen kann. Bei Rush macht es wirklich das komplette Lebenswerk! Wir sprechen da grob von 20 Studioalben… 🙂


Honorable Mentions

Synthesizer Greatest Volume 1-3 und The Most Spectacular Synthesizer Hits Of Jean-Michel Jarre, Vangelis and Jan Hammer. „Die Most Spectacular…?!“ werdet ihr euch jetzt berechtigterweise fragen. Doch die Geschichte von Synthesizer Greatest lässt sich nicht ohne diesen aus dem Jahre 1988 stammenden Vorläufer erzählen. Mein Jarre-Fieber war noch in vollem Gange, da ploppte auf einmal die Reklame für die „Most Spectacular“-Compilation auf. Aus der anfänglichen Irritation über die enthaltenen Coverversionen wurde Akzeptanz und die Freude ein durchaus kultiges Melodiensammelsurium toller Hits mein Eigen nennen zu können. „Miami Vice“, „Blade Runner“ und Co. waren einfach zu cool um totgecovered zu werden. Tatsächlich knallten gerade diese beiden Stücke in der Coverversion noch einen Tick tighter. In sofern schockte es mich nicht mehr als Arcade (später auch Heimat solcher Reihen wie „Thunderdome“ oder „Happy Rave“) ein Jahr später das Repertoire von Ed Starink a.k.a. Star Inc. aufgriff und die extrem erfolgreiche Synthesizer Greatest-Reihe ins Rollen brachte. Da der Michel nicht ständig neue Musik veröffentlichte und überdies die finanziellen Mittel eines 12 jährigen noch keine umfangreichen Plattensammlungen zuließen, zog mich Synthesizer Greatest an wie das Licht die Motten. Was hab ich die Dinger geliebt – vor allen die ersten Beiden.

Dann erschien Volume 3. Das Artwork dieser Episode zieht mich bis heute magisch an und überlagerte in den frühen 90ern immer wieder die für meine damaligen Ohren etwas durchwachsene Trackliste (welche ich heute dafür umso mehr zu schätzen weiß). Volume 3 hatte einen ganz eigenen Charakter und das entworfene Titelbild mit der Sonnenoberfläche und dem herannahenden Raumschiff brachte eine Stimmung, eine Sehnsucht für die Faszination Weltraum aufs Tablett, der ich mich bis heute nicht entziehen kann. Das Ding hat sich echt in meinem Kopf verhakt und taucht seit 30 Jahren in regelmäßigen Abständen immer mal wieder als Musterbeispiel für den Stellenwert eines tollen Plattencovers vor meinem geistigen Auge auf. Für mich eines der stimmungsvollsten und schönsten Albumcover aller Zeiten aus (sofern meine Informationen korrekt sind) der Feder von Bert-Jan van Eijsden.

Vor kurzem habe ich mir die Synthesizer Greatest-Reihe nochmal auf CD zugelegt und die verpassten Episoden nach Volume 3 nachgeholt. Eine tolle Reise mit vielen Höhenpunkten, die trotz einiger Schwächen zum Ende hin, später auch mit etlichen interessanten Ed Starink-Eigenkompositionen aufwartet. Daher richte in an dieser Stelle mal ein Dankeschön an Ed Starink für alles was er mit seinen Synthesizer-Covern und Kompositionen geleistet hat.

Rush – Diskografie

Wie schon im Absatz über Dream Theater erwähnt möchte ich mich hier nochmal vor dem Lebenswerk der kanadischen Prog-Rock-Ikonen Rush verneigen. Über 40 Jahre lang bescherte uns das Trio bahnbrechende Songs im Wandel der Zeit, die trotz vieler adaptierter zeitgenössischer Strömungen stets eigenständig und unverkennbar Rush geblieben sind. Musikhistorisch mögen Alben wie „2112“ und „Moving Pictures“ herausstechen, mir jedoch fällt es schwer einzelne Alben aus dem Gesamtwerk der Band hervorzuheben, da es mit als Ganzes viel gegeben hat.

Burn – The Truth

Ich gestehe, Waverock und Postpunk waren mir lange ein Rätsel. Bis zu einem Abend in Magdeburg, an dem ich die Band „Burn“ kennenlernte. Obwohl die Songs anschließend noch bis 2011 benötigen sollten, bis sie endlich auf einem Tonträger verewigt würden, gerieten sie mir doch damals schon zum Schlüssel für ein ganzes Genre, das ich über die Jahre hin sehr zu schätzen lernte.

Honorable Mentions Telegramm

An Eon:Eon von Project Pitchfork kam man nicht vorbei. Deine Lakaien erwischten mich beim abendlichen Tomb Raidern mit Kasmodiah in ihrer schmissigsten Stunde. KMFDMs Symbols war einfach zu abgedreht um es ignorieren – sperriger aber saucooler Shice. Host von Paradise Lost war das perfekte Abhol-Taxi für die Reise in den Gothic-Metal. Die Krupps riefen Paradise Now aus, The Final Option wurde alsbald von mir nachgeholt! Goethes Erben Trilogie – wo ist Iphigenie?! Es gibt einfach keine Lösung, keinen Ausweg keinen Sinn…oder vielleicht doch? Scooter …And The Beat Goes On! – wild and wicked in seiner Ursprungsform – schmerzfreie und unkaputtbare Ausrede sich widerstandslos dem Happy Hardcore zu ergeben. Zurück nach Rödelheim von RHP bescherte mir sogar mal eine (Deutsch)Rap-Phase, die ich aber heute eher als Zwischenstation bezeichnen würde.

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