Foto: Silke Jochum

.com/kill – .com/kill

Im Februar ließen Adrian Hates und Gaun:A, die beiden Köpfe hinter Diary Of Dreams, die Katze aus dem Sack. Sie verkündeten, bereits seit 1996 an einem Nebenprojekt zu frickeln, welches sie auf den dramatisch klingenden Namen .com/kill getauft haben. Es folgte eine hübsche Hype-Bildung in Form von Snippets oder einem vorab veröffentlichten Musikvideo zum Song “Monster Divine”. Seit Freitag steht endlich das Debütalbum dieses Projekts in den Läden. Höchste Zeit also mal zu gucken, was denn so dran ist an diesem .com/Kill.

Kurze Rückblende. In einem der ersten öffentlichen Ansagen des Duos hieß es: “Seit 1996 bereits arbeitet man bei Diary of Dreams hinter den Kulissen an einem geheimen Nebenprojekt. Nie jedoch führte man dieses Projekt zur Vollendung. Nie, so schien es, war der richtige Zeitpunkt, und stets kreiste der gesamte Fokus um den Koloss Diary of Dreams. Doch das soll sich nun ändern, Adrian Hates und Gaun:A haben ihre Ketten gesprengt und die Grenzen ihrer musikalischen Arbeit um ein weiteres Schaffenswerk ausgedehnt: “.com/kill” kommt – soviel ist sicher … und auch schon sehr bald. Sicherlich gibt es Momente, in denen das musikalische Erbe .com/kills kurz aufflammt, doch dominieren die Momente und Titel, die unterschiedlicher zum Mutterschiff nicht sein könnten. Wütend stampfend wie eine Horde wilder Notenstürme prasseln Phrasen, Fragmente und voodoo-ähnliche Rhythmen auf den staunenden Hörer ein. Ungewohnt hart und heftig geht es hier zu, was die Clubwelt sehr freuen wird. Und .com/kill ist viel mehr als nur ein Nebenprojekt – es ist eine zweite musikalische Welt, ein zweites Zuhause für die umgeleiteten und ungefilterten Worte und Töne des Unterbewusstseins eines Kreativ-Duos, das eben besonders dafür bekannt ist, Musik zu einem Kopfsoundtrack werden zu lassen.

Klingt dramatisch, nicht? Leider weckt das mehr Erwartungen, als das finale Produkt letztendlich einhalten kann. Nicht selten war die Reaktion nach dem ersten Hören, die ich nicht nur bei mir selbst, sondern überall im Bekanntenkreis und im Netz beobachten konnte, ungefähr so: alles schön und gut, aber wo ist der Unterschied zu Diary Of Dreams? Tatsächlich wirken viele Songs auf mich so, als hätten sie auch ganz wunderbar in der Nigredo-/MenschFeind-Phase passieren können. Im Gegensatz zu vielen DoD-Songs bestehen die Songs auf diesem Album hier inhaltlich vor allem aus vereinzelten Phrasen. Fragmente also, die einem zwischen dunkelelektronischer Klanggebilde entgegen geschleudert werden. Zudem verzichten Adrian Hates und Gaun:A weitgehend auf typische, Höhepunkte bildende Songstruktueren im Sinne von Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, Bridge, Refrain, Refrain. “Das Blendwerk“, ein Hochgenuss eisigkalter Electro-Kunst, ist ein Paradebeispiel dafür. Ihrer Ankündigung noch am nächsten kommen sie mit “Still die Gier“, dem man guten Gewissens eine Tanzflächenkompabilität unterstellen kann. Hier macht sich die angekündigte Wut im Gesang bemerkbar, und ja, es stampft auch ganz wunderbar. Scheinbar geht es übrigens auch bei .com/killl nicht mehr ohne Dubstep. Den Dubstep-Moment des Albums liefert “.com/Kill One“, das so schon ziemlich brachial wirkt. Über das sich wie eine Seuche verbreitende Wobbelwobbelwobbel kann man sicher streiten, immerhin: hier steht es dem Song gut zu Gesicht und unterstützt die düstere Stimmung. Und auch das verschrobene, knarzige “Monster Divine” verfügt über sehr viel mehr Finesse, als es zunächst den Anschein macht. Dem Song muss man womöglich mehrmals Gehör schenken, ehe er zündet. Aber dann, aber dann…!

Um die Sache zu einem Abschluss zu bringen: .com/kill liefern hier ein tolles Album ab. Wie immer eigentlich, wenn Adrian Hates und Gaun:A daran beteiligt sind. Aber: Anstatt wirklich neue Wege zu beschreiten präsentieren sie hier nur Zutaten, die man in der Geschichte von Diary Of Dreams allesamt schon mal gehört hat. Sieht man mal vom elendigen Dubstep ab. Wem Diary Of Dreams zuletzt zu sehr auf Gitarre gepimpt war und sich die elektronische Kühle früherer Tage zurückwünscht, wird mit .com/kill womöglich sehr glücklich. In der gewohnt großartigen Produktion und den eigenwilligen Arrangements kann man sich schon verlieren. Dennoch: Wer sich etwas gänzlich Neues erhofft, sollte seine Erwartungshaltung noch einmal überdenken.


Ach .com/kill, du machst es mir echt nicht einfach. Grundsätzlich gefallen mir die Songs weitestgehend ziemlich gut, klingen sie doch teilweise wie Diary Of Dreams Songs früherer Tage. Kälter, elektronischer, dunkler und teilweise auch tanzbarer als die Sachen des großen Bruders. Und genau das ist auch der Knackpunkt: nach den ganzen Ankündigungen im Vorfeld hätte ich hier irgendwie mehr erwartet. Mehr Mut, vertraute Pfade zu verlassen und aus .com/kill tatsächlich etwas wirklich Neues entstehen zu lassen. Für Adrian Hates und Gaun:A mag sich .com/kill anders und neu anfühlen, vielleicht auch aufgrund anderer Herangehensweise? Für mich fühlt es sich eher wie eine Retrospektive an. Das ist ok für mich, da ich den kühlen, weniger organischen Sound Diary Of Dreams’ schon manchmal vermisse. Aber zwischen der selbst herbeigeführten Erwartungshaltung und dem finalen Produkt klafft eine Lücke, die wohl nicht jedem gefallen wird. Manche Kommentare in sozialen Netzen beispielsweise sprechen da eine sehr deutliche Sprache. Was lernen wir daraus? Hype einfach Hype sein lassen. Dann macht das Ergebnis gleich noch mal so viel Spaß.


Erscheinungsdatum
31. Mai 2013
BAND/KÜNSTLER:IN
.com/kill
ALBUM
.com/kill
LABEL
Accession Records (Indigo)
Unsere Wertung
6.5
.com/kill – .com/kill
FAZIT
Und genau das ist auch der Knackpunkt: nach den ganzen Ankündigungen im Vorfeld hätte ich hier irgendwie mehr erwartet. Mehr Mut, vertraute Pfade zu verlassen und aus .com/kill tatsächlich etwas wirklich Neues entstehen zu lassen. Für Adrian Hates und Gaun:A mag sich .com/kill anders und neu anfühlen, vielleicht auch aufgrund anderer Herangehensweise? Für mich fühlt es sich eher wie eine Retrospektive an. Das ist ok für mich, da ich den kühlen, weniger organischen Sound Diary Of Dreams' schon manchmal vermisse. Aber zwischen der selbst herbeigeführten Erwartungshaltung und dem finalen Produkt klafft eine Lücke, die wohl nicht jedem gefallen wird.
INHALT/KONZEPT
7.5
TEXTE
5
GESANG
5
PRODUKTION
7.5
UMFANG
7.5
GESAMTEINDRUCK
6.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Angenehm düster, stellenweise auch wunderbar brachial.
NEGATIV
Nach den Ankündigungen stellt sich heraus: leider doch nicht so sehr entfernt vom großen Bruder Diary Of Dreams wie vielleicht mancherorts erhofft.
Auch hier: Nervige Dubstep-Momente verderben den Spaß an der Freude.
Dafür, dass man angeblich seit 1996 an diesem Nebenprojekt arbeitete, ist das Gebotene dann doch irgendwie zu wenig.
6.5
PUNKTE

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