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VNV Nation – Transnational

“Langweilig” sagen die einen, irgendwas von “diese Scheibe ist käse” oder “Zenit überschritten” sagen andere. Daneben gibt es natürlich auch die übliche Lobhuddelei, die manchmal schon an fanatische Ehrerbietung grenzt. Es ist VNV Nation, also muss auch “Transnational” gut sein, richtig? Darüber lässt sich vortrefflich streiten. Ich kann mich nicht erinnern, bei einem der vorherigen VNV Nation Alben eine derartig krasse Teilung in zwei Lager erlebt zu haben. Oder beobachetet zu haben, wie Ronan Harris sein aktuelles Baby öffentlich in Facebook-Postings verteidigt. Gar keine Frage: “Transnational” ist ein diskussionswürdiges Album. Aber warum?

Nicht nur aufgrund des gewählten Artworks wegen wirkt “Transnational” wie eine Fortsetzung des letzten (Knüller-)Albums “Automatic” aus dem Jahre 2011. Ok, böse Zungen behaupten, es handele sich hierbei um die B-Seiten, die bei “Automatic” hinten runter gefallen seien. Aber so einfach ist es dann doch nicht. Zurückblickend in der Geschichte VNV Nations gab es immer wieder ein Albumsgespann, das sich wie zwei Seiten einer Medaille betrachten ließ. Es gab “Praise The Fallen“, ergänzt von “Empires“. Da war das sensationelle “Futureperfect“, ergänzt vom nicht weniger starken “Matter + Form“. Für mich nach wie vor das großartigste Doppel. Dann kam “Judgement“, später als Komplementäralbum, wenn man so will, “Of Faith, Power & Glory“. Es lassen sich immer Zweierpaare finden, die entweder stilistisch, inhaltlich oder konzeptionell in die gleiche Kerbe schlagen. Bei “Automatic” und “Transnational” ist es nicht anders, daher ist der B-Seiten-Vergleich nichts anderes als Humbug enttäuschter Fans oder “VNV-Nation-pauschal-scheiße-Finder”.

Eingeleitet wird der neue Ausflug in eine Zukunft, die nie passiert und einer Vergangenheit, die niemals war von dem instrumentalen “Generator“. Parallelen zu “Automatic“? Bingo. Bereits hier schleicht sich der Verdacht ein, dass die Erfahrungen, die Ronan Harris beim Umarrangieren seiner Songs für ein klassisches Orchester gesammelt hat, Einfluss auf das Songwriting für dieses Album genommen haben müssen. Nicht zum letzten Mal auf diesem Album kann man sich die instrumentalen Passagen auch in Klassik vorstellen. Der Song, der ansonsten ein eher ernüchterndes Intro darstellt, blendet nahtlos in “Everything” über. Einer dieser typischen VNV Nation-Futurepop-Songs, in denen man sich eher in den Texten als in Gesang oder überraschenden Arrangements verlieren kann. Es folgt “Primary“. Hier geht es gleich tanzbarer zur Sache. Man kann sich schon vorstellen, dass das bei Konzerten funktioniert. Und dann kommt auch schon das vorab verschenkte “Retaliate“, der knochentrockene Tanzflächenfüller und das “Control” dieses Albums. Bemerkt Ihr die Parallelen zum Vorgängeralbum? Der Aufbau der Alben ist bis hierhin 1:1 identisch. Und der pulsierende, stetig beschleunigende Sound in der Bridge von “Retaliate” kann einfach nicht zufällig in sehr ähnlicher, wenn auch damals noch überzogenerer Form gleichfalls bei “Control” passiert sein. “Transnational” spiegelt seinen Vorgänger sehr deutlich. Ganz offensichtlich gab es noch so einiges, was in diesen retrofuturistischen Kontext verpackt und erzählt werden musste. Das abermals rein instrumentale “Lost Horizon” lässt sich ebenfalls hervorragend als Klassikversion vorstellen. Da Ronan Harris nach seinem Ausflug zum Gothic Meets Klassik Festival ja ein entsprechendes Album ankündigte, mag man hier eine Art Wegbereiterrolle hineininterpretieren.

Tatsächlich gibt es neben dem bisher vorherrschenden, musikalischen Mittelmaß in der zweiten Hälfte des Albums auch ein paar schnuckelige Songs zu hören. “Teleconnect Pt. 1” zum Beispiel, eine dieser Balladen, wie sie eben nur von Ronan Harris kommen können. “If I Was” ist mir persönlich inhaltlich und musikalisch viel zu klebrig, aber wenn ich mich so umgucke in der Welt, dann gibt es für diese klaviergeschwängerte Midtempo-Nummer durchaus Fans. Bei “Aeroscope” unternimmt man hier endlich mal einen Ausreißer vom ausgetrampelten Pfad des Vorgängers. Wo uns damals mit “Nova” eine der schönsten Balladen, die VNV jemals veröffentlichten, erwartete, tönt nun instrumentales, schweres Düstergestampfe aus den Boxen. Hach, das erinnert doch fast ein wenig an früher, an “Futureperfect” gar! “Off Screen” ist der zweite Song dieses Albums, wo ich am ehesten Tanzflächenkompalität vermuten würde. Durchaus sehr hübscher Electro-Pop, auf dessen Live-Darbietung ich mich bei dieser Scheibe am meisten freue. Abgerundet wird das Album mit dem achtminütigen “Teleconnect Pt. 2“, eine epische, melancholische Ballade, die sich in der Liga der besten VNV-Balladen weit vorne mit einreiht. Bemerkenswert, mal wieder das Ende eines VNV Nation-Albums zu erleben, ohne Ronan irgendetwas von “Light” singen zu hören.

Kaum etwas ist so subjektiv wie das Empfinden im Bezug auf Musik. Das sieht man ja hervorragend an den sehr gespaltenen Reaktionen auf dieses Album. Mich stört gar nicht mal so sehr das Gefühl von Ideenlosigkeit und kreativem Stillstand, was bei diesem Album mitschwingt. Dass VNV Nation ein ganzes Genre nach vorne bringen, erwarte ich inzwischen nicht mehr. Dieses Feld haben sie (und auch andere, seit langer Zeit im Geschäft befindliche Bands) schon vor diversen Alben dem Nachwuchs überlassen. Dass mich die Musik dieses Mal nicht so fesselt wie noch zuletzt bei “Automatic” – ja gut, geschenkt. Nächstes Mal wieder. Was mich aber wirklich zweifeln lässt, ist das Gefühl, dass die technische Qualität von Album zu Album immer weiter sinkt. Gerade auch im Hinblick auf Ronans Gesangsaufnahmen. Ich hatte bei wirklich jedem Song dieses Albums das Gefühl, der erstbeste Take, der versehentlich im Kasten war, wurde genommen. Sollte es gewollt sein, dass sich Ronans Stimme so fern und dünn anhört, mehr noch als auf früheren Alben, dann stellt sich mir die Frage: Warum? Vielleicht ist dies auch eine Folge seiner Erkrankung (die ja bekanntlich zur Verschiebung des Anthems-Konzerts führte), dann will ich nichts gesagt haben. Dennoch: Selbst im Vergleich zum direkten Vergleich zum Vorgänger wirkt “Transnational” nicht so liebevoll arrangiert, produziert und eingesungen, wie man es aus früheren Tagen gewohnt ist. Eher wirkt es auf mich so, als müsse das hier Besungene dringend raus und dann runter vom Tisch, um Platz zu schaffen für Neues.

Im Booklet zu “Transnational” erklärt uns Ronan, dass die Arbeit an diesem Album eine emotionale war wie schon lange nicht mehr. Und wisst Ihr was? Das glaube ich sogar. Ich habe ein Mädel in meinem Freundeskreis, für sie ist VNV Nation das Größte überhaupt. Ich kenne sonst niemanden, der so (manchmal in Tränen) gelöst bei Konzerten steht und dabei das Gefühl hat, Ronan zöge seine Worte direkt aus dem eigenen Seelenleben. Und so wird es mit den neuen Songs auch sein. Es wird Menschen geben, die sich davon in ihrem Innersten berührt, durch die Musik verstanden, getröstet oder gerettet fühlen werden. Und spätestens damit hat dieses Album seine Existenzberechtigung. Auch wenn man es selbst vielleicht nicht sonderlich mag.


ch kann mich nicht erinnern, wann es mir im Falle VNV Nation so schwer gefallen ist, zu einem Urteil zu kommen, was ein neues Album angeht. Bei “Of Faith, Power & Glory” war die Sache für mich schon nach dem ersten Hören klar: Murks, den ich mit Ausnahme von “Sentinel” nie wieder gehört habe. In eine ähnliche Richtung ging auch der erste Eindruck von “Transnational”. Inzwischen habe ich das Album etliche Male gehört. Und auch wenn es mir nach wie vor nicht gelingen will, fingerschnippend zu sagen “das isses!”, so ist es mir dennoch nachvollziehbar, warum sich Menschen von der Musik emotional angesprochen fühlen. Das wird wohl eher an Ronans Texten liegen als an der Gesamtqualität dieses Albums. Heute, unzählige Hördurchgänge später, verstehe ich beide Seiten: die, die das Album mögen und auch die, die es nicht mögen. Was mich persönlich angeht: mein Fall ist es nicht, dafür ist mir dieses musikalische Schwesterwerk von “Automatic” von allem insgesamt zu wenig. Dennoch freue ich mich darauf, die neuen Songs live zu erleben. Wer weiß, vielleicht springt der Funke dann über.


Erscheinungsdatum
11. Oktober 2013
BAND/KÜNSTLER:IN
VNV Nation
ALBUM
Transnational
LABEL
Anachron Sounds
Unsere Wertung
7
VNV Nation – Transnational
FAZIT
Ich kann mich nicht erinnern, wann es mir im Falle VNV Nation so schwer gefallen ist, zu einem Urteil zu kommen, was ein neues Album angeht. Bei "Of Faith, Power & Glory" war die Sache für mich schon nach dem ersten Hören klar: Murks, den ich mit Ausnahme von "Sentinel" nie wieder gehört habe. In eine ähnliche Richtung ging auch der erste Eindruck von "Transnational". Inzwischen habe ich das Album etliche Male gehört. Und auch wenn es mir nach wie vor nicht gelingen will, fingerschnippend zu sagen "das isses!", so ist es mir dennoch nachvollziehbar, warum sich Menschen von der Musik emotional angesprochen fühlen. Das wird wohl eher an Ronans Texten liegen als an der Gesamtqualität dieses Albums.
INHALT/KONZEPT
7.5
TEXTE
8
GESANG
6.5
PRODUKTION
6.5
UMFANG
7
GESAMTEINDRUCK
6.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
"Teleconnect PT. II" ist ein weiterer Meilenstein in der langen Liste epischer Songs von VNV!
NEGATIV
Die Produktion wirkt gepresst, blechern und irgendwie schnell runtergebrochen - kurz: irgendwie nicht gut.
7
PUNKTE

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