Foto: Daria Sannikova / Pexels

“Musikalben, die deinen Musikgeschmack beeinflussten” mit: Julia Beyer (Chandeen)

Anlässlich der Facebook-Challenge, die vor ein paar Monaten die Runde machte und in der es darum ging, die Cover von 10 Alben zu posten, die großen Einfluss auf den persönlichen Musikgeschmack hatten, entwickelte ich eine Artikelreihe als eine Art Langzeitprojekt. Es ging und geht darum, Musiker:innen und Künstler:innen zu befragen, welche 10 Alben denn ihren persönlichen Geschmack beeinflusst hätten und warum. Und dabei mehr zu liefern, als nur die bunten Coverabbildungen. Erinnerungen, Anekdoten, … solche Dinge eben, die Euch im besten Fall dazu animieren, selbst auf eine musikalische Reise zu gehen und vielleicht das ein oder andere Album für Euch zu entdecken, das Ihr noch nicht kanntet.

Im nachfolgenden Beitrag erzählt Euch Julia Beyer, Sängerin und Textschreiberin der Band Chandeen von ihrer Top 10 – und den damit verbundenen Erinnerungen. Julia kennt Ihr aber nicht nur von Chandeen, auch anderen Projekten und Bands hat sie für so manches Lied ihre Stimme geliehen. Rotersand seien hier genannt, Mesh, Technoir oder Patenbrigade: Wolff. In letzter Zeit begeistert Julia überdies mit wunderschönen Polaroid-Fotos, die Ihr beispielsweise bei Facebook oder Instagram bewundern könnt. Und nun Bühne frei für Julia Beyer!

  • Roman Jasiek

Depeche Mode – Violator

Auch, wenn hier „Violator“ stellvertretend für das gesamte Schaffen der Band stehen soll, hat dieses Album meine Liebe zu elektronischer Popmusik wohl beeinflusst wie sonst kein anderes. Es fällt mir daher auch ungleich schwerer, meine Geschichte mit Depeche Mode in Worte zu fassen, die erst verhältnismäßig spät Anfang der Neunziger Jahre begann. Ich war ein waschechter Devotee; sammelte jeden kleinen Schnipsel aus Zeitschriften und hing mit großen Augen und Gänsehaut in meinem Kinderzimmer vor dem Fernseher, wenn ich mir zum hundertsten Mal die Videosammlungen „Strange“ und „Strange Too“ auf VHS ansah, die mich auch zu einem großen Fan von Anton Corbijn werden ließen. Das synthetische Geblubber in „World In My Eyes“, die wabernden Filterbewegungen bei „Policy Of Truth“ oder das bedrohliche Crescendo in „Halo“ entführten mich in die für mich neue Welt des Synthpops, und auch in meinem musikalischen Lebenslauf hinterließ diese Liebe ihre Spuren, die sich ein paar Jahre später vor allem durch meine Mitwirkung bei Technoir manifestierte. Fun Fact: Meine Leidenschaft für diese Band sorgte dann auch für meinen ersten und einzigen unrühmlichen Fernsehauftritt, denn ich nahm mit dem Thema „Depeche Mode“ an der ZDF-Quizshow „Risiko“ teil, die damals von Kai Böcking moderiert wurde. Zu den Aufnahmen begleitete mich zur seelischen Unterstützung mein damaliger Inside-Bandkollege Darrin (Psyche), allerdings machte mir trotzdem die Aufregung bei Sendung Nr. 2 einen fetten Strich durch die Rechnung, so dass ich bis heute in Besitz des Trostpreises in Form eines kompletten Brockhauses bin, der mich an meine schamvolle Niederlage erinnert (hat zufällig jemand Interesse? Nur an Selbstabholer!).

Dead Can Dance – Dead Can Dance

Auch DCD ist eine Band, die mich schon seit meiner Schulzeit begleitet. Sagen wir einfach, dass ich damals musikgeschmacklich noch eher ausbaufähig ausgestattet war, bis mir meine erste Urlaubsliebschaft während unserer sehnsuchtsvollen Briefkorrespondenz auch ein selbst zusammengestelltes DCD-Mixtape schickte und mir damit ganz neue Klangwelten eröffnete. Wie soll man die Musik von DCD auch nur annähernd adäquat in Worte fassen? Die Klänge, die Brendan Perry und Lisa Gerrard seit Jahrzehnten kreieren, klingen immer so, als wären sie nicht von dieser Welt und bescherten mir unzählige Stunden der Flucht aus der Realität und fast schon transzendentale Momente – vor allem auch während ihrer eher rar gesäten Konzerte. Auch, wenn die Band selbst ihr Debütalbum weniger schätzt, machen es seine ungeschliffene Rohheit, die klagenden Gesänge von Lisa Gerrard, die raumfüllende, sonore Stimme von Brendan Perry sowie die treibende Postpunkigkeit der Songs auch heute noch zu einem meiner Lieblingsalben.

Tori Amos – Under The Pink

Ich weiß nicht mehr ganz genau, wie ich in Kontakt mit Tori Amos’ Musik gekommen bin, aber auch hier war dies definitiv noch zu meiner Schulzeit. “Under The Pink” mit seiner weiten emotionalen Bandbreite (vom poppigen Überhit “Cornflake Girl” über den explosiven Opener “Pretty Good Year” bis hin zum introvertierten “Bells For Her”) sezierte ich für mich Note für Note, bis hin zum filigranen Artwork. Tori war so etwas wie mein erster „Girl Crush“ – ihre Kompromisslosigkeit, die ausdrucksstarke Mimik, ihre eigentümliche Art und Weise, an ihrem Bösendorfer-Flügel zu sitzen und mit dem Instrument zu verschmelzen machten sie damals zu einem Role Model für mich und bestärkten auch meine eigene langjährige Liebe zum Klavierspiel. Ihre roten Haare waren folglich auch nicht ganz unschuldig an meiner eigenen Haarfarbenwahl. Die ungezügelte Kraft ihrer Songs, gepaart mit einer demonstrativen Verletzlichkeit und dieser einmaligen Stimme schicken mir auch heute noch Gänsehautschauer über die Arme und packen mich in meinem Innersten.

The Cure – Disintegration

Ebenso wie bei DCD sorgte auch bei diesem Album besagte Urlaubsliebschaft für den Erstkontakt. Zum tränenreichen Abschied schenkte er mir einen The Cure-Button, den ich danach schwer verliebt jeden Tag an meiner Jacke durch die Gegend trug. Speziell dieses Album mittels von ihm per Brief gesendetem Tape wurde zum Soundtrack unserer jugendlichen Fernbeziehung zwischen Frankreich und Deutschland; “Pictures Of You” schien Robert Smith nur für uns geschrieben zu haben. Die Songs, die typisch für The Cure zwischen himmelhoch jauchzend und purer Verzweiflung pendeln, retteten mich über viele sehnsuchtsvolle Stunden. Die junge Beziehung hielt der Entfernung nicht stand, aber meine Liebe für The Cure und insbesondere dieses Album ist geblieben.

Nine Inch Nails – Pretty Hate Machine

Freitagabends, irgendwann Mitte/Ende der Neunziger Jahre: Klassischerweise fand ich mich im kleinen Gothic-Club im DortmunderSoundgarden” ein. Ich hörte dort zum ersten Mal “Terrible Lie” und tanzte mir dazu die Seele und den Weltschmerz aus dem Leib. Schnell verschlang ich das komplette Album und verlor mich in den wütenden und verzweifelten Songs. Die brachialen Sounds mit dem teil geshouteten, teil geflüsterten eindringlichen Vocals von Trent Reznor waren damals für mich unfassbar aufregend und neu und sind für mich noch immer unerreicht. Bis heute hat sich an dieser Anziehungskraft nichts geändert – sobald ich die ersten Töne von “Terrible Lie” höre, lasse ich alles stehen und liegen, eile zur Tanzfläche und bin wieder 20. 

Bel Canto – Birds Of Passage

Auch wenn ich Mitte der Neunziger zuerst über ihr weitaus bekannteres Album “Shimmering, Warm & Bright” in Kontakt mit der norwegischen Band gekommen bin, dessen Titelsong damals die Tanzflächen des von mir häufig frequentierten Zwischenfalls füllte, fand über die Leihgabe eines alten Freundes das sanftere “Birds Of Passage” noch sehr viel tiefer seinen Weg in mein Herz. Der elfengleiche Gesang von Anneli Drecker, die märchenhaft-entrückten Harmonien und epischen Flächensounds sind für mich bis heute ein musikalischer Meilenstein und Einfluss – und auch bei Chandeen verbindet uns nicht zufällig eine gemeinsame Vorliebe für Bel Canto. Musikalisch gewordene Sehnsucht (“Intravenous”), spacige Ethno-Ästhetik (“The Glassmaker”) oder klanggewordene Eislandschaften (“Dewy Fields”) – “Birds Of Passage” entführt mich jedes Mal wieder in schönere und heilere Realitäten. Bel Canto arbeiten laut eigener Aussage gerade an neuen Songs – ich gebe somit die Hoffnung nicht auf, die Band auch noch einmal live erleben zu können.

M83 – Saturdays = Youth

2007 stieß ich als Sängerin zu den wiederbelebten Chandeen und als langjähriger Fan der Band ging für mich damals ein Traum in Erfüllung. Bei den Gesangsaufnahmen zu unserem ersten gemeinsamen Album “Teenage Poetry” an einem Wochenende in Weimar stieß auch Mike Brown, Gründer und Designer von Livewire Electronics, als neues Bandmitglied aus den USA dazu. Ein unfassbar netter und ruhiger Mensch, der auch einen großen Anteil am Sounddesign des Albums hatte. Über ihn kam der Kontakt zu der Französin Emilie Lefellic zustande, die für uns ein wunderschönes 8MM-Video zu dem Song “Welcome The Still” erstellte. Sowohl sie als auch Mike hatten enge Verbindungen zu Anthony Gonzales, und so tauchte auch ich irgendwann in die cineastischen Klangwelten von M83 ein. Ich beschäftigte mich in der folgenden Zeit auch näher mit den visuellen Werken von Emilie, die sich vor allem als Polaroidfotografin einen Namen gemacht hat. Ich war von der Ästhetik ihrer Bilder und des Filmmaterials an sich irgendwann so gefesselt, dass ich selbst begann, auf Polaroidfilm zu fotografieren. Stellvertretend steht dieses Album daher auch für meine beginnende Liebe zur Polaroidfotografie. Besonders dieses Album nimmt mich mit seiner jugendlich-unbeschwerten Atmosphäre immer wieder mit und sorgt jedes Mal für Wellen der Nostalgie. Auch ist die Band für eines meiner schönsten Konzerterlebnisse verantwortlich, als ich sie 2012 während eines Kurztrips in Prag erleben live durfte. “Skin Of The Night” und “We Own The Sky” dort von Morgan Kibby gesungen zu hören, trieb mir vor lauter Überwältigung Freudentränen in die Augen. A propos Morgan Kibby – ein weiterer Girl Crush, die mich mit ihrem damaligen Style in die Arme der Indie-Welt stieß.

Slowdive – Slowdive

Vielleicht ist es ein Frevel, das nur acht Songs umfassende Album der Kultband hier zu nennen, denn hartgesottene Fans würden hier vermutlich eher das zweite Album “Souvlaki” auflisten. Aber was soll ich machen – dieses Album ist für mich Slowdive in Perfektion ohne auch nur einen Aussetzer. Erst vor drei Jahren erschien “Slowdive”, und hier passt einfach alles. Der typische überirdische Gitarrensound und ätherische Gesang vereint sich mit gereiftem Songwriting zu einem abgerundeten Ganzen, das sowohl sonnendurchflutete Momente (“Go Get It”) als auch ausreichend Melancholie bietet: “Sugar For The Pill”, “Falling Ashes” oder “No Longer Making Time” ergreifen mich immer wieder, so dass ich auch auf ihren Konzerten jedes Mal wie ein Schlosshund heule, ohne dass ich irgendetwas dagegen tun könnte. Aktuell befindet sich die Band wieder im Studio für die Aufnahmen eines neuen Albums, und ich kann es schon jetzt kaum erwarten.

Tears For Fears – The Seeds Of Love

Es ist 1989, ich sitze auf dem Boden vor dem Fernseher im Wohnzimmer meiner Eltern und schaue zum ersten Mal die Musiksendung „Formel 1“ – damals moderiert von Kai Böcking. Neben der Videopremiere von RoxettesThe Look“ läuft auch das bunte Musikvideo zu „Sowing The Seeds Of Love“ von Tears For Fears, das mich damals direkt fesselt. Der Albumkauf ließ nicht lange auf sich warten und nach und nach fand dann auch der Rest der Diskografie seinen Weg in meinen Plattenschrank. Jugendlich übermütig meine Gesangsleistungen maßlos überschätzend, wählte ich im gleichen Jahr den Song „Woman In Chains“ für ein Vorsingen für eine Rolle in einem Schulmusical aus (liebe Grüße an meinem damaligen Musiklehrer Herrn Gertz!). Man ahnt es schon, ich scheiterte natürlich krachend. Und auch wenn dieses Album für das musikalische Schaffen der Band retrospektiv bedingt repräsentativ ist, wird es immer einen großen Platz in meinem Herzen einnehmen. Zusätzlich brilliert es auch durch die Mitarbeit von hochkarätigen Gastmusikern wie einem der weltbesten Schlagzeuger Manu Katché (Anspieltipp „Badman’s Song“), es auf seinen Überhit „Sowing The Seeds Of Love“ zu beschränken, wäre daher mindestens fahrlässig.

The Beatles – 1962-1966

Kommen wir zum Schluss zum Bereich “musikalische Früherziehung”. Irgendwann in den 80ern, ich ging noch zur Grundschule, bestand die morgendliche Beschäftigung am Wochenende meiner beiden Brüder und mir vorwiegend darin, eine große runde Waschmitteltonne gefüllt mit Legosteinen in einem unserer Zimmer auszukippen, zu spielen und dabei Platten zu hören. Neben den üblichen Verdächtigen wie Benjamin Blümchen, Bibi Blocksberg und Hui Buh kamen hier auch die ersten “richtigen” Alben zum Einsatz, die wir aus der Plattensammlung unserer Eltern plünderten. Am häufigsten spielten wir das “rote” Album der Beatles, die Best Of-Sammlung der ersten Alben. Natürlich sprach oder verstand ich noch kein einziges Wort Englisch, sang aber inbrünstig Songs wie “Help!” oder “Drive My Car” mit. Ich kann heute schwer sagen, welchen Einfluss die Beatles dadurch hinterlassen haben, aber diese unbeschwerten Vormittage haben sich bis heute in meine Erinnerung gebrannt. Gibt vermutlich Schlimmeres.


Portraitfoto: Guido Werner

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