Foto: Marilyn Manson

Marilyn Manson – We Are Chaos

Bei Marilyn Manson ist das so eine Sache: Zwar kann man sich inzwischen ziemlich gesichert darauf verlassen, dass alle zwei bis vier Jahre ein neues Album erscheint, gleichwohl ist es auch jedes Mal eine Wundertüte. Man weiß nie, womit der einstmals zum Schockrocker geadelte Musiker dieses Mal überraschen möchte. Nun ist nicht davon auszugehen, dass Manson Rock gegen irgendwelche Electronica eintauschen wird, dennoch liegt jedes Mal Gespannung in der Luft! Wird es wieder ein wütendes Monster, so wie beispielsweise das letzte Album „Heaven Upside Down“? Verfolgt er ein ausgereiftes Konzept wie anno dazumal auf „Holy Wood“ und „The Golden Age of Grotesque“? Präsentiert er sich einmal mehr als Alternative Rocker („The High End of Low“) mit einer ausgeprägten und nicht zu leugnenden Affinität zum Pop („Eat Me, Drink Me“)? Die Wahrheit lag wohl niemals mehr in der Mitte als im vorliegenden neuen Album „We Are Chaos“, mit dem sich Marilyn Manson ganz galant zwischen all die Stühle setzt, die er im Laufe seiner rund dreißigjährigen Karriere aufgestellt hat. Der Eindruck, dass Manson (endlich?) sein poppigstes Album geliefert hat, lässt sich jedenfalls anfangs nicht von der Hand weisen.

Ähnlich lang wie die Liste veröffentlichter Alben ist auch die Liste der Produzenten, mit denen Marilyn Manson bisher zusammengearbeitet hat. Sie haben dem Sound Mansons, dessen roter Faden vor allem seine markante Stimme sowie dessen exaltierte Art des Gesangs ist, ihren ganz eigenen Stempel aufgedrückt. Gut gefallen hat mir die Zusammenarbeit mit Tyler Bates, unter dessen Ägide das sensationelle Album „The Pale Emperor“ entstand. Nun, für „We Are Chaos“ hat sich Manson einen neuen Partner gesucht: Shooter Jennings. Jennings ist sonst eher im Country zuhause, hat aber durchaus einen Hang zu den morbiden Sounds, die auch Mansons Werke auszeichnen. Als Beispiels sei hier das Album „Fenixon“ genannt, aufgenommen zusammen mit seinem Vater, der („Outlaw“-)Country-Legende Waylon Jennings. Dass die Wege dieser beiden Künstler sich irgendwann kreuzen würden… nun, um das vorherzusagen brauchte es also gar nicht so sehr eine Kristallkugel, wie man vielleicht vermuten könnte. Die musikalische Zusammenarbeit von Jennings und Manson reicht allerdings mindestens in das Jahr 2016 zurück. Damals veröffentlichte Jennings ein Album namens „Countach (for Giorgio)“, was, wie man anhand des Titels unschwer erraten kann, ein Tributalbum zu Ehren des „Dance-Music Godfathers“ Giorgio Moroder gewesen ist. Darauf enthalten eine ganz bemerkenswerte Coverversion: „Cat People (Putting Out Fire)“, dereinst vorgetragen von David Bowie für den Horrorfilm gleichen Namens, später noch einmal auf Bowies 1983er Erfolgsalbum „Let’s Dance“ in einer etwas rockigeren Version dargeboten.

Das neue Album, das in Mansons Klangkosmos so etwas wie die nächste Evolutionsstufe darstellt – und wieder beweist, dass man den Mann einfach nicht in eine bestimmte Schublade stecken kann – beginnt beinahe typisch. „Red Black and Blue“ heißt der Opener, in dem der Schockrocker zunächst mit dezent verfremdeter Stimme irgendwelches, biblisch gefärbtes Gebrabbel von sich gibt, ehe die schweren Bässe und Gitarrenriffs wie Maschinengewehrsalven auf die Hörerschaft niederprasseln. Mansons unverkennbarer Schreigesang inklusive. Kurz macht sich der Eindruck breit, das neue Album würde nahtlos anknüpfen wollen an das Geknüppel des letzten Albums. Und dann, kurz vor Ende, passiert es: Der finstere Himmel bricht auf, es wird melodisch, eingängig, beinahe schon ohrschmeichelnd – lässt man mal außen vor, dass Manson singt: Sick-sick-sick of you / And all your attitudes / And I’m sick-sick-sick of you / Sick-sick-sick of you / And all your attitudes / And I’m sick from you / And I’m sick from you. Den Rest des Textes betrachtend: nee, ich glaube, Manson und die (in Amerika verbreitete Form der) Religionshörigkeit werden keine Freunde mehr.

Es folgt das bereits bekannte Titelstück, das erstmal für Aufhorchen sorgte. Ungewohnt poppig, melodisch, durchaus vom Tun seines Musikbuddys Shooter Jennings geprägt ist die Nummer, die mehr die eigentliche Marschrichtung des Albums vorgab, als zunächst angenommen. Interessanterweise empfinde ich ausgerechnet das Titelstück zwischen den restlichen Songs als die schwächste Nummer. Was danach kommt, ist deutlich spannender.

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Don’t Chase The Dead“. Es orientiert sich musikalisch zunächst an dem, was etwa bei Apple Music unter „Alternative Country“ einsortiert wird, entwickelt sich dann aber in eine astreine Rocknummer mit überraschend hohem Mitgröhl-Potential. Manson gewinnt zumindest bei mir keinen Blumentopf wenn er in einer Strophe singt I got my tickets to Hell / I know you so well / And I know you wanna be there too und im Refrain dann richtig ausholt mit If tonight lasts forever / It won’t matter if there’s no tomorrow. Muss er auch nicht. Allen musikalischen Spielereien zum Trotz, die sich entdecken lassen – diese Nummer möchte auf die ganz großen Bühnen und von tausenden Fans gleichzeit angestimmt werden!

Paint You With My Love“ hat irgendwas von schwermütigem, gleichwohl außerordentlich kitschigem Südstaaten-Blues und hätte, entsprechenden Hüftschwung vorausgesetzt, dem Meister in einem Paralleluniversum wohl eine Audienz in Graceland gewährt. Daran ändert auch das schwere, sehr alternativ-rockende Finale des Songs mit jeder Menge Geschrei und Gekeifer nichts.

Half-Way & One Step Forward“ hingegen ist 100% Pop. Und mal ehrlich, Leute – Manson kann das. Es ist nicht das erste Mal, dass er eine astreine Pop-Nummer abliefert, die ins Ohr geht und sofort begeistert – nur dass er hier gar nicht erst versucht, seine Ambitionen hinter dem üblichen Gewüte oder irgendeiner anderen, allzu bekannten Attitüde zu verstecken. Wem damals „Eat Me, Drink Me“ schon zu peinlich war, was das Gepoppe anging (man denke nur an „Heart-Shaped Glasses“), kann beruhigt aufatmen – dies hier ist ein runherum gelungener Pop-Song mit alternativ rockigem Anstrich, den andere Bands/Künstler:innen gerne geschrieben hätten.

Infinite Darkness“ holt uns kurz mal zurück aus der flauschigen Wunderwelt von „We Are Chaos“ und erinnert uns ob seines brachialen Herumgewütes daran, dass wir es immer noch mit einer Platte von Marilyn Manson zu haben, dem Antichrist Superstar und Pale Emperor in Personalunion. Knochentrockenes Geknüppel kombiniert mit Texten wie First class on the astral plane / Just ’cause you’re famous doesn’t mean you’re worth anything / In this world or the next one or the one before / ‚Cause I’m not forgiving / Not forgiving (said I’m not forgiving) / Not forgiving (said I’m not forgiving) / I’m fast and ghastly (fast and ghastly) / Someone’s gonna die soon / Don’t get in the way / You’re not the hero / Not the hero lassen mich kurz darüber spekulieren, ob sich Manson hier einmal mehr am amtierenden US-Präsidenten abarbeitet. Überraschen würde es mich jedenfalls nicht. Oh, und die fundamentalste Erkenntnis des Albums liefert er hier gleich mit: You’re dead longer than you’re alive.

Andere, gelungene Beispiele: „Keep My Head Together“, „Solve Coagula“ (mit der im Zusammenhang mit der musikalischen Ausgestaltung ziemlich sensationellen Textzeile I’m not special, I’m just broken. No, I don’t wanna be fixed) und das abschließende „Broken Needle“. Mit diesem balladesken Ausflug in die Gefilde autorenzentrierter alternativer Rockmusik liefert Marilyn Manson zum Abschied noch einmal ein richtiges Brett ab – so ein Ausklang ist ihm schon lange nicht mehr gelungen. Eigentlich taugt nur „Coma White“ von „Mechanical Animals“ als adäquater Vergleich. Und das ist ja erst rund 22 Jahre her.


Es wäre leicht zu sagen: So, nun hat der Manson also auch endlich sein Pop-Album. Oder wenigstens: sein zweites Pop-Album, wenn man „Eat Me, Drink Me“ mitzählt. Dabei ist „We Are Chaos“ so viel mehr. Es ist Rock, es ist Glam, es ist Blues, es ist Country, es ist Pop, es ist Alternative. Es ist eingängig, es geht gut ins Ohr und doch in der richtigen Dosierung laut, brachial und brutal genug, um nicht zu vergessen, wem man gerade zuhört. Im Vorfeld ließen die Herren Jennings und Manson verlauten, sie würden sich mit „We Are Chaos“ am Tun von Brian Eno und David Bowie orientieren. Mag sein, das erklärt vielleicht auch den großen Fokus auf Melodie anstelle von Krach. Parallelen höre ich allerdings nicht; Bowies „Berlin-Trilogie“ ist schon nochmal eine ganz andere Hausnummer. Und der Einsatz von Synthies allein reicht nicht zum Vergleich. Aber nur weil Künstler Inspiration liefern heißt es ja nicht automatisch, dass das Resultat auch genauso klingt bzw. klingen muss. „We Are Chaos“ ist der Einfluss von Shooter Jennings deutlich anzuhören, was meines Erachtens der große Pluspunkt dieses Albums ist. Schließlich gewinnt es abermals neue Seiten eines Musikers ab bei dem zumindest ich nach jedem Album denke, nun aber wirklich alles gehört zu haben. Aber wie eingangs schon erwähnt: Bei Marilyn Manson weiß man eben nie wirklich, was kommt. Und das ist gut so, genau wie auch das vorliegende Album.


Erscheinungsdatum
11. September 2020
BAND/KÜNSTLER:IN
Marilyn Manson
ALBUM
We Are Chaos
LABEL
Caroline (Universal Music)
Unsere Wertung
7.8
Marilyn Manson – We Are Chaos
FAZIT
Es wäre leicht zu sagen: So, nun hat der Manson also auch endlich sein Pop-Album. Oder wenigstens: sein zweites Pop-Album, wenn man „Eat Me, Drink Me“ mitzählt. Dabei ist „We Are Chaos“ so viel mehr. Es ist Rock, es ist Glam, es ist Blues, es ist Country, es ist Pop, es ist Alternative. Es ist eingängig, es geht gut ins Ohr und doch in der richtigen Dosierung laut, brachial und brutal genug, um nicht zu vergessen, wem man gerade zuhört.
INHALT/KONZEPT
7.5
GESANG
8
TEXTE
6
PRODUKTION
9
UMFANG
7.5
GESAMTEINDRUCK
8.5
Leserwertung1 Bewertung
9
POSITIV
Mit Shooter Jennings an seiner Seite klingt Marilyn Manson ungewohnt melodisch und eingängig.
Ein paar Songs sind ganz große Kunst in Sachen Alternative Rock.
Teilweise immer noch laut und brachial genug um daran zu erinnern, dass wir es mit einem Manson-Album zu tun haben.
NEGATIV
Die Inspiration von Bowie/Eno mag vorhanden gewesen sein, ist aber nicht zu hören.
Manche Texte sind unangenehm dünn.
7.8
PUNKTE

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