Foto: Daria Sannikova / Pexels

“Musikalben, die deinen Musikgeschmack beeinflussten” mit: Florian Schäfer (NOYCE™)

Anlässlich der Facebook-Challenge, die vor ein paar Monaten die Runde machte und in der es darum ging, die Cover von 10 Alben zu posten, die großen Einfluss auf den persönlichen Musikgeschmack hatten, entwickelte ich eine Artikelreihe als eine Art Langzeitprojekt. Es ging und geht darum, Musiker:innen und Künstler:innen zu befragen, welche 10 Alben denn ihren persönlichen Geschmack beeinflusst hätten und warum. Und dabei mehr zu liefern, als nur die bunten Coverabbildungen. Erinnerungen, Anekdoten, … solche Dinge eben, die Euch im besten Fall dazu animieren, selbst auf eine musikalische Reise zu gehen und vielleicht das ein oder andere Album für Euch zu entdecken, das Ihr noch nicht kanntet.

Im nachfolgenden Beitrag benennt Florian Schäfer, Sänger und Songschreiber der gleichermaßen charmanten wie brillanten Band NOYCE™ +-zehn Alben, die seinen persönlichen Musikgeschmack maßgeblich prägten – und die auch für den Sound von NOYCE™ mitunter nicht ganz unwichtig waren. In dem Zusammenhang möchte ich auch noch einmal auf das wunderbare Video zu ihrem Song „Heimat“ hinweisen sowie auf das zugehörige Interview. Und nun Bühne frei für Florian Schäfer!

  • Roman Jasiek

Clan Of Xymox – Medusa

Als ich vor vielen Jahren die ersten Töne von „Theme I“ in einem Plattenladen in Düsseldorf hörte, genügte mir dies schon um mir das Album „Medusa“ von Clan of Xymox zu kaufen. Es war für mich auch die erste LP von 4AD. Dieses Label hatte danach einen großen Einfluss auf meinen musikalischen Geschmack. Dead Can Dance, Cocteau Twins, This Mortal Coil etc. waren alles unfassbar überragende Veröffentlichungen. Die brillanten Album-Cover von Vaughan Oliver (Gott hab ihn selig) haben den 4AD-Veröffentlichungen dann auch diesen besonderen Glanz verliehen. Das „Medusa“-Artwork zählt noch heute für mich zu den Eindrucksvollsten und war ohne Zweifel ein Grund dafür, warum wir bei NOYCE™-Veröffentlichungen immer DigiPaks mit Matt/Glanz Druck machen. Songs wie „Louise“, „Medusa“ oder „Back Door“ waren… nein… sind einfach immer noch großartig. Die ungewohnten Klänge, die mich damals verzauberten, das Songwriting, die verzerrten Gitarren… alles war klanglich so einzigartig und neu für meine Ohren. Auch das erste Album sowie das Major-Debüt „Twist of Shadows“ haben mich begeistert, aber „Medusa“ war eben mein erstes Album von Xymox.

Nine Inch Nails – Pretty Hate Machine / The Downward Spiral

Als ich damals in Düsseldorf in einem Platten/CD Laden arbeitete, habe ich viel Zeug aus den Staaten importiert. Vieles gab es hier einfach nicht und die Nachfrage nach CDs von Wax Trax! Records, Nettwerk oder TVT Records war groß. Da waren eine Menge Perlen dazwischen. Eines Tages war dann eben auch die „Pretty Hate Machine“ von Nine Inch Nails dabei, die mir wärmstens von meinem Dealer empfohlen wurde. Schwer zu sagen was ich gefühlt habe, als ich dieses Album zum ersten Mal hörte. Was war das für ein unfassbares Brett für die damalige Zeit. 1990! Die Songs waren mit vielen abgefahrenen Sounds gefüllt, aber in klaren Songstrukturen… eigentlich klassische Pop-Song-Strukturen. Die ungewöhnlich brillante Stimme von Trent Reznor war eine weitere Zutat, warum dieses Album vom Rolling Stone als „noch nie zuvor gehört“ und „absolut unglaublich“ beschrieben wurde. Ein Meilenstein von Industrial Rock / Pop. Ähnlich ging es mir mit „The Downward Spiral“, auch wenn das Album sehr weit weg vom Debüt ist. Auf diesem Album gelingt es Trent Reznor in meinen Augen perfekt, das Gesellschaft/Religion/Gewalt/Sex-Konzept in überragende Songs wie „Ruiner“, „March of The Pigs“, „A warm Place“, „Closer“ oder das brillante „Hurt“ (welches nicht umsonst von Johnny Cash gecovert wurde) in abstrakte Klangbilder zu malen! Die Liebe zu kleinen Sounddetails in Form von Loops und Samples war bei NIN schon immer recht ausgeprägt, aber besonders auf diesem Album wurden diese eben auch perfekt dem Konzept angepasst.

Radiohead – OK Computer

Mit ihrem dritten Album veröffentlichten Radiohead ein Album, das für viele Bands mitten in der Britpop-Area ein neuer Maßstab war. Es braucht ohne Zweifel viel Mut, Popsongs wie auf diesem Album zu schreiben und sie dann mit einem abgefahrenen und sehr mutigen Mixing zu verfremden. Die Musik auf „OK Computer“ war für mich, mit all den untypischen Sounds, eine sehr emotionale Erfahrung. „Paranoid Android“, „Exit Music (for a Film)“, „No Surpises“ oder „Karma Police“ höre ich heute noch unheimlich gerne. Das Album hat damals viele Grenzen überschritten und ich bin sicher, dass Bands wie Muse oder Placebo heute nicht so klingen würden wie sie klingen, wenn es dieses Werk nicht gegeben hätte.

Sigur Rós – Takk

In meinen Augen das zugänglichste Album von Sigur Rós. Besonders „Sæglópur“ ist ein unglaublich guter Song und in Kombination mit dem Video eine Garantie für Gänsehaut. Die Band kann man nur lieben wenn man die außergewöhnliche Falsettstimme von Jonsi liebt… und ich liebe diese Stimme einfach. Die Musik der Isländer ist die perfekte Filmmusik zum Leben. Um die unendliche Schönheit Islands zu beschreiben, ist Sigur Rós der perfekte Soundtrack dafür.

Ultravox – Rage in Eden / Lament

Ultravox mit Midge Ure war einfach „meine” Band in den achtziger Jahren. Depeche Mode waren auch brillant, aber Ultravox hat mich immer noch einen Touch mehr abgeholt. „Rage in Eden“ ist vollgepackt mit großartigen Popsongs, alle mit einem schönen New Romantic- und New Wave-Hauch. „The Voice“, „Rage in Eden“ oder „I Remember“ war einfach Synthpop der es schaffte, die Massen anzusprechen und gleichzeitig seine Integrität zu bewahren. Produziert wurde das ganze von dem großartigen Conny Plank, der ja auch schon das „Vienna“-Album und u.a. Kraftwerk, DAF, Eurythmics oder Killing Joke produziert hatte. Die Studiokosten spielten auch deshalb nicht so die große Rolle, weil neben dem kommerziellen Erfolg von „Vienna“ auch die Tantiemen für den Charthit „Fade to Grey“ von Visage, zu dem Midge Ure den Text und Billy Currie Teile der Musik beisteuerten, die Bandkasse gut gefüllt hatten. Ich könnte nun auch das Album „Lament“ nennen, welches mich nicht weniger beeinflußt hat. Nicht nur wegen „Dancing with Tears in my eyes“ sondern vor allen Dingen wegen „Heart of the Country“, „Lament“ und das überragende „Man of two Worlds“. Ich kann nicht genau sagen, warum diese Band sowie die Solo-Alben von Midge Ure mich bis heute begleiten, aber sein Gesang, die intensiven Melodien und die Instrumentierung haben mich immer auf eine ganz bestimmte Art berührt. Die Band ist sicher auch dafür verantwortlich, dass wir in unseren Songs immer so einem latenten Streicher- und Flächenfetisch frönen.

Diary of Dreams – Freak Perfume

18 Jahre ist dieses Album nun schon alt, aber in diesem Fall muss man von zeitlos sprechen. Dieses Album ist aus meiner Sicht vom ersten Track „Traum: A“ bis zum letzten Klang von „She and her Darkness“ perfekt. Liebevoll instrumentierte Klänge, feinste Flächen und brillante Melodien machen dieses Album für mich zu einem Meilenstein in der deutschen Gothic-/Wave-Bewegung. Sicher, jeder kennt „Traumtänzer“, aber „Amok“, „Chrysalis“ oder (eines meiner Diary of Dreams-Favoriten) „Verdict“ sind Songs, die diese Band und das Songwriting von Adrian Hates für mich so wichtig gemacht haben.

Yello – You Gotta Say Yes to Another Excess

Es ist schwer nur ein Album von Yello auszuwählen, weil sie eine der Bands waren, für die ich in meiner Jugend fast mein ganzes Taschengeld ausgegeben habe. „Bostich“ war z.B. die erste Single, die ich mir vor langer Zeit gekauft habe. Die Songs “I Love You“, „Great Mission“, „Swing“, „Crash Dance“ sind alle in sich absolut unterschiedlich, aber trotzdem gelingt es, dass es am Ende eben Yello ist! Auch die Artworks von Ernst Gamper waren zu dieser Zeit immer großartige Kunst. Eine schöne Anekdote ist, dass Ernst Gamper mir damals die Adresse von Boris Blank gegeben hatte, wo wir dann das erste Silence Gift-Demo hingeschickt haben. Nach zwei Wochen habe ich mich dann getraut, sehr nervös dort anzurufen und nachzufragen, wie er das Demo denn fand – und das erste, was Boris im besten Schwizerdütsch gesagt hat, war: „Wie ist das Wetter in Düsseldorf?“ Wenn ich heute an das Demo denke frage ich mich immer noch, wie dieser Mann sich die Zeit nehmen konnte sich wirklich alles anzuhören und zu jedem Song etwas zu sagen. Wir reden hier über teilweise 8 Minuten lange Pop-Songs mit 10 Refrains. Grausam, aber dafür hat Boris heute noch Respekt verdient.

And Also The Trees – Farwell to the Shade

Als ich damals das erste mal „Slow pulse Boy“ von And Also The Trees von der „Virus Meadow“ (1986) gehört habe, war es ein unglaublich intensives Erlebnis, poetische Lyrics in so einer düsteren musikalischen Atmosphäre zu hören. Die Kunst, mit Worten Bilder zu malen und diese in einzigartig melancholische Musik zu verpacken, beherrschen die Engländer in meinen Augen bis heute nahezu perfekt. Besonders eben auf dem „Farwell to the Shade“ Album, auf dem die Jones-Brüder dies in eindrucksvoller Form perfektionieren. „Prince Rupert“, „Misfortunes“, oder „The Street Organ“ machen dieses Album für mich zu einem Klassiker der britischen Post-Punk-/New Romantic-Bewegung! Das atemberaubende Cover von Cat StevensLady D’Arbanville“ steht für sich. Auch wer das Original kennt hat sich sicher nie mit dem Text befasst. Mir ging es jedenfalls so. Bei And also the Trees habe ich dann das erste mal auf den Text geachtet und frage mich noch heute, wie Cat Stevens in seinem Text am Bett einer sterbenden Frau „na na na na naaaa“ singen konnte. Dieses Album und die Band können mit einem Wort beschrieben werden: Sehnsucht.

Rotersand – Random is Resistance

Random is Resistance“ ist ein absolut großartiges Electro-Album für Menschen, die mehr als auf den klassischen „4 on the Floor“-Sound Wert legen. Das Songwriting sowie die Klangwauswahl von Krischan sind auf diesem Album einfach mutig anders und in der Kombination mit dem verzerrungsfreien, klaren Gesang von Rascal spielt die Band für mich in der ersten Liga. „Waiting to be born“, „First Time“ oder das grossartige „A Million Worlds To Loose“ sind für mich Songs, die perfekten Electro-Pop klassifizieren und von mir sehr geschätzt werden.

Pink Turns Blue – Meta

Es gab wenig deutsche Bands die mich so fasziniert haben, wie es Pink Turns Blue damals gelungen ist. Auf jedem der ersten vier Alben grundsätzlich anders zu klingen erforderte Kreativität, Mut und setzte vor allen Dingen Offenheit der Anhänger voraus, obwohl die Szene musikalisch ohnehin viel offener war als sie es heute ist. Es fällt mir deshalb sehr schwer, mich auf eines der Alben festzulegen, aber wahrscheinlich war „Meta“ das Opus, welches mich am meisten bewegt hat. Alleine der Opener „The First“ verschafft mir heute noch eine intensive Gänsehaut. Dieser Druck der schleppenden Beats, der Chor, die melancholischen Flächen, Mic Jogwers Gesang und das verzweifelte Schreien bildeten auch bei den weiteren Songs des Albums die Basis. Produziert wurde „Meta“ damals vom Laibach-Soundmixer Janez Križaj in Ljubljana im damaligen Ostblock. Wahrscheinlich klingen die Songs aus diesem Grund so grundsätzlich anders wie noch das Debütalbum „If Two Worlds Kiss“.



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