Foto: George Holz

Suzanne Vega – An Evening of New York Songs and Stories

Ich lehne mich kurz mal ganz weit aus dem Fenster und behaupte: Von Suzanne Vega wisst Ihr ungefähr genauso viel wie ich. Nämlich, dass sie Ende der 1980er zwei Songs veröffentlichte, die sie wohl unsterblich gemacht haben dürften. „Luka“ und „Tom’s Diner“. Vielleicht verfügt Ihr aber auch noch über das nerdige Wissen, dass „Tom’s Diner“ der erste Song überhaupt war, der in das mp3-Format konvertiert wurde und Suzanne Vega dadurch den Beinamen „Mother of mp3“ einbrachte. Aber sonst? Nachdem die gute Frau nur alle Jubeljahre mal ein Album veröffentlichte (und das bis heute mehr oder weniger, allerdings mehr mehr als weniger) so beibehält und sie dadurch aus der hiesigen Medienlandschaft verschwunden ist, werde wohl nicht nur ich den Namen Suzanne Vega zwar kennen, aber über die beiden besagten Top Hits (innen mit Geschmack!) hinaus kaum etwas wissen oder kennen. Was durchaus ziemlich schade ist. Vega, die ihre Songs zunächst mal nur für sich und ihre Gitarre schreibt, ehe sie im Studio aufgebläht werden, hat nämlich ein Händchen für tolle, bewegende musikalische Geschichten, mitten aus dem Leben gegriffen. Manchmal erzählt sie sie in eher kleinerem Rahmen vor Publikum. Und gelegentlich passiert es dann, dass diese kleinen, intimen Konzerte aufgezeichnet und dem Rest der Welt zugänglich gemacht werden. Am 11. September 2020 erscheint mit „An Evening of New York Songs and Stories“ ein eben solcher Mitschnitt. Und spätestens jetzt wird es Zeit, sich (wieder) mit der kalifornischen Liedermacherin zu beschäftigen.

Dieses Live-Album der zweifachen Grammy-Gewinnerin wurde Anfang 2019 im New Yorker Café Carlyle aufgezeichnet und von Gerry Leonard (dereinst Gitarrist von David Bowie) produziert. Vega sagt darüber: „Es ist immer ein Vergnügen, im Café Carlyle in New York City zu spielen, wo dieses Album aufgenommen wurde. Es ist ein kleiner exklusiver Club, der Legenden von Eartha Kitt bis Judy Collins beherbergt hat und auch als der Ort bekannt ist, an dem Jackie Kennedy Audrey Hepburn traf. Ich liebe ihn für seinen unkonventionellen Alte-Welt-Charme! Ich habe beschlossen, dass es Spaß machen würde, dort eine Show mit New Yorker Thema aufzuführen. Ich bezog Lieder mit ein, die von New York City inspiriert waren oder für die New York die Kulisse lieferte, und auch eines von meinem verstorbenen, großartigen Freund Lou Reed – “Walk on the Wild Side” – ein Lied, das ich selten von ihm selbst gesungen gehört habe.

Foto: George Holz

Und, na klar, hören wir bei diesem etwa einstündigen Streifzug durch den Alltag des Big Apple auch die Klassiker „Tom’s Diner“ und „Luka“ – letzteres wird wohl bis heute der einzige Song in der Musikgeschichte sein, der aus der Sicht eines misshandelten Jungen geschrieben wurde. Während man Suzanne Vegas behutsam und einfühlsam vorgetragenen Geschichten lauscht, die von dem Gitarristen Gerry Leonard, dem Bassisten Jeff Allen und dem Keyboarder Jamie Edwards entsprechend umrahmt werden, passiert förmlich eine Art Raum- und Zeitverschiebung. Wenn man einfach mal gar nichts weiter macht, außer sich aufmerksam auf das wirklich toll produzierte Album einzulassen, ist es ziemlich bald so, als würde man die Sängerin und Songschreiberin, über die gesagt wird, sie würde „die Welt mit einem klinisch poetischen Auge beobachten“, bei einem Spaziergang durch New York City begleiten.

Man versinkt ganz plötzlich in den Straßenschluchten zwischen den unfassbar hohen Wolkenkratzern und all den vielen Menschen, die alle ihre ganz eigene Geschichte zu erzählen haben. Hin und wieder zeigt Suzanne Vega auf diesen oder jenes und erzählt in liedhafter Form, was eben erzählenswert ist. Um bei den bekannten Beispielen zu bleiben: Man sitzt in Tom’s Diner, beobachtet das wuselige Kommen und Gehen, die Manhattaner Rush-Hour draußen auf der anderen Seite des Fensters an dem man sitzt, die eilig hinunter gestürzten Kaffees genauso wie Gespräche an der Theke und taucht einmal mehr in einen Mikrokosmos innerhalb eines Mikrokosmos ab. Oder: Man ist Bewohner eines anonymen Wolkenkratzers, vielleicht in der Pacific Street, an der Ecke New York Avenue in Brooklyn, im Fahrstuhl begegnet man Luka, hört die Geschichte des Kindes und steigt betreten und gesenkten Hauptes auf der eigenen Etage aus, während Lukas traurige Augen hinter den sich schließenden Fahrstuhltüren verschwinden, wohlwissend, dass auch der heutige Abend kein schöner sein wird. Kurz kommt mir „Asoziales Wohnen“ von Dirk Bernemann in den Sinn, das ebenfalls den ungeschönten Blick hinter Wohnungstüren wirft und Dinge aufzeigt, bei denen viele vermutlich oft still und heimlich froh sind, dass das alles nicht sooo genau mitbekommen.

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Eine Gitarre, ein Bass, ein Keyboard, die intime Atmosphäre eines kleinen Clubs, Suzanne Vegas noch immer ganz tolle Stimme sowie ihr großartiges Talent, Geschichten aus dem Leben (einer Großstadt) zu erzählen – mehr braucht es nicht, um ein Album zu liefern, das durchaus das Zeug dazu hat, zum Dauerbegleiter in der hereibrechenden kalten Jahreszeit zu werden.


Unter uns, Freunde – ich bin sehr froh, mich wieder in Suzanne Vega eingehört zu haben. „An Evening of New York Songs and Stories“ ist ein ganz tolles, kleines Album ohne viel Schnickschnack geworden, dass mich mit auf die Reise in eine Stadt nimmt, die zu meinen ewigen Sehnsuchtsorten zählt. Ich war nie in New York bisher, bilde mir aber ein, der Stadt und dessen Einwohnern durch diese feine Aufnahme wieder ein bisschen nähergekommen zu sein. Es ist ein musikalisch sehr unaufdringliches Album geworden, dass ob der gelungenen Produktion dennoch den Raum füllt. Und das uns zeigt, dass Suzanne Vega so viel mehr großartige Songs geschrieben hat, als die ewig gleichen zwei Songs, die die hiesigen Radiosender kennen. Es wird sich vermutlich zu diesen Alben mausern, die man immer wieder gerne mal aus dem Schrank holt, wenn einem nach einer Flucht aus der eigenen Wirklichkeit der Sinn steht – oder wenn einem alles andere, überproduzierte Getüdel auf den Zeiger geht.


Erscheinungsdatum
11. September 2020
BAND/KÜNSTLER:IN
Suzanne Vega
ALBUM
An Evening of New York Songs and Stories
LABEL
Cooking Vinyl
Unsere Wertung
8.1
Suzanne Vega – An Evening of New York Songs and Stories
FAZIT
Eine Gitarre, ein Bass, ein Keyboard, die intime Atmosphäre eines kleinen Clubs, Suzanne Vegas noch immer ganz tolle Stimme sowie ihr großartiges Talent, Geschichten aus dem Leben (einer Großstadt) zu erzählen - mehr braucht es nicht, um ein Album zu liefern, das durchaus das Zeug dazu hat, zum Dauerbegleiter in der hereibrechenden kalten Jahreszeit zu werden.
INHALT/KONZEPT
7.5
TEXTE
8.5
GESANG
7.4
PRODUKTION
8.5
UMFANG
8
GESAMTEINDRUCK
8.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Suzanne Vega ist eben doch mehr als "Tom's Diner" und "Luka" - sie ist eine großartige Geschichtenerzählerin!
Wunderbar produziert.
Atmosphäre dieses intimen, kleinen Konzerts wurde gut eingefangen.
NEGATIV
8.1
PUNKTE

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