Foto: ABSINTHE / Sony Music

Katy B – Little Red

Musikalisch einseitige Ernährung ist ein bisschen so wie unter einem Stein wohnen. Man hat es sich vielleicht mit dem gewohnten Allerlei ganz bequem eingerichtet. Man verpasst dafür aber auch dieses und jenes, was vielleicht ja auch ganz cool ist. Diese Erkenntnis überkam mich neulich erst wieder, als mir das aktuelle Album „Little Red“ der Londoner Clubfee Katy B zu Rezensionszwecken nahegelegt wurde. Ich war wohl viel zu lange viel zu sehr mit dem musikalischen Ausstoß der Düsterszene beschäftigt, deshalb ist das Tun dieser Dame bislang gänzlich an mir vorbeigezogen. Sollte Euch das zufällig auch so ergangen sein – prima! Dann haben wir jetzt ja ein Thema, über das wir uns unterhalten können.

Katy B heißt eigentlich Kathleen Brien, ist Baujahr 1989 und stammt aus London. Im Gegensatz zu manchem Musikerkollegen im elektronischen Umfeld hat sie ihr Handwerk tatsächlich gelernt. An der BRIT School (oder genauer: The London School for Performing Arts & Technology) nämlich, die unter anderem AdeleAmy Winehouse oder Kate Nash unter ihren Absolventen aufführt. Katy machte 2007 ihren Abschluss in Populärmusik am Goldsmith College. Diese Bildungseinrichtung, die zur University of London gehört, zählt unter anderem Damon Albarn oder John Cale zu den Absolventen. Was ich mit diesen Nennungen sagen will: dieser entzückende Rotschopf hat sein Geschäft in einem Umfeld gelernt, das schon so manch kreativen Künstler in die Welt entließ. Kaum fertig mit der musikalischen Ausbildung, ging es für die junge Dame in Sachen Karriere gleich in ziemlich großen Schritten vorwärts. Nach Arbeiten für und mit anderen Künstlern veröffentlichte sie 2010 ihre erste Single „Katy On A Mission“, die es bis auf Platz 5 der britischen Charts schaffte. Ihr 2011 veröffentlichtes Debütalbum „On A Mission“ erreichte sogar Platz 2. Und das Album, um das es hier und heute geht, hat inzwischen sogar die Pole Position geknackt! Irgendwas muss also dran sein an Katy B, das zumindest die britischen Musikkonsumenten artig ihr Erspartes in die Mucke dieser Dame investieren lässt.

Am Ende des ersten Hördurchgangs wird einem unweigerlich bewusst, dass ein Album elektronischer Natur kaum abwechslungsreicher ausfallen könnte. Club-Musik steht auf dem Etikett geschrieben, sicherlich. Es ist aber die Sorte, die sich nicht davor scheut, mit Electro-Pop, Synthie-Pop, Dubstep, Drum & Bass, House, UK Garage und sogar dem Hip Hop entliehene Beats in einen Topf zu werfen. Siebzehn Songs umfasst „Little Red“ und wenigstens beim ersten Mal werdet Ihr keine Vorstellung davon haben, womit Katy B beim nachfolgenden Song liebäugeln wird. Was sich mehr als positiv auf den Unterhaltungswert des Albums auswirkt. Vorausgesetzt natürlich, man ist inzwischen unter seinem Stein hervorgekrochen und kann sich für genannte Genres erwärmen.

Foto: ABSINTHE / Sony Music

Neben der satten, sauberen, naturgemäß ordentlich basslastigen Produktion sind es aber vor allem zwei andere Dinge, die hellhörig werden lassen. Möglicherweise geht es Euch wie mir und beim Schlagwort „Club-Musik“ denkt Ihr an Mucke, die sich vielleicht gut weghören lässt, inhaltlich aber keinen Blumentopf gewinnt. Und stimmlich ohne den Einsatz dämlicher Nachhalleffekte oder den Einsatz von Autotune mehr Katzenjammer als allem anderen gleichen würde. Es geht aber auch anders. Vielleicht ist es gar nicht so falsch, dass Katy B hier und da als Singer-Songwriterin bezeichnet wird. Ihre Bühne beschallt sie eben nur nicht mit einem Saiteninstrument, sondern mit feiner Elektronikkost unterschiedlichster Geschmacksrichtungen. Und glänzt dabei mit einer überzeugenden stimmlichen Leistung. Katys Gesangsorgan sticht wohlwollend aus dem Gezirpe vieler Sirenen heraus, die vielleicht besser nicht vor ein Mikrofon getreten wären. Und dann sind da ja auch noch die Inhalte, die sich Katy erst von der Seele schrieb, später sang. War das erste Album noch ein Nachtflug durch die Clubwelt, so ist „Little Red“ ein bissen so ein „Coming of Age“-Ding. Katy selbst sagt darüber: „Das erste Album hatte so eine gewisse Unschuld. Ich denke, dass dieses Album etwas mehr Erfahrung bietet. Meine Beziehungen sind ernsthafter geworden, ich bin bei meinen Eltern ausgezogen, ich kümmere mich selbst um meine Angelegenheiten. All meine Freunde machen die gleichen Prozesse durch — diese Fragen, die du dir selbst als Erwachsener stellst“.

Sie erzählt alltägliche Geschichten aus ihrer jugendlichen Perspektive, die dennoch genügend Potential zur Identifikation bieten. Entweder, weil man sich mit süßer Wehmut an seine eigene Jugend, verbunden mit all den Hochs und Tiefs, den Unsicherheiten und den zügellosen Parties erinnert fühlt. Oder weil man diese spannende Lebensphase gerade selbst durchlebt. „Crying For No Reason“ zum Beispiel, ihr Meisterstück und eines, auf welches das Safri Duo sicher neidisch gewesen wäre, ist so ein Beispiel dafür. Probleme, Sorgen und Nöte solange beiseite geschoben, bis sie sich ohne Vorwarnung so massiv zurück ins Bewusstsein drängen, dass scheinbar ohne Grund die Tränchen kullern. Direkt hinterher das dezent dubstepige „Emotions“ – und die emotionale Achterbahnfahrt ist perfekt. Und wenn Katy ihre Hörer zum Schluss des Albums mit „Sky’s The Limit“, einer klassischen Club-Nummer, entlässt, dann mit dieser wohligen Erkenntnis: jepp, nur der Himmel kann die Grenze sein. Alles wird gut.


Wie sehr Katy B in den musikproduktionstechnischen Teil dieses Albums eingebunden war, kann ich anhand des mir vorliegenden Materials nicht beurteilen. Ich habe demnach keine Ahnung, ob sich die junge Dame tatsächlich selbst so zielsicher zwischen so vielen Spielarten moderner Club-Musik bewegt oder einfach ein paar fähige Produzenten hatte. Ihre Biografie spricht ja eher für die erste Vermutung. Letztlich ist es für das Endergebnis allerdings ziemlich unerheblich. Denn was „Little Red“ vor allem auszeichnet, ist die charmante Mischung. Texte, die aus der Feder einer jungen Frau stammen, die gerade dabei ist, im Leben anzukommen. Kombiniert mit feinen, fast durchweg tanzbaren Sounds, die sich aber auch in den eigenen vier Wänden gut hören lassen – doch, das kann man schon mal so machen. Die größten Momente hat „Little Red“ stets in den besonders emotionalen Songs. Vielleicht ist das Album nichts für den Konsum immerzu. Aber um die eigene Jugend für eine kleine Weile zurückzuholen oder sie in Form dieses Soundtracks zu konservieren, bestens geeignet. Und dann ist da ja noch diese Stimme, falls ich das noch nicht erwähnt haben sollte.


Erscheinungsdatum
7. Februar 2014
BAND/KÜNSTLER:IN
Katy B
ALBUM
Little Red
LABEL
Columbia Records (Sony)
Unsere Wertung
7.8
Katy B – Little Red
FAZIT
Denn was „Little Red“ vor allem auszeichnet, ist die charmante Mischung. Texte, die aus der Feder einer jungen Frau stammen, die gerade dabei ist, im Leben anzukommen. Kombiniert mit feinen, fast durchweg tanzbaren Sounds, die sich aber auch in den eigenen vier Wänden gut hören lassen - doch, das kann man schon mal so machen. Die größten Momente hat „Little Red“ stets in den besonders emotionalen Songs.
INHALT/KONZEPT
7
TEXTE
7.6
GESANG
8
PRODUKTION
8.5
UMFANG
8
GESAMTEINDRUCK
7.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Charmante Mischung aus "Coming of Age"-Texten und Clubmusik.
Sauber produziert, stimmlich auch sehr hörenswert.
NEGATIV
7.8
PUNKTE

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