Foto: James K Lowe / Universal Music

Lorde – Pure Heroine

Es gibt immer wieder Momente, da kommt in mir der Anti durch. Vor allem und ganz besonders immer dann, wenn man mir erklären möchte, dies, das oder jenes sei ganz besonders toll und ich müsse doch auf Gefallen daran finden. Oder mich wenigstens mal damit beschäftigen. Nee, muss ich nicht. Schon Grossstadtgeflüster wussten: ick muss gar nüscht! Erst recht nicht, wenn die halbe Musikwelt einen Musikakteur derart über den grünen Klee lobt, dass mir kurz das Bier von letzter Nacht hoch kommt. Im Falle von Lorde und ihrem Debütalbum „Pure Heroine“ hätte ich auch beinahe einen Haken hinter gemacht und unter „nix für mich“ verbucht. Der Zufallswiedergabe in iTunes ist es geschuldet, dass ich es dennoch hörte. Ich beschloss, mich entgegen meiner inneren Weigerung doch damit zu beschäftigen. Die Frage die ich mir stellte: kann denn so ein Pop-Küken diesem riesigen Hype überhaupt gerecht werden? Wie ich lernte: jopp, kann sie.

Zum Zeitpunkt der Produktion dieses Albums war Lorde, die ansonsten eigentlich Ella Yelich-O’Connor heißt und aus Neuseeland stammt, gerade mal unschuldige 16 Jahre alt. Sie ist damit sicherlich nicht die jüngste Künstlerin, die dem Fressen und Gefressen werden der Musikindustrie ausgesetzt wird. Aber definitiv eine der erfolgreichsten. Der feuchte Traum jedes Controllers sind Zahlen, denn damit ist Erfolg ja angeblich am ehesten messbar. Daher hier mal ein ebensolche: Zuerst in Erscheinung getreten ist Lorde mit der „The Love Club EP“. Diese schoss bis auf Platz 1 der neuseeländischen Albumcharts. Und das, meine Damen und Herren, nachdem diese EP bei Soundcloud bereits 60tausend Mal heruntergeladen wurde. Für lau. Das Album, über das wir hier reden, war auf Platz 1 der iTunes Charts. In den USA. In Neuseeland. In Australien. Und in Kanada auch. Wie wir wissen, ist Apples iTunes einer der wichtigsten Absatzmärkte für die digitale Distribution von Musik. Überdies ist Lorde die erste Künstlerin seit immerhin 18 Jahren, deren Single („Royals“) sich mehr als 6 Wochen auf Platz 1 der US Alternative Charts behaupten konnte. Damit hat die junge Dame Alanis Morissette auf die Plätze verwiesen. Logisch, dass sie damit gleich als neue ‚Queen of Alternative’ betitelt wurde, oder? Und dann ist da ja noch ihre Heimat Neuseeland, wo sie bisher ingesamt vier Top 20 Singles platzieren konnte. Für „Royals“ und „Tennis Court“, beide Nummer-1-Platzierungen, gab es sogar Platin. Eigentlich könnte sich das Mädel jetzt zurücklehnen und ganz entspannt zunächst mal erwachsen werden, wa?

Die Geschichte ihrer musikalischen Karriere reicht allerdings noch etwas weiter zurück. Seit nunmehr drei Jahren arbeitete Lorde schon mit Universal Music zusammen. Doch so richtig wollte das bisher keine Früchte tragen. Bis zu jenem schicksalshaften Tage, an dem der jungen Lady der Produzent und Songwriter Joel Little zur Seite gestellt wurde. Über diesen Little spuckt Discogs nicht wirklich weltbewegendes aus. Es scheint aber genügend kreative Spannung zwischen Lorde und Little zu herrschen, dass sie fortan ihre Teenie-Gedanken in erstaunlich reife Texte bzw. Songs stecken konnte. Zusammen mit einer ziemlich fetten, schalldrucklastigen Produktion, die so unglaublich entspannt vor sich hin groovt, überrascht es nicht, dass Lorde vom Erfolg förmlich überrollt wurde. Musikalisch meist recht einfach und minimalistisch gehalten, sowohl in Arrangement als auch irgendwelcher klanglicher Spielereien, würden die Beats vermutlich unter anderen Umständen im Hip Hop zuhause sein.

Foto: Charles Howells / Universal Music

Noch dazu kommt, dass Lorde über eine für ihr junges Alter überraschend reife Stimme verfügt. Ich hab keine Ahnung, wie es Euch geht, aber immer wenn mir einer was von einer jungen Künstlerin erzählen will, denke ich unweigerlich an ein piepsiges Mini-Maus-Stimmchen, umrahmt von klebrig-süßem Plastikpop, lieblos produziert und nur der schnellen Mark wegen dem Konsumenten um die Ohren geballert. Im Pressetext heißt es: „Frei von jenen abgenutzten Banalitäten, die man der Sichtweise einer 16-Jährigen gewöhnlich zuschreibt, gelingt es LORDE in ihrer Musik die Quintessenz der Frustration und Freiheit, der Neugier und Zuversicht und das schlicht und einfach Wundersame des Teenagerdaseins auf wirklich einmalige Art und Weise einzufangen.“ – ich bin mehr als geneigt, diese Beweihräucherung zu unterschreiben. Ob nun „Tennis Court“, das enorm erfolgreiche „Royals“ oder „Ribs“ – LordesPure Heroine“ steckt voller toller Pop-Songs, die in einer hübschen Melange aus Synthie- und Indie-Pop ihre eigene Nische gefunden haben. Es gibt genügend reifere Acts, die stets nur irgendwelchen Trends hinterher hecheln, eine eigene Note dabei aber gänzlich vermissen lassen.

Wie hoch der Eigenanteil Lordes an dieser Platte ist, darf dennoch sicherlich hinterfragt werden. Viiiiiieeeeeeeel zu professionell, zu sehr auf Erfolg getrimmt wirkt die Scheibe. Das macht aber nüscht. Mir als Konsumenten kann es unterm Strich egal sein, ob Lorde tatsächlich das musikalische Wunderkind ist, zu dem es die Plattenindustrie es gerne machen möchte. Oder ob da nicht einfach nur die richtigen Figuren im Hintergrund agieren. Völlig schnurz, so lange das Ergebnis stimmt. Und das tut es. Entgegen überkandidelter Pop-Produktionen der Marke „lauter, aufge- und überdrehter, effekthaschender“ wirkt Lordes Debüt viel entspannter, abgeklärter. So als sei es ihr im Gegenzug egal, ob sie damit diesen riesigen Erfolg hat, der ihr ja nun mal unbestreitbar beschieden ist. Vor allem gelingt ihr damit aber eines: mit der Unschuld junger Menschen etwas Hektik aus dem Alltag zu nehmen und den Hörer sogar in seine eigene Jugend zurückzuversetzen. Auch der Anti in mir ist froh, dieses „Pure Heroine“ gehört zu haben.


Ich dachte ja, ich käme irgendwie um diesen Hype um Lorde irgendwie drumherum. Diese Superlative, die das Presseheftchen verzieren, reichen schon, um mein Interesse gegen null tendieren zu lassen. Manchmal muss man allerdings über seinen Schatten springen. So wie im Fall Lorde. Inzwischen muss ich zugeben, dass ihr Debütalbum „Pure Heroine“ für mich zwar kein Grund ist, wild mit den Armen rudernd und Hurra!-schreiend durch die Gegend zu rennen, aber es dennoch für ein ziemlich gutes Album halte. Ziemlich gut. (Mit lang gezogenen Vokalen, der dramatischen Betonung wegen.) Diese junge Frau hat hier ein paar hörenswerte, tiefenentspannte Popsongs versammelt, die sich schlicht und ergreifend gut weghören lassen. Was mehr kann man von einem Album erwarten? Eben. Ich bin gespannt, wie die Reise Lordes weitergehen wird. Hoffen wir nur, dass sie von dem knallharten Musikbusiness nicht überrollt wird. Wäre ja nicht das erste Mal, das nach einem sensationellen Höhenflug ein tiefer Fall käme. Um hier allerdings nicht den Teufel an die Wand zu malen, höre ich jetzt einfach auf und empfehle: hört Euch „Pure Heroine“ mal an. Es lohnt sich, Hype hin oder her.


Erscheinungsdatum
25. Oktober 2013
BAND/KÜNSTLER:IN
Lorde
ALBUM
Pure Heroine
LABEL
Universal Music
Unsere Wertung
7.9
Lorde – Pure Heroine
FAZIT
Ich dachte ja, ich käme irgendwie um diesen Hype um Lorde irgendwie drumherum. Diese Superlative, die das Presseheftchen verzieren, reichen schon, um mein Interesse gegen null tendieren zu lassen. Manchmal muss man allerdings über seinen Schatten springen. So wie im Fall Lorde. Inzwischen muss ich zugeben, dass ihr Debütalbum „Pure Heroine“ für mich zwar kein Grund ist, wild mit den Armen rudernd und Hurra!-schreiend durch die Gegend zu rennen, aber es dennoch für ein ziemlich gutes Album halte. Ziemlich gut. (Mit lang gezogenen Vokalen, der dramatischen Betonung wegen.) Diese junge Frau hat hier ein paar hörenswerte, tiefenentspannte Popsongs versammelt, die sich schlicht und ergreifend gut weghören lassen. Was mehr kann man von einem Album erwarten? Eben.
INHALT/KONZEPT
7.6
TEXTE
7.6
GESANG
8
PRODUKTION
8.5
UMFANG
7.5
GESAMTEINDRUCK
8
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Ziemlich tiefenentspannte Beats / Produktion.
Erstaunlich abgeklärte Mucke für eine so junge Frau.
NEGATIV
7.9
PUNKTE

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