Foto: Dependent Records

Encephalon – Psychogenesis

Encephalon. Jeder sollte eines haben. Aber wenn ich mich so umgucke in der Welt, bin ich mir dessen nicht so sicher. Was klingt wie eine Bezeichnung für etwas, in das sich Pausenbrote einwickeln lassen, ist ein anderes Wort für Gehirn. Gar keine schlechte Idee der kanadischen Band um Matt Gifford, ihr Industrialprojekt so bezeichnen. Schließlich kitzelt ihre Musik eher den Verstand als den Bewegungsapparat. Bereits mit ihrem „The Transhuman Condition“ reihten sie sich ein in die Riege hochkarätiger Bands, wegen denen Fans stets glänzende Augen bekommen, wenn die Schlagworte „Industrial“ und „Kanada“ in einem Satz fallen. Ein dolles Ding war das damals 2011, das wohl auch heute noch dann und wann in den Playern von Connaisseuren rotieren dürfte. Vier Jahre später nun also das Nachfolgewerk „Psychogenesis“. Ein zweites Album ging schon oftmals in die Hose, manchmal einfach auch nur, weil die Erwartungshaltung der Konsumenten zu hoch war. Encephalon können ihr Album allerdings ganz entspannt auf den Markt bringen. Sie haben die vier Jahre genutzt, ihren Sound zu verfeinern. Und sind dabei aber ein bisschen brachialer geworden. Ein bisschen? Nun, es war eine Evolution vom Knüppel zum Vorschlaghammer.

Die Welt hat sich verändert in den letzten vier Jahren. Ohne Übertreibung kann man sagen: mit beinahe jedem Tag, der vergeht, wird sie ein bisschen unbequemer. Es sei denn, es ist Fußball angesetzt, dann ist alles in Butter… Auch bei Encephalon hat sich was gedreht. Wenn sie ihr Album mit „Psychogenesis Zero“ einleiten, einer kruden Mischung orchestraler Töne, verzerrter Vocals und fuchtigem Gestampfe, dann geht der Puls des Hörers das erste Mal in die Höhe. Aus dem Stand weg schnellt die Spannungsspitze in die Höhe, verharrt dort und flaut erst dann wieder ab, wenn man so langsam realisiert, dass bereits seit geraumer Zeit stille herrscht.

Desertropolis“ mit seinen wild tanzenden Drums ist ein bisschen wie der maschinelle Gleichschritt, mit dem wir sehenden Auges auf den Abgrund zu marschieren. Ob der Schreisingsang im Refrain uns wird wecken können? Weiß man nicht. „Illuminate“ kennen wir bereits von der „Dependence“ und ist Hinblick auf Eingägigkeit und Tanzbarkeit der konsumentenfreundlichste Song dieses Albums. Was ein paar FuturePop-Anleihen so ausmachen. Dabei haben es die Kanadier gar nicht nötig, in fremden Gewässern zu fischen, nur um ein paar Unentschlossene abzuholen. Encephalon zu hören muss eine bewusste Entscheidung sein, ein aufmerksames Erleben, ein intensives Reflektieren – sonst war die Mühe umsonst.

Schön übrigens, wie sie in dem knüppelharten „Outbreaker“ harte Gitarrenriffs und Drum & Bass-Elemente vereinen. Noch schöner, dass sie dabei das übliche Gewobbel und die scheinbar doch verzichtbaren Drops außen vorlassen. Da soll noch mal jemand behaupten, es gäbe keine neuen Impulse in der elektronischen Düstermucke mehr! Eine Spur Versöhnlichkeit liefern Encephalon im Stück „Genomica“. Nicht zuletzt aufgrund der weiblichen Vocals am ehesten das, was sich mit Ballade umschreiben ließe. Dem Titel entsprechend trägt der Songs Synthie-Gene der längst vergangenen 80er Jahre in sich. Ziemlich coole Nummer! Spätestens jetzt sollte sich jeder aufmerksame Hörer in der akustischen Dystopie verloren haben. Einzig mit “Malkuth” fallen sie ein bisschen aus ihrem Rahmen und erinnern mit dieser reichlich rockigen Nummer und den tüdeligen Synthies eher an ihre Landsleute von The Birthday Massacre.

Krönung dieses insgesamt sehr düsteren Albums ist „Ecophagy“. Soundtrackartiges Bläserinferno, hämmernde Drums, eine unheimlich(e) bedrohliche Stimmung – die ohne Rücksicht auf Verluste die Welt verzehrende Gier des Menschen wurde wohl selten beklemmender vertont. Mich schüttelt’s. Mit der abgefahrenen Mischung aus Kabarett, Düsterelectro, dem unbequemen Klavier sowie einmal mehr den knarzigen Bläsern entlassen Encephalon via „Atom And Eve“ ihre Hörer. Und tun das mit dem bleibenden Gefühl, dass der Big Bang eigentlich schon stattgefunden hat, wir nur zu blind sind, es zu sehen. Aber hey, unsere Leitmedien geben ja auch die Richtung vor, in die wir blicken sollen… Ernsthaft: bei allem was da so abgeht ringsherum, wundert sich da noch jemand über die zahlreichen psychischen Defekte, die der moderne Mensch heute so hat? Gucken und verstehen und schon wäre so manche Psychogenese geklärt.

Wie gesagt: Encephalons zweites Album ist lauter und härter als der Vorgänger. Aber wir leben ja nun auch nicht in Zeiten wo es angebracht wäre, die unzähligen Missstände unserer Welt in gar lieblichen Melodeien verpackt vorzuträllern. Der Weckruf muss vielleicht tatsächlich ein bisschen brachialer ausfallen. So mitten in die Fresse, quasi. Vielleicht hilft es ja dabei, dass ein paar Leute mehr wieder ihr Encephalon nicht mehr nur auf’s Smartphone starrend spazieren tragen. Hoffen wird man ja wohl noch dürfen.


Du liebe Güte, was für ein fuchtiges Biest. Nicht ganz so brachial wie die Labelkollegen Chrysalide beispielsweise, aber inhaltlich und akustisch Brett genug, um Genussmenschen die ganze Spielzeit über zu fesseln. Zwar ließe es sich zu einigen Tracks dieses Albums tanzen, „Illuminate“ wäre da ein Beispiel, aber so richtig sehe ich „Psychogenesis“ nicht in den Düstertanztempeln. Zumindest nicht in unseren Breitengraden. Dafür ist das Album eine Spur zu rau, zu eckig und kantig, zu experimentell und cineastisch, ja insgesamt ein bisschen zu unbequem, um sich bei den Jüngern der DAC behaupten zu können. Und wenn ich mir angucke, dass dort in den aktuellen Bullets Künstler wie Ferris MC oder Tocotronic vertreten sind, kann ich eh nur noch mit dem Kopf schütteln. „Psychogenesis“ steht in der Tradition anderer, großer, kanadischer Industrialbands wie Front Line Assembly oder Skinny Puppy und ist etwas für Leute, die sich lieber in komplexen Arrangements verlieren als in schmeichelnden Melodien. „The Transhuman Condition“ war also zum Glück kein einmaliger Glückstreffer.


Erscheinungsdatum
24. April 2015
BAND/KÜNSTLER:IN
Encephalon
ALBUM
Psychogenesis
LABEL
Dependent Records (Alive)
Unsere Wertung
8
Encephalon – Psychogenesis
FAZIT
Du liebe Güte, was für ein fuchtiges Biest. Nicht ganz so brachial wie die Labelkollegen Chrysalide beispielsweise, aber inhaltlich und akustisch Brett genug, um Genussmenschen die ganze Spielzeit über zu fesseln. Zwar ließe es sich zu einigen Tracks dieses Albums tanzen, „Illuminate“ wäre da ein Beispiel, aber so richtig sehe ich „Psychogenesis“ nicht in den Düstertanztempeln. Zumindest nicht in unseren Breitengraden. Dafür ist das Album eine Spur zu rau, zu eckig und kantig, zu experimentell und cineastisch, ja insgesamt ein bisschen zu unbequem, um sich bei den Jüngern der DAC behaupten zu können.
INHALT/KONZEPT
8
TEXTE
8
GESANG
7.5
PRODUKTION
8.5
UMFANG
7.6
GESAMTEINDRUCK
8.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Laut, hart, geil.
Brachialer Düster-Elektro, jenseits des Szene-Einerleis.
NEGATIV
8
PUNKTE

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