Foto: Oliver Rath

Olli Schulz – Feelings aus der Asche

Olli Schulz muss ich Euch an dieser Stelle nicht mehr ernsthaft vorstellen, oder? Im Fernsehen oder im Radio – irgendwann, irgendwo werdet Ihr dem Entertainer sicher schon einmal begegnet sein. Dann und wann ist Schulz aber zum Glück auch noch in seiner ursprünglichen Rolle als Musiker unterwegs, nimmt Platten auf und betritt hier und da eine Bühne, um uns mit seiner Liedermacherei zu begeistern. Am 9. Januar erscheint nach gut drei Jahren sein neues Album „Feelings aus der Asche“. Für uns der Anlass, in die Perlentaucherei 2015 einzusteigen. Ein toller Start ins neue Musikjahr, das kann ich Euch jetzt schon verraten! Würde sagen, wir starten auch direkt los mit der Vorstellung von „Feelings aus der Asche“.

Je älter man wird, desto schneller rinnt einem die Zeit durch die Finger. Nehmen wir 2014 – viel länger als einen Fingerschipp hat das Jahr doch gefühlt irgendwie nicht gehalten, oder? Dass die Zeit ein Feuer ist, in dem wir alle verbrennen, ist hinlänglich bekannt. So überrascht es auch nicht, dass das letzte Olli Schulz-Album „SOS – Save Olli Schulz“ schon gute drei Jahre auf dem Buckel hat. Aber ist es gefühlt nicht eben erst auf den Markt gekommen? Haben wir nicht gerade erst noch zu „H.D.F.K.K.“ gefeiert? Oder dem Olli bei seinem Musikvortrag in der Meier Music Hall in Braunschweig beigewohnt? Das ist doch alles vor kurzem erst passiert? So sagt es das Gefühl. Ein Blick auf den Kalender sagt uns aber: nö, so ganz kommt das nicht hin. Es ist genug Wasser die Aller entlang geflossen, dass Olli Schulz neben seinem Job als Moderator bei radioeins und diversen Fernsehauftritten Gelegenheiten gefunden hat, neue Songs zu schreiben und aufzunehmen.

Olli Schulz ist ein Geschichtenerzähler bester Güte. Das wissen Hörer seiner Mucke bereits seit 2003, als das erste Album „Brichst du mir das Herz, dann brech’ ich dir Beine“ (damals noch zusammen mit Max Schröder als Olli Schulz und der Hund Marie) erschien. Teilnehmer seiner Konzerte wissen das erst recht. Ist nicht ganz so ungewöhnlich, dass der Redeanteil eines Olli Schulz-Konzerts höher ausfällt als der gesungener Lieder. Das macht dann aber auch nichts, man hört ihm einfach zu gerne zu bei seinen Alltagsbeobachtungen. Durchaus mal mit einer ordentlichen Portion Humor garniert. Wer das auch bei „Feelings aus der Asche“ erwartet, muss jedoch ein bisschen umdenken.

Im Vergleich zum direkten Vorgängeralbum wirkt „Feelings aus der Asche“ viel ernster, gereifter, vielleicht auch ein bisschen düsterer. Keine Zeit für Albernheiten? Die Zeit verbrennt uns. Manchmal sorgt sie auch dafür, dass wir den Ereignissen nur hilflos hinterher gucken können, während sie uns überholen und uns an einem gewissen Punkt zurücklassen. Manchmal können wir dem Leben und den Veränderungen, die es mitsich bringt, nur beobachtend hinterhergucken, gefangen in einem eigenen Universum, in dem wir die Sonne sind und sich der eigene Kosmos stets um sich selbst dreht. Ein Gefühl, das wir sicher alle kennen. Dieses Gefühl wurde kürzlich erst in einem dieser oftmals sinnlosen Sprüchebildchen festgehalten in dem es sinngemäß hieß: alle in meinem Bekanntenkreis heiraten, kriegen Kinder und/oder bauen Häuser und nur ich, ich pule weiter die Aufkleber von den Bananen und klebe sie mir an die Stirn. Diese Hilflosigkeit, die manchmal unter der Oberfläche brodelt, während die Welt Bewegung ist und man selbst nur Stillstand (oder andersherum), sie blitzt immer wieder hervor auf diesem bezaubernden Kleinod von einem Album.

Da gibt es den „Boogieman“, der sein Herz in der Hand trägt und die Zeit im Gesicht, der sich in einer Zeit und einer Welt zurechtfinden muss, die nicht mehr so ganz seine ist. Wie aus einem Riss in der Wirklichkeit herausgefallen. Kraftlos und irgendwie obsolet. Musikalisch verpackt in eine abstrakte Kabarettsatmosphäre, die den Hörer in eine schummerige Spelunke auf der Reeperbahn entführt. Da ist die Liebe zur Musik, begleitet von sich veschiebenden Prioritäten („Als Musik noch richtig groß war“). Erinnert sich noch jemand an “Nimm mein Mixtape, Babe” vom Debüt? Einmal ist es die Liebe zur Musik, einmal die Liebe verpackt in Musik. Die Richtung ist eine ähnliche. Unterschwellig sind es aber auch ganz oft die Veränderungen, die in Beziehungen passieren. Erlebt man ja auch immer wieder: es wird nebeneinander gelebt, innere und äußere Einflüsse bewirken irgendwas und dann, ganz plötzlich, ist schon wieder einmal nichts mehr so, wie es mal war. „Das kann hässlich werden“ schildert das eher unschöne Ende einer Beziehung, begleitet von galoppiernden Rhythmen. Das melancholische, rührende „Mann im Regen“ hat auch diese Beziehungskiste als thematischen Unterbau. Hier ist es jedoch nur einer, eben der besungene Protagonist, der in Habachtstellung verharrt und darauf hofft, dass sich die Dinge wieder zum Besseren wenden, sobald sich der Sturm gelegt hat. Ein Happy End scheint hier fraglich. Den Funken Optimismus, das kurze Glimmen in der Dunkelheit, springt eher schon in „Kinder der Sonne“ über. Die versöhnliche Erkenntnis nach einem Streit, dass sich beide verändern müssen, um sich gemeinsam weiterbewegen zu können. Und manchmal hilft alles nichts, manchmal bringt die Zeit es einfach mit sich, dass sich zwei Leben in gänzlich unterschiedliche Richtungen entwickeln. Dann kommt der Moment, um die „Feelings aus der Asche“ zu ziehen, sich den Staub abzuklopfen und den Blick nach vorne zu richten. Wenn Schulz singt: im Aschenbecher liegt dein Foto / und ich seh zu wie es verbrennt / und ich hol die Hand aus meiner Tasche / und zieh die Feelings aus der Asche, dann tut er es vermutlich in dem größten Song, der dem Wahl-Berliner seit langer Zeit gelungen ist! In diesen Momenten erinnert das Album an die Stücke wie „So lange einsam“, „Wie sie“ oder „Isabell“ des großartigen 2009er Albums „Es brennt so schön“.

Jedoch ist nicht alles auf diesem Album schwer und nachdenklich stimmend. „So muss es beginnen“ beispielsweise ist ein fröhlich grovender Gitarrenpopsong, so wie man ihn von Schulz schon oft gehört hat. Dieser Soundtrack für die Momente, wo es einfach mal läuft. Oder magische Aufbruchsstimmung in der Luft liegt. Der optimistsche Einstieg ins Album, ähnlich wie „Wenn es gut ist“ beim letzten. Und dann ist da ja auch „Phase“, die unglückliche Liebesgeschichte und gefühlsmäßig ein bisschen die indirekte Fortsetzung von „Spielerfrauen“, „H.D.F.K.K.“ oder „Jetzt gerade bist du gut“. Richtig pfiffig wird es übrigens in „Passt schon!“, wo Olli Schulz seinen Status als Promi ironisch betrachtet. Nein, er ist eben nicht der Typ, der zwingend witzig sein muss um gut zu sein. Und ganz sicher auch nicht der Typ, der nachgeäfft werden müsste. Darüber beschweren soll er sich aber bitte gefälligst auch nicht, hat er sich doch schließlich selbst so ausgesucht. Joa. Passt schon!

Produziert von Moses Schneider (u.a. TocotronicBeatsteaks) und aufgenommen in den Berliner Hansa-Studioszusammen mit Gisbert zu Knypshausen (Bass), Ben Lauber (Schlagzeug) und Arne Augustin (Klavier, Keyboards) ist Olli Schulz ein Album gelungen, dass viele große Momente in ohrenscheinlich ach so kleine Songs verpackt. Alltagspoesie für Normalsterbliche. Keine Albernheiten, keine überkandidelte Produktion sondern eben wirklich ein toller Einstieg in das Musikjahr 2015, welches das Verbrennen in der Zeit etwas erträglicher macht. Wie Olli so treffend singt: so muss es beginnen!


Radiomoderator, Fernsehfigur, die sich für keinen Schabernack zu schade ist – von allen Dingen, die Showman Olli Schulz anpackt ist es doch die Liedermacherei, die er am besten beherrscht. Und die – zumindest meiner Beobachtung nach – irgendwie am wenigsten Beachtung findet. Es wäre extrem schade, würde er immer nur auf den aus Funk und Fernsehen bekannten „Komiker“ reduziert werden. Wenn sich der Fame irgendwann gelegt haben sollte wäre es schön, wenn Schulz als das im kollektiven Gedächtnis haften geblieben ist, was er am meisten ist: ein begnadeter Liedermacher mit einem sicheren Gespür für bewegende Momente, verpackt in kleine Pralinen. „Feelings aus der Asche“ ist ein leuchtendes Beispiel dafür. Auch wenn es zunächst no big deal zu sein scheint, so wächst es mit jedem Hördurchgang ein bisschen mehr. Ein kleines Album, überraschend ernsthaft, zunächst so winzig und dann doch so mächtig! 2015 mag gerade erst begonnen haben, ein erstes Highlight gibt es aber bereits schon jetzt. Feiner Kerl, feines Album. Danke, Olli!


Erscheinungsdatum
9. Januar 2015
BAND/KÜNSTLER:IN
Olli Schulz
ALBUM
Feelings aus der Asche
LABEL
Trocadero (Indigo)
Unsere Wertung
8.2
Olli Schulz – Feelings aus der Asche
FAZIT
Wenn sich der Fame irgendwann gelegt haben sollte wäre es schön, wenn Schulz als das im kollektiven Gedächtnis haften geblieben ist, was er am meisten ist: ein begnadeter Liedermacher mit einem sicheren Gespür für bewegende Momente, verpackt in kleine Pralinen. „Feelings aus der Asche“ ist ein leuchtendes Beispiel dafür. Auch wenn es zunächst no big deal zu sein scheint, so wächst es mit jedem Hördurchgang ein bisschen mehr. Ein kleines Album, überraschend ernsthaft, zunächst so winzig und dann doch so mächtig!
INHALT/KONZEPT
8.5
TEXTE
9
GESANG
7.1
PRODUKTION
8
UMFANG
7.5
GESAMTEINDRUCK
9
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
"Als Musik noch richtig groß war" ist einer Tracks dieses Albums - ginge aber auch als Titel für dieses Werk durch.
NEGATIV
8.2
PUNKTE
Herausgeber

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INHALT/KONZEPT
TEXTE
GESANG
PRODUKTION
UMFANG
GESAMTEINDRUCK
Finale Bewertung

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