Foto: Nilz Böhme / Theater Magdeburg

Der Zauberer von Oz: Bericht von der Musical-Premiere im Theater Magdeburg am 11. Februar 2017

Somewhere over the rainbow… Kaum ein Song (bzw. eine Melodie) dürfte wohl so bekannt sein wie dieser, den Harold Arlen und E.Y. Harburg in den 30er Jahren für den Film “Der Zauberer von Oz” geschrieben haben. Schon wenige Tage nach der Filmpremiere im August 1939 waren vier Versionen dieses Songs auf dem Markt. Mit der Trefferliste, die beispielsweise eine Suche bei Spotify zu Tage fördert, ließe sich Klopapier beidseitig bedrucken. Der Song ist Teil der Popkultur seit seiner Schaffung und wird es wohl auch immer bleiben. Dafür sorgen die beständigen Neuinterpretationen. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Zauberer von Oz selbst. Dieser Kinderbuchklassiker, von Lyman Frank Baum im Jahre 1900 veröffentlicht, erhielt nicht nur diverse Fortsetzungen, sondern wurde seit anno dazumal stets neu interpretiert. Am 11. Februar 2017 feierte “Der Zauberer von Oz” als Musical unter der Regie von Thomas Schmidt-Ehrenberg und der musikalischen Leitung von Tomohiro Seyama Premiere im Theater Magdeburg. Ganz gleich, welchem Baujahr man selbst angehört – für eine gute Geschichte, ein tolles Märchen, ist man nie zu alt!

Zunächst zum Inhalt, zitiert von der Webseite des Theaters Magdeburg:

Dorothy lebt mit Tante Em und Onkel Henry auf einer Farm im öden Kansas. Doch eines Tages wird das kleine Häuschen – mit ihr an Bord – von einem Wirbelsturm weggerissen. Dorothy landet schließlich in Oz, einem fremden, verzauberten Land. Bei der Rückkehr in die Heimat kann ihr nur der mächtige Zauberer von Oz in der fernen Smaragdenstadt helfen. Wie gut, dass sie unterwegs mit der Vogelscheuche, dem Blechmann und dem Löwen drei Freunde gewinnt, die ihr auf der beschwerlichen Reise über den gelben Backsteinweg beistehen. Denn auch die böse Hexe des Westens treibt ihr Unwesen in Oz…

Inga Krischke (Dorothy Gale) / Foto: Nilz Böhme

Die Handlung dürfte grundsätzlich wohl allseits bekannt sein, denke ich. Gute 120 Jahre, nachdem Lyman Frank Baum das zugrundeliegende Kinderbuch geschrieben hatte, ist “Der Zauberer von Oz” fester Bestandteil in jeder guten Kinderbuchsammlung und in der Popkultur tief verankert. Die Geschichte von Dorothy, die durch das zauberhafte Oz reist, begleitet von drei ganz und gar unwahrscheinlichen Gefährten, hat schon diverse Umsetzungen erfahren. Zunächst fällt einem da natürlich der erwähnte Filmklassiker aus dem Jahre 1939 mit Judy Garland in der Hauptrolle ein, dann vielleicht die freie Nacherzählung “Der Zauberer der Smaragdenstadt” von Alexander Wolkow – quasi der Oz des Ostens. Ja selbst die Hexen haben in Form des Stückes “Wicked – Die Hexen von Oz” eine Würdigung in Form eines Musicals bekommen. Die Magdeburger Inszenierung von “Oz” basiert auf der Musicalfassung, die 1987 im Londoner Barbican Centre uraufgeführt wurde.

Ks. Undine Dreißig (Glinda), Inga Krischke (Dorothy Gale) / Foto: Nilz Böhme

In einigen, manchmal ganz wesentlichen Punkten weicht die Vision von Regisseur Thomas Schmidt-Ehrenberg von der klassischen Erzählung ab. So gibt es hier beispielsweise keinen Hund namens Toto. Stattdessen ist Toto ein imaginärer Freund, der Dorothys Weg zum Erwachsenwerden in der ländlichen Ödnis von Kansas erträglicher macht. Darüber hinaus wurde die Handlung in die heutige Zeit verlegt, was sich in einigen Details bemerkbar macht. So ist etwa die gute Hexe Glinda stets mit Kopfhörern unterwegs und wippt zur ganz eigenen Musik, während die böse Hexe statt eines Besens mit einem Segway durch die Geschichte braust. Mit anderen Worten: die Inszenierung gefällt durch eine Modernisierung, die Sinn macht und die auch nötig ist, um die Kinder von heute, die in der Welt von sozialen Medien, Smartphones und dergleichen aufwachsen, abholen zu können. Ein Gruppe ganz unterschiedlicher Charaktere auf der Suche nach Herz, Hirn und Courage, angeführt von einer furchtlosen Heldin, die nach ihren Abenteuern erkennt, dass es stets nur sie selbst ist, die ihre Zukunft bestimmen kann und niemand anderes und dabei das Beste aus der Situation zu machen – das sind Themen und Motive, die man jungen Menschen auch und besonders in dieser Zeit mit auf den Weg geben kann und sollte. Gleichwohl schadet es sicher nicht, wenn sie Erwachsenen noch einmal ins Bewusstsein gerufen werden. Manchmal denke ich, Herz, Hirn und Mut sind zur Mangelware geworden.

Aber das ist beileibe nicht die einzige Modernisierung, die hier den Weg in das Stück gefunden hat. Mehr noch als alles zuvor genannte ist es das Frauenbild, dem hier gehörig der Staub aus dem Scheitel geklopft wurde. War es in dem Film beispielsweise noch so, dass Dorothy am Ende ihrer Reise – nachdem sie emanzipiert an der Seite dreier Männer reihenweise Abenteuer überstanden hat – sich über nichts mehr freut, wieder zuhause sein (Heimchen-am-Herd-Klischee, ick hör dir trapsen…), so ist es in diesem Fall eine Dorothy, die feststellt: sie ist nicht allein. Und das Ende des Regenbogens kann der heimische Herd nicht sein. Der letzte große Moment in einer Inszenierung, der es an (Schau-)Werten nicht mangelt, bevor der Vorhang fällt.

Inga Krischke (Dorothy Gale), Jan Rekeszus (Der Löwe), Christian Miebach (Die Vogelscheuche), Alexander Soehnle (Der Blechmann) / Foto: Nilz Böhme

Es fasziniert mich jedes Mal erneut, wie es Theaterleute schaffen, Illusionen zu erzeugen, die so schön und so glaubhaft sind, dass wohl nicht nur ich mich in ihnen verlieren kann. Einmal mehr steht hier natürlich der Vergleich zum Film im Raum und einmal mehr handelt es sich dabei um einen Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Die Möglichkeiten des Films sind schier unerschöpflich, je nach Budget kann schließlich die ganze Welt als Drehort herhalten. Das Theater jedoch hat nur eine Bühne und je nach Produktion ein paar Bühnenbilder, die der Geschichte den visuellen Rahmen bieten sollen. Und doch: trotz der vermeintlich einfachen Mittel erreichen die Menschen auf und hinter der Bühne immer wieder, dass ich mich genauso in die Handlung hineinziehen lasse, in die Welt in der sie spielt, wie bei einem guten Film. Wenn nicht sogar noch mehr. Die Magdeburger Inszenierung von “Oz” schafft dies in passiver Form durch das wirklich hübsche und sehenswerte Bühnenbild und die tollen Kostüme.

Dorothys Heimat in Kansas zum Beispiel ist zwar nicht wie in der filmischen Fassung aus den 30er Jahren in schwarz-weiß gehalten, jedoch farblich genauso spärlich ausgefallen. Die Akzente im tristen Alltag einer Heranwachsenden sind Dorothy selbst, sowie die farblichen Projektionen, während die Heldin des Stücks von einem Land jenseits des Regenbogens träumt. Kaum dass es Dorothy nach Oz verschlagen hat, verwandelt sich die Bühne in ein farbenfrohes Spektakel, das schon alleine deshalb viel Vergnügen bereitet. Ob nun das Reich der bösen Hexe und die Winkies mit ihren Leuchtstäben, die in ihrer Gestaltung schon ein bisschen an den Krieg der Sterne erinnern, oder die Residenz des Zauberers von Oz selbst – alle Kostüme und Bauten strotzen nur so vor Fantasie. Erfreulicherweise ohne dabei so überbordend kitschig zu wirken, wie es beispielsweise im Film von 1939 der Fall gewesen ist. Es ist bunt, es ist fantasievoll, es ist hübsch anzuschauen, aber es ist nicht übertrieben.

Alexander Soehnle (Der Blechmann), Inga Krischke (Dorothy Gale), Jan Rekeszus (Der Löwe), Christian Miebach (Die Vogelscheuche), im Hintergrund: Ballett Magdeburg und Opernchor des Theaters Magdeburg / Foto: Nilz Böhme

Die beste Kulisse nutzt jedoch nichts, wenn es an einem anderen, wesentlich wichtigerem Punkt scheitert: den Darstellern. Sie sind es schließlich, die das Bühnenbild zum Leben erwecken. Einmal mehr erlauben sich die Magdeburger hier keine Schwäche, die Wahl der Darsteller kann und muss erneut als ziemlich gelungen betrachtet werden. Allen voran beeindruckt Peter Wittig in der Doppelrolle als Dorothys Lehrerin Miss Gulch bzw. der bösen Hexe. Wenn ich aus diesem Stück nur ein einzigen Punkt nennen dürfte, was mich besonders beeindruckt hat, dann wäre es ganz klar Herr Wittig. Wie zuletzt schon in “Cabaret” ist er der heimliche Star der Inszenierung. Allerdings soll dies die Leistung des restlichen Darstellerensembles nicht in Abrede stellen. Der bösen Hexe gegenüber steht die gute, Glinda, gespielt von Ks. Undine Dreißig. Auch wenn beide hier nur wenig gemeinsame Bühnenzeit haben, geben Dreißig und Wittig erneut ein ganz tolles, wenn auch gegensätzliches Gespann ab. Wie ebenfalls zuletzt geschehen in “Cabaret“. Ganz gleich, ob nun Inga Krischke als Dorothy, Christian Miebach als Hunk (bzw. die Vogelscheuche auf der Suche nach einem Gehirn), Alexander Soehnle als Hickory (bzw. der Blechmann, der sich ein Herz wünscht oder Jan Rekeszus als Zeke (bzw. der Löwe, der gerne über Courage verfügen möchte) – alle vier Darsteller füllen ihre Rollen so gut mit Leben, dass auch sie einen ganz großen Anteil daran haben, sich ganz schnell in der Smaragdenstadt zu wähnen. Auch in Sachen Gesangsleistung wissen die Protagonisten zu überzeugen. Ganz besonders Dorothy und der Löwe. Einen tollen Job machten auch der Opernkinderchor des Konservatoriums „Georg Philipp Telemann“ – die Munchkins -, das Ballett Magdeburg – kurzum: es ist schlicht und ergreifend ein großer Spaß, das bunte Treiben auf der Bühne zu verfolgen.

Ballett Magdeburg, Inga Krischke (Dorothy Gale) / Foto: Nilz Böhme

Der Zauberer von Oz“, so wie er in Magdeburg aufgeführt wird, ist ein farbenfrohe, ohrwurmlastige, höchst vergnügliche Unterhaltung für Zuschauer jeden Alters. Oder, um es in einem Wort zu sagen: zauberhaft! Die 2 3/4 Stunden, verteilt auf zwei Akte, sind schon keine ganz so kurze Spieldauer. Und doch – wenn der Vorhang fällt und sich die Beteiligten ihre sehr verdienten standing ovations abholen, dann macht sich fast ein bisschen Wehmut breit. Wohl nicht nur ich hätte gerne noch ein Weilchen länger in Oz verweilt. Kaum, dass es ihr Haus nach Oz verschlagen hat, sagt Dorothy zu Toto: „Toto, ich habe das Gefühl, wir befinden uns nicht mehr in Kansas“. Spätestens in diesem Moment ist man als Zuschauer auch nicht mehr nur in Magdeburg.

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