Foto: Kevin Westenberg / Sony Music

David Gilmour – Rattle That Lock

2014 markierte mit der Veröffentlichung von „The Endless River“ das definitive Ende von Pink Floyd. Tatsächlich macht es auch irgendwie keinen Sinn mehr, das Thema noch weiter fortzuführen. Syd Barrett und Richard Wright weilen leider nicht mehr unter uns, Roger Waters hat seit mindestens 1985 keinen Bock mehr drauf und auch Nick Mason und David Gilmour haben kürzlich bekräftigt, dass das Thema nun durch sei. Ein Grund zum Verzagen ist das dennoch nicht. Roger Waters kam kürzlich mit einer Wiederveröffentlichung seines 1992er Albums „Amused To Death“ um die Ecke. Die „Stimme und Gitarre von Pink Floyd“ David Gilmour hingegen veröffentlichte am 18. September das neue Album „Rattle That Lock“ – ein einziges Deutschlandkonzert inklusive. Um dieses „Rattle That Lock“ geht es mir nun nachfolgend.

Muss ich David Gilmour an dieser Stelle ernsthaft noch vorstellen? Na gut, kurzer biografischer Abriss für die jüngsten Mitleser hier. Gilmour, Baujahr 1946, ist britischer Rockmusiker, der 1968 bei Pink Floyd einstieg, um seinen Freund Syd Barrett (den Gründer Pink Floyds) zunächst bei Auftritten zu unterstützen und später wegen dessen gesundheitlicher Probleme zu ersetzen. 1985 verließ Roger Waters (ja, der Typ von und mit „The Wall“) die Band, Gilmour wurde daraufhin Kopf und treibende Kraft hinter Pink Floyd. Auch wenn sich die Pink Floyd-Fans in drei Lager aufteilen (Ära Barrett, Ära Waters und Ära Gilmour), so ist unstreitbar: Gilmour ist am längsten prägend für den Sound Pink Floyds gewesen. Mit irgendwas zwischen 260- und 300 Millionen verkaufter Tonträger kann davon ausgegangen werden, dass wohl so ziemlich jeder Musikkonsument dieses Planeten schon mal mit der Mucke Pink Floyds in Berührung gekommen ist. Und sei es in Form des inzwischen totgenudelten „Another Brick in the Wall, Pt. 2“ (auch wenn das auf dem Mist von Waters gewachsen ist).

Zurück zu David Gilmour. In unregelmäßigen Abständen trieb und treibt es den heute 69-jährigen an, ein Solo-Album aufzunehmen und dem Sound zu entkommen, den er mit seinen Kollegen für Pink Floyd ersonnen hatte. Wenigstens so ein bisschen. Schon 1978 erschien das selbstbetitelte Solo-Debüt. 1984 kam „About Face“, 2006 „On An Island“ und nun sitzen wir hier und reden über „Rattle That Lock“. David Gilmour ist seit 1994 mit der Journalistin und Buchautorin Polly Samson verheiratet. In jenem Jahr erschien „The Division Bell“, das letzte reguläre Pink Floyd-Album. Ihr Abschiedswerk „The Endless River“ klammere ich hierbei bewusst aus, da es sich ja aus teilweise sehr alten Aufnahmen zusammensetzt. Samson lieferte schon bei „The Division Bell“ Texte, sie tat es bei „On An Island“ – und auch auf „Rattle That Lock“ schrieb sie viele Texte für Gilmours Kompositionen. Einem Interview mit SPIEGEL Online ist zu entnehmen, dass man sich das in etwa so vorstellen kann: Gilmour tüdelt in seinem Studio vor sich hin, gegen Ende der Produktion kommen weitere Musiker ins Spiel und irgendwann erklärt er seiner Frau dann: „Schatz, mein Album wäre dann soweit“.

Foto: Kevin Westenberg

Musiker wie Phil Manzanera sind es übrigens, Gitarrist von Roxy Music. Oder die Sängerin Mica Paris. Am bemerkenswertesten ist jedoch die Zusammenarbeit mit dem “Liberty Choir“. Es handelt sich hierbei um einen Chor, der sich aus Insassen und ehemaligen Strafgefangenen der Süd-Londoner JVA Wandsworth Prison zusammensetzt und 2014 als Rehabilitationsprojekt gestartet wurde. Die Idee kam Gilmour und Samson, nachdem ihr Sohn Charlie Gilmour im Jahr 2011 für kurze Zeit Einwohner jener JVA war – als Folge seiner Proteste gegen Studiengebühren. David Gilmour sagt über den Chor: „Die Jungs aus dem Gefängnis blühen durch diese wunderbare Sache, die sie machen und an der sie ohne jedes Stigma teilnehmen können, richtig auf. Sie sind einfach nur ein Teil einer Gemeinschaft in diesem Raum, mit einem inspirierenden Menschen wie MJ (MJ Paranzino, Sängerin, Komponistin, Chorleiterin und Initiatorin dieses Projekts), der sie anleitet und ihnen zeigt, dass es dort nicht um Gewinnen oder Verlieren geht, man gibt einfach sein bestes und hat Spaß dabei. Du kannst lernen, wenn du lernen möchtest – sing einfach mit, wenn du mitsingen möchtest. Es ist eine solch positive und integrative Botschaft. Und sie können sich sicher sein, dass sie auch nach ihrer Entlassung noch Mitglied im Liberty Choir sind“.

Eines ist klar, sobald die ersten Töne des erneut rein instrumentalen Intros „5 A.M.“ erklingen: wir sind nun wirklich in der Zeit nach Pink Floyd angekommen. Es weht noch ein bisschen nach, das ganze Album über, aber dennoch ist der vollzogene Abschied spürbar. Gilmour hatte gerade erst in einem Interview mit dem Rolling Stone noch einmal bekräftigt, dass das Thema durch sei. Und doch: Nach fast 50 Jahren in dieser Band kann er doch nicht so gänzlich aus seiner Haut. Daher wirkt das Intro wie eine Art Anknüpfungspunkt an „The Endless River“, ein Brückenschlag in eine neue Ära. Gilmour taucht noch einmal ein in den musikalischen Sound seiner alten Band – und bewegt sich dann erfreulicherweise ein Stück weiter. Erfreulich deshalb, weil er sonst ja nicht hätte herumposaunen brauchen, dass er auf Pink Floyd keinen Bock mehr habe.

David Gilmour mit seiner Frau Polly Samson, die für ihn seit “The Division Bell” viele Texte geschrieben hat. Vorstellbar, dass dies der Bahnhof von Aix-en-Provence ist, auf dem Gilmour das Signalgeräusch, das Bahndurchsagen vorangestellt wird,  mit einem Smartphone aufnahm, um es später im Studio beim Titelsong “Rattle That Lock” zu verwenden. | Foto: Kevin Westenberg / Sony Music

Das nachfolgende Titelstück „Rattle That Lock“ klingt frisch, spritzig, ja schon fast wie ein moderner Pop-Song. Anekdote: Das markante Thema des Songs hat Gilmour, seines Zeichens Soundsammler, auf dem Bahnhof von Aix-en-Provence (Hauptstadt der Provence) mit einem Smartphone aufgenommen und dann im Studio weiter bearbeitet. Ausgefallene Wege zur Musikerzeugung zu beschreiten, das ist dem Gilmour also immer noch nicht fremd. Sein neues Album stellte der Brite übrigens am 19. September bei einem einzigen Deutschlandkonzert in Oberhausen vor. Wir waren vor Ort und können bestätigen: diese ohrwurmartige Mitfeier-Hymne funktioniert live ganz prächtig!

Faces Of Stone“ hat etwas kabarettartiges, „Beauty“ ist wieder ein Ausflug in alte Pink Floyd-Zeiten, bei der Gilmours Gitarrenspiel das Aushängeschild war. „The Girl In The Yellow Dress“ ist eine Hommage an Film-Noir-Stimmungen und die Blues-Wurzeln von Gilmour. Zusammen mit Samsons Texten findet man sich in einer schummrigen Bar in den frühen 60ern wieder, die Szenerie ganz Sin City-mäßig in schwarzweiß getaucht, nur das gelbe Kleid besungener Lady sticht hervor und eine ganz eigentümliche Stimmung macht sich breit. Das wurde auf dem Konzert übrigens durch eine schicke Zeichenanimation sehr hübsch visuell umgesetzt. Vergleichbar mit dem offiziellen Musikvideo zum Titelsong.

Ich muss gestehen: ein bisschen „Angst“ vor diesem Album hatte ich schon. So sehr ich „The Endless River“ schätze, so schwach finde ich doch den einzigen gesungenen Song jenes Albums, „Louder Than Words“. Zu kraftlos, ja beinahe altersschwach erscheint mir da Gilmours eigentlich sehr angenehme Stimme. Kennt Ihr das, wenn man irgendwie nicht wahrhaben möchte, dass auch die Helden frühester Jugend, die einen ein ganzes Leben begleiteten, irgendwann altern? Umso erfreuter kann ich nun attestieren: auf dem vorliegenden Album ist von (altersbedingten) Ermüdungserscheinungen nichts zu spüren. Und auch live überzeugt Gilmour noch über alle Maßen. Stimmlich sowie auch mit seinen ausufernden Gitarrensoli. Lediglich eine gewisse Bequemlichkeit ist zu vernehmen, es wurde eine Spur zu sehr auf Nummer sicher gegangen. Einmal mehr aus der Pink Floyd-Komfortzone ausbrechen hätte sicher nicht geschadet. Andererseits darf man das einem fast Siebzigjährigen, der musikalisch die Welt bewegt hat wie nur wenige andere aber auch zugestehen, oder? Dennoch bleibt zu hoffen, dass der Musiker Gilmour der Welt noch eine ganze Weile erhalten bleibt und ihr noch das ein oder andere Album nebst Tour schenkt. Zumindest ich lausche dieser Stimme und ihren etwa 100 Gitarren noch immer einfach zu gerne.


Die Welt verändern wird David Gilmour mit „Rattle That Lock“ nicht mehr. Poppiger Gefälligkeitsrock ist es, dem deutlich anzuhören ist, in welcher Band Gilmour die letzten fast 50 Jahre verbracht hat. Wer mit Pink Floyd unter seiner Ägide nichts anfangen kann/konnte, den wird Gilmour auch mit seinem neuerlichen Solo-Ausflug nicht abholen können. Alle anderen hingegen können sich über ein Album freuen, bei dem sich vieles heraushören lässt, was Gilmours musikalisches Schaffen in dem letzten halben Jahrhundert (!) ausgemacht hat. Und das bei einer Live-Darbietung noch einmal deutlich an Energie gewinnt. Wer weiß, vielleicht kommen wir ja noch einmal in den Genuss. Hey David, ein einziges Deutschlandkonzert war deutlich zu wenig, hörst du?


Erscheinungsdatum
18. September 2015
BAND/KÜNSTLER:IN
David Gilmour
ALBUM
Rattle That Lock
LABEL
Columbia Records (Sony)
Unsere Wertung
7.4
David Gilmour – Rattle That Lock
FAZIT
Die Welt verändern wird David Gilmour mit „Rattle That Lock“ nicht mehr. Poppiger Gefälligkeitsrock ist es, dem deutlich anzuhören ist, in welcher Band Gilmour die letzten fast 50 Jahre verbracht hat. Wer mit Pink Floyd unter seiner Ägide nichts anfangen kann/konnte, den wird Gilmour auch mit seinem neuerlichen Solo-Ausflug nicht abholen können. Alle anderen hingegen können sich über ein Album freuen, bei dem sich vieles heraushören lässt, was Gilmours musikalisches Schaffen in dem letzten halben Jahrhundert (!) ausgemacht hat.
INHALT/KONZEPT
7
TEXTE
7
GESANG
7
PRODUKTION
8.5
UMFANG
7.5
GESAMTEINDRUCK
7.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
In Teilen schimmert noch so ein bisschen Pink Floyd durch.
Pfiffige Ideen zur Soundgewinnung. Aber das kann man auch erwarten.
NEGATIV
Nun ja. David Gilmours Stimme ist eben nicht mehr die Jüngste, und das hört man leider auch.
7.4
PUNKTE

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