Foto: Sony Music

Fleur East – Love, Sax And Flashbacks

Eine Reaktion, die ich eigentlich nicht mehr nachvollziehen können müsste, der ich aber dennoch selbst auch immer wieder unterliege, ist die folgende: Abwinken, wenn in Unterhaltungen über Musik das Thema auf ehemalige Talentshow-Teilnehmer gelenkt wird. Bei solchen Shows wie Deutschland sucht den Superstar und ähnlichen werden die tendenziell talentierten Gewinner derart mit billigen und ganz fürchterlichen Machwerken verheizt, dass es nicht überrascht, dass sie sich so gut wie nie als feste Größen im Musikbusiness etablieren. Es nehmen an diesen Veranstaltungen aber auch genug Leute teil, die sich nicht nur zum Horst der Nation machen wollen bzw. lassen, sondern die tatsächlich was auf dem Kasten haben und die diese Bühne als Möglichkeit sehen, sich erstmals in größerem Umfang Gehör zu verschaffen. Und die dann zwar nicht mit dem Pokal nach Hause gehen, dafür aber später mit einem Album um die Ecke kommen, was in vielen Fällen sehr viel besser ist, als das was ihnen als Siegeralbum zusammengezimmert hätte werden können. Namen von ehemaligen Talentshow-Teilnehmern, die mir in diesem Zusammenhang einfallen und die als Beweis für meine These herhalten müssen, sind zum Beispiel David Pfeffer oder Max Giesinger. Auch am anderen Ende der Nordsee gibt es solche Talentshows. Und somit haben wir uns heute hier versammelt, um uns über das Debütalbum einer Zweitplatzierten der britischen The-X-Factor-Talentsuche zu unterhalten. Halt, stopp – nicht gleich abwinken. Fleur Easts Debütalbum “Love, Sax And Flashbacks” macht tatsächlich Spaß. Dass ich mich allerdings auch erst dazu habe überreden lassen müssen, verschweige ich an dieser Stelle ganz gekonnt.

Wie so oft, wenn wir uns hier über eine Newcomerin unterhalten oder aber uns mit einer Musikerin das erste Mal beschäftigen, machen wir einen Ausflug in die Biografie. Bei jemanden mit dem Baujahr 1987 ist das flott erledigt. Fleur East ist die Tochter einer ghanaischen Mutter und eines englischen Vaters und kam im Londoner Stadtteil Walthamstow zur Welt. Wie sie irgendwann mal zur Musik kam, dazu schweigen ihre Biografen. Tatsächlich setzt man erst im Dezember 2014 an. In jenem Monat nahm sie an einer dieser albernen Talentshows – besagte The X-Factor – teil. Und versetzte damit die Musikindustrie in helle Aufregung. Ganz besonders Grammy-Preisträger Mark Ronson dürfte ordentlich die Pumpe gegangen sein. Die junge Frau trat nämlich mit einer Interpretation von Ronsons „Uptown Funk“ an – und versetzte damit die Zuschauer jener Sendung in massive Begeisterung. Diese Sendung bringt es mit sich, dass die Beiträge dort quasi sofort als Single veröffentlicht werden. Ratzfatz kletterte Fleur Easts Variante des späteren, weltweiten Nummer-1-Hits von Herrn Ronson bis auf Platz 2 der britischen iTunes-Charts. Und war auf dem besten Wege, die Pole Position zu knacken. Dem Ronson, der den Track eigentlich erst fünf Wochen später als Single veröffentlichen wollte, wird wohl der Angstschweiß eiskalt die Kimme runtergelaufen sein. Hallo Felle, wohin schwimmt ihr denn? Also wurde die Veröffentlichung vorgezogen und anstatt Fleur Easts Version wurde Ronsons Original zu dem nervtötenden Nummer-Eins-Hit, der er am Ende geworden ist. Ein bisschen unterhaltsam finde ich diese Anekdote ja schon. Da ihr X-Factor-Vortrag den Weg auf die Deluxe-Version des Albums gefunden hat, könnt Ihr Euch selbst ein Bild davon machen und dann entscheiden, wer den besseren „Uptown Funk“ geliefert hat. Meine persönlichen Sympathien gehen deutlich in Richtung von Fleur East; dass ich diese überstrapazierte Nummer nicht mehr hören mag, ist eine andere Geschichte.

Foto: Sony Music

Zurück Fleur East: insgesamt nahm sie zweimal an The X-Factor teil, die beste Platzierung, die sie einheimsen konnte, war der zweite Platz. Das geht schon klar. Wohlwissend, dass die Tage im Musikbusiness schneller gezählt sein können, als man Eintagsfliege buchstabieren kann, konzentrierte sich die Lady zunächst mal auf den erfolgreichen Abschluss ihres Studiums in Journalismus und Zeitgeschichte. Schaden kann das ja nicht. Darüber hinaus lieh sie ihre Stimme diversen anderen Projekten, ehe sie Ende des letzten Jahres mit ihrem Debütalbum „Love, Sax and Flashbacks“ um die Ecke kam. Wie sich beim Hören herausstellt: welch treffend gewählter Titel! Sie erreichte damit Platz 14 in den britischen Charts. Sieht also erst einmal nicht so aus, als müsste sie demnächst für eine irgendeine Postille eine Abhandlung über den demografischen Wandel in Wanne-Eickel schreiben, sondern kann sich weiter auf die Musik konzentrieren. Und nun kommt ihr Album endlich auch zu uns. Beides ganz hervorragende Entwicklungen.

Wenn sie mit dem Stück „Sax“ das Album eröffnet, dann wirkt das ein bisschen so, als wollte sie dem Ronson zum Abschluss noch mal sagen: ätsch, diesen Uptown Funk kann ich auch! So klingt die Nummer nämlich. Nur ein bisschen besser und noch nicht so tot gedudelt. Moderner, tanzbarer Pop-Funk, dem es an exzessiven Einsatz von Blasinstrumenten nicht fehlt. Ist jetzt aber nicht so, dass dies schon gleich die komplette Marschrichtung für den Rest des Albums wäre. Nö. Abwechlung ist das Schlagwort der Stunde! Das nachfolgende „Breakfast“  etwa ist eine R&B-gefärbte Pop-Nummer, die auch von einer x-beliebigen Girlie-Gruppe hätte kommen können. Schön, dass der Tiefpunkt des Albums schon so früh abgehandelt wurde. Dafür kommt eines DER Highlights direkt im Anschluss. „More And More“. So eine fröhliche Pop-Nummer mit schwerem 80er-Motown-Pop-Einschlag – da wackele ich doch direkt vor Begeisterung mit den Füßen! Ernsthaft: die Nummer erinnert ganz, ganz dolle an das, was Whitney Houston in den besten, nämlich frühen Tagen ihrer Karriere geliefert hat. Ich möchte spontan mit jemandem tanzen. Überhaupt schimmert die junge Whitney immer wieder in diesem unterhaltsamen Album durch. Natürlich erreicht Fleur East nicht die Stimmgewalt von Whitney, fairerweise muss aber dazu gesagt werden, dass Frau Houston seit den späten 90ern es selbst nicht mehr schaffte, sich noch einmal einzuholen. Da ist aber noch eine andere Künstlerin, die ihre besten Tage zu ungefähr der gleichen Zeit hatte: Neneh Cherry. Wenn Frau East in „Love Me Or Leave Me Alone“ in Rap verfällt, dann erinnert das schon sehr an die Cherry. Fast könnte man sagen, Fleur East ist so etwas wie eine sehr spannende Mischung jener genannten Künstlerinnen, die sich dem modernen Funk verschreibt und ihm ordentlich Pop-Appeal verpasst. Und zusätzlich diverse Spielarten der Black Music – Rap, Soul, R&B – mit beimengt. Manchmal blitzt halt ein bisschen Motown-Sound hervor. Das Endprodukt sorgt für mehr gute Laune, als es sich in geschriebenen Worten jemals festhalten ließe.

Foto: Sony Music

Apropos Stimmgewalt: dass Fleur East tatsächlich richtig mächtig trällern kann, zeigt sie auf ihrer Coverversion von Alica Keys’ „Girl On Fire“, dem letzten Track des Albums. Zwar kommt sie auch hier nicht ganz an die stimmliche Dynamik des Originals heran. An Power jedoch mangelt es ihr nicht. Es dürfte spannend sein zu hören was dabei herauskommt, wenn man Fleur East ein paar Tracks wie diese ihrer Stimme zurecht schreibt. Bis dahin kann man mit dieser spaßigen, funkigen Gute-Laune-Platte viel Spaß haben. Und wer weiß, vielleicht kann Fleur East eines Tages die Lücke füllen, die nicht erst durch den viel zu frühen und sehr bedauerlichen Tod Whitney Houstons entstanden ist. Vielleicht nicht als gleiches Stimmwunder. Aber doch als adäquates Stimmungswunder. Schließlich möchte ich immer noch mit jemanden tanzen.


Man nehme: eine ordentliche Portion Whitney Houston der 80er und frühen 90er Jahre, eine Portion Neneh Cherry aus den gleichen Jahrzehnten, nicht zu knapp vom modernen Funk eines Mark Ronson, füge Pop und Black Music hinzu und garniere das mit einer ordentlichen Portion guuude Laaauuune – fertig ist „Love, Sax and Flashbacks“, das Debütalbum von Fleur East. Oder wie sie selbst sagt: Old school meets new school. In gelungener Mischung. Wenn ein Pop-Album das Ziel erreichen soll, die Stimmung zu heben, einfach eine ganze Menge Feel-Good-Vibes zu verbreiten, dann macht die junge Frau mit „Love, Sax and Flashbacks“ alles richtig. Der Vorbote für den nahenden Frühling. Wer weiß, vielleicht lässt er sich damit ja endlich mal hinterm Ofen hervorlocken.


Erscheinungsdatum
4. Dezember 2015
BAND/KÜNSTLER:IN
Fleur East
ALBUM
Love, East And Flashbacks
LABEL
Syco Music (Sony)
Unsere Wertung
7.7
Fleur East – Love, Sax And Flashbacks
FAZIT
Man nehme: eine ordentliche Portion Whitney Houston der 80er und frühen 90er Jahre, eine Portion Neneh Cherry aus den gleichen Jahrzehnten, nicht zu knapp vom modernen Funk eines Mark Ronson, füge Pop und Black Music hinzu und garniere das mit einer ordentlichen Portion guuude Laaauuune - fertig ist „Love, Sax and Flashbacks“, das Debütalbum von Fleur East. Oder wie sie selbst sagt: Old school meets new school. In gelungener Mischung.
INHALT/KONZEPT
7
TEXTE
7
GESANG
8.5
PRODUKTION
8
UMFANG
7.9
GESAMTEINDRUCK
8
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Eines dieser Alben, welche sofort die Laune steigern und den Körper in Bewegung versetzen.
Fleur East hat das Potential, ziemlich lässig in ziemlich große Fußstapfen zu treten.
NEGATIV
Gerade bei der Alicia Keyes-Coverversion muss Fleur East ein wenig Federn lassen. Mehr auf ihre tolle Stimme zugeschnittene Songs würden mehr Eindruck machen.
7.7
PUNKTE

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