Foto: Aki-Pekka Sinikoski

My First Band – Corazon

Tagein, tagaus trudelt mir neue Musik ins Haus, stets in Begleitung der Bitte, mir die Sachen doch mal anzuhören und idealerweise auch mal was darüber zu schreiben. Eine tolle Sache eigentlich, wird mein ewiger Hunger nach neuer, fetziger Musik dadurch doch einigermaßen gestillt. Manches Mal sind da Alben dabei, die mich überraschen. Alben, die mich begeistern. Und dann gibt es da noch die Sorte Album, die ganz plötzlich und ohne Vorwarnung an meinem Horizont auftaucht und mich komplett aus den Latschen haut. So wie „Corazon“, erschaffen von der finnische Kapelle My First Band. Junge, Junge, was für ein akustischer Ritt! Ich feixe ja immer noch, während ich diese Zeilen schreibe. Meine Damen und Herren, bitte mal einen Moment Aufmerksamkeit für My First Band.

Aus der Reihe: biografische Details einer fünfköpfigen Band aus Helsinki, Finnland, die ihre Mucke bei Facebook als „unheilige Vereinigung aus Rock’n’Roll und Partydancing“ anpreist. Was lässt sich über den bisherigen Werdegang von Antti Koivula (Gesang), Heikki Puhakainen (Keyboard, Hintergrundgesang), Juho Vehmanen (Bass, Hintergrundgesang), Heikki Kytölä (Drums, Hintergrundgesang), Mikko Virta (Gitarre und richtig, ebenfalls Hintergrundgesang) erzählen? Überliefert wird unter anderem, dass das Quintett seit Schulzeiten befreundet ist. Und seitdem gemeinsam musiziert, reist und tourt. Die Schule besucht die Band seit fünfzehn Jahren nicht mehr. Dass sie sich dennoch ertragen und in unveränderter Besetzung machen und tun, spricht schon irgendwie Bände. Es heißt weiterhin, dass es für alle Bandmitglieder die erste Band war. Anstatt nun einen wohlklingenden Bandnamen aus den Hirnwindungen zu pressen, nahmen sie diesen einfachen Fakt stattdessen für die Namensfindung. Was zunächst ein bisschen albern wirkt, wenn man den Bandnamen serviert bekommt, hat also einen einfachen, aber naheliegenden Hintergrund. Darüber hinaus lässt sich über My First Band sagen, dass sie in ihrem Heimatland als eine der momentan heißesten Newcomer Bands gehandelt werden. Diesen Status haben sie sich mittels zweier Indie – Alben („You Look So Bored“, 2009, sowie „Mercury & Glitter“, 2011) erarbeitet. Zwei Alben, die wohl dafür gesorgt haben dürften, dass ein A&R Manager eines großen Musikverlegers auf die Band aufmerksam wurde. Der große, internationale Durchbruch soll nun unter Mithilfe von Sony Music erfolgen, die das Album auch bei uns veröffentlichten. Welch Glücksfall für uns hiesige KonsumentInnen!

Wie es sich für junge Wilde gehört, haben die Fünf ein paar interessante Geschichten in ihre Songs verpackt. Wenn wir mit „We Built A Home“ auf musikalisch überraschende Weise (dazu komme ich noch) ins Album eingeführt werden, dann dürfen wir in diesen 4 Minuten 38 Ohrenzeuge davon werden, dass das eigens errichtete Äänivallila Studio die Inspiration dafür lieferte. Tatsächlich sind es oft alltägliche Dinge, welche die Ideen für die Songs lieferten. Ein Fallschirmspringer am Flughafen Tempelhof in Berlin beobachtet? Gar kein Problem, daraus wurde später der Song „Parachute“. „Let It Go“ entstand auf einer Tour – Bassist Juho schrieb ihn am Tag nach einer, wie es heißt, epischen Aftershow-Party. Ich weiß ja nicht, wie es Euch so geht, aber wenn ich episch feiern war, bin ich ganz sicher nicht in der Lage, danach auch nur irgendwas zu schreiben. Eventuell will ich das auch nicht. Auch schön: Der Song „Don’t Break My Corazon“ basiert auf einer Begebenheit, die Gitarrist Mikko in Argentinien aufschnappte. Das erklärte der Überlieferung nach ein betrunkener Tourist einer hübschen Lady. Oder „Chica“, wie man dort wohl so sagt. Die Welt steckt offenbar voller Details und kleiner Geschichten, die sich zu Größerem verarbeiten lassen, wenn man nur aufmerksam genug hin hört oder sieht. Und dann sind da ja auch noch Songs wie „Thank You For Your Heart“, dessen Inspiration der Schwarzmarkthandel mit Organen liefert. Ja. Die Geschichten, die uns My First Band hier erzählt, sind rund um den Globus verteilt aufgesammelt worden. Daher wundert es auch nicht, dass es musikalisch auch ordentlich zur Sache geht und die passende Schublade für diese Finnen erst noch gezimmert werden muss. Sony vermarktet es als „ein Album das alles von Indie-Rock über EDM und Psychedelic-Pop bis hin zu Indie-Dance zu bieten hat“. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Ja, alles das ist da vorhanden. Das und unheimlich viel die Laune steigernder 80er und manchmal 90er Jahre Sounds. Überrascht aber irgendwie nicht, wenn man sich vor Augen führt, dass bei den Vorlieben bzw. Beschreibungen der Bandmitglieder unter anderem Schlagworte wie „Schwäche für melancholische 80er-Hymnen“, „Synthesizer“, „perfekte Pop-Platten“ oder „Rockgott“ aufgelistet werden.,

Foto: Sony Music

Nehmen wir als Beispiel „Manilla Vanilla“, das alleine schon vom Titel her an ein gefaktes Pop-Duo der späten 80er Jahre erinnert. Musikalisch fühle ich mich unweigerlich an „Walking On The Milky Way“ von den 80er Synthie-Pop-Helden OMD erinnert. Fette Synthieflächen, kreischende Gitarren im Hintergrund – und gegen Ende hin ein mehr als zweiminütes Outro, bei der eine nach Computer klingende Stimme irgendetwas in (vermutlich) Spanisch babbelt, untermalt von atmosphärischen Sounds. Von fröhlich, leicht, ja beinahe schwebend kippt der Song um zu schwerer, dramatischer Stimmung. Wer den zweiundzwanzig Minuten langen, dreizehnten Song von Queens „Made In Heaven“-Album kennt – so ungefähr fühlt sich das Ende von „Manilla Vanilla“ auch an. Zudem: eine gewisse optische Ähnlichkeit des Frontmanns von My First Band mit Freddy Mercury lässt sich auch nicht leugnen.

Teenage Dreamstage“ glänzt mit herrlich energischem Saxofon, das mit dem flotten Indie-Rock-Grundgerüst wetteifert. Ich finde es nach wie vor sehr bedauerlich, dass dieses wahnsinnig Emotionen vermittelnde Instrument heutzutage so wenig Beachtung in der Populärmusik findet. „Don’t Break My Corazon“ – ja sagt mal, klingt das tatsächlich ein bisschen nach Bad Boys Blue und ähnlich gelagerten Bands? Eventuell wurde My First Band auch von Michael Cretubeeinflusst. Ihr wisst schon, der Typ der anno dunnemals Sandra zu Weltruhm verhalf. Die Richtung ist die gleiche. „Dame De Voyage“ hingegen erinnert ob seines Beats ein bisschen an das Treiben einer Blondie Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre. Das fetzige, rockige „Freedom Fighter“, das so schön nach vorne geht das Sitzenbleiben schwer bis unmöglich ist, weckt Assoziationen an synthie-geschwängerte Rockmusik von Europe. Ich möchte mir spontan auch so eine Matte, wie sie die Rockstars der 80er trugen, wachsen lassen.

In gleichem Maße, wie die Geschichten für die Songs einer Reise um die Welt gleichen, so gleicht die Musik als solche einer Reise durch die Musikgeschichte, die irgendwo in den späten 70ern beginnt, ganz viel Zeit in den 80ern verbringt und in den 90ern endet. Gewürzt mit einer erfrischenden Prise Indie Pop/Rock der Neuzeit. Neben der musikalischen Finesse ist es auch der Sound, der zu begeistern weiß. Genauso luftig, genauso hallend wie das damals eben so üblich war. Und nicht so gepresst, wie viele Alben heutzutage wirken. Die größte Leistung, die My First Band vollbringt, ist jedoch: noch während man entzückt einem Song lauscht schleicht sich die Neugier auf den nächsten Song ein. Vor wem wird sich My First Band als nächstes Verbeugen? Mal ehrlich: wann habt Ihr zuletzt ein Album gehört, bei dem Ihr, allen Genusses zum Trotz, den nächsten Song kaum erwarten könnt?


Die spinnen, diese Finnen! Ungefähr so sahen meine Gedankengänge während des Konsums,nein eigentlich muss ich schreiben: während dieses abgefahrenen Höchstgenusses aus. Meinen die Bengels von My First Band das wirklich ernst? Den Sound der 80er auf diese oder jene Weise zu recyclen ist so neu ja nicht. Die einen tun es mit Cover Songs, die anderen damit, den Sound aus dem schillerndsten Jahrzehnt der Musikgeschichte erneut aus der Versenke zu holen. My First Band tut es auf eine ganz eigene, dritte Art. Ich bin mir nach wie vor nicht sicher, ob es eine Verbeugung vor diversen Künstlern des besagter Jahrzehnte ist oder doch eher eine akustische Persiflage. Ein bisschen lugt der Schelm ja schon hervor. Ich als Berufsgriesgram und Miesepeter aus Leidenschaft gebe mir beim Flanieren durch die Straßen meiner Stadt stets größe Mühe, möglichst mürrisch aus meinem Hemd zu gucken. Als ich jedoch mit My First Band im Ohr meines Weges ging, konnte ich mir tatsächlich ein Lächeln nicht verkneifen. Unglaublich! Der erste Preis für das abgefahrenste und gleichwohl schillerndste Album mit enorm hohen Party- und gute-Laune-Faktor geht an die Herrschaften aus Finnland! Ich hatte lange nicht so viel Spaß mit einem Album.


Erscheinungsdatum
30. Mai 2014
BAND/KÜNSTLER:IN
My First Band
ALBUM
Corazon
LABEL
Sony Music
Unsere Wertung
8
My First Band – Corazon
FAZIT
Die spinnen, diese Finnen! Ungefähr so sahen meine Gedankengänge während des Konsums,nein eigentlich muss ich schreiben: während dieses abgefahrenen Höchstgenusses aus. Meinen die Bengels von My First Band das wirklich ernst? Den Sound der 80er auf diese oder jene Weise zu recyclen ist so neu ja nicht. Die einen tun es mit Cover Songs, die anderen damit, den Sound aus dem schillerndsten Jahrzehnt der Musikgeschichte erneut aus der Versenke zu holen. My First Band tut es auf eine ganz eigene, dritte Art. Ich bin mir nach wie vor nicht sicher, ob es eine Verbeugung vor diversen Künstlern des besagter Jahrzehnte ist oder doch eher eine akustische Persiflage. Ein bisschen lugt der Schelm ja schon hervor. Ich als Berufsgriesgram und Miesepeter aus Leidenschaft gebe mir beim Flanieren durch die Straßen meiner Stadt stets größe Mühe, möglichst mürrisch aus meinem Hemd zu gucken. Als ich jedoch mit My First Band im Ohr meines Weges ging, konnte ich mir tatsächlich ein Lächeln nicht verkneifen. Unglaublich! Der erste Preis für das abgefahrenste und gleichwohl schillerndste Album mit enorm hohen Party- und gute-Laune-Faktor geht an die Herrschaften aus Finnland! Ich hatte lange nicht so viel Spaß mit einem Album.
INHALT/KONZEPT
8.5
TEXTE
8
GESANG
7.5
PRODUKTION
8
UMFANG
7.5
GESAMTEINDRUCK
8.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
NEGATIV
8
PUNKTE

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