Foto: Sony Music

Broken Bells – After The Disco

Diesen Ausflug in die Musikwelt hier möchte ich einleiten mit einer Dialogszene aus einem meiner liebsten „Hirn-aus-und-ab-dafür“-Filme: Hot Shots 2. Vielleicht erinnert Ihr Euch an die Szene, in der Charly Sheen auf diesem Fischerboot sitzt und liest. Gefragt, was er denn lese sagte er: „Große Erwartungen.“ „Und wie ist es?“ „Hab mir mehr davon versprochen.“ Daran musste ich denken, als mir Broken Bells neues Album „After The Disco“ in den Player kam. Was war ich doch Ende letzten Jahres schwer geflasht von dem vorab veröffentlichten „Holding On For Life“ nebst des schnuckeligen Videos. Ich war so voller Gespannung auf das Album, dass ich beinahe deshalb geplatzt wäre. Nun ist es Zeit mal zu gucken, ob „After The Disco“ hält, was damals so verführerisch versprochen wurde.

Broken Bells mögen vielleicht erst drei Jahre auf der Bildfläche angeschrieben stehen und zusammen mit dem selbstbetitelten Debütalbum auf gerade mal zwei Alben zurückblicken können – Neulinge im Musikgeschäft sind die zerbrochenen Glöckchen mit Sicherheit nicht. Dahinter stecken James Mercer (Frontmann der Indie-Band The Shins) sowie Brian Burton (Danger Mouse). Gerade über letzteren seid Ihr sicherlich schon mal gestolpert. Zusammen mit Cee-Lo Green veröffentlichte er zwei Gnarls Barkley-Alben, ansonsten war der Mann unter anderem Produzent für Damon Albarn (GorillazDamon Albarn: The Good, the Bad and the Queen) und aktuell für die irischen Rocklegenden U2. Die beiden Herren lernten sich im Backstagebereich eines gemeinsam bespielten Festivals kennen. Und manchmal, das kann ich Euch sagen, passieren wundersame Dinge in so einem Backstagebereich. So wie auch hier, schließlich war dies die Geburtsstunde der Broken Bells. Beinahe drei Jahre nach dem Debütalbum machen sie nun deutlich, dass das in Interviews oft geäußerte Versprechen, Broken Bells zu einer Dauereinrichtung werden zu lassen, keine heiße Luft war.

Foto: Sony Music

Wer sich „After The Disco“ in die Gehörgänge schiebt in der Erwartung, mehr Songs im Stile von „Holding On For Life“ zu hören, muss kurz umdenken. Das einzige Stück, das ebenfalls „so sehr“ mit flirrenden Synthies vollgepackt wurde dass man sich des Eindrucks eines waschechten Synthie-Pop-Songs nicht erwehren kann, ist „Perfect World“. Der Nachhall im Gesang, die mehrstimmigen Refrains… irgendwie klingt das alles ganz schön retro. Schön übrigens im Sinne von schön. Es liefert einen Ausblick auf den restlichen Fahrplan des Albums. Es folgt das ebenfalls bereits im Vorfeld präsentierte „After The Disco“. Hier verhält es sich ähnlich, nur der gefühlte 70er Jahre Anteil ist hier noch höher. Ich möchte jedenfalls spontan Schlaghosen anziehen, mir künstliche Koteletten ankleben und dazu in einem Club abzappeln, dessen dekorative Primärfarben aus gelb, orange, braun besteht und wo eine große Diskokugel an der Decke hängt. Eventuell studiere ich vorher auch noch mal diese Travolta-Nummer ein.

Leave It Alone“ ist eine ziemlich schwere, getragene Ballade, die mich mit ihrem mehrstimmigen Oooohooohoooo sowie der Arrangements irgendwie an Filmmelodien, vorzugsweise der von Western, aus den frühen 70ern erinnert. Das Schlaghosenjahrzehnt ist irgendwie ganz schön präsent hier. „Holding On For Life“ ist und bleibt das Highlight dieses Albums. Fühlt sich eigentlich bei dem Refrain eigentlich noch jemand stimmlich an die Bee Gees erinnert? Davon abgesehen verlassen die Broken Bells hier ein bisschen den bisher eingeschlagenen Retro-Pfad und präsentieren eine der schönsten Indie-Balladen mit schwerem Synthie-Pop-Einschlag, die man hören kann. Weiterhin erwähnenswert: „No Matter What You’re Told“. Der hörbare Nachhall im Gesang, die akzentuiert eingesetzten Bläser, der eingängige Refrain und alles in einer luftig-lockeren Leichtigkeit präsentiert… jopp, John Lennon wäre sicherlich stolz gewesen. Diese Lennon-Reminiszenz wird im bittersüßen „Lazy Wonderland“ übrigens einmal mehr hervorgerufen. Und wenn das Album mit „The Angel And The Fool“ ganz sanft ausklingt, wird man ein letztes Mal Zeuge dessen wie es sich anhört, wenn ungebundene Popmusik der Neuzeit eine Zeitreise dreißig bis fünfzig Jahre zurück unternimmt, sich ein paar tolle Dinge herauspickt und daraus irgendwie doch etwas Neues erschafft.

In Zeiten, wo Alben viel zu oft so dermaßen überproduziert sind dass es echt schwer fällt, sie wirklich genießen zu können, ist „After The Disco“ eine hübsche Abwechslung. In allen Belangen eine Top-Produktion, keine Frage, aber nicht überarrangiert, nicht zu sehr auf Hochglanz und „Gefällt-mir“ getrimmt. Neben der überraschenden Ausrichtung auf musikalische Spielereien vergangener Jahrzehnte ist es vor allem der luftige Sound, der gefällt. Damit erfüllen Broken Bells die grundlegenste aller Erwartungen an ein Album: es macht Spaß. Abschließend muss festgehalten werden, dass “After The Disco” dem Titel entsprechend mehr Afterwork und Feierabendbierchen ist, als Party und Action. Gut so.


Hatte ich eine bestimmte Erwartungshaltung an Broken Bells’ „After The Disco“? Jopp. Wurde sie erfüllt? Nö. Und ist das jetzt schlimm? Nochmals nö. Manchmal ist eine positive Überraschung nämlich viel mehr wert als so eine erfüllte Erwartung. Nach „Holding On For Life“ hätte ich mit synthiegeschwängerter Popmusik mit melancholischer Ausrichtung gerechnet, geliefert wurde herrliche Retro-Indie-Pop-Mucke mit ganz vielen Anleihen an die Bee Gees, John Lennon und diversen weiteren. Mit anderen Worten: über weite Strecken fühlt sich das Album für mich so an, als wäre es lieber in den 70ern zuhause gewesen. Gleichzeitig schaffen James Mercer und Brian Burton hier das famose Kunststück, modern und frisch zu klingen. Vielleicht (oder gerade weil) hier auf das übliche höher, schneller, weiter, lauter, härter, wasauchimmer verzichtet wurde. Ein herzlich willkommener Anachronismus in einer völlig überkandidelten Pop-Welt.


Erscheinungsdatum
3. Februar 2014
BAND/KÜNSTLER:IN
Broken Bells
ALBUM
After The Disco
LABEL
Columbia Records (Sony)
Unsere Wertung
8.1
Broken Bells – After The Disco
FAZIT
Nach „Holding On For Life“ hätte ich mit synthiegeschwängerter Popmusik mit melancholischer Ausrichtung gerechnet, geliefert wurde herrliche Retro-Indie-Pop-Mucke mit ganz vielen Anleihen an die Bee Gees, John Lennon und diversen weiteren. Mit anderen Worten: über weite Strecken fühlt sich das Album für mich so an, als wäre es lieber in den 70ern zuhause gewesen. Gleichzeitig schaffen James Mercer und Brian Burton hier das famose Kunststück, modern und frisch zu klingen. Vielleicht (oder gerade weil) hier auf das übliche höher, schneller, weiter, lauter, härter, wasauchimmer verzichtet wurde.
INHALT/KONZEPT
7.5
TEXTE
7.5
GESANG
9
PRODUKTION
8.5
UMFANG
8
GESAMTEINDRUCK
8
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Ziemlich retro, ziemlich cool.
In Zeiten überproduzierter Pop-Songs und -Alben angenehm reduziert, aber nicht minimalistisch.
NEGATIV
8.1
PUNKTE

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