Foto: Korey Richey / Universal Music

Arcade Fire – Reflektor

Drei Alben und etwa 10 Jahre hat es gebraucht, um Arcade Fire auf den Olymp der großen und bedeutenden Rockbands zu heben. Drei Jahre nach dem letzten Album veröffentlichte die kanadische Band um das Ehepaar Win Butler und Régine Chassagne vor wenigen Tagen ihr neues Album „Reflektor“. Da die Musik der Band gerne mal für haltlose Begeisterung sorgt, wollen wir doch mal gucken, was da so dran ist an diesen Arcade Fire und ihrem „Reflektor“, das gleich mal zwei CDs beansprucht.

Ach ja, Olymp. Gutes Stichwort zum Einstieg. Besonders interessant an „Reflektor“ ist das inhaltliche Spiel mit Motiven der griechischen Mythologie. Irgendwie ist es konsequent für Musiker, sich mit der Figur Orpheus zu befassen. Schließlich vermuten die Griechen in ihm den Erfinder von Musik und Tanz, jener Form der Kunst also, der die Tonträgerverkäufer ihre Brötchenverdienstgrundlage verdanken.

Kurzer Abriss in griechischer Mythologie: Orpheus muss ein echtes Goldkehlchen gewesen sein. Nicht nur Götter fanden Gefallen an seinem Gesang. Nö, auch Tiere, Pflanzen und sogar Steine ließen sich von Orpheus Gesang und dem Spiel seiner Lyra in Verzückung versetzen. Verheiratet war Orpheus mit der Nymphe Eurydike. Auf der Flucht vor einer Vergewaltigung latschte Eurydike auf eine Schlange und verstarb. Orpheus war mit dem spontanen Ableben seiner Frau verständlicherweise nicht einverstanden und stieg in die Unterwelt hinab. Mit Gesang und Lyra gelang es ihm, Hades, den Gott der Unterwelt zu überzeugen, ihm seine Liebste zurückzugeben. Der Deal war aber ein tückischer: nimm deine Frau und geh, aber dreh dich nicht nach ihr um. Logisch, dass das in die Hose ging und Eurydike daraufhin erneut und dieses Mal endgültig in der Unterwelt verschwand, oder? Orpheus selbst wurde später zerrissen, buchstäblich, und es ist wohl anno dazumal keine tröstliche Vorstellung gewesen, dass sich Orpheus somit wieder zu seiner Liebsten gesellen konnte. Sein Kopf und seine Lyra allerdings sollen in einen Fluss geworfen worden sein. Welchen, darüber streiten sich die Gelehrten. Beides soll dennoch eine ganze Weile weiter musiziert haben. So viel dazu. „Awful Sound (Oh Eurydice)“ und „It’s Never Over (Hey Orpheus)“ greifen diese Motive auf.

Foto: Korey Richey / Universal Music

Zur Unterwelt-Thematik gesellt sich das immer wieder durchschimmernde Motiv der Nacht. „Here Comes The Night Time“ ist gleich in zwei Teilen vorhanden, einmal je Silberling. Eine Begleiterscheinung der Nacht ist immer wieder auch das Gefühl der Angst. Was passiert denn, wenn die Nacht kommt? Werden wir schlafen? Träumen womöglich? Und wenn ja, was? Wer unter Albträumen leidet, der wird die Nähe von Nacht und einer Form des Unwohlseins bestätigen können. Was ist denn, wenn die Kamera wirklich deine Seele klaut („Flashbulb Eyes“)? Skepsis ist auch so ein Thema von Arcade Fire („You Already Know“). Und das musikalisch vermeintlich fröhliche „Afterlife“ stellt schon ein paar bemerkenswerte Sinnfragen über die Dinge, die kommen, nachdem andere Dinge endeten.

Ihr merkt schon: inhaltlich bewegen sich Arcade Fire auf einem sehr hohen Niveau. Es ist doch immer wieder schön, wenn Musik nicht nur die Seele umschmeichelt, sondern auch den Verstand kitzelt. Ihre Themen verpackt die Band in sensationelle Rocksongs, die ein seliges Lächeln ins Gesicht eines jeden Musikfreunds zaubern, der sich für hin- und mitreissend produzierte, die Grenze zum Epischen überschreitende Meisterstücke begeistern kann, die nur einer Regel folgen: den eigenen.

Foto: Korey Richey / Universal Music

Produziert wurde das Album von James Murphy. Genau, der James Murphy von LCD Soundsystem. Ihr wisst schon, die Band, in deren Bude Daft Punk spielt. Die Entscheidung, diesen Murphy zu verpflichten, steht dem Klangbild der Band ziemlich gut. Deutlich vielseitiger arrangiert und instrumentiert wirken die Songs, trotz der manchmal vorherrschenden Schwere dennoch leichtfüßig und mitreißend. Der Mitwipp-, Fingerschnipp- und Fußwackelfaktor dieses Albums ist enorm! Möglicherweise ist Arcade Fire mit ihrem vierten Album eines der am geschmeidigsten groovenden Rockalben dieses Jahres gelungen. Die Band gibt zu Protokoll, dass Voodoo-Musik aus Haiti bei der Entstehung dieses Albums eine nicht unwesentliche Rolle gespielt habe. Sogar zwei Perkussionisten von der Insel waren an den Aufnahmen beteiligt. Anleihen karibischer Rhythmen sind manchmal durchaus hörbar, die Aussage Arcade Fires ist also schlüssig. Und macht das Album nur noch spannender. Hört Euch nur mal „Here Comes The Night Time“ an. Derartige Beats und Rhythmen vermutet man eher bei einer Band wie Seeed, nicht aber notwendigerweise hier.

Dass die Band über ein sicheres Gespür für ganz große Momente, verpackt in noch größere Songs verfügt, hat sich inzwischen in der Musikwelt herumgesprochen. Mittlerweile haben sie sich den Respekt und die Achtung auch der Allergrößten verdient. So zum Beispiel den David Bowies. Es wird überliefert, dass Bowie den Song bei einem Studiobesuch hörte und so abgefahren fand, dass er ihn gerne geseinigt hätte. Offensichtlich ist dies ein Wunsch geblieben. Realität wurde allerdings seine Beteiligung. Die Hintergrundvocals singt das „Chamäleon des Pops“ in diesem Song höchstselbst.

Neben allerlei handelsüblichen Saiten- und Schlaginstrumenten hören wir hier auch dezente Synthies, Tropeterei, Tasteninstrumente verschiedenster Geschmackrichtungen, ja sogar Kirchengeorgel und Cellospiel lässt sich aus den Songs heraushören. Das und noch so einiges mehr, was den Spannungsfaktor nur zusätzlich erhöht. Die pathetische Note, die den früheren Werken der Band anhaftete, ist auch hier nicht gänzlich zu leugnen. Vermutlich ist das aber auch unvermeidlich. Hier allerdings mehr als verkraftbar. Dafür ist das Gesamtpaket schlicht zu stimmig. Wenn die großen Massenmedien nun also wieder anfangen, uns Arcade Fire als eine der beeindruckendsten Rockbands unserer Tage verkaufen zu wollen, dann kann ich abschließend nur sekundieren: jopp, da ist was dran. Gerade eines der mächtigsten Alben 2013 gehört zu haben wird einem spätestens dann klar, wenn die letzten Töne von “Supersymmetry” verklungen sind.


Arcade Fires „Reflektor“ ist ein unheimlich spannendes Hörerlebnis. Nicht nur aufgrund der Verwendung von Motiven aus der griechischen Mythologie, sondern vor allem und ganz besonders wegen des Spiels mit den Erwartungen bzw. Vermutungen des Hörers. Immer dann, wenn sich das Gefühl einschleicht, man hätte einen Song verstanden und erfasst und wüsste nun, wie sich die restlichen Minuten gestalten würden, machen Arcade Fire einen Strich unter die Rechnung. Hier mal aus den klassischen Songstrukturen ausgebrochen, da mal das Tempo geändert, hier noch eine unerwartete Spielerei oder da Hintergrundvocals von David Bowie eingestreut – man kann das Ätsch! förmlich heraushören. Die Musikliebhaber unter Euch, die Bock auf ein abgefahrenes Rockalbum haben, an das man sich noch lange erinnern wird, kommen an „Reflektor“ nicht vorbei. Herausragendes Werk!


Erscheinungsdatum
25. Oktober 2013
BAND/KÜNSTLER:IN
Arcade Fire
ALBUM
Reflektor
LABEL
Vertigo Berlin (Universal)
Unsere Wertung
9.1
Arcade Fire – Reflektor
FAZIT
Arcade Fires „Reflektor“ ist ein unheimlich spannendes Hörerlebnis. Nicht nur aufgrund der Verwendung von Motiven aus der griechischen Mythologie, sondern vor allem und ganz besonders wegen des Spiels mit den Erwartungen bzw. Vermutungen des Hörers. Immer dann, wenn sich das Gefühl einschleicht, man hätte einen Song verstanden und erfasst und wüsste nun, wie sich die restlichen Minuten gestalten würden, machen Arcade Fire einen Strich unter die Rechnung. Hier mal aus den klassischen Songstrukturen ausgebrochen, da mal das Tempo geändert, hier noch eine unerwartete Spielerei oder da Hintergrundvocals von David Bowie eingestreut - man kann das Ätsch! förmlich heraushören.
INHALT/KONZEPT
9.6
TEXTE
8
GESANG
8.5
PRODUKTION
9
UMFANG
10
GESAMTEINDRUCK
9.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Spannendes Konzept, vielseitig und abwechslungsreich umgesetzt.
Herausragend produziert mit vielen Dingen, die es zu "erhören" gibt.
Mit zwei CDs auch ordentlicher Umfang.
NEGATIV
9.1
PUNKTE

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