Foto: Janus / Trisol Music Group

Janus – Nachtmahr

Kann es in dieser sogenannten Gothic-Szene Musik geben, die nicht tanzbar ist? Die nicht vor Klischees trieft? Die sich inhaltlich mit Themen auseinandersetzt, die einem kalte Schauer den Rücken herunter laufen lassen? Die dabei keine hohlen Phrasen braucht, nicht mit Metaphern spielt sondern mit klarer Lyrik den sprichwörtlichen Zeigefinger mitten hinein in diesen oder jenen gesellschaftlichen bzw. menschlichen Abgrund bohrt? Und kann das dann auch noch gut und hörbar sein? Die Antwort lautet: Ja, kann es. Janus, zweifelsfrei eine Ausnahmeerscheinung der deutschen Musiklandschaft, haben mit “Nachtmahr” ein Werk geschaffen, dessen Wirkung man sich nicht entziehen kann. Zumal allein der Versuch sträflich wäre.

Ähnlich wie der aus der römischen Mythologie stammende Gott und namengebende Janus, verfügt die nur aus zwei Personen bestehende Band über zwei musikalische Gesichter: laute, aggressive Stücke, die man ohne weiteres der Neuen Deutschen Härte zuordnen kann, beherrscht die Band genauso spielend wie orchestral angehauchte Kammermusik. Nun, auf “Nachtmahr” präsentieren Janus ihren Hörern nur die ruhige Seite ihres musikalischen Wesens – was das Dargebotene nicht weniger nachhaltig beeindruckend macht.

Um es vorweg zu sagen: Wer sich auf “Nachtmahr” einlässt, sieht sich mit einem Album konfrontiert, das aufwühlt, verstört, schockiert, beunruhigt und zutiefst traurig macht.

Die unheilvolle Achterbahnfahrt in die dunkelsten menschlichen Abgründe wird eingeleitet durch das Stück “Ein Hund, der sich hinlegt, wo er will“. Janus lassen den Hörer hier an den grauenvollen Erinnerungen eines Weltkriegsveteranen teilhaben. Durch die klare, schnörkellose Lyrik und dem markanten Gesang findet sich der Hörer alsbald selbst beinahe in Stalingrad wieder.

Damit ist die Weltkriegsthematik für Janus – und den Hörer – aber noch lange nicht abgehandelt. Viel mehr wird im nachfolgenden “Anita spielt Cello” das Thema Konzentrationslager und Judenvergasung aufgegriffen. Spätestens hier muss man zum ersten Mal sehr um Fassung ringen, so eindringlich bringen Janus das eigentlich unbeschreibliche Grauen herüber. Fünfeinhalb nahezu unerträgliche Minuten ist man auch hier wieder mittendrin in dem schrecklichen Geschehen. Jedoch lassen Janus dem Hörer keine Gelegenheit, aufzuatmen und zu verarbeiten. Der nachfolgende “Kinderkreuzzug” macht den Hörer zum hilflosen Zeugen einer hungernden, frierenden Kinderschar, wie sie in den Wirren des Zweiten Weltkriegs auf der Flucht vor dem Krieg ist – und einer nach dem anderen den Kampf mit dem Leben verliert.

Nun beschränken sich Janus auf “Nachtmahr” aber nicht nur auf die Weltkriegsthematik. “Nellie” beispielsweise ist eine bittere Geschichte über eine vom Leben gestraften Existenz. Oder “Sag doch was” über das schweigend-schleichende Ende einer Beziehung. Thematisch ähnlich gelagert fällt auch “Die Ruhe selbst” aus, das sich den denkbar dunkelsten Seiten zwischenmenschlicher Beziehungen widmet: Missachtung, Eifersucht, Rachsucht, Vergeltung. Und das alles in hervorragend komponierter, orchestrierter und produzierter Verpackung. Aus handwerklicher, musikalisch-künstlerischer Sicht ist dieses Album ein Traum, allerdings kein Alb-.


Kurzum: “Nachtmahr” gehört zu den wohl inhaltlich bittersten Alben, die je erschienen sind. Janus nehmen den Hörer mit auf eine emotional sehr, sehr unangenehme Reise in verschiedenste Abgründe des menschlichen Seins. Man kann demnach auch schlecht sagen, dass es “Spaß” macht, dieses Album zu hören. Dennoch ist der Band mit diesem Album ein so geniales Stück Musikgeschichte gelungen, das seinesgleichen sucht. Und mit dem sich jeder(!) wenigstens halbwegs aufgeschlossene Musiklieber zumindest einmal beschäftigt haben sollte!


Janus – Nachtmahr
FAZIT
Kurzum: "Nachtmahr" gehört zu den wohl inhaltlich bittersten Alben, die je erschienen sind. Janus nehmen den Hörer mit auf eine emotional sehr, sehr unangenehme Reise in verschiedenste Abgründe des menschlichen Seins. Man kann demnach auch schlecht sagen, dass es "Spaß" macht, dieses Album zu hören. Dennoch ist der Band mit diesem Album ein so geniales Stück Musikgeschichte gelungen, das seinesgleichen sucht.
INHALT/KONZEPT
9
TEXTE
10
GESANG
8.5
PRODUKTION
9
UMFANG
9
GESAMTEINDRUCK
9
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Inhaltlich sehr anspruchs, aber so schwer verdauliche Kost ...
Hinsichtlich Arrangement, Produktion, Orchestrierung oberste Liga!
NEGATIV
... die sicher nicht allen Hörenden schmecken wird.
Wer Janus lieber laut und hart mag, wird dieses mal leider nicht bedient.
9.1
PUNKTE
Herausgeber

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

INHALT/KONZEPT
TEXTE
GESANG
PRODUKTION
UMFANG
GESAMTEINDRUCK
Finale Bewertung

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Zeen is a next generation WordPress theme. It’s powerful, beautifully designed and comes with everything you need to engage your visitors and increase conversions.