Foto: Aaron Schorch / Vertigo / Capitol / Universal Music

Larkin Poe – Reskinned

Manchmal ist es eben so, dass Dinge im ersten Versuch nicht so richtig klappen. Aaliyah sang einmal, dass wenn es anfangs nicht funktioniert, man sich den Staub abklopfen und es noch einmal probieren soll. Das lässt sich auch auf die Rockband Larkin Poe übertragen. Die haben gerade ihr Debütalbum „Reskinned“ veröffentlicht. Moment mal… der Titel klingt ein wenig so, als wäre da früher schon mal was gewesen? Jepp, ganz richtig. Während die Damen woanders schon diverse Erfolge gefeiert haben, sind sie bei uns noch reichlich unbekannt. Mit Universal Music im Rücken soll das nun anders werden. Also, Staub abklopfen und los geht’s.

Auch wenn Universal Music das vielleicht gerne so hätte: „Reskinned“ ist nicht neu. Tatsächlich ist das Debütalbum der Schwestern Lovell bereits 2014 erschienen. Unter dem Namen „Kin“, seinerzeit via RH Music auch bei uns. Am Sound hat man nichts geändert, wohl aber an der Tracklist. Gegenüber der 2014er Erstveröffentlichung wurde nicht nur die Reihenfolge einiger Songs geändert, sondern auch einige Lieder gegen andere ausgetauscht. Wer vergleichen möchte: „Kin“ ist aktuell noch bei Amazon lieferbar; ansonsten sind alle weitere Spuren des Albums bei weiteren Musikanbietern und -diensten gründlich entfernt worden. Frei nach dem Motto: es gibt eben jetzt (nur noch) „Reskinned“ und damit basta! Macht nüscht; Universal hat ohnehin sehr viel mehr Macht, um die beiden Damen Rebecca und Megan Lovell in unserem Ländle zu pushen. In ihrer Heimat, den Vereinigten Staaten, ist das nicht mehr so zwingend erforderlich. Da sind sie nämlich schon wer.

Foto: Aaron Schorch / Vertigo / Capitol / Universal Music

Wie schon im Beitrag zum Video/zur Single „Don’t“ erklärt, ist der Name Larkin Poe auf eine entfernte und noch immer ziemlich konstruiert wirkende Verwandtschaft zu Edgar Allen Poe zurückzuführen. Rebecca, Mitte 20 und Sängerin sowie Multi-Instrumentalistin (u.a. Gitarre, Mandoline, Violine, …) erklärt: „Wir haben eine sehr bewegte Familiengeschichte. In unserem Stammbaum gab es viele kreative, wilde und intelligente Zweige, die nicht unbedingt anpassungsfähig oder -willig waren. Unser Großvater väterlicherseits hatte Schizophrenie und unser Ur-Ur-Ur-Urgroßvater Larkin Poe, ein entfernter Cousin von Edgar Allen Poe, fuhr einen Wagen im Bürgerkrieg und wurde später Historiker. Mit ihren verrückten Geschichten aufzuwachsen, hat sicherlich unser Verständnis von dem, was normal ist, stark beeinflusst. Ich glaube, dass diese angeborene Verschrobenheit, die von einer Generation zur nächsten weitervererbt wird, sich bei uns noch verstärkt hat!” Ergänzt wird sie von ihrer älteren Schwester Megan (spielt u.a. Hawaiigitarre und Dobro): “Da wir Schwestern sind, wollten wir einen Bandnamen, der eine Bedeutung mit Familienbezug hat, vielleicht sogar eine kleine Erinnerung an unsere Vorfahren. Und jetzt heißen wir Larkin Poe“. Also noch immer nix mit Con AirJohn Cusack und Nicolas Cage, was die Namensfindung angeht. Vielleicht gar nicht so schlecht.

Wie ebenfalls schon mal festgestellt, ruhen sich die hübschen Ladies nicht auf dieser bemühten Familienkiste aus. Die Geschichte Larkin Poes lässt sich bis ins Jahr 2010 zurückverfolgen. In jenem Jahr gründeten sie ihre Band, nachdem sie zuvor mit ihrer älteren Schwester Jessica als The Lovell Sisters als ein Bluegrass Trio durch die Staaten zogen und erste Erfahrungen sammelten. Als Larkin Poe kamen später diverse EPs zustande, zudem tourten die Damen unter anderem mit Elvis Costello. Und dann also 2014 das Debütalbum „Kin“, von dem hierzulande vermutlich nur eine überschaubare Anzahl an Hörern Notiz genommen haben dürfte. Auch wenn es die Huffington Post zu einem der Top-Alben des Jahres 2014 erklärte.

Foto: Aaron Schorch / Vertigo / Capitol / Universal Music

Wie wahrscheinlich so einige von Euch habe ich Larkin Poe erst seit kurzem auf dem Schirm. Genau genommen erst seit Mitte Februar ungefähr, als mich eine Mail mit diesem Themenvorschlag von einer Promoterin erreichte. Es ging um „Don’t“, der vorab ausgekoppelten Single nebst Video, mit dem nochmals auf Larkin Poe und der anstehenden Veröffentlichung von „Reskinned“ hingewiesen werden sollte. Was soll ich sagen… ich war sofort Feuer und Flamme für diesen schnuckeligen, rockenden Ohrwurm. Larkin Poe nennen ihren musikalischen Stil: Roots Rock’n’Roll. Klingt auf dem Papier spannend, ist es gehört noch ungleich mehr. Über ihre musikalische Sozialisierung, über den Weg zu dem, was heute aus den Boxen tönt, erklärt Megan: „Was die Musik angeht, sind wir immer ein bisschen schizophren gewesen. Wir haben uns an verschiedenen Stilen versucht. Als wir klein waren, lernten wir klassische Violine und Klavier. Unsere Mutter fuhr uns jede Woche zum Unterricht. Gleichzeitig hörten wir durch unseren Vater zu Hause Classic Rock – Fleetwood Mac, Pink Floyd, Crosby, Stills, Nash & Young, The Band. Mit 12, 13 Jahren begannen wir uns für Roots Music zu begeistern – Blues, Bluegrass, Folk – wir waren ein wenig durcheinander! Aber nachdem wir ein paar Jahre gesucht und herumexperimentiert hatten, gelang es uns schließlich, die einzelnen Teile unserer Künstlerpersönlichkeiten und Musikgeschmäcker zu einer eigenen Stimme zu verbinden“. Wer so klassischen Rock macht wie Larkin Poe, hätte wohl kaum bessere Vorbilder als die besagten finden können.

Ganz angetan von „Don’t“ war ich voller Gespannung, als ich „Reskinned“ zur ersten Runde in den Player schob. Sie eröffnen mit „Sucker Puncher“ und hui! Das ist ein ganz schönes Brett! „Oha“, dachte ich, „das knallt aber!“. Fette Gitarrenriffs, druckvolle Drums und dieses ganz besondere, eigentümliche und unverwechselbare Südstaatenflair füllen den Raum. Der charmante Slang, mit dem die Damen stimmgewaltig trällern – ich komme nicht umhin, schon wieder begeistert zu sein. „Don’t“ ist ja doch recht poppig und ohrwurmig ausgefallen, mit solch einer Wuchtbrumme direkt zum Einstieg hatte ich nicht gerechnet. Da zeigen Larkin Poe gestandenen Rockbands also direkt zum Einstieg, wie es geht. Selbst wer Larkin Poe aus früheren Tagen noch kennt, wird sich vermutlich erstaunt die Ohren reiben. Rebecca erklärt: „Ich glaube, unsere Fans wird das Album überraschen. Unsere früheren Projekte waren alle irgendwie “zurückhaltend”. Das ist diesmal nicht so. Bei ‘Kin’ konnten wir zum ersten Mal die raue und kantige Atmosphäre unserer Liveauftritte im Studio einfangen. Wir rocken auf den Gitarren wie Jungs – warum sollte man das nicht auf dem Album hören? Wir haben uns richtig ausgetobt“. Oh ja, und wie! Und wisst Ihr was? Fetzt wie sau! Zu dieser Erkenntnis kam ich beim Beitrag zu „Don’t“ schon; sie bekräftigt sich nur mit jedem Track dieses Albums immer mehr.

Foto: Aaron Schorch / Vertigo / Capitol / Universal Music

Tracks wie „When God Closes A Door“ zum Beispiel, das noch mehr diesen Südstaaten-Flair atmet als vermutlich jeder andere Song des Albums. Oder „P-R-O-B-L-E-M“, bei dem die Damen den Megafoneinsatz auf die Spitze treiben und mit jaulenden Gitarren eine schwere, fast schon brachiale Nummer aus den Boxen pressen. „Stubborn Love“ ist so zart wie auch getrieben. Ein bisschen Country steckt da mit drin und weckt Assoziationen an die unendliche Weite des Westens und Reiter – Cowgirls und -boys – die ihre Pferde durch die Prärie jagen. In „Banks Of Allatoona“ wiederum zeigen Larkin Poe, dass sie eben nicht nur mächtig auf die Tube drücken können, sondern auch Balladen ganz hervorragend beherrschen. Engelsgleicher Gesang inklusive. Damit es nicht alles zu vorhersehbar wird, gestatten sie sich mit „Blunt“ sogar einen dezenten Ausflug ins Experimentelle. Sehr eigenwillig die Nummer, die exzentrischen Gitarren und die teils verzerrten Vocals lassen “Blunt” ziemlich unbequem wirken. If you knew your / chisel was blunt / why did you make / so many of us / why did you make so many, fragen sie sich und ich wiederum frage mich, ob sie sich hier gerade ernsthaft religionskritisch geäußert haben.

Larkin Poe entlassen ihre Hörer mit der herzerwärmenden Ballade „Overachiever“, die nur vom Klavierspiel und Rebeccas melancholischem Gesang getragen wird. Auch hierzu gibt es eine Geschichte. Rebecca erzählt sie wie folgt: „‘Overachiever’ ist mit Abstand der persönlichste Song, den ich je geschrieben habe. Ich habe versucht, die rohe Ehrlichkeit, die man von Leonard Cohen kennt, nachzuempfinden. Den Text musste ich für mich selbst singen, und für ein paar Leute, die mir nahestehen“ und wird von ihrer Schwester Megan ergänzt: „Als Rebecca im Studio ‘Overachiever’ einsang, war das die letzte Aufnahme des Tages. Das Licht im Studio war schon aus und sie sang es von Anfang bis Ende durch. Als sie fertig war, liefen mir die Tränen übers Gesicht – so nah ging mir das“. Verständlich. Es ist auch schwierig bis unmöglich, sich von dieser zauberhaften Nummer nicht berühren zu lassen.

Foto: Mark Hug / Vertigo / Capitol / Universal Music

Abschließend bleibt nur noch festzuhalten: die Mädels haben mit ihrem Debütalbum 2014 schon Eindruck hinterlassen, jetzt tun sie es definitiv noch einmal. Es nur ein bisschen schade, dass die Songs, die ursprünglich enthalten waren (wie z.B. „Jesse“, „Dandelion“ oder „Elephant“), bei der Neuauflage fehlen. Andererseits: wir reden hier von einer Veröffentlichung durch Universal Music. Vermutlich gibt es in wenigen Monaten eine neuerliche Ausgabe des Albums, quasi eine nachgereichte Deluxe-Variante. Mit zusätzlichem Material, bei dem ich noch Wetten entgegen nehme, um welches es sich dabei handeln könnte. Wäre ja nicht das erste Mal in der Geschichte des Musikgiganten.


Ladies die rocken, rocken! Und diese hier ganz besonders und ganz gewaltig. Seit „Politics“ von den Kölner Rock-Ladies The Black Sheep hatte ich nicht mehr so viel Spaß mit einer … wie sagt man heute… „female-fronted Rock-Band“. Kurios, die Erstveröffentlichung von Larkin Poes Debüt und besagtem Black-Sheep-Album war im gleichen Jahr. Damals ging „Kin“ komplett an mir vorbei. Ein Jammer, rückblickend betrachtet. Ein Glück, dass ich – dass wir alle, die nicht damals schon zugeschaltet haben – dieses famose Rockalbum jetzt nachholen können! Die Huffington Post wählte „Kin“ seinerzeit in ihre Liste der besten Alben des Jahres 2014. Ich habe eine Vermutung, wo „Reskinned“ landen wird, wenn es am Ende des Jahres um unsere Lieblinge hier geht. Ich sach es noch mal: fetzt und macht mächtig viel Spaß, sach ich mal so!


Erscheinungsdatum
18. März 2016
BAND/KÜNSTLER:IN
Larkin Poe
ALBUM
Reskinned
LABEL
We Love Music (Universal)
Unsere Wertung
8
Larkin Poe – Reskinned
FAZIT
Ladies die rocken, rocken! Und diese hier ganz besonders und ganz gewaltig. Seit „Politics“ von den Kölner Rock-Ladies The Black Sheep hatte ich nicht mehr so viel Spaß mit einer … wie sagt man heute… „female-fronted Rock-Band“. Kurios, die Erstveröffentlichung von Larkin Poes Debüt und besagtem Black-Sheep-Album war im gleichen Jahr. Damals ging „Kin“ komplett an mir vorbei. Ein Jammer, rückblickend betrachtet. Ein Glück, dass ich - dass wir alle, die nicht damals schon zugeschaltet haben - dieses famose Rockalbum jetzt nachholen können! Die Huffington Post wählte „Kin“ seinerzeit in ihre Liste der besten Alben des Jahres 2014. Ich habe eine Vermutung, wo „Reskinned“ landen wird, wenn es am Ende des Jahres um unsere Lieblinge hier geht.
INHALT/KONZEPT
7.5
TEXTE
7.5
GESANG
8.5
PRODUKTION
8
UMFANG
8
GESAMTEINDRUCK
8.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Klassische, schnörkellose Rock-Mucke von und mit starken Frauen.
Gegenüber der ursprünglichen Veröffentlichung in Sachen Umfang und Klang aufgebohrt.
NEGATIV
Für Kenner von "Kin" nicht so wirklich neu.
8
PUNKTE

Zeen is a next generation WordPress theme. It’s powerful, beautifully designed and comes with everything you need to engage your visitors and increase conversions.