Foto: N. Skalli

Faderhead – FH-X

Moin, nachdem der Jahresbeginn in der alternativen Musikszene bisher erfreuliche Nachrichten vermissen ließ, schickt sich der Hamburger Producer Faderhead nun an, das Ruder herumzureißen. Der Musiker mit der markanten Haarpracht beschert uns nämlich zwei Jahre nach seinem siebten Studioalbum “Atoms & Emptiness” 11 brandneue Titel, die es in sich haben. Und weil der Jung’ von der Waterkant uns bereits seit 10 Jahren regelmäßig mit elektronischer Musik erfreut, hört das Album auf den Namen “FH-X”. Neben unverkennbaren Klängen der Elektro-, Synthpop- und EBM-Stilrichtung hat “FH-X” noch ein Novum im Seesack. Faderhead bestellte nämlich Motorjesus-Drummer Oliver Beck ins Studio und mixte die Elektrobeats mit dessen Live-Drums ab. Was soll ich dazu sagen, außer: “Now we got the groove baby”, beim Durchhören zeigen die Titel eine Lebendigkeit, die Faderhead musikalisch in ein neues Zeitalter schippern lassen. Doch genug der Vorschusslorbeeren, ihr wollt was zu den Tracks wissen, also spitzt die Ohren für das bisher ausgereifteste Werk von Faderhead – “FH-X”.

Segel hissen und volle Fahrt voraus verspricht „Generation Black“. Der Clubkracher stellt von Beginn an klar, dass Faderhead auch auf “FH-X” lieber klotzt statt kleckert. Mit unverkennbarem Faderhead-Beat lockt Sami auf die Tanzfläche. Wer da nur müde mit den Füßen den Takt mit wippt ist selber schuld, oder aus Hannover . Der treibende Beat steht eindeutig im Vordergrund, doch offenbaren auch die Lyrics spannendes. Ist das gar ein Bekenntnis zur schwarzen Szene? „Generation Black“ ist definitiv ein würdevoller Auftakt für “FH-X“.

Auch „Electrosexual“ ist ein original Faderhead-Elektro-Brett und lässt nicht nach, was Tempo und Tanzbarkeit betrifft. Es knüpft musikalisch an “Take your fuckin’ meds babe” vom 2013er Album “FH 4” an, doch kommt es Dank Live-Drums weniger steril daher. Die Drums, wie auch die Synth-Strings verleihen dem Titel Komplexität und eine gewisse Lebhaftigkeit, die durch Samis mit Vocoder-Effekt verfremdete Stimme noch interessanter wird.

Nachdem die ersten beiden Titel das Blut erstmal in Wallung gebracht haben, schlägt Faderhead mit dem Synth-Pop-Song „The Silence Around Me“ ruhigere Töne an. Doch wer Faderhead kennt, der weiss, in zuckersüssen Pop verpackt er gern die ernsten Themen und so offenbaren die Lyrics von „The Silence Around Me“ wieder einmal, welche Botschaft hier verborgen ist. “I know I can not go home, but I can not stay” hallt es da wie durch einen Telefonhörer in der Bridge und später “I got this heart full of hate“, lassen aufhorchen. Eine instrumentale Überleitung zu Beginn des letzten Drittels von „The Silence Around Me“ demonstriert ausserdem, wie gut “FH-X” der Einsatz eines richtigen Schlagzeugs steht, Faderheads elektronischer Stil klang niemals lebendiger.

Den Song „Escape Gravity“ habe ich kurzer Hand gleich zum ‘Soundtrack of my life 2016’ gekührt. Songs schreiben kann er, der Faderhead und auch bei den Lyrics gibt er sich nicht weniger Mühe. Ob er hier autobiografisch unterwegs ist, oder einfach nur ein Gespür hat, „Escape Gravity“ eine melancholische Stimmung ein zu hauchen, bleibt zu klären, doch es sind Textpassagen wie „It was just a dream that you were here“ und „but in reality tenthousand miles apart“, die von einer gewissen Tragik der besungenen Szene zeugen. Zu Beginn des Songs dominieren die Synthesizer, die dann durch Faderheads Gesangslinie in den Hintergrund treten. Stilistisch ist der Track dem Synth-Pop zuzuordnen, doch er geht spätestens im Refrain treibender voran, als „The Silence Around Me“, was auch an den stark komprimierten Drums liegen mag.

Foto: N. Skalli

Hate With A Smile“ verlässt die Pfade des seichten Pop und offenbart die komplette Power, die Electro-Industrial durch reale Drums erfahren kann. Motorjesus-Drummer Oliver Beck haut hier gleich mächtig rein und so entsteht ein gewaltiges Klangmonument. Wow, so heftig gab es bisher noch nicht auf die Zwölf. „Hate With A Smile“ lässt einen den besungenen Hass durch aggressive Synthesizer, verzerrte und verfremdete E-Gitarre und die Powerdrums formlich spüren. Gekonnt singt sich Faderhead dennoch durch verschiedene Gesangseffekte gegen dieses Klanggewitter in den Vordergrund. Der Song schafft so viel Atmosphäre, dass er eigentlich viel zu schnell zu Ende ist. Respekt, „Hate With A Smile“ schlicht und einfach auf den Punkt gebracht.

No Gods, No Flags, No Bullshit“ ist zu Recht gleich von 0 auf 1 in die DAC eingestiegen, denn spätestens mit diesem Club-Kracher hat Faderhead auch den letzten Fan überzeugt, dass “FH-X” feinste Trommelfellmassage der elektronischen Art ist. Zu E-Gitarren-Samples, tanzbaren Beats und Synthesizern, so wie aggressivem Gesang mit einer Priese Sarkasmus lässt es sich vortrefflich Kalorien verbrennen. Bei dem Gedanken, Sami mit „No Gods, No Flags, No Bullshit“ live über die Bühne wirbeln zu sehen, treibt einem ja jetzt schon den Puls an. Weitermachen.

Das Kontrastprogramm zu „No Gods, No Flags, No Bullshit“ bietet die schwermütige Ballade „This Nothing“. Minimalistischer Synthesizer und moderater Schlagzeugeinsatz stellen die Untermalung für den einfühlsamen Gesang, dessen Lyrics mal wieder den Ausschlag geben. Faderhead zeichnet einem mit Textpassagen wie „and my tears have turned to snow“ schöne Bilder in den Kopf und dass im Leben nicht alles nur Party ist, lehrt die Erfahrung.

Das beinahe instrumentale „Bootydrive (On)“ ist vermutlich mehr als Überleitung von der Ballade zum rockigen „Like A Rocket“ zu verstehen und stellt den stilistischen Wendepunkt des Albums dar. „Bootydrive (On)“ beschränkt sich auf das Textsample des eigenen Titels mit verfremdeter Stimme, die in einen groovigen Rhythmusteppich eingewoben ist und passt gut auf den iPod beim Inlinern.

Mit groovigem Synthesizer und bekannter Telefonhörer-Stimme beginnt „Like A Rocket“ und entpuppt sich dann doch als ein elektronischer Rock-Kracher mit Vocoder-Effekt oder Heil-Talkbox a la Richie Sambora, samt Rock-Drumset. Der kurzweilige Ausflug in eine andere Stilrichtung zeugt davon, dass Faderhead sein Handwerk beherrscht und selbst auf Pfaden jenseits der elektronischen Wurzeln authentisch rüber kommt. Die besungene Femme Fatal nimmt bei diesem Vortrag vor meinem geistigen Auge förmlich Gestalt an, die glatt das Storyboard für einen Video-Clip liefern könnten. Vor meinem inneren Auge rekelt sich da die besungene Schönheit im Lack-Dress in einem Käfig bei Strobe-Licht und ansonsten eher Background-Beleuchtung. „…dangerous for me…“. Ja, und woran denkt ihr so beim Hören?

Home Of The Creeps“ nimmt noch etwas vom Charisma des vorangegangenen Titel mit, schwenkt allerdings in die Psychobilly Richtung ab. Hier gibts verzerrten Synth-Bass und treibendes Schlagzeug, wobei wieder hervor zu heben ist, wie gut „FH-X“ die Live-Drums von Oliver Beck stehen. Vor diesem Arrangement tritt die Gesangslinie bewusst etwas weiter in den Hintergrund, denn Bass und Drums übernehmen eindeutig die Führung. Auf zu neuen Ufern?

Noch experimentierfreudiger gibt sich der letzte Titel „The Future’s Not The Past“ und mit Textzeilen wie „so the story goes, I (don’t) know the way“ scheint sich für die musikalische Zukunft Faderheads tatsächlich ein Wandel anzukündigen. „The Future’s Not The Past“ lässt sich sehr schwer beschreiben, man muss das schwere Klangkonstrukt, in dem ich sogar Orgelklänge ausgemacht habe, am besten selbst hören. Der Track beginnt elektronisch mit Synthesizer-Arpeggien, die später immer wieder unterschwellig eingespielt werden, doch überwiegt ein aggressiver E-Gitarren-Schlagzeug-Mix, der letztlich die Oberhand behält und den Hörer quasi überfährt. Vielleicht ist ja die Textzeile „I sell my soul to someone else“ ein kleiner Hinweis auf die Zukunft, die nicht mehr mit der Vergangenheit zu vergleichen ist. Im Club werden wir den Titel vermutlich weniger hören, doch der Soundtrack-Charakter macht ihn nicht weniger interessant.


„FH-X“ tritt den Beweis an, dass Faderhead auch nach 10 Jahren musikalischen Schaffens Überraschungen hervorzaubern kann und markiert den Weg in ein neues Jahrzehnt. Die Entscheidung, Motorjesus-Drummer Oliver Beck die Drums live einzuspielen steht dem gesamten Album sehr gut. Die elektronischen Club-Tracks erfahren eine ganz neue Lebendigkeit und lassen keine Zweifel daran bestehen, dass „FH-X“ ein original Faderhead-Album ist. Mit Titeln wie „No Gods, No Flags, No Bullshit“ oder „Generation Black“ ist Faderhead in jedem Club zu Hause, seine Gesangsqualitäten beweist er mit Tracks wie „The Silence Around Me“ und „This Nothing“. Doch „Bootydrive (On)“ leitet auf „FH-X“ einen Wendepunkt ein. „Like A Rocket“ ist deutlich rockiger, als die bisherigen Songs, mit „Home Of The Creeps“ wird die Atmosphäre noch etwas aggressiver und mündet dann mit „The Future’s Not The Past“ in komplettem Neuland. Doch selbst diese neu angeschlagenen Töne klingen eindeutig nach Faderhead und so scheint es, als würde er seine Fans mit „FH-X“ auf einen Wandel einstimmen. Es überrascht mich immer wieder, wie es Faderhead gelingt, Dancefloor-Filler zu schreiben, ohne dass dabei Lyrics und damit verbundene Story eines Albums zu kurz kommen. Mein Lieblingstitel ist „Escape Gravity“, den ich kurzerhand zum persönlichen Soundtrack 2016 gekürt habe. „FH-X“ ist uneingeschränkt einen Kauf wert und wird bestimmt in der Zukunft noch für Diskussionsstoff sorgen.


Erscheinungsdatum
12. Februar 2016
BAND/KÜNSTLER:IN
Faderhead
ALBUM
FH-X
LABEL
Not A Robot Records
Unsere Wertung
8.3
Faderhead – FH-X
FAZIT
„FH-X“ tritt den Beweis an, dass Faderhead auch nach 10 Jahren musikalischen Schaffens Überraschungen hervorzaubern kann und markiert den Weg in ein neues Jahrzehnt. Die Entscheidung, Motorjesus-Drummer Oliver Beck die Drums live einzuspielen steht dem gesamten Album sehr gut. Die elektronischen Club-Tracks erfahren eine ganz neue Lebendigkeit und lassen keine Zweifel daran bestehen, dass „FH-X“ ein original Faderhead-Album ist. Mit Titeln wie „No Gods, No Flags, No Bullshit“ oder „Generation Black“ ist Faderhead in jedem Club zu Hause, seine Gesangsqualitäten beweist er mit Tracks wie „The Silence Around Me“ und „This Nothing“. Doch „Bootydrive (On)“ leitet auf „FH-X“ einen Wendepunkt ein. „Like A Rocket“ ist deutlich rockiger, als die bisherigen Songs, mit „Home Of The Creeps“ wird die Atmosphäre noch etwas aggressiver und mündet dann mit „The Future’s Not The Past“ in komplettem Neuland.
INHALT/KONZEPT
8.5
TEXTE
8.5
GESANG
7.5
PRODUKTION
8.5
UMFANG
8
GESAMTEINDRUCK
9
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Live eingespielte Drums fügen sich perfekt in den Sound von Faderhead ein.
Abwechslungsreiche, vielschichtige Produktion mit ordentlich Bumms dahinter.
NEGATIV
8.3
PUNKTE
Mit-Herausgeber

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TEXTE
GESANG
PRODUKTION
UMFANG
GESAMTEINDRUCK
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