Foto: Universal Music

Marilyn Manson – The Golden Age Of Grotesque

Denken wir an die 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Denken wir an Kunst und Fortschritt. Denken wir an Dekadenz und Verfall. Denken wir an den Anbruch eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte nur wenig später. Und schon haben wir einige Gedankengänge Marilyn Mansons zur Entstehung des neuen Albums des selbsternannten Antichristen nachvollzogen. Willkommen im “Golden Age Of Grotesque”!

Mit diesem Album meldet sich eine der führenden Skandalnudeln Amerikas lautstark auf der Musikbühne zurück. Nachdem mit “Holy Wood (In The Shadows Of The Valley Of Death)” die Trilogie, die mit dem hochgenialen, hochgelobten “Antichrist Superstar” ihren Anfang nahm, zu einem gelungenen, wenn auch umstrittenen Abschluss kam, steht Manson nun der Weg offen für neue Wege.

Und die werden auch beschritten. Auffälligste, wenn auch zweifelhafteste Neuerung ist wohl das Fehlen von Twiggy Ramirez, dessen persönliche Note bei früheren Manson-Songs erst jetzt wirklich auffällt, da sie nicht mehr da ist.

Marilyn Manson-Jünger, die erst nach dem eher peinlichen “Tainted Love” auf den Geschmack gekommen sind, werden bei “The Golden Age of Grotesque“wahrscheinlich einen Satz heisser Ohren bekommen. Kenner und Genießer, die schon seit den seligen Tagen von “Antichrist Superstar” (oder gar noch früher) dabei waren, sind einigen Lärm gewohnt. Will sagen: “Golden Age” strotzt nur so vor harten, gleichwohl melodischen und daher zugänglichen Rocksongs. Stilistisch bewegt sich Marilyn Manson mittlerweile zwischen Faith No MoreOzzy Osbourne und Alice Cooper. Ist also in bester Gesellschaft. Ansich nicht wirklich eine Neuigkeit. Was aber auffällt: Die verschrobenen, verstörenden, faszinierenden Balladen sind verschwunden. Bis auf wenige Ausnahmen knallen dem Hörer gewaltige, wütende Rocksongs um die Ohren, die teils sehr clever arrangiert wurden und Marilyn Manson auf die nächste Professionalitätsebene heben. Damit allerdings auch immer mehr in Richtung Kommerz.

Denn man kann es nicht leugnen, dass bei aller Provokation, alle Schockelementen und all dem Krawall tunlichst darauf geachtet wurde, die Lieder eingänglich und leicht hörbar zu machen. Experimente finden sich demnach auf “Golden Age” also auch keine mehr.

Ein gewaltiger Schritt in Richtung Kommerz also? Nun ja, Popmusik ist schon noch was anderes, dennoch: auch ein Marilyn Manson muss von den Verkäufen seiner Platten leben.

Wo Marilyn Manson draufsteht, ist auch eben dieser drin. Noch immer spielt Manson geschickt mit (teils zurecht geächteten) Symbolen, macht mehrsinnige Andeutungen. Thema diesmal wie schon erwähnt die dekadenten 30er Jahre Berlins und Hollywood. Dürfte sicher wieder mal unzähligen Leuten sauer aufstoßen, dass er sich mit seinem gewagten, nicht abstreitbaren Schauspiel mit der Nazi-Thematik viel zu weit aus dem Fenster lehnt und es ihn in diese oder jene Ecke drängt.

Trotzdem: Marilyn Manson ist ganz sicher der letzte, dem man vorwerfen kann, sich auch nur ansatzweise dafür zu erwärmen. Ganz im Gegenteil: Er tut das, was er immer macht: Er nimmt den Spiegel und hält ihn der Gesellschaft vor’s solariengebräunte Gesicht. Wem nicht gefällt, was er sieht, beschwert sich eben. Getroffene Hunde bellen.


Allen, die mit erstklassigem, alternativem Rock was anfangen können und wissen, dass die derzeit so populären Linkin Park oder Limp Bizkit dem Antichrist Superstar sei Dank nicht das Ende der Fahnenstange darstellen, sollten die Reise in das “Golden Age of Grotesque” ruhig mal antreten. So sie sich denn mit dem kleinen, aber spürbaren Schritt in Richtung Massenkompabilität anfreunden können. Einfach drauf einlassen und aufmerksam(!) zuhören. Dann entfaltet sich schnell eines der gelungensten Rockalbum dieses Jahres. Einziger wirklicher Makel: Das völlig unverständlicherweise in letzter Minuten noch mit auf’s Album gepackte “Tainted Love”. Das kratzt leider doch am Lack dieses ansonsten gelungenen Werks. Ist vermutlich ein sträflicher Versuch, auf der Welle, die diese Single geschlagen hat, weiterzureiten. Wer sich “The Golden Age of Grotesque” aufgrund dieses Machwerks zu kaufen gedenkt, sollte lieber wieder spielen gehen. Wie heisst es in “Vodevil” doch so schön: „This isn’t music and we’re not a band / We’re 5 middle fingers on a motherfucking hand“

‘nuff said.


Erscheinungsdatum
12. Mia 2003
BAND/KÜNSTLER:IN
Marilyn Manson
ALBUM
The Golden Age Of Grotesque
LABEL
Interscope (Universal)
Unsere Wertung
7.5
Marilyn Manson – The Golden Age Of Grotesque
FAZIT
Ein gewaltiger Schritt in Richtung Kommerz also? Nun ja, Popmusik ist schon noch was anderes, dennoch: auch ein Marilyn Manson muss von den Verkäufen seiner Platten leben.
INHALT/KONZEPT
7.5
TEXTE
8
GESANG
7.5
PRODUKTION
7
UMFANG
7.5
GESAMTEINDRUCK
7.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
"This isn’t music and we’re not a band / We’re 5 middle fingers on a motherfucking hand".
NEGATIV
Manson bewegt sich hier spürbar in Richtung Massenkompabilität.
7.5
PUNKTE

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