Foto: Dependent Records

Iris – Radiant

Erst im April konnten wir uns von den Live-Qualitäten von Iris überzeugen, als sie zusammen mit Seabound für eine kleine Clubtour in unserem Ländle unterwegs waren. Im Bezug auf die Musik aus der Konserve mussten wir ein bisschen länger warten. Das letzte Album „Blacklight“ datiert zurück auf das Jahr 2010 und erschien seinerzeit bei uns noch via Infacted Recordings. Inzwischen sind wir vier, beinahe fünf Jahre weiter, Iris sind hierzulande bei Dependent Records zuhause und veröffentlichten über das Gelsenkirchener Traditionslabel vor kurzem ihr aktuelles Album „Radiant“. Zu den ersten Dingen, die einem in den Sinn kommen während des Hörens, gehört der Eindruck völliger Losgelöstheit. Was „Radiant“ sonst noch so kann, gucken wir uns jetzt mal an.

Glaubt man den Worten Andrew Segas, dann geht es in “Radiant” um folgendes: “Es ist die Geschichte eines Menschen, der plötzlich seine Welt in einem neuen Umfeld wahrnimmt, und sieht, wie hell und strahlend diese neue Welt wirklich sein kann, wenn man sie mit neuen Augen betrachtet“. Wenn wir uns dem Begriff „Radiant“ aber mal mit astronomischen Hintergrund nähern, dann bezeichnet er etwa den Ausgangspunkt der Ausstrahlung eines Schwarms von Meteoren. Welch hübsches Sinnbild eigentlich, wenn man das auf dieses Album ummünzt und es als Ausgangspunkt für den Schwarm Meteoren betrachtet, die durch die 11 enthaltenen Songs verkörpert werden. Das würde zudem einen ganz eigenwilligen Effekt, den uns Iris hier servieren, erklären: die Ferne von Reagan Jones’ Stimme. Manchmal wirkt sie, als käme sie aus einer anderen Galaxie zu uns gedüst und die Melodien sind die Schweife, die uns wärmen, während wir auf ihnen in ganz andere Welten abtauchen.

Es hat schon einen Grund, warum so viele Musikliebhaber ein ganz besonderes Glitzern in den Augen bekommen, wenn von Iris die Rede ist. Reagan Jones und Andrew Sega verstehen es bestens, eingängige, mehr als gefällige Electro-Pop-Songs zu schaffen, die mit vergleichsweise wenigen Mitteln viel erreichen. „Radiant“ unterstreicht diesen guten Ruf, den Iris bei ihrer Anhängerschaft genießen. Die Songs sind stets herausragend arrangiert und produziert. Sie wirken gleichzeitig verspielt und vornehm zurückhaltend. Schöne, treffsichere Melodiebögen ergänzen sich mit dem Gesang von Reagan, es gibt viele Feinheiten und verspielte Elemente zu hören und zu erleben. Und doch: „Radiant“ wirkt so herrlich unaufgeregt und entspannt – so als hätten die Meteore auf ihrer Reise durch das All inzwischen alles gesehen und sich eine tiefenentspannte Altersweisheit zugelegt, die einfach nichts mehr aus der Ruhe bringt. Das eigentliche Kunststück, das Iris dabei vollbringen ist aber, es dennoch nicht langweilig oder einschläfernd werden zu lassen. Selbst wenn man es sich in der knappen dreiviertel Stunden Spielzeit rücklings auf dem Sofa bequem macht, während der Kaminoffen heimelige Wärme verbreitet und die Bedingungen also idealst wären, kurz mal die Grenzen zum Schlaf zu überschreiten – man folgt dem Album dennoch mit voller Aufmerksamkeit. Die Sorte Aufmerksamkeit, bei der die Musik und Worte als Soundtrack für Gedankenspielereien oder Tagträumereien dienen. Ausufernde Melodien, allenfalls mittleres Tempo und nichts, was das Abdriften durch unnötige Experimente stören könnte, erleichtern dies. Spätestens mit dem dritten Song „Wayseer“ haben Dich Iris so richtig schön eingehüllt. Spätestens jetzt bist Du mit den Meteoren auf großer Reise. Spätestens jetzt möchtest Du vielleicht gar nicht mehr zurück. Bei „Sound Becomes Waves“ hast Du womöglich unser Sonnensystem inzwischen komplett verlassen.

Gleichzeitig beweisen sich Iris auch als grandiose Soundtüftler. „Don’t Cry“, eine hübsche Ballade geringfügig gehobenen Tempos, gefällt durch die sehr dezenten, hintergründigen Gitarren, die aus dem Cure-Universum herübergebeamt zu sein scheinen und sich hervorragend mit dem verspielten Warp-Antrieb des elektronischen Unterbaus vereinen. Oder diese herrlich analogen Synthiewellen in „Rewired“… wäre es Badewasser, man würde es saufen wollen. Einen der stärksten Songs dieses Jahres haben Iris übrigens auch im Gepäck: „Sight Unseen“. Fetziger Electro-Pop hoher Güte. Und der Refrain verfügt über eigenwilliges Berührungspotential: Can you describe / The things I can’t see / The way it all shoult be? Wie war das noch gleich mit der Änderung der Wahrnehmung? Manchmal bedarf es dafür eines Anstubsens durch Dritte, einen Schub in eine andere Richtung, um neue Perspektiven zu erhalten.

Und wenn uns Iris mit ihrem abschließenden „Life In A Forest“ zwar möglichst sanft aber dennoch wieder in der Realität aufschlagen lassen, gibt es eigentlich nur eine einzige mögliche Sache zu tun: Holz im Ofen nachlegen, wieder aufs Sofa bequemen und das Album erneut von vorne durchlaufen lassen. Diese Reise unternimmt man gerne mehrmals. Vielleicht betrachtet Ihr danach Dinge ebenfalls anders, vielleicht nicht.


In einem Plausch via Facebook sagte mir Dependent-Boss Stefan Herwig, er halte das neue Iris Album einfach für ein schönes welches. Das kann ich so bestätigen und das unterschreibe ich auch gerne. Gerade jetzt, wo die Welt draußen ständig grau und kalt ist, gehört „Radiant“ zu den Dingen, die man immer wieder gerne mal konsumiert, um sich wenigstens innerlich zu wärmen. Dass ich nicht ausschließlich in Jubelei verfalle ist einzig dem Umstand geschuldet, dass Reagan Jones’ Stimme auf wirklich jedem der gesungenen Songs wie aus weiter Ferne ans Ohr des Hörers tönt. Mag Konzept sein und in den meisten Fällen kann ich damit gut leben. In seltenen Fällen aber nervt es mich doch, da es eine unnötige Distanz zwischen Band und Hörer schafft – vor allem dann, wenn man nicht die Möglichkeit hat, sich wirklich ganz und gar auf das Album einzulassen und es mit allen möglichen Sinnen zu genießen. Aber das ist ein persönliches Ding, was vielen Hörern vermutlich eh nicht bewusst auffallen wird. Somit bleibt es unterm Strich dennoch bei einer definitiven Empfehlung für ein einfach richtig schönes Album. Komplett ohne Längen oder unnützes Füllmaterial, dafür aber mit enormen Potential, zur Träumerei zu verführen. „Radiant“ könnte auch den Ausgangspunkt für Eure Gedankengänge meinen, die wie Meteore in alle Richtungen ausschweifen.


Erscheinungsdatum
24. Oktober 2014
BAND/KÜNSTLER:IN
Iris
ALBUM
Radiant
LABEL
Dependent
Unsere Wertung
7.5
Iris – Radiant
FAZIT
In einem Plausch via Facebook sagte mir Dependent-Boss Stefan Herwig, er halte das neue Iris Album einfach für ein schönes welches. Das kann ich so bestätigen und das unterschreibe ich auch gerne. Gerade jetzt, wo die Welt draußen ständig grau und kalt ist, gehört „Radiant“ zu den Dingen, die man immer wieder gerne mal konsumiert, um sich wenigstens innerlich zu wärmen. Dass ich nicht ausschließlich in Jubelei verfalle ist einzig dem Umstand geschuldet, dass Reagan Jones’ Stimme auf wirklich jedem der gesungenen Songs wie aus weiter Ferne ans Ohr des Hörers tönt. Mag Konzept sein und in den meisten Fällen kann ich damit gut leben. In seltenen Fällen aber nervt es mich doch, da es eine unnötige Distanz zwischen Band und Hörer schafft - vor allem dann, wenn man nicht die Möglichkeit hat, sich wirklich ganz und gar auf das Album einzulassen und es mit allen möglichen Sinnen zu genießen.
INHALT/KONZEPT
8
TEXTE
8
GESANG
7
PRODUKTION
7
UMFANG
7.5
GESAMTEINDRUCK
7.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Tolle Songs, die zur Träumerei und ausdauerndem Verweilen einladen.
NEGATIV
Reagens Stimme wirkt manchmal wie aus zu weiter Ferne aufgenommmen bzw. eingemischt.
7.5
PUNKTE

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