Foto: Daria Sannikova / Pexels

“Musikalben, die deinen Musikgeschmack beeinflussten” mit: Stefan Herwig (Dependent Records) – Teil 1

Es ist noch nicht lange her, da machte bei Facebook eine dieser Challenges die Runde, bei der es darum ging, zehn Tage hintereinander die Cover zehn verschiedener Musikalben zu posten, die den eigenen Musikgeschmack maßgeblich beeinflusst hätten. Daraus entwickelte sich von Carsten Drees ein Artikel drüben bei Mobilegeeks und nachfolgend eine Auflistung nebst Erklärung der Alben, die meinen Musikgeschmack maßgeblich geprägt hatten. Daraus entwickelte sich die Idee, mich in meiner Kontakt- und Filterblase mal umzuhören und Leute zu befragen, die auf die eine oder andere Weise in der Musikwelt aktiv sind. Nachfolgend der erste Gastbeitrag in dieser neuen Reihe „Musikalben, die deinen Musikgeschmack beeinflussten“.

Der nachfolgende Beitrag stammt von Stefan Herwig, seines Zeichens der Label-Boss des Gelsenkirchener Kultlabels Dependent Records. Hier auf diesem Blog werdet Ihr womöglich schon so manches Mal von der ein oder anderen Veröffentlichung aus dem Hause Dependent gelesen haben. Einige der höchstbewerteten Alben wurden von Dependent veröffentlicht und, wer weiß, vielleicht würde der elektronische Teil der Düsterszene manche Band heute nicht so abfeiern, wenn sie Dependent nicht veröffentlicht und ihnen somit entsprechend Aufmerksamkeit verschafft hätten. Die Liste liest sich ein bisschen wie das Who-is-Who der Szene und reicht von Acretongue und Beborn Beton über Seabound und Skinny Puppy bis hin zu VNV Nation (in frühren Tagen). Und nun Bühne frei für Stefan Herwig!

  • Roman Jasiek

Front Line Assembly – Tactical Neural Implant (1992)

Die Sensation war perfekt. Mein Kumpel Thorsten aus Osnabrück hatte einem Plattenladenverkäufer, bei dem er Stammkunde war, die Whitelabel-Vinyl-Promo des neuen Front Line Assembly-Albums abgeschwatzt – ganze drei Wochen vor dessen offizieller Veröffentlichung. Das war – da waren wir uns in unserer Gruppe aus Elektronik-Musik-Infizierten einig – ein ganz großer Coup.

Front Line Assembly hatten nicht nur mit ihrem Kultalbum „Caustic Grip“ drei Jahre zuvor mördermäßig vorgelegt, waren auf dem (ersten) Zenith ihres bisherigen kreativen Schaffens angelangt, im Bochumer Kultclub Zwischenfall liefen „Front Line“ mindestens 3x am Abend, und wir waren IMMER auf der Tanzfläche. Dazu gab es noch die Vorabsingle „Mindphaser“, deren für damalige Verhältnisse bombastischer Videoclip aussah wie der Wunschtraum eines jeden Elektronikmusikfans: Front Line Assembly steuerten riesige Kampfrobotermaschinen durch eine futuristische Sci-Fi Umgebung, ballerten alles kurz und klein, darüber gelegt wurden diverse Computeranimationen, die nach damaligen Maßstäben absolut „cutting Edge“ waren. Wir waren also maximal angefixxt auf „Tactical Neural Implant“, und nun wurde Weihnachten für uns drei Wochen vorverlegt…

Da gab es nur eines: Ich machte also die Uni blau setzte mich in meinen Renault Clio und brauste von meiner Studentenbude in Essen zu meinen Freunden nach Osnabrück – immerhin 150 Kilometer Distanz – nur um ein Musikalbum hören zu können! Diese Anekdote zeigt, wie sich die Verfügbarkeit und auch die Wertschätzung von Musik in den letzten 25 Jahren geändert hat. Mittlerweile hat man alles „on your Fingertips“, neue Alben sind sofort am Veröffentlichungstag für Jeden für ein paar Cent auf Spotify zu haben.

In Osnabrück angekommen ging es sofort in Thorstens Musikzimmer, und wir lauschten alle gleichermaßen angespannt wie ehrfürchtig dem neuen Werk. Zuerst waren wir noch irritiert aufgrund der leichten Dance-Einflüsse, das war damals im harten Industrialbereich absolut ungewohnt, außerdem waren nur popelige 8 Stücke auf dem Album, das gerade mal etwas mehr als 40 Minuten ging. Aber die hatten es dann in sich. Das ganze Album war zwar eine ganze Ecke zugänglicher und nicht mehr so kompromisslos hart wie “Caustic Grip“, dafür gab es coolen Vocodergesang, massenweise Samples aus allem was die Sci-Fi Sample Library der FLA-Videothek so hergab, synthetische Drumsolos, die die Band dann live nachtrommeln konnte. Und die Produktionsqualität setzte Maßstäbe, Greg Reely, der die Band seit „Caustic Grip“ abmischte, hatte ganze Arbeit geleistet. Gerade in den Clubs klangen „Mindphaser“ „The Blade“ und vor allem das bombastische „Gun“ mit seinem legendären Drumintro noch eine Ecke fetter als alles andere, was damals so auf unseren Kassetten-Playlists lief (The Klinik, Skinny Puppy, Nitzer Ebb, X Marks…). Dass „Tactical Neural Implant“ wohl auch eine halbe Verbeugung in Richtung Front 242 war, das ging uns erst ein paar Monate später auf – egal – das Ding war grandios und surfte auf dem äußersten Kamm der gerade grassierenden zweiten EBM-Welle mit. Zu unserer aller Leid wurde jedoch die dazugehörige Front Line Assembly-Tour, deren Daten bereits monatelang feststanden, kurzfristig abgesagt.

Gerüchteweise hatten Front Line als Lichteffekt eine Wand aus Fernsehern verlangt, jedoch hatte sich das neue Label Roadrunner damals geweigert den Tour Support dafür zu zahlen, woraufhin Bill Leeb die Tour einfach ausfallen ließ. Unsere kanadischen Heroen schafften es einfach nicht nach Deutschland, weil niemand das Risiko dafür übernehmen wollte. Egal, alles das mehrte in unseren juvenilen Augen nur den Kultwert einer Band, die jahrelang nicht nur den Sound sondern auch die Optik und Ästhetik von EBM/Elektronik maßgeblich mitgestaltete – eine Versammlung an vorderster Front der elektronischen Musikwelt eben.

Zeen is a next generation WordPress theme. It’s powerful, beautifully designed and comes with everything you need to engage your visitors and increase conversions.