Foto: Viktor Flumé / Parlophone / Warner Music

Roxette – Charm School

Ein Freund fragte mich neulich (sinngemäß): Wie kommt es eigentlich, das Leute in Deinem Alter (ich selbst bin nun kurz vor der ominösen 30), die sonst eher “düstere” Musik hören, so auf Roxette abfahren? Tatsächlich: wenn ich mich umschaue in meinem etwa gleichaltrigen Freundeskreis, dann sind dort etliche Leute, die das schwedische Popduo mögen. Besagtem Freund sollte ich nicht mit “Jugenderinnerungen” kommen, als ich vom neuen Album “Charm School” zu schwärmen anfing. Was ist es es also, das mich und (nicht nur) meine Alterskollegen so an Per und Marie fasziniert? Vielleicht finden wir es ja im Laufe dieses Reviews heraus.

Ich möchte wetten, das Gefühl kennen viele: Man kann noch so sehr in der Schwarzen Szene verwurzelt sein, noch dazu ein Magazin wie dieses hier betreiben: irgendwann ist es einfach too much. Tagein, tagaus die Beschallung mit Düstermucke – alles gut und schön, schließlich sind Szene und Musik interessen- und neigungsbedingt selbst gewählt. Aber die meisten von Euch werden es sicher kennen: ab und zu, in seltenen Momenten, muss es einfach was anderes sein. Eine Art Flucht, ein Ausbruch aus dem täglichen Einerlei. Schließlich werden wir hier tagtäglich mit Düstermucke zugeschüttet, welche die Stimmung nicht unbedingt hebt. Das ist auch ok, schließlich währen wir andernfalls sicher auf regelmäßig auf einem Schlagerrave und würden hier über belanglose gute-Laune-Lala berichten. Ein paar Ansprüche habe ich dann aber doch: wenn schon Mainstream-Pop, dann muss er auch gut sein. Dann muss es Roxette sein. Auch wenn besagter Freund das als Argument nicht gelten lassen wollte, so liegt meine Begeisterung für die Schweden doch in meinen jungen Jahren verwurzelt. Laaaaaange bevor ich überhaupt auch nur von der Schwarzen Szene gehört hatte, gab es Roxette in meinem Leben. Ich bin mit Roxette im wahrsten Sinne des Wortes aufgewachsen. Als die beiden Herrschaften ihre großen Hits wie “It Must Have Been Love” oder “Listen To Your Heart” feierten, ging ich gerade in die Grundschule. Und seit jenen frühen Tagen begleiten Roxette mal mehr, mal weniger mein Leben. Nämlich immer dann, wenn ich mal eine Flucht, eine Pause, eine Abwechslung zu meinem normalen Musikkonsum brauche.

Es hat mich seinerzeit schwer erschüttert, als ich erfuhr, dass Marie an einem Hirntumor erkrankte! Wer sollte denn jetzt für so guten, so unschuldigen, so unbeschwerten Pop sorgen? Wer sollte mich fortan aus einem Stimmungstief ziehen, wenn mich Szene-Musik nicht mehr zu trösten vermochte? Wer sollte ihr Erbe antreten? In meinen Augen gab es in Popbereich nie eine höhere Hausnummer als Roxette. Auch wenn Schweden als Land von geschmeidiger Popmusik eh immer schon recht produktiv war – niemals nie nicht würde jemand jemals Roxette ersetzen können! Und so war es auch. Klar, es gab immer mal wieder Bands jenseits des Tellerrandes, die mir gefielen. Den Status (und die Klasse!) von Roxette vermochte allerdings niemand einzunehmen.

Umso erfreuter war ich, als ich erfuhr, dass Marie genesen ist und man an einem Album arbeite, das ja nun inzwischen vorliegt, zwischendurch sogar die Pole-Position der deutschen Charts eingenommen hatte. Sieht also ganz danach aus, als hätte nicht nur ich tapfer 10 Jahre lang auf ein akustisches Lebenszeichen von Per Gessle und Marie Fredrikssongewartet. “Charm School” nennt sich dieses Lebenszeichen, und was soll ich Euch sagen: es ist nicht mehr und nicht weniger als Roxette in Reinform geworden. Vor der zehnjährigen Pause gingen Roxette mit dem Geist jener Zeit und ließen in ihren doch sehr gitarrenlastigen Pop verstärkt elektronische Elemente einfließen, was den Charakter der Roxette-Songs doch irgendwie ziemlich veränderte. Vielleicht gar nicht mal schlecht, aber Roxette klingt doch eben irgendwie anders: Marie als trangende Stimme, Per vor allem an der Gitarre und als Backgroundsänger. Bei “Charm School” hat man sich auf diese Tugenden besonnen. Die meiste Zeit hat Marie (verständlicherweise) ihren großen Auftritt, manchmal darf aber auch Per (der auch solo erfolgreich ist) zeigen was er kann.

Charm School” ist wie eine Art Querschnitt durch alles, was Roxette je gemacht haben: die eingängige, tanzbare und ohrwurmverdächtige Singleauskopplung “She’s Got Nothing On (But The Radio)” sei hier genannt, die schnuckelige, mit sehr dezenten Electroelementen versetzte Ballade “Happy On The Outside”, das fröhlich groovende “Dream On” oder der in jeder Hinsicht klassische Roxette-Song und gleichzeitige Opener des Albums “Way Out“.

Sicherlich, Per und Marie sind nicht mehr die Jüngsten, an manchen Stellen wirkt Maries Stimme auch nicht mehr ganz so kraftvoll wie früher, der ein oder andere Song kommt vielleicht eine Spur zuuuuu belanglos rüber – alles völlig wumpe! Handwerklich noch immer ganz großes Tennis, zudem ein beeindruckendes Comeback einer Band, wo schlimmste Befürchtungen nicht gänzlich unberechtigt waren. “Charm School” ist nicht mehr und nicht weniger als der zweite Frühling einer der Bands, die mich bisher fast mein ganzes Leben begleiten. Hoffentlich ein Zustand, der noch lange anhält. Darüber hinaus punktet die Deluxe Edition des Albums übrigens mit aktuellen Live-Aufnahmen, wo unsere Lieblingsschweden zeigen, dass sie es auch live noch immer drauf haben.


Ich glaube (hoffe) meine Begeisterung für Roxette ist in den vergangen, gefühlten 500 Millionen Wörtern deutlich geworden. “Charm School” ist für mich nicht weniger als ein höchst gelungenes Lebenszeichen einer Band, die ich seit frühen Kindheitstagen verehre. Sicherlich, hier und da wäre vielleicht noch Luft nach oben hin offfen gewesen. Aber egal – Per und Marie sind wieder da und sie machen dort weiter, wo sie uns vor 10 Jahren zurückgelassen haben. Und an allen Ecken und Enden dieses Albums teilen sie die Begeisterung, noch immer wie in den guten alten Zeiten zusammen musizieren zu können, mit dem Hörer. Noch immer ist Per Gessle ein verdammt guter Songwriter unschuldiger, (von mir aus belangloser, trotzdem guter) Popsongs, noch immer ist Marie Fredriksson eine verdammt gute Sängerin. Und wenn Ihr ebenfalls dann und wann die Flucht aus dem Szene-Einerlei braucht, Ihr mit Roxette groß geworden seid oder schlicht auf der Suche nach guter Pop-Musk seid, dann kauft Ihr bitte diese Scheibe. Alleine um Marie und Per zu zeigen: Jo, wir lieben Euch noch immer.


Erscheinungsdatum
11. Februar 2011
BAND/KÜNSTLER:IN
Roxette
ALBUM
Charm School
LABEL
Roxette Recordings / EMI (EMI)
Unsere Wertung
7.6
Roxette – Charm School
FAZIT
Handwerklich noch immer ganz großes Tennis, zudem ein beeindruckendes Comeback einer Band, wo schlimmste Befürchtungen nicht gänzlich unberechtigt waren. "Charm School" ist nicht mehr und nicht weniger als der zweite Frühling einer der Bands, die mich bisher fast mein ganzes Leben begleiten.
INHALT/KONZEPT
7.5
TEXTE
6.4
GESANG
8
PRODUKTION
8
UMFANG
7.5
GESAMTEINDRUCK
8
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Pop-Musik, wie sie nur Roxette machen kann.
NEGATIV
7.6
PUNKTE

Zeen is a next generation WordPress theme. It’s powerful, beautifully designed and comes with everything you need to engage your visitors and increase conversions.