Foto: Viktor Flumé / Parlophone / Warner Music

Roxette – Good Karma

Auf Freude folgt oft schnell Ernüchterung. Das musste ich neulich erst wieder erfahren in Zusammenhang mit „Good Karma“, dem neuen Studioalbum von Roxette. Was hab ich mich darüber gefreut als bekannt war, dass der dritte Juni des Jahres 2016 ein neues Album der Band mitbringen würde, die ich seit frühesten Kindertagen höre. Einfach weil sie nahezu perfekte Pop-Songs machen. In dem Zusammenhang freute ich mich auf die angekündigte Tour. Das letzte Mal, als Roxette in Deutschland unterwegs waren, habe ich sie – genau wie alle anderen Male zuvor – leider verpasst. Und dann kam die Ernüchterung: Maries Gesundheitszustand erfordert es, ab sofort und für immer alle Live-Aktivitäten einzustellen. Zur Erinnerung: bei Marie Fredriksson war Anfang der 2000er Jahre ein Hirntumor festgestellt worden. Nach langer Pause und dem Comeback ab 2009 konnte man hoffen; Dinge schienen wieder ins Lot gekommen zu sein. Offenbar aber nicht genug, sodass Roxette live nicht mehr zu erleben sein werden. Aber immerhin: „Good Karma“ brachte der Juni dieses Jahres dennoch mit sich. Und das macht gleichermaßen glücklich und, nicht zuletzt aus genannten Gründen, auch ein bisschen traurig.

Einen komischen Einstieg haben Per Gessle und Marie Fredriksson für „Good Karma“ gewählt: „Why Don’tcha“ nennt sich der nicht mal dreiminütige Opener, der vor allem durch spärlichen Minimalismus glänzt. Ich bezweifle, dass Marie und Per ihn kennen, dennoch meint man, der goldene Reiter käme gleich um die Ecke geritten. Wenn man sich an den Retro-Charme gewöhnt hat, geht es eigentlich. Dennoch: eigenwillig in jedem Fall. Da kann Per Gessle noch so sehr beteuern, dass die Nummer die gleichen Akkorde hätte wie „Joyride“ oder „The Look“. A-G-D. Danach geht es jedenfalls schon mit der vorab veröffentlichten Single „It Just Happens“ weiter. Dem Gessle nach der erste aufgenommene Song des Albums und gleichwohl Roxette in Reinform, so wie man sie kennt und liebt. Eine wunderhübsche Pop-Ballade darüber, dass die Liebe eben doch immer noch die allermeisten von uns findet – vor allem und ganz besonders dann, wenn das Thema eigentlich schon abgehakt wurde. Den größten Knüller liefert das Duo anschließend mit dem Titelstück ab: „Good Karma“ ist nicht mehr und nicht weniger als eine Reminiszenz an die guten alten Zeiten, als nicht nur in der Welt von Roxette alles im Lot war. Erinnert das Klaviergeklimper in seiner Melodieführung und dem Hall nicht ein bisschen an „Fading Like A Flower“? Oder „Listen To Your Heart“? Und diese breite, überzogene Gitarrenwand mit ihrem Powerakkord ein bisschen an „The Look“? Ein neckischer Ohrwurm ist es obendrein. Ganz großes Tennis! Fast könnte man glauben, die 80er seien zurück und alles wieder so wie es sein sollte.

Aber eben nur fast. Ab hier wird einem bewusst, dass Marie in vielen Teilen des Albums leider nicht viel mehr beitragen kann, als die zweite Stimme neben Per Gessle zu sein. Zwar gibt es ein paar wunderschöne Balladen wie sie nur Roxette schreiben können und die von Maries Stimme getragen werden, so zum Beispiel „From A Distance“ oder „Why Don’t You Bring Me Flowers“. Die aber können über diesen Eindruck nicht hinwegtäuschen. Zumal MariesGesang hier recht häufig Unterstützung in Form elektronischer Stimmbearbeitung bekommt, so als würde es ohne nicht mehr gehen. Mag Stilmittel gewesen sein, um dem jeweiligen Song eine besondere, charakteristische Note zu verleihen – ein bisschen fremd mutet das aber dennoch an. Und: Marie hat dieses Mal keinen Song mehr beigesteuert, sondern alle Stücke stammen aus der Feder Per Gessles, manchmal mitgeschrieben von den schwedischen Produzenten Addeboy vs. Cliff oder Begleitern frühester Tage.

Addeboy vs. Cliff haben übrigens auch an der Produktion mitgewirkt. Ich schiebe die vorangegangenen Spekulationen und Eindrücke kurz beiseite und komme zu sehr viel greifbareren Dingen. Dadurch, dass besagtes Duo auch an der Produktion des Albums beteiligt war, klingt „Good Karma“ natürlich, vertraut, gewohnt und wie ein typisches Roxette-Album. Und gleichzeitig aber auch frisch, unverbraucht und aufregend neu. Der (wieder) gestiegene Elektro-Anteil dürfte daran einen großen Anteil haben. Einen Eindruck, den Per Gessle übrigens bestätigt: „Absolut!“, sagt er, „ wir haben insgesamt nicht allzu viele Gitarren verwendet. Selbst wenn es klingt wie Gitarren – es sind keine. Tatsächlich sind es Synthesizer, die wie Gitarren klingen. Anderseits stecken da Akustikgitarren drin, ein Saxofon und ähnliches Zeug“. Den Fokus so sehr auf auf griffige Refrains, eingängige Melodien und überhaupt Songs zum Mitsingen zu legen – wirken Roxette da nicht ein bisschen wie aus der Zeit gefallen? Kann man so etwas im Jahr 2016 noch bringen? Oder ist das womöglich doch ein bisschen altmodisch geworden? „Nein!“, erwidert Per auf diese Frage, „ich weiß nicht, ich denke nicht, dass es „altmodisch“ ist. Alles was ich denke, ist: Pop-Musik – heute mehr als je zuvor – dreht sich um den Refrain, um die Gimmicks, die Hooks, weil das der einzige Weg ist, sich Gehör inmitten von unzähligen Songs da draußen zu verschaffen. Die Existenz von Pop-Musik sollte immer die Ära widerspiegeln, in der wir leben. Und sie sollte von jungen Leuten gemacht werden, die heute federführend sind. Und wenn ich, ein 57-jähriger Typ, Pop-Musik mache, dann mache ich Pop-Musik die ihre Wurzeln in einer anderen Ära hat. Und dann ist das eine ganz andere Sache!

Foto: Parlophone / Warner Music

Man hätte auch einfach sagen können, dass die Musik von Roxette zeitlos ist. Sie spielt mit dem jeweiligen Zeitgeist, ist und bleibt aber dennoch in den 80ern und 90ern zuhause. Aber mal ehrlich – wer Roxette hört, würde es auch gar nicht anders haben wollen. Stephen Thomas Erlewine schrieb für Apple Music über die Band, dass es leicht sei, sie als seichte Pop-Rock-Band abzutun, man gleichzeitig aber zugeben müsse, dass sie es schaffen, einfache aber schöne (und nicht kitschige!) Musik zu machen, der man gerne zuhört. Immer und immer wieder. Die Musik von Roxette nutzt sich nur wenig ab. Das war so, das ist so und vermutlich wird es auch so bleiben. Was auch irgendwie ein Kunststück ist. Es bleibt die Frage, wie es mit der Band weitergeht. Eine Frage, die sich bei Hören von “Good Karma” immer wieder ins Bewusstsein schiebt; ganz gleich ob man das möchte oder nicht. Es ist das zehnte Studioalbum der Schweden – es wäre eine gute Anzahl, um aufzuhören. Und dann ist da ja auch die Sache mit Maries Verfassung. „Sie ist in Ordnung. Sie ist offensichtlich traurig, die Tour abgesagt haben zu müssen. Aber so ist es nun mal. Es kam nicht überraschend“, erklärt Per, „es fühlte sich nur unangenehm an, die Shows absagen zu müssen. Es wäre besser gewesen, wenn dies eine Entscheidung nach der Sommertour gewesen wäre. Aber wir saßen zusammen und sie sagte: „Ich kann das nicht mehr. Ich kann nicht mehr gut laufen und es kostet mich zu viel Kraft, zu reisen. Und auf der Bühne kann ich mich nicht mehr so konzentrieren und ziemlich schnell will ich dort nur noch weg“ und ich erwiderte, ok, gut, lass uns das Album fertigstellen, die Videos machen und sehen, was passiert“.

Somit überrascht es also nicht, dass „Good Karma“ – so unterhaltsam, abwechslungsreich und fetzig es auch ausgefallen sein mag – insgesamt doch ein bisschen nach Abschied klingt. Der Plattenfirma Parlophone, der Per Gessle die hier zitierten Antworten lieferte, antwortete er auf die Frage nach der Zukunft Roxettes folgendes: „Es ist ein offenes Ende. Wir machen hoffentlich ein neues Video für die nächste Single. Und hoffentlich machen wir auch eine dritte Single mit einem neuen Video. Das wird uns eine Weile beschäftigen. Aber kein weiteres Touren in Sicht. Und auch keine weiteren Aufnahmen, dennoch ist es nicht so, dass wir die Band aufgeben. Wir werden sehen, was passiert. Es hängt wirklich alles von Marie ab“. Für meinen Geschmack zu viele “hoffentlichs” in zu wenigen Sätzen, wenn Ihr mich fragt.

Das Konzept des Karmas besagt ja, dass jede Handlung – eine physische ebenso wie eine geistige – stets eine Folge hat. Nicht immer ist gesagt, dass die Folgen im gleichen Leben auftreten; manchmal manifestieren sie sich auch erst in einem künftigen Leben. Wobei da dann auch noch nicht geklärt ist, in welcher Form die Reinkarnation und somit die Quittung erfolgt. Karma regelt das dann schon. Bleibt abschließend zu hoffen, dass Roxette in einem früheren Leben genug gutes Karma gesammelt haben, damit sie auch weiterhin Alben machen können. So schöne wie „Good Karma“ zum Beispiel. Tourneen hin oder her, die Musik ist, was zählt. Und ohne Roxette würde was fehlen.


Auf das neue Roxette-Album „Good Karma“ blicke ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend, weil es nach dem 2012er „Travelling“ endlich wieder Nachschub gibt. Weinend, weil Maries Gesundheitszustand wohl doch bedenklicher zu sein scheint als angenommen. Das endgültige Aus für alle Live-Aktivitäten sprechen eine ziemlich deutliche Sprache. Genauso wie der Umstand, dass Marie bis auf wenige Ausnahmen (so etwa die Balladen „From A Distance“ oder „Why Don’t You Bring Me Flowers“) wie Beiwerk wirkt. Keine Songs mehr aus ihrer Feder und auch stimmlich insgesamt nur noch gerade so viel dabei, dass sich „Good Karma“ noch als Roxette-Platte verkaufen lässt. Dass es dennoch 11 ganz hervorragende Songs geworden sind, die mal wieder aufzeigen, warum Schweden das Mutterland perfekter Pop-Musik ist, kann nicht stark genug gewürdigt werden. Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, aber ganz abwegig ist es ja leider nicht, dass „Good Karma“ vielleicht das letzte Roxette-Album geworden ist. Sollte dem so sein, dann mache ich einen tiefen Hofknicks und sage es mit den Worten ihrer Landsleute ABBA: Danke für die Musik! “Good Karma” ist schon jetzt ein (weiterer) zeitloser Klassiker in der Diskografie der Band.


Erscheinungsdatum
3. Juni 2016
BAND/KÜNSTLER
Roxette
ALBUM
Good Karma
LABEL
Warner Music International (Warner)
Unsere Wertung
7.8
Roxette – Good Karma
FAZIT
Auf das neue Roxette-Album „Good Karma“ blicke ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend, weil es nach dem 2012er „Travelling“ endlich wieder Nachschub gibt. Weinend, weil Maries Gesundheitszustand wohl doch bedenklicher zu sein scheint als angenommen. Das endgültige Aus für alle Live-Aktivitäten sprechen eine ziemlich deutliche Sprache. Genauso wie der Umstand, dass Marie bis auf wenige Ausnahmen (so etwa die Balladen „From A Distance“ oder „Why Don’t You Bring Me Flowers“) wie Beiwerk wirkt. Keine Songs mehr aus ihrer Feder und auch stimmlich insgesamt nur noch gerade so viel dabei, dass sich „Good Karma“ noch als Roxette-Platte verkaufen lässt. Dass es dennoch 11 ganz hervorragende Songs geworden sind, die mal wieder aufzeigen, warum Schweden das Mutterland perfekter Pop-Musik ist, kann nicht stark genug gewürdigt werden.
INHALT/KONZEPT
7.5
TEXTE
7
GESANG
8.5
PRODUKTION
8
UMFANG
8
GESAMTEINDRUCK
8
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Pop-Musik bester Güte, wie sie eben nur von Roxette kommen kann.
NEGATIV
Es ist nicht schwer zu glauben, dass dies möglicherweise das letzte Roxette-Album ist.
7.8
PUNKTE

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