Foto: Candylust.org

System Syn – No Sky To Fall

Ein Sprichwort besagt: was gut ist, setzt sich durch. Dem möchte ich an dieser Stelle nur bedingt zustimmen. Vor allem setzt sich durch, was mittels entsprechendem Werbeetat in die Köppe der Konsumenten gepflanzt werden kann. Ob das immer alles gut und hochwertig ist, sei mal dahingestellt. Wäre dem immer so, dass sich Gutes durchsetzt, dann müsste ich nicht seit Jahr und Tag gebetsmühlenartig wiederholen, dass System Syn eine großartige Band für Freunde der Düsterelektronik ist. Viel mehr würden wir System Syn in Clubs und Festivals befeiern wie so manch andere Band, von der man sich inzwischen vielleicht eher den Ruhestand wünschen würde. So aber gehört man als System Syn Hörer irgendwie zu einem elitären Kreis, aus dem wohl auch mit dem tollen neuen Album „No Sky To Fall“ keinen Weg herausführen wird.

System Syn besteht aus Texter, Musiker, Maler, Sänger und Produzent Clint Carney. In Personalunion wickelt der kreative Tausendsassa all die Arbeiten ab, für die andere Bands ein ganzes Bataillon an Helferlein benötigen. Und wenn er nicht an System Syn werkelt, malt er, macht Ausstellungen mit seinen Gemälden oder bastelt für diverse Hollywoodproduktionen Gimmicks, die irgendwie in die Kamera gehalten werden (z.B. für Star Trek Into Darkness). Da der Alltag damit aber immer noch nicht ausgefüllt zu sein scheint, ist Carney überdies Mitglied der amerikanischen Düsterelektrobands Imperative Reaction und God Module. So, und was macht Ihr so tagsüber?

Bei einem Mensch, der so unglaublich vielbeschäftigt ist wie der Kalifornier Clint Carney liegt die Vermutung nahe, so ein Album könne schon mal mit der heißen Nadel gestrickt worden sein. Ich darf Euch an dieser Stelle entwarnen. Mit jedem Album konnte Carney in Sachen Qualität nochmals eine Schippe drauflegen. Beispiele? Der knochentrockene, kalifornische Industrialsound ist für europäische Hörgewohnheiten möglicherweise zunächst eine Umstellung. Ist halt nicht ganz so quietschig, tüdelig und ruht sich auf möglichst massenkompatiblen Hooklines aus. Das noch über Dependent vertriebene, 2010er Album „Strangers“ bot ein paar der bisher eingängigsten System Syn-Songs. Unvergessen bleibt „A Better Day Tomorrow“, das auch heute noch das Potential zur Hymne hat. Oder nehmen wir das 2011er Album „All Seasons Pass“, das vor allem inhaltlich punktet. Hier erzählt Carney eine tragische Geschichte, die letzten Tage im Leben einer jungen Frau. Begleitet wurde das Album von knapp 80-seitigen Büchlein aus der Feder Carneys, in welchem er die Geschichte vertieft.

Das neue Album „No Sky To Fall“ wurde von einer Crowdfunding-Kampagne begleitet. Nicht etwa, um es zu finanzieren. Offenbar hat Metropolis Records genug vertrauen in die Scheibe (nicht so wie Dependent oder Out Of Line, die es dankenswerterweise wenigstens versucht haben, System Syn in Schland zu etablieren), um die entsprechende Kohle locker zu machen. Ziel der Kampagne war es, ein allererstes Musikvideo zu ermöglichen. Nun, die Kampagne ist bereits abgeschlossen, die Unterstützer (jepp, auch der Autor dieser Zeilen) haben inzwischen ihre Leckerlis erhalten. Kann also losgehen.

Zurück zu „No Sky To Fall“. Klingt irgendwie nach einem James Bond-Film, hat damit aber weder inhaltlich noch musikalisch etwas zu tun. Maßgabe für Carney kann hier nur die schlichte Lust am Experimentieren mit neuen Sounds und Arrangements gewesen sein. Langjährige System Syn-Hörer werden hier so manches Mal an den überraschend frischen, dynamischen Klanggebilden hängen bleiben. Da Carney alles im Alleingang machte ist unklar, ob es wirklich stets echte Instrumente sind, die wir hier hören. Aber oft genug klingt es so. Das verleiht diesem Album zusätzlichen Reiz. Eröffnet wird „No Sky To Fall“ vom Titelstück, bei dem uns Carney gleich bedrohlich, wenigstens aber unangenehm wirkende, zwirbelnde Synthies um die Ohren knallt. Und dann, im Mittelteil, das erste Oha-Erlebnis: ist das eine Akustikgitarre, die da eingestreut wird? Und dazu diese druckvollen Drums. Hach! Freunde ausgefeilter Soundproduktionen schnalzen bereits hier das erste Mal genüsslich mit der Zunge.

The Privileged“ kommt den gewohnten Tanzflächenfüllern vermutlich noch am nächsten. Stampfende Beats, eingängige, tanzbare Rhythmen. „The Boys Who Make The Music“ – schon wieder dieses drückende Schlagwerk, schon wieder dezente Melodiefragmente, die von einem Saiteninstrument stammen – und dazu ein höchst fragil wirkende Klavierspiel, während sich im Hintergrund sägende Synthies in die Hirnwindungen fressen. Das ließe sich so ewig fortsetzen. Fassen wir mal zusammen: auf „No Sky To Fall“ ist mit unheimlicher Detailversessenheit ans Werk gegangen worden. Jeder der 11 Songs ist ein kleines Fest für Freunde verspielter, klanggewaltiger Electro-Kost. Übrigens: schön auch, dass sich Carney dem bei Metropolis vorherrschenden Trend, 10 Songs pro Album zu machen, stets widersetzt und nach wie vor 11 Songs liefert.

Amerikanischer Electro-Industrial, vor allem der aus Kalifornien, klingt anders, schwingt anders und hinterlässt andere Eindrücke als das, was man von den Kollegen aus Europa serviert bekommt. Hier wird keinen Trends hinterhergelaufen (Dubstep etwa sucht man auf dieser Platte zum Glück vergeblich!), hier wird nicht der nächste, Stadien in Ekstase versetzende Gassenhauer in die Welt geknötet. Gerade im Falle von System Syn geht es um Inhalte, die genügend Spielraum für Eure eigenen Interpretationen lassen – und eine liebevolle Verpackung, garniert mit ansprechendem zumal unverfälschtem Gesang. Und wer zu System Syn unbedingt tanzen möchte, nimmt dafür das mächtige „Breathe In“.


So richtig will mir nach wie vor nicht in den Kopp gehen, warum sich System Syn nie wirklich bei uns durchsetzen konnte. Manchmal habe ich das Gefühl, zu den letzten Fraggles zu gehören, die noch die Fahne für Clint Carneys Electroprojekt hoch halten. Ein Kampf gegen Windmühlen quasi. Und wisst Ihr was? Das werde ich auch weiterhin so lange tun, wie sich Carney von Album zu Album steigert. „No Sky To Fall“ ist das reifste, hochwertigste, aus Gesichtspunkten des Arrangements und der Produktion wegen spannendste – kurzum: beste System Syn Album bisher überhaupt! Liebe Geschmacksmenschen, probiert es doch mal mit dieser Band. Und sei es über ein Spotify in Eurer Nähe. Lasst uns zusammen gegen die Windmühlen vorgehen.


Erscheinungsdatum
12. November 2013
BAND/KÜNSTLER
System Syn
ALBUM
No Sky To Fall
LABEL
Metropolis Records
Unsere Wertung
8.8
System Syn – No Sky To Fall
FAZIT
So richtig will mir nach wie vor nicht in den Kopp gehen, warum sich System Syn nie wirklich bei uns durchsetzen konnte. Manchmal habe ich das Gefühl, zu den letzten Fraggles zu gehören, die noch die Fahne für Clint Carneys Electroprojekt hoch halten. Ein Kampf gegen Windmühlen quasi. Und wisst Ihr was? Das werde ich auch weiterhin so lange tun, wie sich Carney von Album zu Album steigert. „No Sky To Fall“ ist das reifste, hochwertigste, aus Gesichtspunkten des Arrangements und der Produktion wegen spannendste - kurzum: beste System Syn Album bisher überhaupt! Liebe Geschmacksmenschen, probiert es doch mal mit dieser Band. Und sei es über ein Spotify in Eurer Nähe. Lasst uns zusammen gegen die Windmühlen vorgehen.
INHALT/KONZEPT
8.5
TEXTE
8.9
GESANG
9
PRODUKTION
9
UMFANG
8.5
GESAMTEINDRUCK
9
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Arrangements sind ausgereifter, vielfältiger, die Produktion ist es auch.
Immer wenn man denkt, System Syn kann eigentlich unmöglich noch besser werden, kommt der Mann mit einem neuen Album um die Ecke.
Nach wie vor 11 statt der bei Metropolis (und nicht nur dort) üblichen 10 Songs.
NEGATIV
8.8
PUNKTE
Herausgeber

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INHALT/KONZEPT
TEXTE
GESANG
PRODUKTION
UMFANG
GESAMTEINDRUCK
Finale Bewertung

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