Foto: Harry Borden / Warner Music

Pink Floyd – The Endless River

Ihr habt es mitbekommen: 20 Jahre nach „The Division Bell“ und kurz vor ihrem 50. Jubiläum veröffentlichten PINK FLOYD ihr 15. Studioalbum „The Endless River“. Bei einer Band, die eine solche Größe und Bedeutung erlangt hat wie diese war eine große Portion Gespannung mehr als angebracht. Nach ungefähr 300 Stunden, die ich inzwischen mit „The Endless River“ verbracht habe, versuche ich es jetzt mal mit der Wortfindung, um Euch dieses Album eventuell näher zu bringen. Besagte Wortfindung ist gar nicht so einfach, kann ich Euch sagen!

The Endless River“, das wird einem schon irgendwie bei den ersten Tönen klar, ist ein Album voller großer Momente. Momente wie dieser beispielsweise, wenn in „It’s What We Do“ nach etwa 10 Sekunden des Orgelns die Bässe und die Synthies ein erstes Mal hervorbrechen… begleitet von spontanen, wohligen Schauern, die in Wellen über den Rücken jagen. Die Orgel, meist Hammonds, sowie natürlich die Synthieflächen in epischer Breite, das sind die dominierenden Melodiegeber dieses Albums. Nur konsequent angesichts der Tatsache, dass „The Endless River“ zum einen dem inzwischen leider verstorbenen Keyboarder Richard Wright gewidmet ist und zum anderen in Teilen aus bisher unverwendeten Materialien besteht, die dereinst für das 1994er Album „The Division Bell“ entstanden sind. Klar, David Gilmours Gitarrenspiel ist auch oft und sehr eindringlich zu hören – es gibt aber genügend Passagen, die gänzlich ohne sein Geklampfe auskommen. Die einen freuts, die anderen nicht.

The Endless River“ ist mehr als die Summe seiner Teile. Mehr als eine Reise quer durch die vielen Stationen in der Geschichte Pink Floyds mit unterschiedlicher Verweildauer. Die doch sehr psychedelischen Eskapaden unter der Regie eines Syd Barretts bleiben dem Hörer weitgehend erspart. Abermals gilt: den einen freuts, den anderen nicht. Auch wenn das Stück „Skins“, aufgrund verstörender Synthieklänge und ausladender Drumpassagen durchaus ganz gut in jene Zeit gepasst hätte. Nur dass mit heutiger Aufnahmetechnik der Sound natürlich viel voluminöser, viel dynamischer, luftiger und raumfüllender ist, als er es in den 60er Jahren sein konnte. „The Endless River“ ist eine extatische Klangreise, die deutlich experimenteller ausfällt, als es so manch einer den alten Herren wohl noch zugetraut hätte. „Unsung“ reiht sich in dieses Empfinden gut ein. Mit gerade mal einer guten Minute Spielzeit erinnert es an Filmmusik, die immer dann zum Einsatz kommt, wenn sich die Hanldung einer spannenden und/oder dramatischen Klimax nähert. Ihr wisst schon, diese typischen Szenen, in denen irgendwo eine Bombe tickt und es bis in die letzten Sekunden unklar ist, ob es der Held der Geschichte rechtzeitig schaffen wird, den richtigen Draht durchzuschneiden.

So … öh … atemberaubend geht es natürlich nicht die ganze Zeit zur Sache. Bereits das nachfolgende „Anisina“ entspannt schon wieder und wirft unwillkürlich die Frage auf, warum das Saxofon inzwischen so ein sträflich vernachlässigtes Instrument in der Musiklandschaft geworden ist. Nach meinem Dafürhalten gibt es kaum ein Instrument, das auf gleiche Weise in der Lage ist, Stimmungen und Gefühle zu erzeugen bzw. zu transportieren. Irgendwo las ich den Vorwurf, „The Endless River“ sei belangloser New Age-Quatsch. Tatsächlich erinnern manche Stücke wie „The Lost Art Of Conversation“, „On Noodle Street“ und „Night Light“ an das Schaffen von Veteranen jener Richtung, speziell Vangelis und Jean Michel Jarre. Liegt irgendwie nahe, dass Musik, die von Keyboards bzw. Synthesizern dominiert wird, zwangsläufig an besagte Künstler erinnert. Könnte schlimmer sein, da es Pink Floyd hier auf ähnlich faszinierende Weise verstanden haben einen Soundtrack zu einem Film zu schaffen, der einzig in Eurem Kopf abläuft. Das gänzliche Fehlen von Gesang beinahe über die gesamte Dauer des Albums verstärkt diese Wirkung. Apropos Vangelis: irgendjemand hier dabei, der sich bei dem sehr düsteren „Calling“ nicht sofort an den Science-Fiction-Klassiker „Blade Runner“ erinnert fühlt? Auch wenn es schwerfällt, einzelne Songs herauszupicken, da das Album – gleich dem namengebenden, endlosen Fluss – nahtlos von einem Stück zum nächsten übergeht und somit immer komplett gehört werden will – „Calling“ muss als herausragend betrachtet werden. Wenn Queen damals mit dem unbetitelten, 22-minütigen Schlussstück auf „Made In Heaven“ Abschied von Freddy Mercury genommen haben, dann tun es Pink Floyd hier mit „Calling“ im Bezug auf Richard Wright. Dass das Keyboardspiel hier nicht aus dem Nachlass von Richard Wright stammt, sondern federführend von David Gilmour gespielt wurde, unterstützt diese Vermutung.

Die Gitarrenriffs von „Allons-Y (1)“ erinnern stark an „Another Brick In The Wall, Part 2“, bilden gleichzeitig aber auch ein bisschen eine von mehreren Brücken zur „The Division Bell“. In ähnlicher Form geht es auch im zweiten Teil dieses Stücks weiter, unterbrochen von einem Zwischenspiel erneuter Orgelei in üppigster Form in „Autumn ’68“. Theoretisch hätte man die drei Songs, die zusammengenommen auf insgesamt knapp 5 Minuten Spielzeit kommen, auch in einem vereinen können. Aber gut: wer gerne gedanklich im Orgelspiel badet, kann das auf diese Weise tun, ohne immer zur entsprechenden Stelle vorspulen zu müssen. Welch ein Service.

Und so baut sich dieses famose Gesamtkunstwerk Stück für Stück auf, um mit „Talking Hawkin’“ (beinhaltet ein Sprachsample von Stephen Hawking, genau wie damals schon bei „The Division Bell“ geschehen) und „Surfacing“ in gewohnter „Division Bell“-Manier das Finale einzuleiten. Zum einen hören wir hier nicht nur wieder stimmliches Hintergrundgesumme, auch die ganze Gestaltung der Songs mit ihrer Melodieführung machen deutlich, dass sie theoretisch schon bei besagtem Album hätten stattfinden können. Und dann das abschließende „Louder Than Words“. Die Dinge stehen gut, dass es das letzte gesungene Stück von Pink Floyd ist, das wir jemals zu hören bekommen. Zwar wirkt David Gilmours Stimme hier schon ein bisschen altersschwach und auch insgesamt fällt „Louder Than Words“ hinter den bisherigen Stücken dieses Albums ab, dennoch: ist dies womöglich der Schwanengesang einer der größten Bands der Musikgeschichte? Ein stiller Gruß an den ehemaligen Kollegen Roger Waters noch dazu, wenn Gilmour zu Beginn singt: We bitch and we fight / diss each other on sight / but this thing we do… / These times together / rain or shine or stormy weather / this thing we do… / With world-weary grace / we’ve taken our places / we could curse it or nurse it and give it a name. / Or stay home by the fire / felled by desire, stoking the flame. / But we’re here for the ride. / It’s louder than words / this thing that we do / louder than words / it way it unfurls. / It’s louder than words / the sum of our parts / the beat of our hearts / is louder than words. / Louder than words?

Aus dem Umfeld von Pink Floyd war zu vernehmen, dass zwar durchaus noch weiteres bislang nicht verwendetes Material vorhanden, das Kapitel Pink Floyd mit „The Endless River“ aber zum endgültigen Abschluss gebracht worden sei. Machen wir uns nichts vor: wenn Pink Floyd 2015 ihr 50. Jubiläum feiern wird es sicherlich wieder das ein oder andere Box-Set geben, das dann durch die noch immer unveröffentlichten Aufnahmen angereichert wurde. Einfach, weil der Fan als solches Melkvieh ist, das nur zu gerne für seine Idole Geld ausgibt. Ich selbst nehme mich da übrigens nicht aus. Sollte „The Endless River“ damit aber tatsächlich das allerletzte Kapitel in der Bandgeschichte markieren, so wäre dies in meinen Augen ein würdiges Ende. Eben der besagte Schwanengesang, der sich über 17 Songs auf das allerletzte Statement hin bewegt. Lauter als Wörter, größer als alles. Vielen Dank Syd BarrettDavid GilmourRoger WatersRichard Wright und Nick Mason für dieses Vermächtnis, für dieses unvergleichliche Gesamtkunstwerk namens Pink Floyd!


Was habe ich mich über die Ankündigung eines neuen Pink Floyd Albums gefreut! Was war ich danach zumindest ernüchtert, wenn nicht gar enttäuscht, als bekannt wurde, dass es sich dabei weitgehend um ein Instrumentalalbum handeln würde, zusammengesetzt teilweise aus Zeugs, was bei den Arbeiten an „The Division Bell“ offenbar hinten runter gefallen war. Was bin ich inzwischen froh und dankbar, dass die Dinge so gekommen sind, wie sie nun auf diesem hoffentlich letzten Kapitel zu hören sind. Zur Vorbereitung habe ich mich nochmals diverse Male durch das Gesamtwerk Pink Floyds gehört, angefangen beim 1967 „The Piper At The Gates Of Dawn“ bis hin zum 1994er „The Division Bell“. All die Reminiszenzen, die „The Endless River“ an vergangene Tage der Band weckt, hier auflisten zu wollen ist schlicht unmöglich. Zumal wohl jeder Hörer seine ganz eigenen Wiedererkennungseffekte haben wird. Ich bleibe dabei, dass „The Endless River“ eine Reise durch ein beeindruckendes Schaffenswerk einer großen Band ist, das jede Ära entsprechend berücksichtigt. Dass die Gilmour-Ära dabei am deutlichsten Spuren hinterlässt, ist aufgrund mangelnder Beteiligung eines Roger Waters an diesem Schlussstrich nicht weiter überraschend. Alles an „The Endless River“ ist für mich genau so, wie es ist, goldrichtig. Das fängt beim überbordenden Instrumentalgehalt an. Und hey, seien wir doch mal ehrlich – am geilsten finden wir Pink Floyd meist doch eh in ihren vertrackten, überschwenglichen Instrumentalpassagen. Es endet beim abschließenden „Louder Than Words“, dessen Platzierung am Schluss des Albums sinniger und treffender nicht hätte sein können. Die Reaktionen auf dieses Album gehen im Netz, bei der Presse und überhaupt überall weit auseinander. Die einen freuen sich, die anderen nicht. Aber das war schon immer so und wird sich auch nicht mehr ändern. Mich persönlich hat dieses Album sehr berührt, vor allem weil es mir eine Sache abermals sehr deutlich vor Ohren geführt hat: alles Schöne muss einmal enden. Zwangsläufig. Wenn es aber so geschieht wie hier, mit einem Album voller großer Momente, dann tut das Scheiden nicht ganz so weh. Auch wenn ich Pink Floyd damit wohl ein für alle Mal von meiner Wunschliste noch live zu sehender Bands streichen kann.


Erscheinungsdatum
7. November 2014
BAND/KÜNSTLER
Pink Floyd
ALBUM
The Endless River
LABEL
Parlophone Label Group (Warner)
Unsere Wertung
7.6
Pink Floyd – The Endless River
FAZIT
Die Reaktionen auf dieses Album gehen im Netz, bei der Presse und überhaupt überall weit auseinander. Die einen freuen sich, die anderen nicht. Aber das war schon immer so und wird sich auch nicht mehr ändern. Mich persönlich hat dieses Album sehr berührt, vor allem weil es mir eine Sache abermals sehr deutlich vor Ohren geführt hat: alles Schöne muss einmal enden. Zwangsläufig. Wenn es aber so geschieht wie hier, mit einem Album voller großer Momente, dann tut das Scheiden nicht ganz so weh. Auch wenn ich Pink Floyd damit wohl ein für alle Mal von meiner Wunschliste noch live zu sehender Bands streichen kann.
INHALT/KONZEPT
9
TEXTE
5
GESANG
5
PRODUKTION
10
UMFANG
8
GESAMTEINDRUCK
8.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Gelungener Schwanengesang der größten Rockband aller Zeiten.
Ein letztes Mal noch in den üppigen Klanglandschaften Pink Floyds schwelgen...
Fans der Ära Gilmour freut: Knüpft musikalisch an "The Division Bell an.
Fans der Ära Waters (und davor) ärgert: Knüpft musikalisch an "The Division Bell an.
NEGATIV
7.6
PUNKTE

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