[:SITD:] – Dunkelziffer

Vermutlich liegt es an der ziemlich hohen Live-Präsenz von Carsten, Tom und Frank, dass einem die Wartezeit zwischen zwei Alben aus dem Hause [:SITD:] nicht so lang vorkommt. Ich habe selber gerade gestaunt, dass seit „Icon:Koru“ tatsächlich schon wieder drei Jahre ins Land gezogen sind. Kam mir gar nicht so lange vor. Andererseits: drei Jahre reicht dann auch, schön dass es endlich etwas Neues zu hören gibt. Neu – und gleichzeitig so wunderbar vertraut. Gucken wir uns das neue Album „Dunkelziffer“ doch mal in Ruhe an.

Rückblickend hatten die letzten beiden Alben des Ruhrpott-Trios, „Rot“ (2009) und „Icon:Koru“ (2011) irgendwie einen anderen Touch. Klar, da stand noch immer [:SITD:] dran und immer wieder schimmerte natürlich auch der gewohnte Sound durch. Oder resultierte das Gefühl der Vertrautheit aus den stets brisanten Themen, die auch damals beackert wurden und gar nicht mal so sehr aus der klanglichen Gestaltung? Ich habe keine Ahnung wie es Euch geht, aber die letzten beiden Alben hatten (und haben) für mich einen sehr amerikanischen Sound. Dieses trockene Geknüppel, wie er für Bands wie System Syn, God Module oder Imperative Reaction (Zufall, dass überall Clint Carney beteiligt ist?) bezeichnend ist. Düsterelektro aus den US of A, speziell der aus Kalifornien, hat einen ganz eigenen, ganz speziellen Klang, der mehr auf Rhythmus und Geballer als auf spielerische Melodien und detailverliebte Klangkonstrukte ausgelegt ist. Anders als die Düstermucke aus unserem Ländle. Eben einfach irgendwie trockener, sperriger. Ob es gewollt war, Zufall oder nur meine subjektive Wahrnehmung, dass die letzten beiden Alben sich „amerikanischer“, “kalifornischer” anfühlten, kann ich nicht mit abschließender Gewissheit sagen. Dass sie aber aller Güte zum Trotz nur eine sehr überschaubare Anzahl Gassenhauer hervorgebracht haben, wird wohl niemand ernsthaft abstreiten wollen. Und das bei einer Band, die Live-Konzerte so sehr zu einer riesigen Party macht wie [:SITD:]!

Vielleicht war es auch der Versuch, sich drüben ein größeres Publikum zu erspielen. Wer weiß, wer weiß. Jedenfalls liegt das letzte Album drei Jahre zurück und seitdem hat sich ein bisschen was verändert im [:SITD:]-Universum. Die einschneidenste Veränderung wird wohl der Label-Wechsel gewesen sein. Nach Jahren der Zusammenarbeit mit Accession Records beschlossen [:SITD:] fortan ihre Mucke via Scanner bzw. der Dark Dimensions Labelgruppe zu veröffentlichen. Was irgendwie nur konsequent ist, da Frank als Teil von [:SITD:] im Prinzip nicht mehr für die Konkurrenz im eigenen Hause arbeitet. Band und Label sind nun also sinnig vereint.

Einhergehend mit dem Wechsel kamen auch neuerliche Veränderungen im Klang. Man möchte sagen: im positiven Sinne haben [:SITD:] einen ordentlichen Schritt zurück gemacht. Klingen jetzt wieder „europäischer“ und vor allem: wieder viel vertrauter. Als wären die letzten beiden Alben Teil einer Sturm-und-Drang-Phase gewesen um herauszufinden, was man selbst eigentlich möchte. Um zu den stets nörgeligen Kritikern, die der Band das Fischen in ewig gleichen Gewässern vorwarfen zu zeigen, dass es auch anders geht. Gut, das wissen wir jetzt also. Die Band weiß es, die Fans wissen es und die Kritiker nun hoffentlich auch – daher zurück zum Gewohnten. Wo [:SITD:] dransteht, ist auch endlich wieder durchgängig nur [:SITD:] drin. So wie wir sie durch „Stronghold“, „Coded Message: 12“, „Bestie: Mensch“ und den Singles bzw. EPs, die in dieser Periode erschienen sind, kennengelernt haben. Zu der Zeit sind die geliebten Immergrüne geschaffen worden, die auch heute noch bei Konzerten die Bude wackeln lassen. Immergrüne wie “Herbsterwachen“, “Richtfest” oder “Lebensborn“. Und „Dunkelziffer“ holt uns exakt dort wieder ab, wo die Jungs uns nach „Rot“ stehengelassen haben.

Eingeleitet wird es von dem instrumentalen „Adora Quod Incendisti“, das mit seinen gregorianischen Gesängen gleich für Stimmung sorgt. Die kirchliche Atmosphäre ist dann auch der perfekte Übergang zum Titelstück des Albums. Abgesehen davon, dass die Herren [:SITD:] mit den Kindesmissbrauchen durch die Kirche einmal mehr ein sehr heißes Eisen im Brisante-Themen-Feuer haben, ist ihnen hiermit auch gleich eine treibende, satte Düsterhymne gelungen, wie wir sie zuletzt wohl mit „Richtfest“ erleben durften. Es ginge nicht mit rechten Dingen zu, würde sich dieser Song nicht zu einem Stammgast in den Clubs entwickeln. Ähnlich verhält es sich mit dem (inhaltlich) fiesen „Purgatorium“, eine sehr basslastige Metapher von fehlgeleiteter Dominanz. „Autoaggression“ lässt eigentlich schon den Songtitel für sich sprechen. Das zarte Klaviergeklimper, das sich dann und wann im Hintergrund einschiebt, verleiht diesem Song über ‚vorsätzliche Selbstbeschädigung auf nicht näher bezeichnete Art und Weise‘ nicht nur einen dezent futurepopigen Hauch, sondern vor allem eine ganz besondere Note. So als wäre es die Pulsadern, an denen die Klinge in Form der derben Beats ständig entlangfährt. Apropos FuturePop: wie sich das anzuhören hat im ausklingenden Jahr 2014, das zeigt das Trio in dem schnellen, pfiffigen und sehr tanzbaren „Memorandum“. Und wenn das Album mit dem schweren, instrumentalen „Incende Quod Adorasti“ langsam ausblendet, dann lässt es uns in der Gewissheit zurück, gerade 50 Minuten feinster, hochwertiger düsterelektronischer Mucke verkonsumiert zu haben.

Die Ernsthaftigkeit der Themen ist geblieben, der Sound wirkt wieder wie früher. Und doch, wer genau hinhört erkennt, dass sich Tom, Carsten und Frank musikalisch dennoch weiterbewegt haben. Da klingt der übliche Flüstergesang Carstens plötzlich anders verzerrt – gerade so viel, dass man ihn zweifelsfrei aus dem Meer der Mitbewerber heraushören kann und doch genug, dass man es erfreut als nettes Detail wahrnimmt. Genauso die Songs als solche: Auf den ersten Hör typische Melodieverläufe, die den Hörer glauben lassen zu wissen, wie der Song in den nächsten Minuten klingt – nur um doch eine andere Wendung zu nehmen und gleichzeitig mit einer Fülle detailverliebter Spielereien aufzuwarten, die sich erst nach und nach ins Bewusstein schieben. Das führt dazu, dass die Halbwertszeit dieses Albums enorm hoch ist. Immer wenn Du denkst, Du wüsstest bereits alles und hättest alles entdeckt, was „Dunkelziffer“ zu bieten hat, findest Du doch noch ein neues Detail. Und das, liebe Leute, zeugt für mich von großem Können!


Wem die letzten beiden Alben zu sperrig, zu wenig eingängig waren oder zu sehr nach Electro-Industrial kalifornischer Machart klangen, dem dürfte „Dunkelziffer“ als gar feines Album sehr entgegenkommen. Das ganze Album ist wieder durch die Bank weg genau das, was man als Hörer mit „typisch [:SITD:] umschreiben möchte. Tom, Frank und Carsten setzen hier auf bewährte Mittel, die allerdings dafür sorgen, dass sich so ein „das hab ich doch schon mal gehört“-Gefühl einstellt. Aber mal ehrlich – ist es nicht genau das, was wir von dem Trio haben wollen? Der musikalische Lieblingspulli, den man immer wieder herauskramt, auch wenn man es zwischendurch schon mal mit einem anderen probiert hat. Es ist einfach nicht das gleiche. Ob es für die Krone im Bereich Düsterelektro am Ende des Jahres reicht, wird sich zeigen. Ein rundherum tolles Album, das die bei Konzerten abzufeiernden Songs um ein paar echt mächtige Gassenhauer erweitert, ist es aber in jedem Falle. Und wenn sich eine Band mit dem aktuellen Zeitgeschehen auseinandersetzt und nicht nur mit persönlichem Weltschmerz, dann ist das für alle ein Gewinn. Für die Szene, für die Konsumenten. Lange Rede, gar kein Sinn: gehet hin und kaufet diese Platte. Amen.


Erscheinungsdatum
31. Oktober 2014
BAND/KÜNSTLER
[:SITD:]
ALBUM
Dunkelziffer
LABEL
Dark Dimensions
Unsere Wertung
8.1
[:SITD:] – Dunkelziffer
FAZIT
Das ganze Album ist wieder durch die Bank weg genau das, was man als Hörer mit „typisch [:SITD:] umschreiben möchte. Tom, Frank und Carsten setzen hier auf bewährte Mittel, die allerdings dafür sorgen, dass sich so ein „das hab ich doch schon mal gehört“-Gefühl einstellt. Aber mal ehrlich - ist es nicht genau das, was wir von dem Trio haben wollen? Der musikalische Lieblingspulli, den man immer wieder herauskramt, auch wenn man es zwischendurch schon mal mit einem anderen probiert hat. Es ist einfach nicht das gleiche. Ob es für die Krone im Bereich Düsterelektro am Ende des Jahres reicht, wird sich zeigen. Ein rundherum tolles Album, das die bei Konzerten abzufeiernden Songs um ein paar echt mächtige Gassenhauer erweitert, ist es aber in jedem Falle.
INHALT/KONZEPT
8
TEXTE
8
GESANG
7
PRODUKTION
9
UMFANG
8
GESAMTEINDRUCK
8.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Nach "Rot" und "Icon:Koru" wieder musikalisch typisch [:SITD:]!
Feine Modifizierungen im Sound sind trotzdem hörbar.
Wie gewohnt thematisch dem aktuellen Zeitgeschehen verhaftet, teilweise ziemlich kritisch.
NEGATIV
8.1
PUNKTE

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