Foto: Manfred Pollert

Christian Steiffen – Ferien vom Rock’n’Roll

Er ist der “Arbeiter der Liebe”, das “Bernsteinzimmer der guten Musik” und verkündet auf seiner Webseite, dass er zudem der Künstler ist, den unser Land in dieser schwierigen und orientierungslosen Zeit braucht. Und ich – ja ich bin der Typ, der sich vorgenommen hat, auf einer Seite mit sehr musikaffiner Leserschaft seine allererste CD-Rezension zu verfassen und das ausgerechnet mit einem Werk, welches “Ferien vom Rock’n Roll” heißt und bei dem man auch ganz sicher nicht Gefahr läuft, es auch nur ansatzweise in der Nähe von so etwas wie Rock’n Roll oder irgendeiner halbwegs angesagten Musikrichtung zu verorten.

Der Künstler, um den es geht, heißt Christian Steiffen und wenn man ihn musikalisch einsortieren möchte, dann kommt man vermutlich um den Begriff “Schlager” nicht herum. Ist das was Schlimmes? Ich sag es ganz ehrlich: In 99 von 100 Fällen lautet die Antwort bedingungslos “Ja” – wir haben es hier aber mit einem Sonderfall zu tun.

Vom Sound her klingt das, was Christian Steiffen macht, wirklich oft ziemlich exakt wie der 70er-Jahre-Schlager, der seinerzeit bunte heile-Welt-Bilder malte, dessen Texte mit haarsträubend platten Metaphern aufwarten konnten und der bereits in den Achtzigern schrecklich viel Staub angesetzt hat.
Gelegentlich wagt der Künstler einen Ausflug in Disco-Gefilde (oder das, was Schlager-Interpreten Anfang der Achtziger für Disco-Sound gehalten haben) und versucht es auch mal mit leichten Country-Anleihen. Unter dem Strich jedoch ist es musikalisch ein erstaunlich authentisches Album, was mir jeder bestätigen kann, der in den späten Siebzigern oder frühen Achtzigern die Audio-Kassetten seiner Eltern mitanhören musste.

Wer jetzt noch nicht kopfschüttelnd diesen Beitrag weggeklickt hat, soll zur Belohnung auch eine Erklärung geliefert bekommen, wieso es sich lohnt, dennoch in “Ferien vom Rock’n Roll” reinzuhören: Es macht einfach unfassbar viel Spaß, diesem selbstverliebten Kerl zuzuhören, der ein sagenhaftes Selbstbewusstsein an den Tag legt, wenn er über Themen singt, die uns oftmals äußerst bekannt vorkommen aus unseren eigenen Leben.

Foto: Manfred Pollert

Direkt im Opener “Ein Glück” erzählt er eine solche Geschichte, die jedem von uns so widerfahren könnte: Man trifft einen Menschen, den man vor vielen Jahren aus den Augen verlor und bei dem man sich freut, dass es exakt so gekommen ist. Diese Erleichterung manifestiert sich in den Zeilen “Ein Glück, dass wir nie was miteinander hatten – auf meinem Leben läg ein dunkler Schatten”.
Mit “Ich weiss was ich weiss” nimmt das Album dann etwas mehr Tempo auf und zwar mithilfe eines beschwingten Disco-Beats. Bescheidenheit mag eine Tugend sein, aber damit hat Christian nichts am Hut, wenn er seinem Gegenüber im Song erklärt, dass er intellektuell einfach mehr auf dem Kasten hat.

Track Nummer Drei ist dann der Titel-Song “Ferien vom Rock’n Roll”, der bei den bald anstehenden Konzerten sicher für in die Höhe gereckte Feuerzeuge (okay, oder Smartphones) sorgen wird und eher zum gemütlichen Schunkeln als zum Ausflippen einlädt.
Danach kehrt Steiffen bei “Viel zu heiss” zur gewohnten Lässigkeit und Selbstverliebtheit zurück, wenn er unterstellt: “Du bist kalt wie Eis, weil Du ganz genau weißt, ich bin viel zu heiss!” Es geht bei diesem Lied wieder etwas flotter zu Werke, der ungewohnte Synthesizer erinnert dabei an die Italo-Disco-Scheiben, die man glücklicherweise bereits vor 30 Jahren verdrängt hat.

Du und Ich” ist ein langsames Duett, welches musikalisch dadurch besticht, dass er sich die Mezzosopranistin Eva Schneidereit an seine Seite geholt hat. Das klingt auf dem Papier zunächst mal ganz schwer nach Liebeslied, aber tatsächlich ist es wieder nur eine dieser trostlosen Geschichten, die uns allen widerfahren kann. Man stelle sich folgende Situation vor: In der Kneipe sitzend schaut ihr zu vorgerückter Stunde in die Runde und gegenüber sitzt genau genommen nur noch ein einziger Mensch und zwar ausgerechnet die Person, auf die Mann so absolut noch nie Lust hatte. Da aber sonst niemand mehr da ist und man selbst ordentlich einen im Schlappen hat, nimmt man – fast schon notgedrungen – dieses Überbleibsel mit nach Hause.

Bei den nächsten beiden Nummern ist Christian Steiffen dann wieder auf höchst vertrautem Terrain unterwegs, wenn er in “Du hasst die Menschen einfach gern” hinterfragt, wieso der andere eigentlich so ein Arschloch geworden ist und in “Die dicksten Eier der Welt” klarstellt, dass natürlich nur er selbst die dicksten Eier der Welt haben kann.

Track Nummer 8 ist eines meiner persönlichen Highlights auf diesem Album und entführt uns musikalisch wieder in die frühen Achtziger und erinnert an alte Peter Maffay-Songs wie “Eiszeit” oder “Lieber Gott” – und Gott ist auch direkt das Stichwort, setzt sich Christian Steiffen doch in diesem Lied intensivst mit der Schöpfungsgeschichte auseinander. Dass besagter Schöpfer dabei als “faule Sau” bezeichnet wird, dürfte wohl in der deutschen Musikgeschichte ein absolutes Novum darstellen.

Nur mit ihr allein” überrascht gleich mehrfach: Durch ungewohnte Bläserklänge – und durch Steiffens Erkenntnis, dass er sich möglicherweise verliebt hat. Wenn er dann bei “Viva la Evolution” kurz vor Ende des Albums das Ende der Menschheit als eine in Erwägung zu ziehende Option nennt, bekommt das Werk sogar fast noch sowas wie eine gesellschaftskritische Note.

Den Abschluss von “Ferien vom Rock’n Roll” liefert uns schließlich der Song “Wunderbar” und von wem könnte der Meister hier singen, wenn nicht von sich selbst? “Mein Schatz, ich wollte Dir nur mal eben sagen: Ich war wunderbar!” hört man ihn singen und zwar auf einem entspannten Dreivierteltakt in einem Lied, welches wieder so ein kleines bisschen Country-Stimmung verbreitet. Damit schunkel ich jetzt ganz entspannt dem Sonnenuntergang, äh ich meine, dem Ende des Albums entgegen und ich erinnere mich an das, was ich eben noch im Pressetext gelesen habe: “Hier wächst ein Steiffen über sich hinaus”. Ich nicke zustimmend, drücke lässig nochmal auf “Play” und lehne mich entspannt zurück.


“Ferien vom Rock’n Roll” ist das zweite Werk von Christian Steiffen nach “Arbeiter der Liebe” und man kann nicht anders als ihm Recht zu geben: Es ist tatsächlich sein bestes Album seit seinem Debüt. Musikalisch und textlich führt er konsequent das fort, was er mit seinem Erstling begonnen hat, spielt also gekonnt mit sämtlichen Schlager-Klischees, um uns dazu mitunter mit bissigen Formulierungen auszumalen, wie großartig er selbst ist – bzw. wie unterlegen jeder andere.
Wer sich durch die Musik nicht abschrecken lässt und Spaß findet an dieser Persiflage auf den muffigen Siebziger Jahre-Schlager, die sich vielleicht noch am ehesten im Fahrwasser eines Dieter Thomas Kuhn wiederfindet, sollte unbedingt mal reinhören. Wenn ihr dann noch ein Humorverständnis habt, welches euch über den frühen Helge Schneider, oder aber auch Alexander Marcus und Tomas Tulpe lachen lässt, dann bin ich fast sicher, dass ihr ebenso köstlich über Christian Steiffen lachen könnt, wie ich das tue.
Heute startet übrigens seine Deutschland-Tournee und wenn ihr dabei sein wollt – und das wollt ihr, weil jedes Steiffen-Konzert immer wieder ein 1A-Abriss ist – dann solltet ihr euch sputen: Einige Termine sind bereits ausverkauft!


Erscheinungsdatum
16. Oktober 2015
BAND/KÜNSTLER:IN
Christian Steiffen
ALBUM
Ferien vom Rock'n'Roll
LABEL
Warner Music International
Unsere Wertung
8
Christian Steiffen – Ferien vom Rock’n’Roll
FAZIT
Wer sich durch die Musik nicht abschrecken lässt und Spaß findet an dieser Persiflage auf den muffigen Siebziger Jahre-Schlager, die sich vielleicht noch am ehesten im Fahrwasser eines Dieter Thomas Kuhn wiederfindet, sollte unbedingt mal reinhören. Wenn ihr dann noch ein Humorverständnis habt, welches euch über den frühen Helge Schneider, oder aber auch Alexander Marcus und Tomas Tulpe lachen lässt, dann bin ich fast sicher, dass ihr ebenso köstlich über Christian Steiffen lachen könnt, wie ich das tue.
INHALT / KONZEPT
8
TEXTE
8.5
GESANG
8
PRODUKTION
8
UMFANG
7.5
GESAMTEINDRUCK
8
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Das beste Album des Arbeiters der Liebe seit seinem Debüt!
NEGATIV
8
PUNKTE

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