Foto: Chrisa Ralli

Die Wilde Jagd – Morgenrot (EP)

In großen Schritten nähern wir uns der Zeit der Rauhnächte. Jener Zeit um den Jahreswechsel herum, die kurz vor Weihnachten ihren Anfang nimmt und im neuen Jahr endet. Der Mythologie nach öffnet sich in der Silvesternacht das Geisterreich und die Wilde Jagd zieht über das Land. Diese Legende ist Namensgeber und thematisches Konzept des Neo-Krautrock-Projekts von Ralf Beck und Sebastian Lee Philipp, die mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum „Die Wilde Jagd“ Anfang Mai an den Start gingen. Nun, das Wetter schlägt in meinem Teil der Welt Kapriolen und präsentiert sich in einem unsteten Wechsel aus Regen, Nebel, Sturm und lässt so richtiges Tageslicht vermissen. Mit anderen Worten: es ist Herbst und demnach schon alleine von der wetterbedingten Stimmung her genau die richtige Zeit, um (erneut) in die musikalischen Welten von DIE WILDE JAGD abzutauchen. Ähnlich sah es wohl auch das Duo und veröffentlichte um Halloween herum die „Morgenrot“-EP. Können sie damit noch einmal so fesseln wie mit ihrem Debütalbum? Schauen wir uns das mal an.

Die „Morgenrot“-EP ist nüchtern betrachtet eine EP wie viele. Oftmals ist so eine EP eine Begleitung/Ergänzung des bereits veröffentlichten Albums, bei dem ein Track in unveränderter bzw. allenfalls gekürzter Fassung herausgepickt, ins Rampenlicht geschoben und von diversen Remixen flankiert wird. In diesem Fall verhält es sich nicht anders. Das Problem solcher EPs ist oft, dass vor allem die Remixe eher lustlos und unkreativ daherkommen und nicht selten den Status „Füllmaterial“ kaum übersteigen.

Das Titelstück „Morgenrot“ liegt hier in nahezu unveränderter Form vor, jedoch wurde die Single Version um knapp 3 Minuten gekürzt. Ich zitiere aus meiner Vorstellung des Albums: „Ach wie versöhnlich wirkt doch dieses Stück, in dem wir erstmals auf diesem Album Herrn Philipp singen hören. Einer zarten Ballade gleich gehört dieses Stück noch am ehesten zu dem, mit dem sich der unbedarfte Durchschnittskonsument sofort anfreunden kann. Musikalisch erinnert das ein bisschen an das, was Philipp für das 2010er Noblesse-Oblige-Album „Malady“ aus dem Hut gezaubert hat. Sanfte Stimme, zarte Akustikgitarre, generell eine ganz entspannte Atmosphäre wiegen dich in trügerischer Sicherheit. Alles will ich mit dir teilen / Märzenbecher, Eisenhut / Unter ihnen wollen wir weilen / bis der Morgen ruft heißt es da. Und weiter: Alles will ich mit dir teilen / Löwenzahn und Eisenhut / zwischen ihnen wollen wir bleiben / bis zum nächsten Morgenrot. Ach wie romantisch. Aber: Alles will ich mit dir teilen / Ochsenauge, Rosenbeet / Bis der Fangschuss lang verhallt / Und die Jagd zuende geht. Höm… wer liegt denn nun da im Grase so grün? Der Geist, der da Gesellschaft leistet bei der Reise in die Anderswelt ist es jedenfalls nicht.

Aussagen, die auch bei nur noch 3 Minuten 46 Sekunden Spielzeit ihre Gültigkeit behalten. In dieser sehr komprimierten Form könnte diese Nummer mit ihrem knarzig-tanzbaren Grundgerüst durchaus in Clubs eine gute Figur machen. Was vermutlich auch die Intention dieser „Single Version“ gewesen sein dürfte.

Weiterhin liegt „Wah Wah Wallenstein“ in zwei verschiedenen Neu-Interpretationen vor. Die eine ist die Ivan Smagghe Crossed Version. Monoton und minimal als Umschreibung trifft es hier ganz gut. Mit ziemlich gleichmäßig stampfenden Rhythmus und nur dezenten Zitaten aus dem Original wirkt diese Variante so gänzlich anders. Wie die Fahrt mit einer gigantischen Dampflok, die schnaubend und zischend durch eine nebelverhangene Landschaft donnert, einem unbekannten Ziel entgegen. Ivan Smagghes Variation dieses Songs ist um einiges ungemütlicher als das Original und kann sich aufgrund seiner Andersartigkeit ganz bequem daneben behaupten.

Desweiteren liefert die EP einen Etienne Jaumet Remix des gleichen Stücks. Sie ist kürzer als das Original und wirkt anfangs sehr vertraut, weicht im Verlaufe des Liedes aber von gewohnten Pfaden ab und ergeht sich im letzten Drittel ziemlich abgefahrenen Klangexperimenten. Das sich überlagernde Getröte im letzten Abschnitt ist eine Referenz an das Original, lässt diese Variante aber exotischer, ja beinahe orientalischer wirken.

Exotischer tönt auch das letzte Lied, der Stallions Remix von „Jagd auf den Hirsch“. War das Original noch wie ein Ritt durch düsteres Unterholz, so wirkt diese Version heller, beinahe „freundlicher“. Eventuell haben die verhaltenen Anleihen an Dubstep-Sounds einen Anteil daran, dass diese Fassung die Jagd von tageslichtfernen Wäldern auf weite, helle Felder verlegte. Fröhlicher wird der Song dadurch dennoch nicht. Das wäre allerdings auch ein bisschen makaber.

Abschließend bleibt festzuhalten: Die Single-Version des Titelstücks wirkt obligatorisch, um potentiell Interessierten einen möglichst einfachen Einstieg in das Tun von Ralf Beck und Sebastian Lee Philipp zu geben. Die Songs jedoch fügen jeder für sich dem Klangkosmos der Wilden Jagd drei weitere, funkelnde Sterne hinzu, die uns zusammen mit den bereits bekannten Stücken den Weg durch die kommenden Rauhnächte leuchten werden.


Die „Morgenrot“-EP macht das für mich spannendste und großartigste Album des Jahres, das Debütalbum von Die Wilde Jagd, nur noch spannender und großartiger! Neben dem Titelstück sind es ganz besonders die Remixe, die dem sehr eigenwilligen und ziemlich einzigartigen Sound des Duos neue Facetten abgewinnen. Tatsächlich funktionieren die drei Neuinterpretationen, so möchte ich es stattdessen lieber nennen, so gut, dass ich sie mir mitsamt den Originalen in eine Playlist gepackt habe und fortan nur noch als Gesamtpaket konsumiere. „Die Wilde Jagd“ hat mich Ende April/Anfang Mai maximal und sehr nachhaltig beeindruckt, „Morgenrot“ entfacht das Feuer erneut. Ich kann jedem Freund elektronischer Musik nur eindringlich ans Herz legen, sich mal näher mit der Wilden Jagd zu befassen, wenn der Sinn nach ganz besonderer Musik steht, die – wie ein Rausch – die Realitätswahrnehmung verzerren kann. Ich bin gespannt, was da noch kommt!


Erscheinungsdatum
30. Oktober 2015
BAND/KÜNSTLER:IN
Die Wilde Jagd
ALBUM
Morgenrot
LABEL
Bureau B
Unsere Wertung
8.3
Die Wilde Jagd – Morgenrot (EP)
FAZIT
Die „Morgenrot“-EP macht das für mich spannendste und großartigste Album des Jahres, das Debütalbum von Die Wilde Jagd, nur noch spannender und großartiger! Neben dem Titelstück sind es ganz besonders die Remixe, die dem sehr eigenwilligen und ziemlich einzigartigen Sound des Duos neue Facetten abgewinnen. Tatsächlich funktionieren die drei Neuinterpretationen, so möchte ich es stattdessen lieber nennen, so gut, dass ich sie mir mitsamt den Originalen in eine Playlist gepackt habe und fortan nur noch als Gesamtpaket konsumiere. „Die Wilde Jagd“ hat mich Ende April/Anfang Mai maximal und sehr nachhaltig beeindruckt, „Morgenrot“ entfacht das Feuer erneut.
INHALT/KONZEPT
9
TEXTE
8
GESANG
8
PRODUKTION
9
UMFANG
7
GESAMTEINDRUCK
8.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Höchst gelungene EP, die das eigentliche Album sinnvoll ergänzt und erweitert.
NEGATIV
8.3
PUNKTE
Herausgeber

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INHALT/KONZEPT
TEXTE
GESANG
PRODUKTION
UMFANG
GESAMTEINDRUCK
Finale Bewertung

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