Foto: Nicole Marcelli

Natalie Walker – Strange Bird

Colorado. Dazu hätte ich jetzt gerne mal ein paar Assoziationen. Ein Bundesstaat der USA? Richtig. In anderer Schreibweise eine Tüte voller Gummibärchen? Auch richtig. Das, worauf ich eigentlich hinaus will, käme aber sicher nicht, darauf würde ich wetten wollen: Heimat einer Lichtgestalt, die schon 2006 ihr erstes Solo-Album veröffentlichte. Die vorher in einer Band namens Daughter Darling spielte und sich dadurch ihre musikalische Karriere bis 2002 zurückdatieren ließe. Und die doch bisher hierzulande – und das ist die Tragödie! – wohl nur einem kleinen Kreis Connaisseure bekannt sein dürfte. Ich rede von Natalie Walker, einer meiner musikalischen Lieblinge, die vor wenigen Tagen ihr neues Album „Strange Bird“ veröffentlicht hat. Es ist mir eine Art Herzensangelegenheit, es Euch nachfolgend vorzustellen.

Um das festzuhalten, was mir bezüglich des vorliegenden Albums durch den Kopf geht, muss ich ein bisschen weiter ausholen. In Joseph O’Connors Buch „Die wilde Ballade vom lauten Leben“, das bei uns im Mai erscheint, las ich neulich folgende tolle Feststellung. Die Zeit sei ein Redakteur, schreibt er, die Perspektiven ändere, bestimmte Erinnerungen hervorhebe, andere korrigiere und grabe zeitliche Zusammenhänge aus, die noch beim Erleben nicht bewusst seien. Eine ganz tolle Umschreibung, wie ich finde, welche die perspektivischen Verschiebungen, die sich im Rückblick auftun, treffend schildert. Ihr kennt sicher solche Momente, in denen man über Vergangenes reflektiert und zeitliche Abläufe nicht so richtig in Einklang gebracht werden können. Da ist dann wohl ein redaktioneller Eingriff passiert und das nicht zwingend so, dass es sich auch begreifen ließe. Eine andere Erklärung für dieses immer wieder auftauchende, merkwürdige Zeitempfindungsphänomen liefert ebenfalls die Literatur. Martin Suter stellte in seinem Roman „Die Zeit, die Zeit“ die Theorie auf, dass die Zeit gar nicht existiere und es einzig nur Veränderungen gebe.

Was das mit Natalie Walker und ihrem neuen Album zu tun hat? Das waren meine Assoziationen dazu als ich darüber sinnierte, wie lange ich ihre Mucke schon höre. Über die Zeiten, die dazwischen liegen und die Veränderungen, die passierten. Das erste Review schrieb ich vor beinahe sechs Jahren. Und seit ungefähr dieser Zeit ist ihre Musik – egal ob solo oder in irgendeinem Projekt (Mouchette z.B.) – ein ständiger Begleiter. Um den Bogen zurück zu den besagten Büchern zu spannen: es will mir nicht gelingen, Dinge die in der Zeit dazwischen in meinem Leben passiert sind, in einen vernünftigen zeitlichen Kontext zu bringen. Es gehen mir Dinge durch den Kopf wie: war das nicht gerade erst? Oder: das muss schon viel länger her sein. Und wie ich so darüber sinniere fällt mir auf, dass die Musik von Natalie Walker mich deutlich beständiger begleitet, als es mir selbst manchmal bewusst ist. Schön zu wissen, dass sie nicht bewusst oder unbewusst redaktionell aus meinem Leben herausgekürzt wurde.

Heute hören und lesen wir immer wieder den Begriff „Indietronic“. Man umschreibt damit gerne alternative (Pop-)Musik, die nicht unerheblich elektronisch eingefärbt ist. Lange, bevor dieser Begriff auf und in Magazinen bzw. Blogs aufploppte, war Natalie Walker schon in diesem Gebiet aktiv. Ihr Markenzeichen sind alternativ-elektronische Down-Tempo-Songs, ganz doll geprägt von einer nicht greifbaren Melancholie. In einer Review (das ich übrigens auch zeitlich nicht so richtig auf die Kappe bekomme) kam ich zu der Feststellung, dass es die Normalität ihrer Texte ist, die den größten Reiz ausmacht. Dass sie wie kaum ein anderer Künstler (zumindest bei mir) das Gefühl vermittelt, mit ihren schönen, eisblauen Augen direkt in meine Seele zu blicken und aus dem, was sie sieht, einen Soundtrack zu schaffen für den modernen Menschen auf seiner manchmal holprigen Reise durch das Leben. Es gibt wohl bei allen von uns nur ganz wenige Künstler, die dieses Gefühl vermitteln. Die immer da sind.

In einem Newsletter findet sie ziemlich passende Worte für diese manchmal magische Verbindung zwischen einem Musiker und seinen Zuhörern: „Wenn ich Musik mache weiß ich, dass sie ihre Heimat genau dort findet, wo sie benötigt wird. Wenn ich ein Album kaufe, wird es fortan ein Teil meines Lebens sein. Es wird mich bei langen Autofahrten durch die Berge begleiten, bei einem ersten Kuss, dem ersten Kuscheln mit meinem Neugeborenen in unserem Zuhause, in einem Moment der Freude oder der Trauer. Musik ist heilig und persönlich“.

Strange Birds“ setzt genau da an, wo sie ihre Hörer mit „Spark“ zurückgelassen hat. Das war übrigens bereits 2011 und einmal mehr will mir nicht in den Kopf, dass das schon wieder so lange her sein sollen. Das Album habe ich doch gerade erst gehört, genossen und abgefeiert? Hmpf. Nun ja, ich denke Ihr wisst mittlerweile, worauf ich hinaus will wenn ich sage, dass Zeit ein gar sonderlich Ding ist. Aber auch wenn sie Veränderung bringt – ein paar Dinge bleiben scheinbar doch gleich. Zum Glück! Wenn das Album mit „Trust“ beginnt werden wir Zeuge davon, dass Natalieimmer noch sehr entspannte Grooves und verzaubernde Melodien schaffen kann, die den perfekten Rahmen für ihre mehr als gefällige Stimme bilden. Eine Stimme, die stets ein bisschen so wirkt, als sei sie nur zum Teil in unserer Welt verankert. Ich habe keine Ahnung wie es klingt, wenn Elfen oder Fabelwesen singen, da sich diese mir noch nicht persönlich vorgestellt haben, denke mir aber, dass es gänzlich anders nicht klingen kann.

Liar Fool“ mit seinem entspannten und entspannenden, super ausschweifenden Synthieteppichen, lässt mich ein bisschen an die 80er denken. Für mich klarer Favorit dieser Platte. Die schwere Ballade „Guns Down“, über Nachgeben und Aufgeben, hinterlässt genauso nachhaltigen Eindruck wie das elektronisch wabernde „Nothing Lasts Forever“. Der Titeltrack hingegen ist eine weitgehend minimalistische, elektronische Ballade, die – entsprechende Stimmung und/oder Empfindsamkeit vorausgesetzt – das gleiche Potential hat, den Wasserstand der Augen zu steigern wie das Schneiden von Zwiebeln. Interessanterweise wird das akustische Taschentuch noch im gleichen Song mit angereicht. Wenn nämlich im letzten Drittel das Tempo anzieht, dann ist das wie die Sonne, die sich nach dem Regen durch die Wolken schiebt. „Superstition“ ist einer der wohl experimentellsten Song dieses Albums und kommt schon wieder direkt aus dem Reich der Fabelwesen. Ähnlich wie das abschließende „Deja Vu“. Auch so ein Phänomen übrigens, das zeitliche Erklärungen und Zuordnungen schwierig macht. Aber selbst wenn “Strange Bird” insgesamt vielleicht keine Antworten auf die großen und kleinen Fragen des Lebens liefert – ein traumhaft schönes Album, in dem man sich immer und immer wieder verlieren kann, ist es in jedem Fall!

In Ermangelung eines Industriegiganten in der Hinterhand, der vielleicht auf die sensationelle Idee käme, auch europäisches Publikum mit der Mucke Frau Walkers begeistern zu wollen, ist und bleibt es ein Kampf gegen Windmühlen, sie hierzulande aus dem Geheimtipp-Dasein herauszuholen. Genauso wie das mit der Zeit noch mal irgendwann zu begreifen. Aber hey, nennt mich ruhig Don Quijote. Der war ja übrigens ein seltsamer Vogel. Und irgendwie schließt sich gerade ein weiterer Kreis.


Hach, wat schön! Inzwischen kann man sagen: wie immer ist Natalie Walker ein großer Wurf gelungen, der durch erfrischende Bodenständigkeit und mitreißender Entschleunigung begeistert. Das ist übrigens gar nicht so widersprüchlich, wie es sich vielleicht lesen mag. Jeder Musikliebhaber sollte Natalie Walker mal gehört haben. Und somit dieses Album. Ich hoffe inständig, dass dieser “seltsame Vogel” auch bei Euch landet. Beim nächsten Mal dürfte es von mir aus dann aber gerne wieder mit geringfügig mehr Tempo zur Sache gehen. So wie in seligen „With You“-Zeiten. Apropos Zeit (zum letzten Mal in diesem Artikel, versprochen!): das nächste Album kann auch nur zu gerne in einem kürzeren Abstand kommen als es zwischen „Spark“ und „Strange Bird“ der Fall war. Die Sache mit der Zeit ist nämlich auch die, dass niemand sagen kann, wann sie abgelaufen ist.


Erscheinungsdatum
10. März 2015
BAND/KÜNSTLER:IN
Natalie Walker
ALBUM
Strange Bird
LABEL
Dorado Records
Unsere Wertung
8.1
Natalie Walker – Strange Bird
FAZIT
Wenn das Album mit „Trust“ beginnt werden wir Zeuge davon, dass Natalie immer noch sehr entspannte Grooves und verzaubernde Melodien schaffen kann, die den perfekten Rahmen für ihre mehr als gefällige Stimme bilden. Eine Stimme, die stets ein bisschen so wirkt, als sei sie nur zum Teil in unserer Welt verankert. Ich habe keine Ahnung wie es klingt, wenn Elfen oder Fabelwesen singen, da sich diese mir noch nicht persönlich vorgestellt haben, denke mir aber, dass es gänzlich anders nicht klingen kann.
INHALT / KONZEPT
8
TEXTE
8.5
GESANG
8.5
PRODUKTION
8
UMFANG
7
GESAMTEINDRUCK
8.6
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Wie immer bei Natalie Walker: große Gefühle, verpackt in manchmal ganz kleine Songs.
NEGATIV
Leider in Deutschland auch dieses Mal wieder nur über Umwege erhältlich.
8.1
PUNKTE

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