Foto: Hot Action Records / Universal Music

Musik für die Corona-Krise, Teil 1: Die Ärzte – Planet Punk

Neulich saß ich morgens auf dem Boden meines Wohnzimmers und sah meiner Tochter beim Spielen zu. Sie war mal wieder ab 7 Uhr wach. Dazu trank ich meinen ersten Kaffee von vielen und meine Gedanken drehten sich mal wieder um die Gesamtsituation da draußen. Nebenbei lauschten wir den sanften Klängen des Albums „Planet Punk“ von der besten Band der Welt. Plötzlich fiel es mir wie eine Schutzmaske mit gerissenem Gummi vom Gesicht. Hatten Die Ärzte im Jahr 1995 schon das perfekte Album für den Corona-Lockdown geschrieben? Der Versuch einer Neuinterpretation.

Zugegeben, „Super drei“ passt als Intro inhaltlich zunächst nicht wirklich zum Thema Corona. Aber es geht ja auch um die Rückkehr der drei besten Musiker der Welt – namentlich Die Ärzte. Interpretieren wir das ganze also mal um: Wen brauchen wir in diesen Zeiten ganz besonders? Richtig: Ärzte, Pflegepersonal etc. Die haben jetzt ihren großen Auftritt. Systemrelevant nennt das der Staat neuerdings und hat damit mal recht. Es wird sich zeigen, ob das irgendwann auch endlich gesellschaftlich und finanziell honoriert wird. Und wem das gleich zu Beginn zu politisch ist, der beginne mit Song zwei und setze dieses Intro als Outro ans Ende. Dann hat man gleich das Comeback aus der Quarantäne.

Der „Schunder-Song“ handelt eigentlich von Mobbing. Nun höre und lese ich oft den Spruch: „Wir haben die Natur lange genug zerstört. Jetzt rächt sie sich mit diesem Virus.“ Etwas pathetisch, aber zumindest das Thema Umweltschutz ist das wohl wichtigste Thema unserer Generation. Wir Menschen „mobben“ die Welt schon lange genug. Vielleicht bekommen wir ja gerade wirklich mal richtig einen in die Fresse.

Weißt du noch wie es früher war? Keine Kontaktverbote, keine Masken, keine Toten. Doch dann kam die Wende…also die mit dem Virus. Alle sind unhappy, alle sind unglücklich und überall wo man hinguckt: Hass und noch mehr Hass und so. Hipp! Hipp! Hurra! Also mal wirklich. Vor Corona war doch auch alles beschissen. Merkel musste weg. Die bösen Ausländer. Impfen war auch schon immer blöd. Und dieser Jogi Löw, also mit dem gewinnst du auch keinen Titel. Ich denke ja, dass Wutbürger immer Wut haben, weil sie einfach mit ihrer mickrigen Existenz unzufrieden sind. Aber was weiß ich schon. Ich bin ein Schlafschaf.

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Und dann sitzt man in seiner Wohnung, schaut aus dem Fenster und es ergibt sich ein Blick in das Haus gegenüber. Seit Wochen allein, steht sie oder steht er auch gerade am Fenster oder dem Balkon. Die Gedanken kreisen und es entsteht ein Gespräch. Ungeschickte Worte doch beide fühlen es auch. Komm schon, geh mit mir. Ach Baby, dieser Traum verschwand so schnell wie er begann. Denn keiner mag Spanner und der ausgestreckte Mittelfinger von gegenüber ist eine eindeutige Abfuhr. Eigentlich wollte die Person gegenüber nur für das Pflegepersonal klatschen und du starrst wie ein gestörter hinüber. Herrje.

Langweilig“, der wohl treffendste Song über Kontaktverbot und Ausgangsbeschränkungen. Es gibt ja nichts zu tun in den eigenen vier Wänden. Netflix und Amazon Prime schauen sich recht fix durch. Sich mit der eigenen Familie beschäftigen? Alter, geht’s noch? Und gerade wir Männer wissen: Wenn die rechte Hand weh tut, läuft echt was gehörig falsch. Obwohl Bela sagt, dass Wichsen und Musik die beste Medizin sei. Nein, ernsthaft. Wir werden nicht auf Jahre in der von uns selbst eingerichteten Bude, aus Stein, mit Dach und fliesendem Wasser, Toilette und Küche hocken müssen. Lest ein gutes Buch und entspannt euch. Dann haben wir alle noch ganz viel Zeit für alles andere.
Doch die Monotonie der eigenen vier Wände lässt uns nicht los.

Mein Freund Michael“ fuhr ja auch immer nur im Kreis. Ok, da waren auch ein paar Kurven. Aber nach der 35. Runde nerven die doch auch nur noch. Ich kann auch im Kreis und um die Ecke durch die Wohnung rennen. Parcours aufbauen und Zeit nehmen. Aber anschnallen nicht vergessen.

Wenn dir dann aber doch die Liebe eines Menschen fehlt, denk immer daran, Rod loves you. Er ist vielleicht ein ganz böser, böser, böser Bengel, aber er ist jedem zu empfehlen. Schließe die Augen und ersetze Rod mit jeder beliebigen vermissten Person. Meditativ. Denn meditieren hilft bei der Suche nach der besten Version deines selbst.

Falls dir Meditation nicht zusagt, dann hey. Sei ein Misanthrop. Aber dann mach das bitte auch bei dir zu Hause. Mal ehrlich. Wenn du Menschen nicht magst, dann ist das gerade DEINE Zeit. Genieße sie. Auch wenn sich eigentlich nicht viel ändert. Du kannst ja weiterhin alleine zu Hause sitzen bleiben.

Manch einer vermisst aber doch wieder jemanden bestimmtes. Zunächst scheint uns dieser Lockdown auseinanderzureißen. Doch nutzt doch diesen ganzen Technikkram und schon gibt es wieder feinste Schmankerl statt Fleischwurst. Übrigens halte ich nichts von Sex mit Möbelstücken.

Ist der Kühlschrank wieder leer? Du willst nicht in den Supermarkt und eine Infektion riskieren? Dir ist eh gestern deine einzige Maske ins Klo gefallen? Nun ja, Bela B hat da die perfekte Lösung: Nasenkotelett. Davon wirst du auch nicht fett. Wir sitzen ja viel zu Hause rum. Die Nüstern blähen und schon sind wir autark in der Versorgung. Ein Festbankett aus „Nazareth“.

Wenn deine Freundin jedoch explodiert, dann sicher ganz unerwartet. Das ist natürlich eine Metapher. Falls du es noch nicht wusstest: Menschen explodieren nicht spontan. Aber zu lange und zu gelangweilt aufeinander zu hocken, kann zu Problemen führen. Dann explodiert wirklich jemand im übertragenen Sinn. Andererseits kann das auch die Gelegenheit sein, sich endlich richtig kennenzulernen. Bevor ihr also explodiert, weil sie wieder den Klodeckel oben ließ oder er seinen Ordnungs- und Putzzwang übertreibt, meditiert kurz und redet lieb miteinander. Nebenbei bemerkt, auch Jürgen Engler hat einen geilen Körper.

Bananen sind ein sehr gesundes Lebensmittel. Wir wollen ja nicht krank werden. Zudem kann diese Art der Nahrungsaufnahme auch einen Abend retten oder total zerstören. Gerade in gemischten studentischen Wohngemeinschaften solltet ihr (Jungs) besser aufpassen, mit falsch assoziierten Gesten. Wirklich. Lasst diese Anspielungen sein, wenn eure euch gegenübersitzende Tischnachbarin eine Banane oder wahlweise ein Calippo verzehrt. Das ist sexistisch und am Ende seid ihr wieder allein und gelangweilt. Den Song musste ich also nicht neu interpretieren.

Apropos allein und gelangweilt. Brutal schneller Lärm hilft gegen Langeweile und Lagerkoller. Wenn ihr aber zur Miete wohnt, nehmt Kopfhörer. Dann aber richtig aufdrehen und dazu tanzen. Wer die Clubszene vermisst, der kann ja alles abdunkeln und die bunte Lichterkette von Weihnachten anmachen. Dabei vergeht die Zeit auch viel schneller, bis ihr wieder eine gesunde Banane essen müsst.

Die traurige Ballade von Susi Spakowski“ erzählt leider eine sehr tragische Seite des Lockdowns. Herr Ministerpräsident Laschet beispielsweise warb vor einigen Wochen schon für den Exit mit der Thematik der vermehrten häuslichen Gewalt durch die Ausgangsbeschränkungen. Nun ja, dies stellt wirklich ein unfassbar schlimmes gesellschaftliches Problem dar, aber gibt es das erst seit Corona? Ich denke nicht. Häusliche Gewalt war auch schon vorher ein wirklich riesiges Problem. Aber eines, welches medial kaum Beachtung fand. Eines, welches politisch kaum Beachtung fand. Jugendämter sind seit Jahren heillos überlastet. Soziale Einrichtungen unterbesetzt und unterfinanziert. Jugendbetreuungseinrichtungen oder Frauenhäuser können wesentlich mehr Unterstützung vertragen. Das ist ein Thema, welches gerne nach den kommenden Wahlkämpfen effektiver angegangen werden darf. Bitte auch von genau den Politikerinnen und Politikern, die sich derzeit auch mit diesem Argument so eifrig für einen Exit einsetzen. Dasselbe gilt übrigens für Schulen, Kitas, Krippen, Krankenhäuser oder Pflegeheime. Ich kann es gar nicht oft genug betonen, wie wichtig das ist.

Chatten ist das neue Reden. In Zeiten eines Lockdowns werden Handy, PC oder Laptop zu unersetzlichen Kommunikationsmitteln. Brieftauben brauchen auch zu lange. Wir können die ganze Nacht lang chatten oder via Videochat doch irgendwie miteinander reden. Tolle Sache. Machen und dabei weiter schön zu Hause bleiben. Das geht sogar ohne Maske. Außer ihr steht drauf (aber das sind Dinge, von denen ich gar nichts wissen will).

Wer mittlerweile immer noch nicht verstanden hat, dass diese Einschränkungen wirklich wichtig sind, weil wir echt so gar nicht wissen, was noch so kommt, der kann ja versuchen sich am Trick 17 durch Selbstüberlistung versuchen. Ernsthaft. Das Gemeckere über angebliche Bevormundung von Staat, diese Verschwörungstheorien und dem Verlust von First World-Privilegien nerven. Euer Dasein darf derzeit nicht wahr sein. Die Welt ist schlecht und alle hassen euch, ja klar.

Wirklich problematisch sind aber nicht die Beschränkungen, sondern vielmehr die schlechten Menschen und Missetäter in mächtigen Positionen, welche sich die Krise zu Nutzen machen. Früher wurden solche Personen Kriegsgewinnler genannt. Heutzutage wird die Krise erst verneint und dann sollen wir uns Desinfektionsmittel spritzen. So bieten sie abstruse Lösungen für fast jedes Problem. Effektiv, präzise, sauber, billig und bequem. Sie zeigen so die Abgründe in den tiefen ihrer Seelen. Aber wir sind ja alle Opfer des Kapitalismus.

In diesem Sinne, so ein bisschen Quarantäne ist nicht die schlimmste Sache der Welt.

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