Foto: Julian Ziese / Oneshotfilms.de

Ashes’N’Android – Razors Edge

Ach Braunschweig, unsere schwarze Perle! So manches Mal dachten wir schon, das Ende der alternativen Subkultur sei (durch mitunter nicht zu beeinflussende Umstände) gekommen und wir müssten uns in der Löwenstadt und ihrem Umkreis nur noch mit Veranstaltungen, Konzerten oder Musik der Marke 0815 begnügen. Doch seit Jahren schon gleicht die Szene in und um Braunschweig einem berühmten gallischen Dorf, das tapfer Widerstand leistet gegen den Einheitsbrei, der uns ansonsten allerorten um die Ohren geballert wird. Zu verdanken haben wir das Veranstaltern wie Thorsten Meier mit seiner Unternehmung Advanced Music, der ein ums andere Mal nicht nur bekannte Künstler auf die Bühne einer der örtlichen Spielstätten holt, um uns mit tollen Konzerten zu versorgen, sondern immer wieder auch Newcomern eine Bühne bietet. Einen anderen, ganz wesentlichen Anteil haben aber auch die Künstler und Bands, die aus dem Schatten treten und auf ihre Weise versuchen, die Flamme am Lodern zu halten. Wenn dabei Szene-Teilnehmer anderer Regionen gleich mit angesprochen und abgeholt werden, umso besser. Und eines dieser Projekte das angetreten ist, um (ganz gewiss nicht nur) die Braunschweiger Düsterszene in Verzückung zu versetzen, ist das ASHES’N’ANDROID, um das es uns hier und heute geht.

ASHES’N’ANDROID ist im Wesentlichen ein Ein-Mann-Projekt, das bei Live-Auftritten Verstärkung auf der Bühne erfährt bzw. diesem oder jenem Song Unterstützung in Form von Gastgesang bekommt. Unterm Strich aber ist es das Projekt von Jörn, einem festen Teil dieser ganz besonderen Braunschweiger Gemeinde, den irgendwann die Muse so sehr in Grund und Boden küsste, dass er als Musiker zum oben erwähnten gallischen Widerstand seinen Beitrag leisten möchte. Ashes’N’Android ist der Name, unter dem er in Erscheinung tritt, „Razors Edge“ der des Debütalbums, das in diesen Tagen das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Würdet Ihr Jörn nach einer Umschreibung seiner Mucke fragen, dann würdet Ihr vermutlich folgende Auskunft von ihm bekommen:

Razors Edge taucht ab in die Tiefen menschlicher Bedürfnisse und hinunter in die gelegentliche Zerissenheit unser Seele, sowie Themen die uns alltäglich in unserer heutigen Gesellschaft bewegen und aufwühlen. Dabei erzählen die Songs ihr Geschichten aus interessanten Perspektiven heraus. Es ist auch ein Rückblick auf das Schaffenswerk der letzten Jahre des Produzenten Jörn mit einigen biographischen Einflüssen, weit bevor sich das Projekt ASHES’N’ANDROID formierte. Dies erklärt vermutlich auch die große Vielfalt an unterschiedlichsten Songs von Pop bis EBM Styles.

Jörn war es unter anderem wichtig echte Hardware Instrumente zu verwenden, so dass in diesem Album viele, teils selbst designte Bässe und Drums und andere Klänge von analogen oder virtuell analogen Hardware Synthesizern erklingen. Das Ergebnis sind Songs mit Ohrwurmcharakter die teils mit harten Beats oder ruhigen elektronischen Klängen daher kommen. Sweeping Pads, treibende Bässe und volle Chöre rund das Bild ab.

Razors Edge ist nicht kategorisierbar und steht mit seiner Vielfalt für sich allein. Dieses abwechslungsreiche Album garantiert dem Hörer, dass keine Langweile aufkommen wird.

In dem Moment, in dem Ihr diesen Artikel hier lest, lag uns das Album bereits vor. Um es mal kurz auf den Punkt zu bringen: Jo, das was Jörn da schreibt, stimmt schon. Reicht aber keinesfalls aus, um die vielen Facetten dieses beachtlichen Debüts auf den Punkt zu bringen. „Razors Edge“ ist ein Album geworden dem der Charme innewohnt, bekannte Brotkrumen auf teilweise unbeschrittenen Pfaden zu verstreuen. Es glänzt mit ein paar wirklich interessanten Ideen, gleichzeitig hat es dieses besondere Flair eines Albums, das in Eigenregie entstanden ist. Natürlich kann sich „Razors Edge“ in produktionstechnischer Sicht nicht mit einem Album messen, dessen Verursacher ein entsprechend großes Label sowie first class Produktion und Mastering im Rücken hat. Nach unserem Dafürhalten ist das allerdings ein großes Plus dieses Debüts und kein Manko. Es ist wie mit Konzerten: Erfahrungsgemäß sind die kleinen, feinen Veranstaltungen oft die, die mehr Eindruck hinterlassen als die Großveranstaltungen.

Jörn hätte es sich einfach machen können. Er hätte den mit hoher Wahrscheinlichkeit erfolgsversprechenden Weg des Knüppelelectros Marke Agonoize & Co. beschreiten können. Ein paar plakative, verzerrte Vocals über 0815-Geballer, fertig. Ein Blick in den Ist-Zustand der Szene zeigt: Das hätte funktioniert.

Er aber entschied sich für einen anderen Weg.

Gefühl statt Geballer

Den des deutlich gefühlvolleren Electro-Pops nämlich, der sich für Versatzstücke aus Dark Electro, EBM und was es da noch so gibt, nicht zu schade ist. „Lucid Dreams“ beispielsweise ist eine ziemlich großartige Nummer! Sie wird all diejenigen abholen, die sich für Musik begeistern können, deren Schwerpunkt auf Emotionen liegt. Verpackt in ein spannendes, elektronisches Gewand. Ähnlich verhält es sich mit „Color Red“, das sich sehr darum bemüht immer dann genannt zu werden, wenn die Rede von gefühlvoll konstruierter, elektronischer Synthie-Mucke ist. De/VisionEndangerBeborn Beton, … sie alle mögen vielleicht Pate gestanden haben für das, was Jörn hier liefert. Es hat noch nie geschadet, sich an den Großen zu orientieren. Wichtig ist aber hier festzuhalten, dass Orientierung nicht gleichbedeutend ist mit Kopieren. Ashes’N’Android hat auf dem Debüt „Razors Edge“ so viel eigene Ideen, so viel frische und unverbrauchte Ansätze zu bieten, dass es eine Klasse für sich ist.

Neben den genannten Songs wären noch „Can’t Count On You“, das Titelstück sowie „Silence“ zu nennen. Wer mag, schwingt das Tanzbein zur Musik. Und wer sich nicht bewegen möchte, genießt die Mucke einfach nur so und lässt sich von Jörn in die eigene Gedankenwelt entführen. Die Eintrittskarte zur Gedankenreise ist dieses Album. Und aus eigener Erfahrung können wir sagen: Es passiert schnell, dass man sich in der Musik verloren hat und gar nicht merkt, dass dieses Album bereits zum dritten Mal durchläuft. Und das, werte Leserinnen und Leser, macht für uns ein gelungenes Album aus.


Fazit Mick: Bereits der Januar verspricht, dass 2020 in jeder Hinsicht ein gutes Jahr wird. Wieder einmal dürfen wir eine musikalische Perle auf ihren ersten Gehversuchen in der anspruchsvollen Dark Indie Szene begleiten. Ashes’N’Android starten ohne Vorschusslorbeeren mit ihrem Debütalbum durch und haben bereits den ein oder anderen Track mit Ohrwurmcharakter im Repertoire. „When You Were All Mine“ hat es gleich beim ersten Hören zur Heavy-Rotation in meiner Playlist geschafft. Mit „Stop Do Nothing“ und der Ballade „Color Red“ unterstreicht Produzent und Sänger Jörn, dass sich Ashes’N’Android nicht in eine Schublade stecken lassen, sondern hier etwas Neues geschaffen wurde. Die Songs „Versuchung“ und „Silence“ sind ein weiteres Indiz für die Vielseitigkeit der jungen Formation. Ihr fragt Euch trotzdem, wie Ashes’N’Android denn nun klingen? Dann besorgt euch „Razors Edge“ und hört selbst rein. Okay, ich verrate trotzdem woran ich gedacht habe, als ich „Razors Edge“ zum ersten Mal hörte. Eine Prise Jean-Michel Jarre, ein klein wenig In Strict Confidence, eine ordentliche Portion Future Pop, etwas Sascha Braemer, ein wenig mind.in.a.box und ganz viel Ashes’N’Android – das ist „Razors Edge“. Für mich sind Ashes’N’Android und „Razors Edge“ mehr als nur ein Geheimtipp, sie sind ein Must-Have für 2020.


Fazit Roman: Bei AVALOST waren wir immer schon große Befürworter von Newcomern die Antreten, der Szene einen sehr markanten Stempel aufzudrücken. Wir sagen nur Adam is a Girl oder The Saint Paul. Bei Ashes’N’Android verhält es sich nicht anders. „Razors Edge“ ist kein Album, das ein Genre definiert. Aber es ist eines, das mit maximalem Herzblut entstanden ist, ein Bekenntnis und eine Liebeserklärung an eine (lokale) Szene, die schon so manches Mal für tot erklärt wurde. Und es ist ein beachtliches und beachtenswertes Debütalbum, das nur erahnen lässt, welches Potential noch in dem Projekt schlummert. Wir danken Jörn von Herzen für den Mut und sein Engagement, unseren Teil der Szene mit frischem Material zu versorgen. Unsere Bitte und unser Appell: Kauft das Album, streamt es bei den gängigen Anbietern, besucht seine Konzerte (zum Beispiel beim Dark Indie Festival in Braunschweig). Oder um es kurz zu sagen: Support your (local) szene! Danke, Jörn, für Deinen Beitrag und diesen gelungenen Einstand!


Erscheinungsdatum
31. Januar 2020
BAND/KÜNSTLER
Ashes'N'Android
ALBUM
Asteria
LABEL
Not A Robot Records
Unsere Wertung
7.6
Ashes’N’Android – Razors Edge
FAZIT
Wer mag, schwingt das Tanzbein zur Musik. Und wer sich nicht bewegen möchte, genießt die Mucke einfach nur so und lässt sich von Jörn in die eigene Gedankenwelt entführen. Die Eintrittskarte zur Gedankenreise ist dieses Album. Und aus eigener Erfahrung können wir sagen: Es passiert schnell, dass man sich in der Musik verloren hat und gar nicht merkt, dass dieses Album bereits zum dritten Mal durchläuft. Und das, werte Leserinnen und Leser, macht für uns ein gelungenes Album aus.
INHALT / KONZEPT
8
TEXTE
7.5
GESANG
7.5
PRODUKTION
7
UMFANG
7
GESAMTEINDRUCK
8.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Interessante Ideen, um einem altbekannten Genre neue Seiten abzugewinnen.
Ein gelungenes Debütalbum, das Lust auf mehr macht.
Anstelle mit 0815-Geballer durchzustarten gibt es hier abwechslungsreiche Electro-Kost mit Gefühl.
NEGATIV
Ein, zwei Songs mehr hätten nicht geschadet.
7.6
PUNKTE
Herausgeber

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INHALT / KONZEPT
TEXTE
GESANG
PRODUKTION
UMFANG
GESAMTEINDRUCK
Finale Bewertung

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