Foto: MV Werften

Romans Logbuch: Ist das noch Kreuzfahrt?

Kürzlich erst las ich wieder etwas über das erste Kreuzfahrtschiff der Global-Klasse, das in den MV Werften in Mecklenburg-Vorpommern an den Standorten Wismar und Rostock gebaut wird. Dies Schiff, das für die Eigner der Werften, die Genting Gruppe, entsteht, ist nach seiner Fertigstellung nichts anderes als ein Megaliner. 342 Meter lang wird er werden, 46,40 Meter breit und das bei einem Tiefgang von 9,50 Meter. Man spricht von einer Größe von 204.000 BRZ, der bei Doppelbelegung über 5.000 Passagieren in 2.500 Kabinen Platz bieten soll. Dem gegenüber stehen eine rund 2.500 Personen starke Besatzung. Allerdings, und da kommt so langsam der Punkt an dem ich nur noch die Stirn runzeln kann, wird dieses Schiff Rettungskapazitäten für etwa 9.500 Menschen haben, um dem hohen Andrang während asiatischer Ferienzeiten standhalten zu können. Das heißt also, dass die Global-Klasse darauf ausgelegt ist, bis zu 9.500 Passagiere zu transportieren.

Machen wir uns nichts vor – so wird es kommen. 12tausend Menschen an Bord eines einzigen Schiffes.

Künstliche Intelligenz, Gesichtserkennung, Roboter – und Rolltreppen

Der Vorstandsvorsitzende und CEO von Genting Hong KongTan Sri Lim Kok Thay, wird in einer Pressemitteilung zur Global-Klasse und dem im März des letzten Jahres erfolgten Baubeginns wie folgt zitiert: „Diese Passagierschiffe sind nicht nur die größten, die in Deutschland gebaut werden, sie sind auch die technologisch fortschrittlichsten. Sie greifen die Begeisterung der Asiaten für künstliche Intelligenz im Alltag auf, etwa durch Gesichts- und Spracherkennung für die meisten Dienste an Bord. Oder durch Roboter, die Routineaufgaben erledigen, sodass sich die Crew stärker auf andere Dienstleistungen konzentrieren kann“.

Vielleicht bin ich ja ein bisschen altmodisch, vielleicht ist das tatsächlich auch so eine Sache kultureller Unterschiede. Aber einerseits möchte ich nicht mit einem Schiff unterwegs sein, auf dem sich noch 9.499 weitere Passagiere befinden. Mal abgesehen davon, dass Kreuzfahrten für mich persönlich immer auch etwas mit dem Finden von (innerer) Ruhe zu tun haben – was bei so vielen Menschen auf dem vergleichsweise engen Raum vermutlich einfach nicht machbar ist -, bleibt auch immer die Frage: Was ist, wenn so ein Pott evakuiert werden muss? Ich kann mir beim besten Willen gerade nicht vorstellen, wie man mehr als 10tausend Menschen schnell genug von Bord kriegen möchte.

Foto: MV Werften

Aber bleiben wir mal optimistisch und gehen davon aus, dass so ein Pott der Global-Klasse fährt. Und fährt. Und fährt… Dann ist da andererseits noch die Sache mit der Anwendung der KI, der Gesichts- und Spracherkennung sowie der Einsatz von Robotern. Alleine schon aus Datenschutzgründen bereitet es mir Unbehagen, wenn das Schiff mich quasi auf Schritt und Tritt an Bord verfolgen und eine KI und dessen Algorithmen entsprechende Auswertungen vornimmt. Aber auch das ist vermutlich wieder so ein Ding kultureller Unterschiede. In einem Land, wo das freie Internet noch dabei ist, zu Grabe getragen zu werden ist es vielleicht normal, hier Befremdlichkeiten zu empfinden.

Weiterhin kann man über das „Global Dream“ bezeichnete Schiff in Erfahrung bringen, dass es ein Multiplex-Kino, einen Themenpark, einen Spa – Bereich, verschiedene asiatische Restaurants sowie Fast-Food-Buden, diverse Einkaufsmöglichkeiten und eine Luxus-Shopping-Meile bieten wird. So weit so normal, inzwischen. Weiterhin wird es nicht nur 28 (!) große Fahrstühle an Bord geben, sondern auch acht Rolltreppenanlagen. Rolltreppen! Ich werde das Gefühl nicht los, dass dieser Pott, wenn er denn erst einmal fertig ist, gar nicht mehr großartig in irgendwelche exotischen Länder aufbrechen soll, sondern das Prinzip „Schiff als Destination“ hier auf die bisherige Spitze getrieben wird.

Ihr müsst leider draußen bleiben

Es liegt auf der Hand, dass ein Schiff dieser Größe viele Häfen gar nicht wird anlaufen können – oder dürfen. Der Bürgermeister von Dubrovnik beispielsweise, Mato Franković, gab Megalinern wie diesem schon vorab eine klare Absage: „Sorry, aber die können nicht nach Dubrovnik kommen – das ist unsere klare Botschaft an die Kreuzfahrt-Industrie“. Nachzulesen in einem Artikel, der auf der Webseite des NDR veröffentlicht wurde. Dass Schiffe immer mehr zur Destination werden, dürfte spätestens vor 10 Jahren mit der Indienststellung der Oasis of the Seas von Royal Caribbean begonnen haben. Ebenfalls ein gigantisches Schiff, auf dem locker 6.000 Passagiere mitfahren können – bei rund 2.200 Besatzungsmitgliedern. Auf den Umweltaspekt will ich an dieser Stelle gar nicht weiter eingehen, finde es aber bezeichnend, dass die Pressemitteilungen rund um die „Global 1“ sich zu den ökologischen Aspekten des Schiffes ausschweigt. Vermutlich wird dieser riesige Kahn so ziemlich alles, was der Kreuzfahrt-Industrie (mitunter sehr zu Recht) angekreidet wird, in sich vereinen: Es fördert Overtourism in neuen Dimensionen und es wird nicht mit neuen, emissionsärmeren Antrieben (Sprich: LNG) fahren. Wenn ich mich jetzt aber auch noch zu diesen Aspekten auslasse, komme ich mit meinem Logbuch nie zu einem Ende.

Die Frage, die bleibt:

Ist das noch Kreuzfahrt?

Oder sind es Vergnügungsparks, Luxus-Resorts und Hotels in einem, die scheinbar eher zufällig auf dem Wasser sind, weil es an Land schon so voll ist?

Ich bin ehrlich: Ich halte nichts davon, wenn Kreuzfahrtschiffe so konzipiert sind, dass sie mehr als Attraktion dienen als die Ziele, die sie ansteuern. Ich staune natürlich über technische Errungenschaften, bin ein Freund des Fortschritts – und gleichzeitig auch der Meinung, dass nicht alles, was technisch machbar ist, auch überall umgesetzt werden muss, nur weil es eben geht.

Wasserrutschen, Auto-Scooter, ja sogar Achterbahnen – das ist in meinen Augen Firlefanz, der nicht auf einem Kreuzfahrtschiff zu finden sein müsste. Wer sich dafür begeistern kann, bitte schön. Aber Kreuzfahrt, sorry, ist das nicht mehr. Mir ist schon klar, dass die Kreuzfahrt-Industrie ein gigantischer Wirtschaftszweig ist, der noch mehr Geld einfährt, je mehr Zeit die Passagiere an Bord verbringen und dort entsprechend konsumieren – aber wenn ich nur noch ein Schiff besteige, um mich rund um die Uhr dauerhaft zu bespaßen bzw. bespaßen zu lassen, dann könnte ich das an Land gewiss günstiger bekommen.

Foto: MV Werften

Ist ein Schiff der Global– (oder von mir aus auch Oasis-)Klasse noch Kreuzfahrt? Nicht für mich. Alles was mehr als +-2500 Passagiere transportieren kann, bewegt sich in Richtungen, die ich, ungeachtet von allen sozialen und ökologischen Aspekten – nicht mehr schön finde. Aus persönlichen Gründen freue ich mich für Wismar und Rostock, dass sie einen so dicken Fisch haben an Land ziehen können. Wegen all der Arbeitsplätze, die dadurch entstanden sind. Aber trotzdem… bei Schiffen dieser Größe, da hört es für mich einfach auf. Eine Kreuzfahrt, das ist doch das entspannte Kennenlernen von Land und Leuten und ein paar ruige Tage auf See, oder nicht?

Mich interessiert sehr, wie Ihr zu dem Thema steht. Können Kreuzfahrtschiffe für Euch gar nicht groß genug sein? Ist es in Ordnung, wenn ein Schiff selbst zur Destination wird? Oder seid Ihr auch der Ansicht, dass diese Gigantomanie inzwischen bedenkliche Ausmaße angenommen hat? Wo fängt die Grenze an, an der ein Schiff zu groß wird? Wann dienen die Annehmlichkeiten an Bord (Saunen, Spa – Bereich usw.) nicht mehr nur der Überbrückung von Seetagen? Lasst es mich gerne wissen, ich bin wirklich neugierig, was das Thema angeht.

Zeen is a next generation WordPress theme. It’s powerful, beautifully designed and comes with everything you need to engage your visitors and increase conversions.