Foto: Chrisa Ralli

Die Wilde Jagd

„Die Wilde Jagd“ als Bandname und Albumtitel ist ja schon etwas ungewöhnlich. Nomen est omen, wie man so schön sagt, denn wie sich herausstellt, hätte ein Name kaum treffender gewählt sein können. Musikalisch wie inhaltlich. Bekanntlich habe ich die größte Freude an einem Album stets dann, wenn es mich dazu verleitet, Geschichten zu erzählen. Geschichten, die in meinem Kopf stattfinden, während ich in das jeweilige Album abgetaucht bin. Der Rest der Welt für eine Weile nicht existiert. Nun, „Die Wilde Jagd“ ist ein solches Album. Und das von solcher Güte, dass die nachfolgende Vorstellung dieses sensationellen Albums ein bisschen umfangreicher ausgefallen ist. Aber wie schrieb schon dereinst Blaise Pascal so treffend: „Ich habe diesen Brief nur deshalb länger gemacht, weil ich nicht Muße hatte ihn kürzer zu machen“. In diesem Sinne – Vorhang auf für „Die Wilde Jagd“.

Es gäbe so viel zu erzählen über dieses Album, dass ich kurz Schwierigkeiten damit habe, einen Anfang zu finden. Werfen wir daher zunächst einen Blick auf die Macher hinter „Die Wilde Jagd“. Ralf Beck kennen Musikfreunde als Teil des Trance-Projekts Nalin & Kane. Vielleicht erinnert Ihr Euch, Ende der 90er kamen sie mit „Beachball“ um die Ecke und sorgten damit für einiges an Aufsehen. Darüber hinaus hat der Mann ein Studio namens Uhrwald Orange, arbeitete mit Karl Bartos (Kraftwerk) zusammen und nahm die Platten von Black Devil DiscoKreidler und anderen auf. Der andere Teil dieses dynamischen Duos ist Sebastian Lee Philipp, Teil der ganz großartigen Electro-Wave Band Noblesse ObligePhilipp lebte jahrelang in London, wo er die Partyreihe „Caligula“ laufen hatte und als DJ tätig war. Und wenn er nicht das macht, dann komponiert er für’s Theater. Der Legende nach treffen sich diese beiden im Jahre des Herren 2006 im Düsseldorfer Salon des Amateurs, einem Club für junge und etablierte Experimentalmusiker gleichermaßen. Natürlich Düsseldorf, es konnte keine andere Stadt sein. Die Stadt mit der längsten Theke der Welt war schon so manches Mal Brutstätte für Maßstäbe setzende Mucke. Kraftwerk kommen von dort, genauso wie DAF oder Die Krupps.

Beck und Philipp treffen sich fortan immer in der Zeit der Rauhnächte. Es ist die Zeit um den Jahreswechsel herum, die kurz vor Weihnachten beginnt und im neuen Jahr endet. In dieser Zeit, genauer: zu Silvester, startet der Mythologie nach die Wilde Jagd. In dieser Zeit, so heißt es, stehe das Geisterreich offen und die Geister und Verstorbenen hätten Ausgang und Dämonen können wild jagend durch die Lande ziehen. Kurios: noch bis in die jüngere Zeit hinein ging mit der Zeit der Rauhnächte der Glaube einher, dass sich des Zauberns fähige Menschen dank eines Paktes mit dem Teufel in Werwölfe verwandelten. Ein Aberglaube, der in unserem Ländle speziell in der Eifel Verbreitung gefunden hatte. Falls Ihr Euch schon einmal gefragt haben solltet, warum in der Silvesternacht geböllert wird – die Rauhnächte liefern die Antwort. Damit sollen die Geister auf Distanz gehalten werden. Je nach Region wird über die komplette Zeit der Rauhnächte geballert. In den Alpen zum Beispiel. Ziemlich interessant, was sich da zum Thema Rauhnächte herausfinden lässt – und ein hochgradig spannender Hintergrund als thematisches Konzept, was sich die beiden Herren da ausgesucht haben. In dieser besagten Zeit treffen sie sich nun also, um im Studio Uhrwald Orange zu musizieren. Sie tun es mit einer Fülle analoger Synthies, die sie mit Percussion, Drums, sich wiederholenden Gitarrenloops, einigen Samples und ganz selten mal Sprache bzw. Gesang anreichern. Eine Mischung, die sich eigenen Angaben zufolge aus Neo-Krautrock, Electronica und Synthiepop zusammensetzt. Allein „Neo-Krautrock“ lässt aufhorchen. Den Hang zu experimentellen, komplexen Strukturen, fernab gängigen Einheitsbreis lassen die Herren in jedem der acht Songs dieses Albums durchblicken. Und damit kommen wir nun endlich zur Mucke als solche, die so abgefahren ist, dass wir sie uns mal im Detail angucken sollten.

Wah Wah Wallenstein: Analog, treibend, minimalistisch und insgesamt sehr retro – so lässt sich dieser Einstieg in die Wilde Jagd kurz umreißen. Wie so vielen anderen Songs dieses Albums auch fehlt es hier an Gesang – und demnach an üblichen Strukturen wie Strophen oder einem Refrain. Dafür gibt es einen ins letzte Drittel verlagerten Höhepunkt, auf den sich das Stück treibend zu bewegt. Wer sagt eigentlich, dass die thematische Jagd nur die klassische zwischen Mensch und Tier meint? Die Augen geschlossen könnte man hier auch gut den Heeresführer Wallenstein vor sich sehen, wie er im Dreißigjährigen Krieg hoch zu Pferde säbelschwingend in der Schlacht bei Dessau kämpfte. Wer weiß, vielleicht reitet er in den Rauhnächten noch immer umher?

Austerlitz: Der Eindruck, dass sich die Herren bei der Namensfindung ihrer Songs auch von historischen Schlachten inspirieren ließen, manifestiert sich spätestens mit „Austerlitz“. Die Schlacht bei Austerlitz gehört zu den bekanntesten der Napoleonischen Kriege. Damit hätte man sich einem weiteren, berühmt-berüchtigten Feldherren gewidmet, so es denn die Intention war. Musikalisch haben wir es hier mit dem ersten Highlight dieses Albums zu tun. Toll, diese Perkussionsinstrumente. Und dann dieses elektronische Geflöte, das an abgefahrene Cyberspace-Varianten irgendwelcher Mittelaltermärkte erinnert. Die Idee, die gleiche Tonfolge zeitversetzt und überlappend abzuspielen ist so einfach wie genial und die Wirkung grandios. Querfeldein, über Stock und Stein, ziehen sie dahin, die Reiter und ihr Vieh. Spätestens jetzt ist klar: die Jagd hat begonnen!

Torpedovogel: Düster, bedrohlich – so fühlt sich dieses Stück an. Das Geisterreich ist offen, die Toten blasen zur Jagd. Mädchen nehmt die weiße Wäsche von der Leine! Frauen und Kinder nach Einbruch der Nacht nicht mehr alleine auf die Straße. Es ist Wintersonnenwende, die längste Nacht des Jahres und somit haben die Geister viel Zeit für ihre Jagd. Fehlende Umsicht wird sofort bestraft! Das und noch viel mehr geht einem durch den Kopf, wenn die schweren, analogen Töne den Raum füllen, während sich das Stück in ein rhythmisches, adrenalinförderndes Epos entwickelt. Zeit für eine Prise Humor bleibt dennoch. Wer den Kuckuck entdeckt, hat gut zugehört.

Durch dunkle Tannen: Uuuh… wenn Euch da nicht sofort ein kalter Schauer den Rücken hinunter fährt, weiß ich auch nicht. Dies ist das erste Stück mit Text. Wir hören ein Gedicht von Detlef Weinrich, vorgetragen vom Autoren selbst. Ein bisschen erinnert seine Vortragsweise und die leicht bearbeitete Stimme, die wie aus einem alten Transistorradio ins Ohr des Hörers blechert, an Klaus Kinski, wie er dereinst Nietzsche rezitierte. Das mal beiseite geschoben könnte das Kopfkino das folgende sein: wie Kapitän Ahab stehst du auf der Brücke deines Bootes, das auf vom Wind gepeitschten Wellen tanzt. Dein Griff umklammert fest das Steuerrad. Der Wind lässt die Segel dicke Backen machen, der Regen ist stark und unbarmherzig, wie er dir ins Gesicht prasselt. Die Sicht verschwimmen lässt. Das alles interessiert dich nicht, dein Herz sinnt nach Rache und du weißt, irgendwo hier draußen, unterhalb der pechschwarzen Oberfläche des Meeres lauert das Biest, umschwimmt das Schiff, dessen Holz unter der Belastung knarzt und ächzt, und wartet nur auf den Moment, in dem das Boot den Wellen nicht mehr standhalten kann. Es ist kein Mensch und kein Tier, das du jagst. Schließlich fing das Unheil auf festem Boden an. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit kam dich teuer zu stehen, als die entfesselten Toten durch die Lande streiften. Eine wilde Jagd, bei der du nicht gewinnen kannst…

Der elektrische Reiter: Pulsierend, treibend und jede Menge Gitarrenloops – dieses Lied kann Euch ganz wunderbar in die Zeit des wilden Westens zurückversetzen. Ungeachtet der gelegentlich eingesträuten Hubschraubergeräusche. Ein Koloss aus Stahl donnert auf Schienen durch die Prärie, lange Schwaden schwarzen Rauchs hinter sich her ziehend. Es gibt Gegenden, da sollte man einfach nicht nach Gold graben – indianische Friedhöfe gehören dazu. In Rauhnächten schon gar nicht. Wer weiß, vielleicht ruft man dadurch die Toten auf den Plan, die es gar nicht so gerne haben, in ihrer Ruhe gestört zu werden? Du kannst jetzt weglaufen. Flüchten, mit der Eisenbahn, zurück in das Land des weißen Mannes. Die Sache ist nur die: Egal, wie schnell du dich bewegst und wie weit du auch fliehst – deine selbst geschaffene Nemesis ist schon da. Der (elektrische) Reiter wird dich finden.

Morgenrot: Ach wie versöhnlich wirkt doch dieses Stück, in dem wir erstmals auf diesem Album Herrn Philipp singen hören. Einer zarten Ballade gleich gehört dieses Stück noch am ehesten zu dem, mit dem sich der unbedarfte Durchschnittskonsument sofort anfreunden kann. Musikalisch erinnert das ein bisschen an das, was Philipp für das 2010er Noblesse-Oblige-Album „Malady“ aus dem Hut gezaubert hat. Sanfte Stimme, zarte Akustikgitarre, generell eine ganz entspannte Atmosphäre wiegen dich in trügerischer Sicherheit. Alles will ich mit dir teilen / Märzenbecher, Eisenhut / Unter ihnen wollen wir weilen / bis der Morgen ruft heißt es da. Und weiter: Alles will ich mit dir teilen / Löwenzahn und Eisenhut / zwischen ihnen wollen wir bleiben / bis zum nächsten Morgenrot. Ach wie romantisch. Aber: Alles will ich mit dir teilen / Ochsenauge, Rosenbeet / Bis der Fangschuss lang verhallt / Und die Jagd zuende geht. Höm… wer liegt denn nun da im Grase so grün? Der Geist, der da Gesellschaft leistet bei der Reise in die Anderswelt ist es jedenfalls nicht.

Jagd Auf Den Hirsch: Wie man es anhand des Titels vermuten könnte, haben wir es hier einmal mehr mit einem schweißtreibenden, pulsierenden Stück zu tun. Die Zutaten wie gehabt. Beim Hören findet man sich ganz schnell in einem finsteren, dicht bewachsenen Wald wieder. Schweiß klebt auf der Stirn, das Mondlicht bescheint eine Lichtung in der Nähe. Das Vieh, das du jagst, muss hier irgendwo sein. Das Knacken der Bäume, das Rascheln von Blättern, irgendwo ruft ein Kauz – lass dich nicht ablenken.Konzentrier dich. Das Ziel ist irgendwo ganz nah, du kannst seine Gegenwart spüren. Leichter Bodennebel, wabernd zwischen den Büschen und Sträuchern, erschwert die Suche. Da – eine Bewegung, ein Geräusch! – kam das von der Lichtung? Langsam, jedes Geräusch vermeidend näherst du dich der Lichtung. Dein Herz rast, vor lauter Anspannung umklammerst du den Griff deines Jagdgewehrs so fest, dass die Knöchel deiner Hände weiß hervortreten. Kaum hast du die Lichtung betreten merkst du, wie hinter dir etwas aus dem Nebel hervorkommt. Und vor dir. Und neben dir. Auf einmal wird dir klar: Du bist nicht mehr länger der Jäger…

Der Meister: Von allen Songs ist das hier zweifelsfrei der mit dem größten Pop-Anstrich. Gesang und ungewohnte Eingängigkeit machen den „Meister“ zu einer coolen Nummer, zu der es sich bestens das Tanzbein schwingen ließe. Wie beim ersten Morgenrot am Ende der Rauhnächte. Ein vorsichtiger Optimismus, gleichzeitig wissend, dass die Geister die du riefst, diese Welt verlassen haben. Haben sie doch, oder? Die tanzende Gestalt, die du meinst beim Spaziergang durch den Wald gesehen zu haben – nur ein Hirngespinst, eine Einbildung, hervorgerufen durch die Anspannung der letzten Nächte. Du schüttelst den Kopf, lächelst über deine eigene Torheit. Der tanzende Schatten hinter dir, er lächelt auch. Er weiß, die nächsten Rauhnächte kommen. Und für wen Zeit keine Bedeutung mehr hat, der kann warten…

So. Ihr merkt schon: Je mehr man in dieses Album abtaucht, umso mehr Tun sich Bilder, Geschichten und Eindrücke auf. Umso intensiver werden die Eindrücke, die auf Euch einprasseln. „Die Wilde Jagd“ ist wie eine Eintrittskarte in fremde Welten, Erlebnisse und Empfindungen. Dass die Mucke dabei eher rhythmisch als melodisch ist, ansonsten aber durch geschickt platzierte Effekte glänzt, ist hier von Vorteil. Ich jammere ja immer gerne darüber, dass wir in der Musiklandschaft viel zu wenig neue, spannende Impulse geboten bekommen. Gott sei dank gibt es dieses Album und zeigt, dass es anders geht. Ein Tipp am Rande: hört es nicht unbedingt beim Autofahren. Es verändert die Wahrnehmung. Wann immer ich das Album im Auto laufen hatte und zufällig einen Mitfahrer dabei – irgendwann waren wir stets schweigend in das Album versunken, jeder für sich mit seinen Gedanken beschäftigt. Und am Ende der Fahrt kamen wir wirklich jedes Mal zu der Feststellung, dass sich keiner von uns bewusst an die Fahrt erinnern kann. Wie weg gebeamt und zum Schluss wieder zurück in die Realität gespuckt. „Die Wilde Jagd“ – eine bewusstseinsverändernde Droge, juristisch und medizinisch völlig unbedenklich.


Ein bisschen experimentell, ein bisschen alte Schule und gleichzeitig ein bisschen monoton und minimal und doch ganz nett – wer so urteilt über „Die Wilde Jagd“, der steht auch im Inneren der sixtinischen Kapelle und urteilt über Michelangelos Deckengemälde, och, die Tapete ist ja ganz hübsch. Um es mal ganz klar zu sagen: ein intensiveres, bildgewaltigeres, zu vielfältigen Interpretationen verleitendes, spannenderes und besseres Album wird es dieses Jahr nicht mehr geben. Punkt. Darüber hinaus ist es ein Lehrstück darüber, wie man mit dem Einsatz vermeintlich weniger Mittel größtmögliche Wirkung erzielen kann. Für jeden, der sich nach einer willkommenen Abwechslung im Musikzirkus sehnt, ist dieses Album eine Offenbarung. Machen wir uns nichts vor: Ralf Beck und Sebastian Lee Philipp haben hier das Jahr 2015 musikalisch beendet. Besser wird es nicht mehr!


Erscheinungsdatum
01.05.2015
BAND/KÜNSTLER
Die Wilde Jagd
Album
Die Wilde Jagd
LABEL
Bureau B
Unsere Wertung
8.8
Die Wilde Jagd
FAZIT
Ein bisschen experimentell, ein bisschen alte Schule und gleichzeitig ein bisschen monoton und minimal und doch ganz nett - wer so urteilt über „Die Wilde Jagd“, der steht auch im Inneren der sixtischen Kapelle und urteilt über Michelangelos Deckengemälde, och, die Tapete ist ja ganz hübsch. Um es mal ganz klar zu sagen: ein intensiveres, bildgewaltigeres, zu vielfältigen Interpretationen verleitendes, spannenderes und besseres Album wird es diese Jahr nicht mehr geben. Punkt.
INHALT / KONZEPT
10
TEXTE
7
GESANG
7.5
PRODUKTION
10
UMFANG
8
GESAMTEINDRUCK
10
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
In einem Wort: sensationell!
NEGATIV
8.8
PUNKTE

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