Foto: TUI Cruises

“Lust auf Meer”: Ein paar Gedanken zur ersten Folge der Mein Schiff-Doku auf ServusTV

Gestern abend um 20:15 Uhr lief sie nun also, die erste Folge von „Lust auf Meer“. Ausgestrahlt ausgerechnet auf ServusTV, einem Spartensender, der vermutlich nicht überall in Deutschland zu empfangen ist. Wessen Fernseher ServusTV nicht kennt – zumindest die erste Folge lässt sich auch auf der Webseite von ServusTV konsumieren.

Vermutet hatte ich im Vorfeld eine Dauerwerbesendung zugunsten der Kreuzfahrerei allgemein und TUI Cruises besonders, herausgekommen ist am Ende eine Wohlfühl-Doku (irgendwie konsequent und passend für die Wohlfühl-Flotte), die Kreuzfahrtneulinge auf ihrer ersten Fahrt begleitet. Die einen als Passagiere, die anderen als blutjunge Kochazubis. Dadurch, dass die im Vorfeld als „hochwertig“ und „aufwendig“ lobgepriesene Doku auf satte 8 Folgen verteilt wird, hatten die Macher natürlich die Gelegenheit, sowohl die Gäste als auch das Personal mehr in den Vordergrund zu rücken, als es bei den sonst üblichen, höchstens einstündigen Dokus der Fall ist. Da ist also die dreiköpfige Familie mit der Tochter in der anbrechenden Pubertät, da ist das Geschwisterpaar (irrtümlich von der Reederei als Ehegatten einsortiert) und dann ist da auch noch diese anrührende Mutter-Tochter-Geschichte, um nur einige Beispiele zu nennen. Menschen wie du und ich eben.

Auf der anderen Seite kommen unter anderem der Kapitän des Schiffes, Jens Troier zu Wort (uns noch bestens in Erinnerung von unserer Fahrt 2016, als er offensichtlich noch ganz frisch im Kader der Wohlfühlflotte war), der Küchenchef sowie die drei Kochazubis – aus Gründen schon direkt zum Start als Tick, Trick und Track tituliert – die teilweise noch vor dem ersten Auslaufen mit dem Abschied von Elternhaus zu kämpfen haben. Hinzu kommen ein paar schicke Außenaufnahmen vom Schiff sowie erste Eindrücke davon, wie es in den nicht öffentlichen Bereichen aussieht sowie natürlich auch ein paar Schwenks über die wunderschöne Landschaft. Viel passiert in der ersten Folge nicht, aber wie gesagt: durch die Streckung auf acht Folgen besteht ja auch kein Grund zur Eile.


Insgesamt war das alles ganz nett anzuschauen. Wie aber zu erwarten war, verliert die Doku (zumindest bisher) keinen Ton darüber, dass Kreuzfahrten eben auch Kehrseiten haben, über die man sich auch als Fan dieser Form des Reisens bewusst sein sollte. Angefangen bei den ökologischen Dingen und endend mit den Gehältern. SPIEGEL ONLINE hat dazu mal in einem Artikel folgendes vorgerechnet:

14 Stunden am Stück kellnern, in fensterlosen Räumen bügeln oder Kabinen putzen, sieben Tage in der Woche arbeiten, monatelang kein Urlaub – üblich an Bord vieler Kreuzfahrtschiffe. Die Löhne sind weit unter mitteleuropäischen Standards. Laut einem internen Dokument von “Mein Schiff”, das dem SPIEGEL vorliegt, erhalten etwa manche Mitarbeiter in der Wäscherei ein monatliches Grundgehalt von 368 Dollar für 40 Stunden pro Woche. Zusammen mit Zuschlägen für sieben Tage Arbeit in der Woche à 8 Stunden, darüber hinaus noch einmal bis zu 60,62 Überstunden pro Monat und Abgeltung für Urlaub kommen sie auf 770 Dollar (knapp 700 Euro). Dafür müssen sie aber auch bis zu etwa 300 Stunden lang arbeiten. Macht einen Stundensatz von weniger als 2,40 Euro.

Quelle: https://www.spiegel.de/wirtschaft/tui-mein-schiff-6-profite-auf-kosten-von-personal-und-steuerzahler-a-1150225.html

Und weiter:

TUI Cruises hält das für fair. „Nach Angabe der verantwortlichen Dienstleister werden alle Besatzungsmitglieder an Bord entsprechend ihrer jeweiligen Qualifikation und Berufserfahrung entlohnt“, schreibt die Pressestelle auf Anfrage. Gehälter auf hoher See seien nicht mit Gehältern an Land vergleichbar. „Durch das Leben und Arbeiten an Bord entstehen Besatzungsmitgliedern kaum Nebenkosten, da Sachleistungen wie zum Beispiel Kost und Logis zusätzlich gewährt werden.“ Die Arbeitsverträge hielten die Vorgaben multinationaler Abkommen und Richtlinien der internationalen Transportarbeitergewerkschaft ein, Arbeits- und Pausenzeiten seien vertraglich geregelt, so TUI Cruises. Würde allerdings der deutsche Mindestlohn angewendet, kämen die Wäschereimitarbeiter locker auf 2000 Euro im Monat.

Quelle: https://www.spiegel.de/wirtschaft/tui-mein-schiff-6-profite-auf-kosten-von-personal-und-steuerzahler-a-1150225.html
Zugegeben, der Artikel ist von Juni 2017; seitdem dürfte aber tendenziell nicht so sonderlich viel passiert sein. Weiterhin vermute ich, dass „Lust auf Meer“ auch in den kommenden sieben Folgen zu diesen Themen nicht viel zu berichten haben wird.

Unterm Strich ist diese Sendung eine, die sich an diejenigen Zuschauer wendet, die gerne oberflächliche Reise-Dokus wie „Wunderschön!“ (WDR) oder von mir aus auch „Verrückt nach Meer“ sehen. Das ist alles ganz nett anzuschauen, tut keinem weh, erfüllt das (vermutlich gesteckte) Ziel, Fernweh und die Lust auf eine Kreuzfahrt zu wecken – verpasst in meinen Augen aber den Anspruch, den ich persönlich an den Begriff „Dokumentation“ stelle. Eine kritischere, differenziertere Betrachtung hätte nicht geschadet.

Auch ist mir noch nicht so ganz klar, welchen Nutzen sich TUI Cruises aus dieser Doku verspricht. Die eigenen Fans und Kunden brauchen nicht überzeugt zu werden, schließlich sind sie ja schon genau das: Fans und Kunden. KreuzfahrerInnen, die bevorzugt oder bisher mit anderen Reedereien unterwegs waren, werden – zumindest nach Folge 1 – sicher noch nicht herausgefunden haben, was den Unterschied ausmacht. Sicher, die Mein Schiff 1 ist ein schickes Schiff. Davon gibt es unter den vielen Neubauten der letzten Jahre jedoch so einige. Dass an Bord der TUI Cruises-Schiffe das Platzangebot beispielsweise besser ist als bei anderen Mitbewerbern mit gleich großen Schiffen, das kann man ruhig schon mal betonen, wenn die Sendung eh schon so darauf gepimpt ist, ein positives Bild zu zeichnen. Das Premium Alles Inklusive-Konzept von TUI Cruises ist durch immer wieder aufgegriffene Sonderaktionen und -angebote (wie momentan beispielsweise bei AIDA) nämlich auch nicht mehr unbedingt das Alleinstellungsmerkmal, das zwingend zu einer Entscheidung pro Mein Schiff führt.
Und ob sich potentielle Kreuzfahrtneulinge, so wie die in der Sendung portraitierten, durch diese Doku zu einer Fahrt mit einem so großen Pott bewegen lassen, darüber lässt sich wohl erst spekulieren, wenn die letzte der acht Folgen über den Bildschirm geflimmert ist.

Ich für meinen Teil werde die verbleibenden sieben Folgen auch weiterschauen, da sie mir als Abendprogramm für verregnete Sonntagabende allemal taugt. Ganz verbergen kann ich meine Enttäuschung darüber, dass der Serie der Mut zu einer kritischeren Selbstreflexion scheinbar fehlt, allerdings auch nicht. Wenn Ihr die Sendung auch gesehen habt: Wie fandet Ihr sie? Wie ist Eure Meinung dazu? Lasst es mich gern wissen.

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